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"Alles ist erlaubt, nur eins nicht: Den Leser zu langweilen."

Interview mit Dr. Peter Dobrovka
Eldur Verlag, 25.05.2006

Peter,

du bist Autor und Gründer des Eldur Verlages, und damit auch Lektor, Marketingabteilung, Presseabteilung, Versandabteilung und Sorgentelefon in Personalunion. Das klingt nach einer ganzen Menge Arbeit. Peter, kannst du uns etwas über deinen Werdegang erzählen? Wann hast du angefangen zu schreiben, und wie kam es dazu, dass du schließlich auch noch Verleger wurdest?

Ich schockierte schon als kleiner Junge Eltern und Lehrer mit Horrorgeschichten, die ich in meinem Alter nicht mal hätte lesen geschweige denn schreiben dürfen. Dabei war ich ein sehr schüchternes und ängstliches Kind, mit Riesenschiss vor dunklen Kellern und menschenleeren Orten. Aber was mir Angst machte, zog mich auch magisch an. Das Schreiben war aber lange Zeit nur ein Hobby von vielen. An erste Position ist das erst 2002 gerückt, nachdem ich schon ein Leben als Arzt, und eins als Computerspieleentwickler hinter mir hatte. Ich fand auf www.kurzgeschichten.de eine Plattform zum Austoben, da lernte ich auch Hel Fried, Torsten Sträter und viele andere kreative Köpfe kennen, mit denen ich bis heute zu tun habe. Und Julia Langhardt, mit der zusammen ich irgendwann die Schnapsidee hatte, einen Verlag zu gründen, um den vielen hervorragenden Autoren, die im Internet herumspukten, eine Plattform zu bieten. Wir beide hatten gerade Geld zuviel und außerdem lebt man nur einmal.

Der Eldur Verlag veröffentlicht heute mit Science Fiction, Fantasy und Horror ein breites Spektrum. Liegt das an deinen eigenen Interessen, oder gibt es einen anderen inneren Zusammenhang dieser Genres?

So breit ist das Spektrum eigentlich nicht. Eldur ist ein Verlag für phantastische Erwachsenenliteratur mit dem Schwerpunkt auf Horror. Natürlich spielen meine Vorlieben eine Rolle, ich möchte keine Kinderbücher, Liebesromane oder Biographien verlegen. Aber ich denke auch gewinnorientiert, und ich sehe für Phantastik und insbesondere Horror eine lohnende Marktlücke. Wir füllen eine Nische. Speziell genug, um für die großen Verlage, die sich auf Mainstream konzentrieren, übersehen zu werden, aber interessant genug, um einen ausreichend stabilen Kundenkreis zu haben.

Was ist die Besonderheit eines Kleinverlages, wann sind Kleinverlage für Autoren zu empfehlen?

Ein Kleinverlag ist klein: Kleine Auflage, wenige Neuheiten im Jahr, kein Geld für Marketing, Null Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung und nur schwache Präsenz in Buchhandlungen. Kleinverlage sind immer die zweite Wahl für einen Autor. Wann immer möglich, sollte er zuerst versuchen, einen Publikumsverlag für das Manuskript zu interessieren. Allerdings bedeutet das nicht, dass Zeug von Kleinverlagen qualitativ zweitklassig ist. Es gibt wunderbare Bücher bei Kleinverlagen, die nie die Chance gehabt hätten, in einem Publikumsverlag zu erscheinen, weil ein Publikumsverlag auf den Geschmack der breiten Masse abzielt – und nur darauf. Special interest wird praktisch nicht bedient. Schon allein deshalb ist zum Beispiel das Genre Horror, und da ganz besonders deutsche Autoren, fest in Kleinverlagshand. Was der normale Kunde in der Buchhandlung, der immer nur Stephen King im Regal sieht, natürlich nicht wissen kann. Aber auch für „normale“ Bücher gilt: Es ist für einen Autor immer noch besser, in kleiner Auflage veröffentlicht zu werden als gar nicht. Und bisweilen können Veröffentlichungen in Kleinverlagen auch ein Sprungbrett für die Autorenkarriere sein. Anzumerken wäre da noch, dass Eldur unter den Kleinverlagen schon zu den größeren gehört. Wir drucken standardmäßig Auflagen von 1000 Stück, üblich sind bei Kleinverlagen 100-300. Und was noch wichtiger ist: wir verkaufen diese Mengen auch. Unser größter Erfolg ist „Hämoglobin“ von Torsten Sträter mit bislang 2500 verkauften Exemplaren. Fast alle über Amazon.de. Und trotz dieses Erfolgs ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ein Publikumsverlag Herrn Sträter verlegt hätte. Bastei hatte neulich Interesse an einer Lizensierung, aber nur solange, bis sie erfuhren, dass es sich um eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt und nicht um einen Roman.

Wie muss man sich einen typischen Arbeitstag von dir im Verlag vorstellen?

Abteilung 1: Rechnungen schreiben, Pakete packen, damit zur Post gehen. Abteilung 2: Mit den Autoren, die schon einen Vertrag haben, kommunizieren, ihre Werke lektorieren und druckfertig machen. Abteilung 3: Buchhaltung, Banking, Finanzamt bei Laune halten. Das ist die Hauptarbeit. Es gibt da keine Reihenfolge, in der ich mich damit befasse, an schönen sonnigen Tagen bleibt der PC auch mal aus. Zwischendurch muss ich immer mal wieder Manuskripte lesen und Entscheidungen treffen, wer veröffentlicht wird. Auserwählte kriegen Verträge, alle anderen kriegen Absagen. Dann muss ich mich auch immer mal wieder als Grafiker betätigen: Cover gestalten, Prospekte entwerfen, Werbeanzeigen ausbrüten. Und wenn ein neuer Veröffentlichungstermin ansteht, dann wird die Kommunikation mit der Druckerei ein Full-Time-Job.

Lektorierst du alle Bücher selbst, hast du Angestellte oder arbeitest du mit freien Lektoren?

Ich arbeite mit freien Lektoren. Alles selbst zu machen, geht inzwischen weit über meine Kräfte.

Wie viele Manuskripte bekommst du im Schnitt monatlich? Und wie viele davon kommen in die engere Wahl, lassen sich weiterverwenden?

Ich bekomme je nach Jahreszeit zwischen 10 und 30 Manuskripte pro Monat. Verwenden kann ich davon ca. 2-3 pro Jahr. Die meisten Veröffentlichungen kommen nicht zu mir, ich komme zu ihnen. So gern ich auch Newcomern eine Chance geben möchte, das meiste ist zur Veröffentlichung nicht geeignet oder unterliegt im Wettbewerb gegen bessere Manuskripte meiner „Stammautoren“. Bis Oktober 2006 nehme ich überhaupt keine Manuskripte mehr an, ich komme mit dem Lesen so vieler Texten einfach nicht mehr hinterher.

Was sind deiner Erfahrung nach die größten Schwächen dieser Texte, was machen die Einsender immer wieder falsch?

Nun, man liest immer wieder von Tipps, wie man sein Manuskript formatieren soll, wie man das Anschreiben am besten gestaltet, usw. Bei mir haben solche Formalitäten keine Bedeutung, ich lese alles, was man mir einschickt, in der Hoffnung, DEN Knaller darunter vorzufinden. Selbst wenn die Autoren so grundlegende Fehler machen, wie das Exposé zu „vergessen“, sind sie nicht sofort aus dem Rennen, ich erinnere sie dann daran, es nachzureichen, und erkläre oft genug auch geduldig, was ein Exposé überhaupt ist. Bei den meisten Ablehnungen hat mich schon die Inhaltsangabe nicht überzeugt. Ich möchte keine Romane, die daraus bestehen, dass irgendwelche Leute dauernd von einem Ort zum anderen gehen, um etwas herauszufinden, oder endlose philosophische Dialoge führen. Und ich möchte nicht den hundertsten Aufguss derselben alten Geschichten. Wie dass irgendjemand in ein geheimnisvolles Haus zieht, um Ruhe zu finden/die Ehe zu retten/ein Buch zu schreiben und dann von Poltergeistern belästigt wird, weil irgendjemand mal in dem Haus ermordet wurde. Schlimm, so was. Wenn mich die Inhaltsangabe anspricht, kann das Buch immer noch an Sprache und Stil scheitern. Eine Aufzählung auch nur der gängigsten Schwachpunkte würde den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ich sehe mal zu, dass ich so nach und nach ein Regelheft zusammenstellte und auf die Webseite packte. Vielleicht verfasse ich auch einen Schreibratgeber; ich habe gehört, damit kann man mehr Geld verdienen als mit Romanen.

Auf der Website des Verlages liest man in Form von Artikeln von dir ungewöhnlich und erfrischend deutliche Worte zu einigen Themen der Verlagslandschaft und des Literaturbetriebes. Wie sind die Reaktionen auf diese Artikel?

Überwiegend positiv. Es gibt nicht wenige Leute, die nur wegen der Artikel regelmäßig die Webseite besuchen. Es würde mich übrigens freuen, wenn ich mehr Gastautoren hätte, die Rubrik soll ja keine Selbstdarstellung sein, sondern Aufklärung betreiben und den Besuchern der Webseite etwas Unterhaltung bieten. So ein reiner Online-Shop ist ja langweilig.

Ebenfalls auf der Website ist eine Rubrik mit dem Namen "Trash des Monats" zu finden. Wie reagieren Leser auf diese Rubrik und vor allen Dingen auch die Autoren, deren Einsendungen du für diese Rubrik auswählst?

Der Trash des Monats ist der Versuch, aus Not eine Tugend zu machen, denn manche Texte sind so grottenschlecht … dass sie wieder gut sind! Ja, man kann herrlich über sie lachen. Die meisten Autoren stimmen einer Veröffentlichung in dieser Rubrik zu, ohne dass ich zuvor irgendeine Überzeugungsarbeit leisten müsste. Manche freuen sich sogar, sei es über das Geld oder weil sie ihren Text absichtlich "trashig" geschrieben haben, um genommen zu werden.

Anders als bei Publikumsverlagen, die zum allergrößten Teil über den stationären Buchhandel verkaufen, hat für dich das Internet eine viel größere Bedeutung. Kannst du das erläutern?

Buchhändler machen nicht gerne Geschäfte mit Kleinverlagen. Wir sind auslieferungstechnisch und abrechnungsmäßig nicht in den gängigen Verbänden organisiert, das macht dem Buchhändler zusätzliche Arbeit bei Bestellung, Bezahlung, Remission. Und die meisten Buchhändler, denen ich begegnet bin, haben vor Horror eine natürliche Abscheu. Und so ist – bis auf einige wenige Ausnahmen – das Internet der Hauptabsatzmarkt für unsere Bücher. Etwa 10% verkaufen wir direkt über den Online-Shop, und 90% gehen über Amazon.de weg. Ohne Amazon wären wir nie über fünf Bücher hinausgekommen. Wobei ich nicht glaube, dass wir nennenswert mehr Bücher der Horror-Reihe verkaufen würden, wenn unsere Buchhandelspräsenz größer wäre, denn Horror-Leser sind es seit geraumer Zeit gewohnt, die wirklich guten Bücher nur über das Internet zu bekommen. Im Fantasy- und Science-Fiction-Bereich vermute ich allerdings eine empfindliche Einbuße.

Für Eldur sind Online-Rezensionen hinsichtlich ihrer Werbwirksamkeit sicher besonders wichtig. Diese lassen sich aber leider nicht kontrollieren. Spürst du deutliche Auswirkungen durch besonders positive oder negative Rezensionen?

Wir sind von Rezensionen bislang sehr verwöhnt, es gibt kaum negative. Die Bücher, die sich nicht so gut verkaufen, zeichnen sich nicht durch schlechtere, sondern durch weniger Rezensionen aus. Ich glaube aber, das lässt sich simpel damit erklären, dass wenn ein Buch weniger verbreitet ist, weniger Rezensionen darüber verfasst werden. Die Werbewirksamkeit von Rezensionen bezweifle ich ohnehin. Sie streicheln die Seele des Autors, haben aber vermutlich nur wenig Einfluss auf das Kaufverhalten. Die effizienteste Werbung hat Amazon.de für uns gemacht, indem es Käufern von Horrorliteratur die Sträter-Bücher einblendete: „das könnte Ihnen auch gefallen“. Die Anderwelten-Bücher dagegen scheinen sich vor allem durch Mundpropaganda und durch Besprechungen in Internetforen verbreitet zu haben.

Amazon, als einer der größten Online-Buchhändler, bietet "Search Inside The Book" als Funktion für Kunden, die über eine Volltextsuche in Bücher hineinsehen und -lesen dürfen. Dies diene dem Kundenservice und letztlich dem Verkauf, heißt es, andererseits gibt es auch kritische Stimmen hinsichtlich der Datensicherheit und der verwertungslizenrechtlichen Lage. Wie stehst du dazu und beteiligt sich Eldur an dem Projekt?

Die Volltextsuche ist weniger interessant, aber dass man die ersten Seiten des Buches lesen kann, das ist etwas, das man bisher nur in der Buchhandlung konnte. Ich habe anfangs etwas Magengrummeln gehabt, aber seit ich diese Funktion bei den englischsprachigen Büchern in Aktion gesehen habe und dadurch selbst zum Kauf verführt wurde, bin ich davon überzeugt: Das bringt Leser, ganz klar. Ich werde, sobald ich Zeit habe, die Eldur Bücher für dieses Search Inside freigeben.

Welche weiteren Möglichkeiten gibt es, deine Bücher zu bewerben und was hat sich als besonders effektiv herausgestellt?

Ich habe für Werbung letztes Jahr ca. 4000 Euro ausgegeben, und es hat sich NICHTS als effektiv herausgestellt. In einer Welt, in der wir alle permanent mit Werbung belästigt werden, schalten immer mehr Menschen ihre Sinne auf Durchzug. Und das betrifft Bücherwerbung ganz besonders. Ich fahre das Werbebudget dieses Jahr daher auf ein Minimum herunter. Werbung nur noch da, wo sie nichts kostet: In Internetforen, auf der Webseite, und manchmal als Tauschwerbung, also wenn ich eine Werbeanzeige eines Phantastik-Magazins in einem Buch abdrucke und dafür das Magazin mir eine Werbeseite gönnt. Wäre der Eldur Verlag in den Buchhandlungen präsenter, wären die Buchhändler das Hauptziel der Werbemaßnahmen. Eine simple Formel: Überzeug den Buchhändler, und er verkauft deine Bücher.

Du bist zugleich Autor, schreibst in einer Mischung aus Fantasy und Horror unter dem Pseudonym "Peter Lancester" und gibst es im Eldur Verlag selbst heraus. Können hierdurch Interessenkonflikte zwischen dem Künstler und dem Geschäftmann in dir entstehen? Und wie bezahlst du dich selbst? Gibt hier ebenfalls es einen regelrechten Verlagsvertrag?

Nun, rein theoretisch wäre so ein Konflikt möglich. In der Praxis weniger, da ich als Autor ein ähnliches Interesse verfolge wie als Verleger: Als Autor will ich, dass die Bücher gelesen werden, als Verleger, dass sie gekauft werden. Das eine ist mit dem anderen recht eng verbunden. Mich selbst habe ich bisher nicht bezahlt, obwohl es tatsächlich einen Verlagsvertrag gibt, der mir als Autor einen Prozentsatz der Nettoeinnahmen als Honorar zugesteht.

Mit deiner Romanreihe "Die Chroniken der Anderwelten" hast du bereits eine loyale Fanbasis aufgebaut. Denkbar wäre ja, dass du eines Tages deinen Verlag mitsamt deiner Autoren und Verträge verkaufst und als Autor selbst zu einem großen Publikumsverlag wechselst. Könntest du dir so etwas vorstellen?

Es vergeht kein Tag, an dem ich darüber nicht nachdenke. So bizarr es auch klingt, ich bin als Autor mit mir als Verlag nicht zufrieden. Das soll jetzt keine Antiwerbung für Eldur sein, haha, aber der Feind des Guten ist das Bessere, und ich sagte ja schon, dass wenn man die Möglichkeit hat, bei einem Publikumsverlag unterzukommen, den jedem Kleinverlag vorziehen sollte. Und ich glaube inzwischen, dass die Anderwelten-Bücher bei einem Publikumsverlag beste Chancen gehabt hätten. Leider hab ich das gar nicht erst versucht, ich hatte zwei gute Gründe: Erstens: Als Buch Eins fertig war, gab es Eldur schon seit einem Jahr, ich konnte mich sozusagen ins gemachte Bett legen. Ich war noch unerfahren genug zu glauben, ich würde eine Million Bücher verkaufen, von denen mir kein mickriges Autorenhonorar sondern der ganze Gewinn gehören würde. Zweitens: In den Anderwelten-Büchern geht es teilweise heftig zur Sache, sowohl was das blutige Wühlen in Gedärmen als auch sexuelle Darstellungen angeht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Publikumsverlag das drucken würde. Allerdings wird die Tabuschwelle von Jahr zu Jahr geringer, und ich habe 2005 eine Menge Bücher gelesen, die vom Sex- und Gewaltfaktor eher in das Programm spezieller Kleinverlage gepasst hätten als zu Bastei, Heyne und Co.

Wenn du angehenden Autoren einen Rat oder eine Weisheit mit auf dem Weg geben könntest, entweder für ihr eigenes Schreiben oder sogar für eine Einsendung bei Eldur, was würdest du ihnen sagen?

Alles ist erlaubt, nur eins nicht: Den Leser zu langweilen. Klingt selbstverständlich? Wieso sind dann 99% aller Einsendungen, die auf meinem Tisch landen, langweilig wie die Innenstadt von Castrop-Rauxel nachts um drei, he? Vielleicht, weil eine Sache nicht bedacht wird: Es reicht nicht, dass das Thema aufregend ist; jede Seite, jeder Satz, jedes Wort muss interessant, spannend und aufregend sein. Für konkretere Weisheiten verweise ich auf den FAQ-Bereich des Montségur Autorenforums. Da steht eigentlich alles drin, was man als Autor wissen muss. Nur ist es mit dem Schreiben ein wenig wie mit Kung-Fu: Man lernt die Techniken nicht, indem man liest, wie sie gehen, sondern durch Training.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm