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"Man sollte die Konventionen des Genres gut kennen, um sie zu durchbrechen"

Interview mit Anja Arendt
Interview von Olga A. Krouk

Anja Arendt hat ein Volontariat im Lübbe-Verlag absolviert, wo sie anschließend in der Lektoratsassistenz tätig war. Seit 2009 arbeitet sie als Lektorin im Lyx-Verlag. Die Liebe zu Fantasy-Romanen entflammte in ihr bereits in früher Jugend.

Der Lyx-Verlag ist mit Paranormal Romance/Urban Fantasy besonders erfolgreich geworden. Hat der Verlag eine zuvor unentdeckte Nische gefunden, oder wie kam es zu diesem Aufschwung?

LYX ist zum richtigen Zeitpunkt in das Genre eingestiegen, mit einem neuartigen Cover-Konzept, dass die sonst immer leicht belächelten Liebesromane zu stylischen Büchern machte. Als LYX angefangen hat, schwappte gerade die erste Welle der Paranormal Romance aus den USA herüber und der Verlag hatte das Glück, ein paar hervorragende Autoren für sich zu gewinnen. Es war also eine Frage von „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit dem richtigen Konzept.“

Wie würden Sie das Genre Paranormal Romance im Gegensatz zu Urban Fantasy definieren?

Paranormal Romances sind heutzutage zum größten Teil Liebesromane mit einem Urban-Fantasy-Setting. Oder umgekehrt ausgedrückt: romantische und erotische Urban Fantasy. Dabei stehen natürlich immer die romantischen Beziehungen im Vordergrund, die Romane zeichnen sich durch einen bestimmten sprachlichen Stil, eine typische Charakterzeichnung und ein mandatorisches Happy End aus. Bei der Urban Fantasy stehen die Welt und der Spannungs-Plot im Vordergrund und die Charaktere sind meist auch etwas anders beschrieben. Ein wichtiger Unterschied zwischen Paranormal und UF ist, dass bei der UF die Ansprüche ans Worldbuilding höher sind. Zwar braucht auch jeder Paranormal gutes Worldbuilding, es muss aber nicht exzessiv sein, um die Leser zu befriedigen. Ein guter UF-Roman braucht ein ebenso solides Fundament wie ein klassischer High-Fantasy-Roman, das wird leider oft unterschätzt. Es reicht nicht, einfach nur wild Elemente irgendwelcher Mythologien und Legenden zu verwursten, das muss durchdacht und wohl gewählt sein.

Sie erwähnen einen bestimmten sprachlichen Stil und typische Charakterzeichnung im Paranormal Romance-Genre – was ist darunter konkret zu verstehen?

Ich kann jetzt natürlich nicht in die Details gehen, wie man einen Liebesroman schreibt ;-). Aber ich meine damit die manchmal etwas blumige Sprache, die Überbetonung körperlicher Attribute und sexueller Empfindungen. Die Charaktere und Gefühle bei Romance sind meist etwas überzeichnet, mehr oder weniger perfekt, während UF-Charaktere etwas differenzierter, ambivalenter und zumindest zum Teil „näher an der Realität“ sind, was ihre Gefühlswelt und Erscheinung angeht. Beides hat seine Berechtigung und erfüllt die jeweiligen Anforderungen des Genres. Ich würde vielleicht Jacquelyn Frank als typisches Beispiel für eine eher blumige Sprache mit klassisch perfekten Protagonisten nehmen. Aber auch Kresley Cole, Pamela Palmer, Nalini Singh haben typische Romance-Charaktere, wenn auch nicht alle eine blumige Sprache.

Wie notwendig ist Erotik für den Erfolg eines Paranormal-Romance-Buches und was macht eine gute Liebesszene aus?

In der Paranormal Romance ist die erotische Komponente natürlich unerlässlich, auch wenn die Dosierung variiert. Das wollen die Leser. Wie man gute Liebeszenen schreibt? Das ist wirklich so subjektiv, dass ich da nichts zu sagen kann. Für mich persönlich ist weniger mehr, andere lieben ausgedehnte sinnliche Szenen.

Was macht Ihrer Meinung nach einen erfolgreichen Paranormal Romance – Roman aus?

Gute Charaktere, ein guter Plot, eine gute Schreibe. Ein Gefühl für das, was weibliche Fantasien ausmacht, ist essenziell. Das ist leider eine ziemlich intuitive Sache und wohl der Grund, warum die Zahl männlicher Liebesromanautoren eher gering ist. Ich halte aber prinzipiell nicht so viel von allzu vielen Ansagen und Vorgaben beim Schreiben. Wer das Talent hat, dem kann so was helfen, wer kein Gespür dafür hat, wird es auch mit einer Anleitung nicht hinbekommen. Man kann höchstens ein bisschen „anschubsen“, den Autor ermutigen, bestimmte Aspekte hervorzuheben und andere zurückzunehmen.

Und was ist für die moderne Urban Fantasy essenziell?

Urban Fantasy, wie sie heute populär ist, unterscheidet sich sicher etwas von der, die es vor diesem Boom gab. Das Prinzip bleibt aber immer das Gleiche: Grundlage der Geschichten ist unsere Welt oder eine Alternativversion davon, in der Übernatürliches existiert. Das „Urban“ in der Urban Fantasy wird nicht immer so wörtlich genommen, aber tatsächlich spielen ja viele dieser Romane in markanten Großstädten, deren Flair auch zum Buch beiträgt. Die UF, die in den letzten Jahren populär war, ist stark weiblich geprägt gewesen, da sie mit der Paranormal Romance mitzog und teilweise von den gleichen Leuten geschrieben wurde. Vampire und Werwölfe wurden zu favorisierten Motiven, die Hauptfigur ist meist eine starke Kick-Ass-Heldin, die sich zu wehren weiß und oft etwas abgebrüht ist. Dann gibt es natürlich noch Autoren wie Jim Butcher, die nicht explizit Frauen als Zielgruppe haben und eher von klassischen Fantasy-Fans gelesen werden. Viele Romane sind auch irgendwie in der Mitte zwischen den beiden Genres Romantic Fantasy und Urban Fantasy einzuordnen, da muss man dann abwägen, von Fall zu Fall entscheiden.

Wie wichtig ist es für einen Autor, die Regeln des Genres zu befolgen, wo kann/soll er seine eigenen Aspekte einflechten, um sich von den anderen abzuheben?

Um jeden Preis etwas Neues zu machen, ist selten ein guter Anreiz, weil es gerade unerfahrene Autoren oft zu etwas abstrusen Konstrukten verleitet. Einen Klon zu schreiben ist genauso unsinnig, weil mangelnde Inspiration fast immer auffliegt. Man sollte die Konventionen des Genres gut kennen, um sie zu durchbrechen. Oft reicht nur ein leichter Twist in eine neue Richtung, um einem Roman eine unerwartete Würze zu verschaffen. Aber natürlich freut man sich immer, wenn jemand es schafft, etwas Neues zu kreieren, das aber trotzdem den Geschmack einer breiten Leserschaft treffen kann.

Setting, Charaktere, Plot – was ist erwünscht, was ist ein absolutes No Go?

Es gibt keine Rezepte. Sicher gibt es vielleicht Themen, die schwierig sind, aber womöglich kommt dann ein Autor um die Ecke, der genau so ein Thema anfasst, und es funktioniert trotzdem. So was ist ja auch immer Trends und Zeitgeist unterworfen, der sich ständig ändert. Die Kulisse sollte romantisches Potenzial haben (sowohl im Sinne von Liebesromantik als auch von klassischer Romantik), ein gewisses Flair, darf nicht dröge und zu alltäglich sein. Daher ja auch die Vorliebe für Weltstädte, die meist auch ein „Charakter“ in den Geschichten sind. Tendenziell mögen die deutschen Leser natürlich die Settings, die sie aus der Popkultur und von Film und Fernsehen kennen. Ein No-Go ist natürlich alles, was rassistisch, menschenverachtend oder in irgendeiner Weise unethisch ist. Aber das sollte ja selbstverständlich sein.

Wenn Sie den Buchmarkt im Bezug auf Paranormal Romance/Urban Fantasy analysieren würden: Was kommt in Deutschland gut an, was läuft im Vergleich zu den USA schwieriger und warum?

Was wir beobachtet haben ist eine größere Akzeptanz für klassische Urban Fantasy in den USA, speziell Urban Fantasy, die nicht im Zuge des Vampirbooms entstanden ist. In Deutschland verkauft sich Urban Fantasy lange nicht so gut wie Paranormal Romance, es gibt viel weniger UF-Autoren, die wirklich gute Zahlen schreiben. In den USA scheinen die Leser experimentierfreudiger, nehmen auch Bücher an, die ein paar spannende Ecken und Kanten haben. Natürlich muss man aber immer berücksichtigen, dass es in den USA einfach zahlenmäßig viel mehr Leser gibt als bei uns.

Welche Vorlieben haben Sie im Bereich Paranormal Romance/Urban Fantasy persönlich und warum?

In der Romantic Fantasy mag ich am liebsten die Romane, die einen starken Plot und nicht zu klischeehafte Charaktere aufweisen. Natürlich darf es da bis zu einem gewissen Grad klischeehaft sein, aber eben nicht zu übertrieben. Es kann auch gern ein wenig düster sein. Was mir sehr gut gefallen hat, ist Erin Kellisons „Shadow Fall“, was zwar Romantic Fantasy ist, aber die Autorin findet dabei einen sehr eigenen Ton. Der Roman erscheint bei LYX im August unter dem Titel „Zwielichtlande – Schattentochter“. In der Urban Fantasy mag ich Autoren wie Richelle Mead, Seanan McGuire und Stacia Kane. Mead hat ein Talent für Charaktere, das ist ihre ganz große Stärke, während ich an Seanan McGuires October-Daye-Serie ihre Interpretation der keltischen Feenwelt mag. Viele Autoren haben dieses Thema schon behandelt, aber McGuire trifft genau meine Vorstellung, wie man die archaische Feenwelt in ein modernes Setting integrieren könnte. An Stacia Kane mag ich die etwas kaputte Heldin und die düster-dystopische Welt. Was ich aus klasse fand, ist „Das Ikarus-Projekt – Schatten und Licht“ von Caitlin Kittredge und Jackie Kessler, ein Roman über Superheld(inn)en, der einfach cool und spannend ist und auch Frauen gefallen wird, die sonst nichts mit Comics und Superhelden am Hut haben.

Wie sehen Sie die Zukunft von Paranormal Romance/Urban Fantasy in Deutschland?

Die Vampire und Werwölfe haben in der Masse sicher bald ausgedient, ich sehe es aber trotzdem so, dass die etablierten Autoren, die wirklich eine große Fangemeinde haben, mit diesen Themen auch weiterhin Bestand haben werden. Die vielen Klone und Mitläufer werden nach und nach verschwinden, was für den Vampirroman sicher eine gute Sache ist. Die Vampire werden eben jetzt Teil einer größeren Palette von Themen. Was zurzeit natürlich vor allem im Jugendbuch heiß gehandelt wird, sind dystopische Romane, die werden wir im nächsten Jahr verstärkt zu sehen bekommen. Daneben ein wenig Steampunk, der aber vermutlich kein Riesenthema werden wird, sondern eher eine kleine, feine Note in der Vielfalt der Themen. Jetzt werden auch immer wieder mythologische Motive aufgegriffen, die bisher noch nicht so stark präsent waren, wie griechische, ägyptische oder orientalische Mythen, aber bisher sehe ich da noch kein Thema, das wirklich im großen Stil rauskommt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Arendt!

Das Gespräch führte Olga A. Krouk - Montségur dankt für die freundliche Genehmigung!