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"Es kommt der Punkt, da muss ein Buch alleine
laufen lernen"
Interview mit
Dr. Berit Böhm
Blanvalet /
Limes /
Random House Entertainment /
Riemann,
29.03.2006
Liebe Frau Böhm,
Sie leiten den Bereich Presse und Public
Relations für die Verlage Blanvalet, Limes, Random House Entertainment
und Riemann. Das klingt nach einer sehr anspruchsvollen und
verantwortungsreichen Position. Erzählen Sie uns ein bisschen über Ihren
Werdegang? Wie sind Sie zum
Verlagswesen und insbesondere in den Bereich Presse gekommen?
Ich bin ein typischer Quereinsteiger – oder vielleicht doch nicht so
typisch? Wenn ich hier etwas ausholen darf – es ist eine längere
Geschichte. Ehrlich gesagt kann ich mir ein Leben ohne Bücher gar nicht
vorstellen. In meiner Familie wurde immer viel gelesen und ich kann mich
an keine einzige Autofahrt oder Urlaubsreise erinnern, auf der ich nicht
diverse Bücher verschlungen hätte (ich bekomme heute noch vorgeworfen,
dass ich keine einzige Wegstrecke kenne, weil ich die Nase immer in
Büchern hatte…) und irgendwann wollte ich tatsächlich auch mal eine
Buchhändlerlehre machen. Die Idee habe ich dann aber doch verworfen, da
mich u.a. die USA so faszinierten, dass ich mich für ein Studium der
Amerikanistik entschied. Dies habe ich in München absolviert, wo die
Amerikanistik in die zwei Stränge Literaturgeschichte und
Kulturgeschichte unterteilt ist – also auch hier nicht all zu weit von
Büchern weg. Während ich meine Dissertation schrieb (in der
Kulturgeschichte) suchte ich einen Nebenjob und fand diesen in der
Presseabteilung der – damals noch – Verlagsgruppe Bertelsmann (heute
Random House). Das hatte zunächst viel mit Listen tippen und kopieren zu
tun, aber so nach und nach schrieb ich auch Pressemitteilungen,
arbeitete bei Präsentationen mit und hatte natürlich über das Telefon
auch Kontakt zu JournalistInnen und AutorInnen und mir wurde klar: das
ist es! Genau der Job, den Du machen willst. Dass ich den Aushilfsjob
tatsächlich in einen Beruf umwandeln konnte – da war letztlich eine
ordentliche Portion Glück dabei, in der Form, dass ich nach einem
kleinen Abstecher in einen anderen Münchner Verlag tatsächlich eine
Stelle in der Presseabteilung bei Bertelsmann angeboten bekam. Ich
begann dort als Assistenz der Pressereferentin des Goldmann Verlags,
habe in dieser Funktion die Verlage Manhattan, btb, und Blanvalet mit
betreut, etwas später zusätzlich in eigener Verantwortung Manhattan und
Riemann übernommen und bin seit 2002 in leitender Funktion für die
Verlage Blanvalet, Limes, Random House Entertainment sowie den Riemann
Verlag zuständig.
In Ihrer Funktion stehen Sie sicher hauptsächlich im Kontakt mit
Journalisten und Redaktionen. Können Sie umreißen, was in Ihr
Aufgabengebiet im Verlag fällt?
Ja, das ist richtig. Grundsätzlich ist es Aufgabe der Presseabteilung
Journalisten und Redaktionen über Neuerscheinungen zu informieren.
Grundlegende Mittel dazu sind der Katalogversand und Pressemeldungen,
die zu den einzelnen Titeln verfasst und an die Redaktionen geschickt
werden. Wir versorgen Journalisten mit Rezensionsexemplaren,
Hintergrundmaterial wie z.B. Pressemappen, die weitere Informationen
über unser Autoren und ihre Werke beinhalten. Wir vermitteln
Interviewkontakte, organisieren Buchpräsentationen (um neue Titel und
Autoren vorzustellen), Pressekonferenzen, Pressereisen, die Auftritte
unserer Autoren bei Buchmessen und vieles mehr. Der gute Kontakt zu den
Redaktionen ist natürlich das A und O der Arbeit, d.h. wir suchen so oft
wie möglich das persönliche Gespräch mit den JournalistInnen, weisen auf
mögliche Themen hin, machen auf einzelne Titel aufmerksam.
Bei Random House gibt es darüber hinaus auch Abteilungen und
Personen, die speziell für Autorenlesungen und für Eventmanagement
zuständig sind. Ist diese Spezialisierung typisch für große Verlage oder
eher ein Sonderfall?
Ein Sonderfall ist das sicher nicht, wohl aber eher typisch für
größere Häuser. In vielen kleineren Verlagen reicht einfach die
Personalkapazität nicht aus, um eigene Posten mit diesen Aufgaben zu
besetzen. Oft ist es hier so geregelt, dass Presseabteilung oder
Vertrieb mit dafür zuständig sind, Lesungen zu organisieren. Im Prinzip
ist es bei uns im Haus nicht anders. Sowohl die Abteilung, die sich um
Autorenlesungen kümmert als auch das Eventmanagement – bei Random House
heißt es Verkaufsförderung – sind eng an den Vertrieb angebunden, denn
in der Hauptsache werden hier die Kontakte zu unseren Kolleginnen und
Kollegen im Buchhandel gepflegt. Eine weitere Stelle, die sich speziell
um Institutionen wie die Literaturhäuser, Goethe-Institute,
Literatur-Festivals kümmert, ist wiederum an die Presseabteilung
angegliedert.
Es wird deutlich, wie viele Abteilungen am "Produkt Buch"
beteiligt sind. Abgesehen vom Lektorat und der Produktion, an die man
oft als einzige denkt. Wie wird gewährleistet, dass alle Abteilungen am
selben Strang ziehen und jeder stets über alles informiert ist, was sein
Arbeitsgebiet betreffen könnte oder sollte?
Zur Verlagsgruppe Random House gehören 31 Verlage – das ist natürlich
eine große Menge, die es zu handeln gilt. Die Verlage sind, je nachdem,
welcher Verleger sie betreut, in Verlagspools gebündelt – so gehören zu
Blanvalet (Hardcover und Taschenbuchbereich) auch Limes und Random House
Entertainment, denen Silvia Kuttny-Walser als Verlegerin vorsteht. Um zu
gewährleisten, dass wir alle mit den gleichen Informationen arbeiten
können und sie vor allem auch gleichzeitig bekommen, treffen sich die
für die einzelnen Verlage zuständigen Abteilungsabgeordneten aus
Verlagsleitung, Presse, Vertrieb, Werbung, Herstellung, Lizenzabteilung
und Controlling im 2-wöchentlichen Turnus in Sitzungen. Hier werden alle
Themen diskutiert und entschieden, die für ein Programm relevant sind,
von Presseaktivitäten, über Werbemaßnahmen, Aktionen für den Buchhandel
etc. Alles aufzuführen, würde ein wenig lang dauern. Aber hier werden
die grundlegenden Entscheidungen getroffen, wie die einzelnen Titel
präsentiert und angeboten werden. Zusätzlich wird unser Außendienst auf
der Vertretertagung, die zweimal im Jahr stattfindet, über das jeweils
neue Programm und geplante Maßnahmen zu einzelnen Titeln informiert.
Zurück zum Bereich Presse: Autoren fragen sich immer wieder, was
man tun kann, um in die Presse zu kommen. Reicht es, Pressemitteilungen
und Leseexemplare zu verschicken? Muss und darf man drängeln oder muss
man hoffen? Welche Möglichkeiten gibt es hier für Verlag und Autoren -
abgesehen von bezahlter Werbung?
Natürlich reicht es nicht aus, nur eine Meldung und vielleicht ein
Leseexemplar zu verschicken, aber es erleichtert auf jeden Fall den
ersten Kontakt. Wir bieten z.B. mit dem Versand der Pressemeldung –
sofern möglich – auch immer die Vermittlung von Interviews und
weiterführendes Material zu Buch und Autor an. Für viele Journalisten
ist das natürlich ein interessantes Angebot; diejenigen die ernsthaftes
Interesse haben, werden sich auch sofort melden. Manche bestellen auch
erst einmal das Buch zur Prüfung und man hört lange nichts… Damit ist es
natürlich nicht getan. Wie an anderer Stelle schon gesagt, suchen wir
das Gespräch mit den Journalisten und nutzen unsere Kontakte, um unsere
Bücher in den entsprechenden Medien unterzubringen. Hier kommt es vor
allem darauf an, wie sehr man den einzelnen Journalisten für ein Thema
begeistern kann, wobei es hilfreich ist, wenn man über Buch und Person
des Autors hinaus "Stoff" anzubieten hat – also z.B. eine besonders
spannende Entstehungsgeschichte des Buches, oder den außergewöhnlichen
Lebenslauf des Autors, Pläne für eine Verfilmung des Romanstoffs– alles,
was aus der bloßen Rezension eine Geschichte macht ist wichtig. Das ist
allerdings oftmals auch keine Garantie – vor allem, wenn man die große
Konkurrenz auf dem Markt betrachtet – aber je mehr man anzubieten hat,
umso größer die Chancen. Drängeln sollte man Journalisten nicht, das
wird gar nicht gerne gesehen und ist auch zwecklos – damit macht man
sich nur unbeliebt. Man muss aber auch nicht nur hoffen, natürlich kann
man nachhaken. Gerade wo bereits Gespräche zum Thema stattgefunden
haben, wenn es Neuigkeiten gibt (z.B. der Autor kommt auf Pressereise,
hat einen Preis gewonnen oder ähnliches), in dem Fall sind viele
Journalisten auch dankbar, dass man sie noch einmal anstupst. Trotz
allem, man sollte seine Kontakte mit Bedacht pflegen, die Hammermethode
nutzt gar nichts. Das gilt in gleichem Maße auch für Autoren selbst – wo
gute Kontakte zur Presse bestehen, kann man schon mal nachfragen; wo
keine oder weniger gute Kontakte bestehen, würde ich die Finger davon
lassen – der Schuss kann sehr leicht nach hinten losgehen. Letztendlich
ist es immer die Entscheidung der jeweiligen Redaktion, ob ein Buch
besprochen wird oder nicht.
Welchen Stellenwert räumen Sie Online-Rezensionen ein? Einerseits
solchen von Endkunden, wie bei Online-Buchhändlern, Amazon zum Beispiel
- und andererseits auf Literatur-Websites. Kann und sollte die
Presseabteilung hier tätig werden? Ist das eine relevante Größe?
Online-Rezensionen sind ein Thema, das uns immer mehr beschäftigt.
Hier muss mal klar gesagt werden, dass da sehr viel unterschiedliche
Qualität im Netz unterwegs ist, weshalb wir uns gerade private Seiten
immer sehr genau ansehen. Eine Seite, die die fünf besten Freunde über
des Betreibers neues Lieblingsbuch informiert, freut uns, hat aber
allein von der Größenordnung her keine Relevanz für uns.
Endkunden-Stimmen, wie wir sie z.B. bei amazon finden, sind durchaus
wichtig für uns, denn hier erfahren wir direkt, was der Leser denkt, ob
ihm ein Buch gefällt – was er daran auszusetzen hat. Da kann ein Verlag
auch durchaus seine Lehren ziehen, wenn z.B. über eine unzureichende
Übersetzung gemeckert wird, oder es Kritik an Cover oder Titel hagelt,
wird man sicher überlegen, was man beim nächsten Mal anders machen kann.
Aber das ist nur ein Aspekt bei amazon. Viele Journalisten rezensieren
ja auch direkt für amazon. Diese unterstützen wir gerne, sofern uns die
Redaktion ihren Auftrag bestätigt. Leider gibt es immer ein paar
"schwarze Schafe", die meinen sie seien amazon-Rezensent, nur weil sie
ihre Seite mit amazon verlinkt haben und wir finden die
Rezensionsexemplare sehr schnell bei EBAY im Angebot wieder – das ist
natürlich nicht im Sinne des Erfinders. Aber Spaß beiseite, es gibt eine
ganze Reihe sehr guter und ernstzunehmender Literaturportale, die wir
gerne unterstützen. Gerade im Bereich der Fantasy geschieht im Internet
oft mehr, als in jedem anderen Medium, da sich Fans dieses Genres oft
eher in Internet-Foren treffen, wo sich auch viele wichtige Rezensenten
versammeln. Das hat vielleicht ein wenig mit der Lesergeneration zu tun,
sicher aber auch an den Möglichkeiten der Fantasy – z.B. online-Spielen
etc.
Es wird oft gesagt, "Jede Presse ist gute Presse". Es klingt wie
eine beschönigende Sichtweise, um sich über negative Berichterstattung
in den Medien hinwegzutrösten. Andere meinen, auch das würde den Verkauf
fördern, weil es die Aufmerksamkeit erregt. Wie sehen Sie das?
Ich würde eher sagen, "Jede Presse ist eine gute Presse" trifft
insofern zu, dass sich das auch z.B. auf sehr kleine Buchtipps beziehen
kann – denn auch wenn es manchmal nur der berühmte "3-Zeiler" ist, zeigt
es, dass ein Titel wahrgenommen wurde. Dennoch - gerade sehr kontroverse
Kritiken können polarisierend wirken. Je unterschiedlicher die Meinungen
sind, umso mehr entsteht ein Anreiz für den Rezensenten und auch für den
Leser, den Titel näher zu betrachten und sich eine eigene Meinung zu
bilden. Wenn es allerdings komplett vernichtende Kritiken hagelt, würde
ich doch bezweifeln, dass das potentielle Leser wirklich neugierig
macht. Das Angebot ist zu groß, da würde man wahrscheinlich doch eher zu
einem besser besprochenen Titel aus dem gleichen Genre greifen.
Inzwischen werden auf der Frankfurter Buchmesse jedes Jahr rund
80.000 Neuerscheinungen vorgestellt. Wie kann Pressearbeit über die
reine Pflichterfüllung hinaus die Medien wirksam auf eine Neuerscheinung
aufmerksam machen? Geht das überhaupt noch auf regulären Weg?
Bei der Masse an Neuerscheinungen ist die Konkurrenz natürlich sehr
groß, man muss sich schon etwas einfallen lassen – z.B. eine besondere
Form der Buchpräsentation, die auch medienwirksam ist. Wir haben hier
recht gute Erfahrungen damit gemacht, über die klassische Präsentation
hinaus einen kleinen Event aus der Veranstaltung zu machen. Das kann
z.B. mal ein Mittelalter-Essen sein, passend zu einem historischen
Roman, den man vorstellt oder auch mal eine Pressereise mit Journalisten
an die Orte des Geschehens im Buch. Doch ich muss offen sagen, das sind
die Ausnahmen und ob man so etwas machen kann, ist natürlich auch eine
Frage des Etats. Es kommt der Punkt, wo die Möglichkeiten ausgeschöpft
sind und dann muss ein Buch alleine "laufen lernen" – das ist auch für
uns Presseleute ein spannender und durchaus auch heikler Moment, denn
dann zeigt sich, ob die Arbeit Früchte trägt und ob es funktioniert.
Wenn es schon so schwierig ist, Buchbesprechungen in der Presse zu
forcieren, wie schwierig ist es, Bücher ins Fernsehen zu bekommen? Oft
meinen Autoren, die Verlage pushen ihre Bücher und Autoren, aber ist das
überhaupt möglich? "Kulturzeit", "Druckfrisch", "Lesen!" und andere
Magazine existieren ja - kann man sie aktiv befüttern? Oder Talkshows?
Hier sage doch mal ganz klar: Jein. Wie gesagt, ein bisschen pushen
geht, aber auch hier muss man sich darüber im Klaren sein, was in die
entsprechende Show passt und was nicht. Die wenigsten stellen einfach
nur Bücher vor, es ist eher so, dass ein Buch zum geplanten Beitrag
passen muss. Ist z.B. ein Beitrag über China in Vorbereitung und Sie
haben einen dazu passenden Titel im Programm, stehen die Chancen gut,
ihn in der Sendung unterzubringen. Auch die meisten Talk-Runden befassen
sich mit übergeordneten Themen, wenn ein Autor mit seinem Buch zu diesem
Thema passt, wird sich die Redaktion sicher überlegen, ob man ihn als
Gesprächspartner einlädt. Und dann gibt es Sendungen wie "Lesen!" worauf
wir –ganz ehrlich- keinerlei Einfluss haben. Hier ist es alleinige
Entscheidung der Redaktion, welche Titel vorgestellt werden und es gibt
keine Möglichkeiten etwas zu forcieren.
So wichtig Pressearbeit sein mag - der Verkauf findet natürlich im
Handel statt, und hier spielt der Vertrieb eine entscheidende Rolle. Wie
groß ist überhaupt der Effekt, den Rezensionen in den Medien auslösen
können?
Das kommt immer darauf an, vor allem in welchem Medium die Rezension
erscheint. Ist es z.B. eine große Tageszeitung oder ein großes Magazin
mit entsprechender Auflage, respektive eine Talk-Show oder ein
Kulturmagazin im TV, wird die Rezension natürlich von wesentlich mehr
Lesern zur Kenntnis genommen, als ein Buchhinweis in einem relativ
kleinen Medium. Einige Rezensenten sind absolute Koryphäen in ihrem Fach
und den Lesern wohl bekannt, d.h. ihr Urteil kann einem Buch wirklich
den Weg bereiten. Da es in der Regel die Presseabteilung ist, die die
Rezensionen als erste zu sehen/lesen bekommt, ist es natürlich auch
unsere Aufgabe, Vertrieb, Werbung, Lektorate auf tolle Zitate
hinzuweisen, die dann von KollegInnen gerne für ihre Arbeit genutzt
werden. Sie werden für Anzeigen genutzt, gehen in die Lektoratstexte
ein; oft nutzen wir solche Zitate auch, um z.B. die nächste Auflage
eines Buches damit zu "peppern", d.h. es kommt ein Aufkleber mit dem
Zitat auf das Buch, der einem im Buchladen gleich ins Auge springt und
so natürlich auch die Kaufentscheidung beeinflussen kann.
Immer häufiger werden Autoren in den letzten Jahren mit einem
gewissen Starrummel umgeben. Über die Lesetouren von Tess Gerritsen oder
Diana Gabaldon, an denen Sie jeweils teilnahmen, finden sich lange
Fanberichte im Internet. Wie wichtig ist es in der Pressearbeit neben
dem Roman auch den Autor selbst ins Rampenlicht zu stellen?
Na ja, mal ganz platt gesagt: ohne die AutorInnen gäbe es die Bücher
nicht ;-) Aber Sie haben hier zwei sehr typische Beispiele
herausgegriffen, denn wie ich anfangs schon einmal sagte, hat auch die
Geschichte der Autoren respektive die Entstehungsgeschichte der Bücher
großen Einfluss. Tess Gerritsen war früher praktizierende Ärztin, d.h.
viele Erfahrungen, viel Wissen aus ihrer Tätigkeit gehen direkt in ihre
Romane ein und geben ihnen das gewisse Quäntchen Authentizität, das sie
so realistisch – und so spannend – macht, denn man muss sich beim Lesen
manchmal doch daran erinnern, dass das "nur Fiktion" ist (ich bin selbst
ein großer Fan von Tess’ Büchern und kenne das Gefühl nur zu gut, wenn
man den Roman ausgelesen hat und die nächsten zwei Wochen nur bei Licht
und laut pfeifend in den Keller geht, weil man sich plötzlich bewusst
wird, dass es solche "irren Täter" wie im Buch wirklich geben könnte…).
Dazu kommt, dass Gerritsen am Anfang ihrer schriftstellerischen
Karriere, lange vor den Medizin-Thrillern, Liebesromane geschrieben hat
– da liegt natürlich für Journalisten auch gleich die Frage nahe, wie es
denn zu einem solchen Wandel kommt, was einen Autor reizt und motiviert,
sein Fach zu wechseln. Bei Diana Gabaldon liegt die Sache ein bisschen
anders. Diana hat Teile ihres ersten Romans (den sie eigentlich nur zur
Übung angefangen hatte) in einem Chat-Forum im Internet zur Diskussion
gestellt – da sind natürlich schon viele Leser darauf aufmerksam
geworden, die dann auch miterlebten, wie Diana ihren Verleger auf diesem
Weg fand. Sie waren sozusagen hautnah am Entstehen der Bücher beteiligt.
Diana stellt übrigens heute noch Probekapitel ins Netz und steht mit
vielen ihrer Fans auch direkt in Chat-Kontakt und diese wiederum
untereinander. Hier ergeben sich für Journalisten eine Reihe spannender
Themen: wie findet ein Text via Internet/Mundpropaganda seinen Weg in
einen Verlag? Was ist das Erfolgsgeheimnis, was macht den Suchtfaktor
für die Fans aus…
Wenn Sie auf den Buchmarkt der letzten Jahre zurückblicken: Was
hat sich Ihrer Meinung nach maßgeblich geändert? Einerseits hinsichtlich
der Aufmerksamkeit, die Büchern in den Medien zuteil wird und
andererseits hinsichtlich der Arbeit in Ihrer Abteilung und den
Redaktionen auf der anderen Seite?
Die Gewichtung hat sich deutlich verlagert. Auf der einen Seite haben
wir eine jährlich steigende Zahl an Neuerscheinungen, denen man
natürlich soviel Öffentlichkeit wie möglich wünscht, auf der anderen
Seite wurden die Redaktionen und Kulturprogramme, in den letzten Jahren
aus Spargründen immer mehr zusammengeschrumpft, Sendezeiten wurden
drastisch gekürzt, d.h. der steigenden Zahlen an Büchern stehen immer
weniger Redakteure gegenüber, die diese Flut besprechen sollen und
dadurch natürlich sehr selektiv vorgehen. Umso wichtiger ist es die
Verlagsprofile klar herauszustellen, so dass Journalisten und natürlich
auch Endkunden sofort wissen, was sie erwarten dürfen, wenn sie z.B. ein
Buch mit dem Blanvalet-Logo in die Hand nehmen. Die Themen und
Programmlinien eines Verlages müssen klar definiert und erkennbar sein,
d.h. wenn man z.B. spannende Krimis, oder die wirklich interessanten
historischen Romane suche, sollte man wissen, wo man zuerst nachsieht
und in welchem Verlag man sie am wahrscheinlichsten findet.
Welche Tendenzen werden sich Ihrer Ansicht nach in den nächsten
Jahren verstärken? Worauf werden sich Autoren gefasst machen müssen?
Ich denke, der Konkurrenzkampf wird noch zunehmen, das bedeutet für
Autoren sicherlich auch, dass sie bei der Themenwahl noch mehr versuchen
müssen, etwas außergewöhnliches, nicht allzu häufiges zu schaffen, um
sich von der Menge abzuheben, denn je mehr Titel zu einem Thema auf dem
Markt sind, um so geringer die Chancen, mit dem x-ten noch jemanden
hinter dem Ofen vorzulocken.
Und zuletzt: gibt es einen Ratschlag oder eine Weisheit, die Sie
Autoren unbedingt mit auf den Weg geben möchten?
Weisheiten? Nein. Es gibt so viele Möglichkeiten, Themen und Ideen –
jede/r wird es nach seinem/ihrem besten Können anpacken und so soll es
auch sein.
Frau Böhm, ich danke Ihnen für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |