"Autoren sollten sich vor allem auf den Text
konzentrieren"
Interview mit
Kathrin Blum
Wunderlich Verlag, 27.06.2007
Frau
Blum,
Sie haben Mitte 2006 die Programmleitung bei Wunderlich im Rowohlt
Verlag übernommen. Zuvor waren Sie drei Jahre lang Lektorin der
Allgemeinen Reihe im Rowohlt Taschenbuch Verlag und davor haben Sie drei
Jahre lang als Lektorin bei Bastei Lübbe Taschenbücher gearbeitet. Ist
das ein Muster Ihrer Karriere, alle drei Jahre einen Sprung? Und was
kommt als nächstes?
Im Nachhinein mag das wie ein Muster aussehen, doch so planbar ist
das Leben nicht. So werde ich jetzt ein Jahr Elternzeit nehmen, um dann
ab August 2008 wieder die Programmleitung bei Wunderlich zu übernehmen.
Sie haben Komparatistik und Italianistik studiert. Auch das sieht
bewundernswert zielorientiert aus. Was hat Sie bewogen zum Studium aber
auch zur Verlagsarbeit?
So zielgerichtet war das alles nicht. Komparatistik habe ich
studiert, weil mir Germanistik zu einseitig war, und da man dazu noch
eine Fremdsprache nehmen musste, bin ich bei Italienisch gelandet, das
ich schon in der Schule gelernt hatte. Es war die Liebe zu den Büchern,
die mich immer geleitet hat, sei es nun beim Studium oder bei der Arbeit
im Verlag.
Im Rowohlt Taschenbuch Verlag haben Sie Kate Pepper und Ines Thorn
entdeckt, aber auch Simon Beckett, Elizabeth Edmondson und Philippe
Claudel für das Hardcover gewonnen. Einen guten Instinkt wünscht sich
sicher jeder Verantwortliche im Verlag, aber haben Sie auch schon einmal
später bekannt gewordene Namen abgelehnt?
Bisher noch nicht, drücken Sie mir die Daumen, dass es so bleibt.
Aber früher oder später macht bestimmt jeder Lektor und jede Lektorin
den berühmten Fehler ...
Erklären Sie uns, wie sich das Wunderlich-Programm positioniert.
Man liest, die "Pfeiler des Wunderlich Programms" seien "spannende,
niveauvolle Unterhaltung und Bücher für die Lebenspraxis".
Der Wunderlich Verlag steht für gute Unterhaltung – dabei ist das
Spektrum in der Tat ziemlich weit gespannt. Besonders wichtig ist bei
uns die Spannungsliteratur – hier haben wir mit Autorinnen wie Petra
Hammesfahr, Jilliane Hoffman, Jan Seghers und Karen Slaughter feste
Größen im Programm – aber auch die Frauenunterhaltung kommt bei uns
keinesfalls zu kurz – so sind wir sehr stolz der Verlag von Ildikó von
Kürthy sein.
Im historischen Roman haben wir bereits schöne Erfolge feiern können,
doch hier können wir uns noch die ein oder andere Autorin vorstellen.
(womit natürlich auch Autoren gemeint sind.)
Immer wieder hört man, dass Verlage gute 1000 unverlangte
Manuskripte im Jahr eingesandt bekommen, und dass davon nur ein oder
zwei angenommen werden. Wie ist das Verhältnis in diesbezüglich Ihrer
Erfahrung?
Wie viele Einsendungen wir bekommen, kann ich unmöglich schätzen, es
stimmt aber, dass nur sehr wenige angenommen werden.
Woran liegt das? Warum ist so viel Material untauglich? Und wie
gelingt es, das so schnell zu beurteilen? Gibt es - abgesehen davon,
dass es ins Programm passen muss (was umso leichter scheint, je breiter
dieses gefächert ist) - gewisse Vorauswahl-Kriterien, die das Ausfiltern
von so wenigen tauglichen aus einer so großen Menge an Einsendungen
möglich machen?
Ganz wichtig ist, wie Sie gesagt haben, dass es ins Programm passen
muss. Wer sich wirklich für eine Veröffentlichung in unserem Verlag
interessiert, wird bei einem Blick in unser Programm schnell
feststellen, dass wir weder Kurzgeschichten noch Gedichte
veröffentlichen. Für den Rest gilt: Schreiben ist ein Handwerk und das
muss man beherrschen.
Literaturagenturen scheinen auf dem Vormarsch zu sein. Wie hoch
ist der Anteil der angenommenen Manuskripte, von denen, die Ihnen
Agenten anbieten? Werden diese Unterlagen von vorneherein sorgfältiger
begutachtet?
Das hängt ganz von der Agentur ab. Wir wissen aus Erfahrung, bei
welchen Agenturen eine qualitative Vorauswahl stattfindet, deren
Zusendungen prüfen wir natürlich genauer. Es ist aber in Deutschland
Gott sei Dank noch nicht so, dass der einzige Weg zur
Buchveröffentlichung über die Agenturen führt. Viele Bücher, die wir ins
Programm nehmen, gelangen auf Empfehlung anderer Autoren ins Haus. Und
manches erfolgreiche Buch ist als unverlangt eingesandtes Manuskript zu
uns gekommen.
Ganz besonderer Beliebtheit beim Publikum erfreut sich seit
einigen Jahren das Genre der "Historischen Romane". Abgesehen von
wenigen Ausnahmen scheinen diese Romane mehr und mehr nur auf eine
spezielle Leserschaft zugeschnitten zu werden, die gewisse Elemente
fordert wie "starke Frau im Mittelpunkt" oder "Happy End" - so
jedenfalls hört man immer wieder von Agenten und Lektoren; Anderes hätte
kaum Erfolgschancen. Wie stehen Sie dazu?
Ich würde es eher so formulieren: Es gibt eine große Lust des
Publikums auf historische Romane, die unterhaltend sind. Und die Gesetze
der Unterhaltungsliteratur fordern ein Happy End und eine möglichst
starke Identifikationsmöglichkeit mit der Hauptfigur. Da die meisten
Leser Frauen sind, ergibt sich darauf der besondere Erfolg von Romanen,
in denen eine Frau im Mittelpunkt steht.
Ganz verallgemeinern kann man das nicht, so haben wir im Rowohlt
Taschenbuch gerade erfolgreich die Bücher von Bernard Cornwell
herausgebracht, die sich dezidiert an ein männliches Leserpublikum
richten.
Man hört, die Begeisterung für Historische Romane sei ein speziell
deutsches Phänomen - im übrigen nicht nur hinsichtlich der Beliebtheit,
sondern auch in Bezug auf den Anteil deutscher Autoren. Ist das so, und
wenn ja, wie erklären Sie sich das?
Dem kann ich nicht ganz zustimmen. Auch in anderen Ländern sind
historische Romane beliebt – so z.B. in Frankreich oder Italien.
Naturgemäß liegt da der Schwerpunkt jedoch auf französischer oder
italienischer Geschichte – und die ist dem deutschen Publikum natürlich
nicht so vertraut wie die deutsche. Darum gibt es in diesem Bereich mehr
deutsche Autoren als z.B. in der Spannungsliteratur, wo die Leser es
sogar ganz gern haben, wenn die Handlung in den USA oder in England
spielt.
Lektoren haben immer weniger Zeit für die Betreuung des
eigentlichen Werdegangs eines Manuskriptes. Neben der Arbeit an
Klappentexten und Vorschautexten und der Zusammenarbeit mit dem Vertrieb
bleibt für das inhaltliche und stilistische Lektorat wenig Zeit. Werden
Lektoren zu Produktmanagern? Beobachten Sie eine solche Entwicklung, und
welche Konsequenzen hat das für die Autoren?
Bei Rowohlt werden alle deutschen Autoren persönlich betreut. Es ist
unser Bestreben, dass wir bei Wunderlich mit jedem einzelnen Autor
direkt arbeiten – sei es nun stilistisch oder inhaltlich. Das ist
angesichts des stetig sich erweiternden Aufgabenbereichs des Lektorats
natürlich eine beträchtliche Belastung und es verwundert wenig, dass
nicht in allen großen Häusern mehr so gearbeitet wird.
Müssen Autoren professioneller werden? Müssen sie ebenfalls
abgesehen vom Verfassen des Textes zu einem Produktmanager werden, sich
gemeinsam mit dem Text als Teil des Produktes begreifen und helfen,
beides zu vermarkten?
Autoren sollten sich vor allem auf den Text konzentrieren und sich
folgende Fragen stellen: Funktioniert der Text, stimmt die Struktur,
hält der Spannungsbogen, klingen die Dialoge authentisch? Ein guter Text
ist das wichtigste Marketinginstrument überhaupt, damit fängt alles an.
Die Autorenschaft beginnt, immer mehr aus der Isolation
herauszutreten und sich fortzubilden und sich zu vernetzen. Es gibt mehr
und mehr Sachbücher über das Schreiben, Schreibseminare und Plattformen
im Internet, auf denen Textarbeit oder Expertenaustausch betrieben wird.
Halten Sie diese Entwicklung für notwendig oder Erfolg versprechend?
Alles, was dazu führt, dass man sich mit dem eigenen Schreiben
beschäftigt, halte ich für Erfolg versprechend. Und da bietet das
Internet eine gute Plattform, um sich auszutauschen und mal nicht nur
die Meinung der besten Freunde einzuholen.
Viele Internetangebote erhoffen sich und ihren Inhalten besondere
Aufmerksamkeit von Seiten der Verlage und fühlen sich durch Einzelfälle
oder auch durch den jüngsten Erfolg einiger im Internet publizierter
privater Tagebücher, der so genannten Blogs, bestätigt. Aber wie ist es
tatsächlich: Suchen Lektoren oder Programmchefs der großen Verlage für
ihre Projekte auch im Internet nach deutschen Autoren?
Lektorinnen und Programmleiterinnen surfen gerne mal im Netz auf der
Suche nach neuen Trends. Generell würde ich das allerdings nicht
überbewerten. (So viel Zeit haben wir dann doch nicht.)
Oft hört man, dass einige Publikationsformen für den Erfolg eines
Autors eher abträglich seien. Zum Beispiel sei der Hinweis in der Vita
auf zuvorige Veröffentlichungen in einem DKZ- oder BOD-Verlag oder auf
Internetseiten eher nachteilig. Ist dem so?
Nein, das kann ich nicht bestätigen.
Auf Ihrem bisherigen Berufsweg haben Sie es mit unzähligen
Manuskripten zu tun habt. Guten, sehr guten, aber sicher auch
mittelmäßigen und miserablen. Können Sie verraten, was die häufigsten
Anfängerfehler sind, die offenbar größten Probleme vieler Einsteiger?
Und vielleicht auch die hartnäckigsten Fehler, die selbst Profis immer
wieder machen?
Selbst bei den größten Profis gibt es regelmäßig Kartoffeln zum
Mittagessen – und das im Mittelalter ...
Die erste Seite, der erste Absatz, ja, der erste Satz - sagt man
-, seien essentiell. Hier muss der Leser gepackt und mitgerissen werden,
und nicht nur der Leser, auch der Agent und der Lektor. Dies sei auch
der Grund, weshalb stets der Anfang des Romans als Leseprobe anfordert
würde. Wie wichtig ist Ihnen dieser berühmte erste Satz?
Es ist nicht der erste Satz, der entscheidend ist, aber die erste
Seite, die erste Szene, die muss stimmen.
Und zuguterletzt: Wenn Sie angehenden Autoren einen weisen
Ratschlag für ihre Entwicklung mit auf den Weg geben wollten, was würden
Sie Ihnen raten?
Schreiben, lesen, überarbeiten, das ist das Wichtigste.
Frau Blum, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte
Andreas Wilhelm |