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"Ich war in akuter Gefahr, völlig zu
versuhrkampen"
Interview mit
Andreas Eschbach
Interview von
Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im
Tempest 3/4 2002
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Andreas Eschbach, du hast mehrere sehr
erfolgreiche Bücher geschrieben. Auf deiner Homepage findet sich
aber nicht nur Werbung zu deinen Büchern, sondern eine Menge
Anregungen zum Schreiben, und du machst auch zahlreiche
Schreibwerkstätten. Warum machst du dir überhaupt diese Arbeit?
Ehrlich gesagt, die entsprechende Sektion auf meiner Homepage
betreibe ich, um mir Arbeit zu ersparen. Die Alternative wäre
nämlich, per Email immer wieder dieselben Fragen zum Schreiben
gestellt zu bekommen, und das wäre nicht so lustig. Was die
Schreibworkshops anbelangt, so viele sind es ja nicht - einer
pro Jahr. Das kann ich nicht im Ernst als Arbeit bezeichnen. |

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Wenn ich mir deine Antwort so ansehe und daran denke, dass 99% der
deutschen Autoren weder Schreibworkshops machen, noch Emails mit Fragen
zum Schreiben beantworten: Gehe ich recht mit der Vermutung, dass dir
das auch Spaß macht?
Es ist sogar eines der auffälligsten Motive in meinem Leben - was
immer ich gerade tue, wenn es irgendwie eine Möglichkeit dabei gibt,
nebenher ein wenig zu unterrichten, dann lande ich unweigerlich dort.
Als Schüler habe ich schwunghaften Handel getrieben mit
Kurzzusammenfassungen des für eine Prüfung wichtigen Schulstoffs - man
könnte auch sagen, mit Spickzetteln -, als Student war ich der erste
studentische Mitarbeiter am Institut, der ein Fach betreut hat -
Konstruktionslehre - bis hin zur Notenvergabe, und ich hatte gerade bei
einer EDV-Firma angefangen, als ich mitbekam, dass die auch EDV-Kurse
veranstaltete ... Man rate mal, was ich bald darauf machte. Na ja, und
so ist es nur konsequent, dass ich als Schriftsteller Schreibseminare
gebe.
Hast du selbst an Schreibseminaren oder Schreibgruppen
teilgenommen, bevor du deinen ersten Roman veröffentlicht hast?
Als ich angefangen habe zu schreiben, gab es so etwas wie
Schreibseminare hierzulande nicht nur nicht, man hatte noch nicht einmal
die Vorstellung, dass es so etwas überhaupt geben könnte oder sollte.
Trotzdem habe ich während meiner Studienzeit eine Schreibgruppe besucht
- allerdings eine von der Sorte, die einem eher nicht gut tun. Das war,
wie sollte es im universitären Umfeld anders sein, der Literaturkreis
des Studium Generale an der Universität Stuttgart. In so einer Umgebung
kann man mit Science-Fiction-Geschichten natürlich überhaupt keine
Punkte machen, und so was wie Spannung ist absolut suspekt. Da muss man
elitär sein, schwierig, anspruchsvoll, dunkelsinnig und so weiter - alle
waren sie versammelt, die Krankheiten der typisch deutschen Art, mit
Schreiben umzugehen, hochkonzentriert in einem Raum und höchst virulent.
Die ersten Monate war ich völlig konfus, zweifelte an allem und jedem,
vor allem aber an meiner Fähigkeit zu schreiben, und fing an zu glauben,
nur Sonette, alexandrinische Versmaße und dunkle Metaphorik sei wahre
Literatur. Ich war, kurz gesagt, in akuter Gefahr, völlig zu
versuhrkampen. Aber irgendetwas - ein Überlebensinstinkt vermutlich -
bewahrte mich davor, indem es mich zunächst aufhören ließ, überhaupt
etwas zu schreiben. Die Genesung dauerte ein paar Jahre, aber
schließlich kam ich so weit zu sagen: Scheiß drauf, das, was Ihr für
Literatur haltet, ist alles gequirlte Kacke, und ich zeig Euch jetzt
mal, wie es wirklich geht.
Wie das eben so ist im Leben: nichts ist nur schwarz oder nur weiß.
Vielleicht war es ein Trainingscamp, in das mich das Schicksal schickte,
zur Abhärtung gegen schwafelige Kritik und zur Stählung meiner
Entschlusskraft, wer weiß? Jedenfalls, eines Tages stellte ich der Runde
eine Kurzgeschichte vor, die ich ziemlich gut fand, und danach kam einer
der anderen Teilnehmer auf mich zu, outete sich als Redakteur einer
Stuttgarter Literaturzeitschrift und zuständig für Science Fiction und
fragte, ob ich nicht etwas für seine Rubrik hätte. Ich sagte "Ja", und
weil das gelogen war, ging ich heim und schrieb an einem Tag die Story,
die heute in unveränderter Form das erste Kapitel der "Haarteppichknüpfer"
ist.
Wer gerne Fußball spielt, fängt vielleicht in der Kreisklasse an,
besucht Trainingslager, spielt irgendwann in der Landesliga und hofft,
dass er, wenn er intensiv genug trainiert und genügend Talent hat,
einmal in der Bundesliga landen wird. Beim Schreiben gibt es diese
Hierarchie nicht, da wollen alle gleich bei Suhrkamp oder Heyne
veröffentlichen.
In Wirklichkeit gibt es sie natürlich doch, diese Hierarchie, und es
kann nicht schaden, beizeiten ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass man,
wenn man eine Story in einem Literaturmagazin veröffentlicht hat,
gewissermaßen erst in der Kreisklasse spielt. Viele denken nämlich,
schreiben und veröffentlicht werden sei so eine "alles-oder-nichts-Geschichte"
- entweder nobelpreisverdächtig oder aber völlig unfähig. Von diesem
hierzulande sehr verbreiteten Irrglauben muss man sich befreien.
Schreiben ist eine Laufbahn, in der man sein Leben lang lernt und übt
und - hoffentlich - allmählich besser wird. Und während man diesen Weg
zurücklegt, veröffentlicht man immer mal wieder etwas. Natürlich kann es
dann passieren, dass man sich Sachen anschaut, die man vor zehn Jahren
geschrieben und poliert und so gut gemacht hat, wie man damals konnte,
und förmlich über Sätze und Wendungen und Stellen stolpert, die man
heute ganz anders machen würde. Aber irgendwie muss es sich ja
auswirken, wenn man dazulernt, nicht wahr?
Ein solches "graduelles" Verständnis des Weges führt auch dazu, dass
man unterwegs viele kleinere, aber letztendlich genauso motivierende
Erfolgserlebnisse haben kann. Wie weit würde ein Fußballer kommen, der
sich jeden Morgen sagt, "ich bin nicht in der Nationalmannschaft, also
tauge ich nichts"? Jedenfalls nie in die Nationalmannschaft, soviel
steht fest. Nein, es geht darum, immer den sinnvoll nächsten Schritt zu
sehen. Wenn er in der Kreisklasse spielt, muss er sich Gedanken darüber
machen, wie er den Sprung in die Regionalliga schafft. Durchaus mit der
Vision der Nationalmannschaft im Hinterkopf, aber eben als Vision, als
Leitstern am Horizont, über dessen Betrachtung man den Weg nicht aus den
Augen lassen darf, den man gerade geht.
Glaubst du, in den USA ist dies anders? Gibt es dort eher die
Möglichkeit, durch entsprechendes Training langsam immer besser zu
werden?
Ich glaube, dass die überragende Stellung amerikanischer Autoren vor
allem aus der enormen Konkurrenzsituation zu erklären ist, in der sie
heranwachsen. Das lässt diverse ungünstige Ideen und Verhaltensweisen,
die wir uns hierzulande leisten, gar nicht erst aufkommen. Und abgesehen
von der "Creative Writing"-Kultur - die, was man hört, so furchtbar "creative"
auch nicht immer sein soll - gibt es eben dreimal mehr Amerikaner als
Deutsche, dazu Kanadier und Engländer und Iren und so weiter... also ein
schlicht wesentlich größeres Talentpotential. Direkt in der Weltsprache
zu schreiben hat nicht nur Vorteile. Es setzt einen auch unbarmherziger
Konkurrenz aus.
In der Branche heißt es oft, ein Autor solle sich nicht durch
andere Autoren lektorieren oder gegenlesen lassen, weil Autoren immer
versuchten, das Manuskript so zu verändern, wie sie es schreiben würden.
In deinen Seminaren sitzen angehende Autoren mit halbfertigen Texten, zu
denen du und auch die Anderen etwas sagen. Sollte ein Autor überhaupt
über einen Text reden, bevor die erste Fassung steht? Führt ihn das
nicht dazu, dass er schreibt, wie der Seminarleiter es möchte, oder die
anderen Seminarteilnehmern, dass er sich beeinflussen lässt, seine
individuelle Stimme verliert?
Ein angehender Autor muss seine Stimme sowieso erst finden, und was
er dafür hält, sind zum größten Teil Manierismen, die er besser heute
als morgen los wird. Aber sich auf die Erwartungen anderer einzustimmen
und für die Gruppe oder den Seminarleiter zu schreiben, um sich in der
aktuellen Situation Streicheleinheiten abzuholen auf Kosten der eigenen
Entwicklung, das ist eine ernste Gefahr. Der man im Grunde nur durch
viel Abwechslung entgehen kann - andere Leser, andere Meinungen, andere
Umgebung. Und dadurch, dass man sich sehr, sehr deutlich darüber klar
wird, warum man eigentlich schreibt.
Abgesehen davon gibt es tatsächlich einen Punkt, bis zu dem man eine
Idee oder eine Textfassung für sich behalten sollte, und man muss
unbedingt lernen, diesen Punkt wahrzunehmen und zu respektieren. Ist
diese "Schutzfrist" vorbei, kann man von Feedback profitieren - davor
schadet es in jeder Form, selbst als überschwängliches Lob.
Du zitierst oft Hemingway, einmal kann ich mich an Dürrenmatt
erinnern, beide gehören nicht zur Science Fiction, sondern zur
Hochliteratur. Was kann ein Science Fiction Autor überhaupt von Autoren
der Hochliteratur lernen? Kann er von der klassischen
Literaturwissenschaft lernen? Kann er aus Schreibbüchern lernen?
Auch Science Fiction Literatur ist zunächst einmal Literatur, und es
wäre dumm zu glauben, dass sie nicht grundsätzlich denselben Regeln
unterliegt wie jede andere Literatur auch. Im Grunde ist nur das Sujet
anders. Hätte Hemingway sich für Raumfahrt interessiert statt für
Großwildjagd, hätte er sicher hervorragende Geschichten geschrieben, die
heute als SF laufen würden. ‚Schnee auf dem Olympus Mons' hieße dann
vielleicht eine, und es gäbe einen Roman mit dem Titel ‚Der alte Mann
und das All'... Nun ja, das ist natürlich eine nette Träumerei. Aber
natürlich kann man von jedem Autor lernen. Wenn man ein Buch liest, das
einen beeindruckt - was sollte einen daran hindern, sich dieses Buch
wieder und wieder vorzunehmen in dem Bemühen, herauszufinden, wie der
Autor es gemacht hat?
Kann ein Schriftsteller von der Literaturwissenschaft lernen?
Geradeheraus gesagt: Nein. Ich weiß nicht genau, wozu es so etwas wie
Literaturwissenschaft gibt und wozu sie gut sein soll, aber jedenfalls
nicht dazu, einem Schriftsteller zu helfen, besser zu schreiben. Ganz
verheerend ist es, Germanistik zu studieren - der sicherste Weg, sein
Talent abzutöten oder zumindest ernsthaft zu beschädigen.
Die so genannten "Schreibbücher"... Das ist so eine Sache. Was nicht
funktioniert, ist, sich zu sagen: "Ich kann doch nicht einfach drauf los
schreiben, ich muss erst mal lernen, wie man das richtig macht, und
deswegen les' ich erst ein paar Bücher übers Schreiben." So jemand wird
im Lauf der Zeit zu einer beeindruckenden Sammlung derartiger Bücher
kommen und zum Dauergast in Schreibseminaren werden, bloß eines wird er
nicht zustande kriegen, nämlich ein Manuskript, unter dem "Ende" steht.
Anfangen muss man mit dem Schreiben selbst. Aufs Geratewohl, einfach
drauf los. Man muss es erst mal kräftig falsch machen, ehe man eine
Chance hat zu verstehen, was einem jemand übers Schreiben erzählen will.
Ich kenne Texte von Hobbyautoren, da habe ich das Gefühl, der
Autor weicht konsequent der Geschichte aus, schlägt überall Haken, wo es
interessant wird. Ich kenne das auch von eigenen Texten. Du hast es mal
"die Angst des Autors vor dem eigenen Stoff" genannt. Ist dir das auch
passiert? Woher kommt diese Angst? Woran kann der Autor diese Falle
erkennen, was könnte er deiner Meinung nach dagegen tun?
Na ja, woran erkennt man, dass man Angst hat? Eben daran. Im
praktischen Leben äußert sich das auf verschiedenste Weise - vielleicht
hat man angeblich eine Schreibblockade, oder man weicht eben den heiklen
Szenen aus. Und was tut man gegen Angst? Man muss sich ihr stellen, eine
andere Möglichkeit gibt es nicht. Das ist wie im richtigen Leben. Da
gibt es für Autoren keine Sonderbehandlung. Und das ist ein Punkt, an
dem sich, wie es so schön heißt, "die Männer von den Knaben scheiden".
Wie entwickelt man sich zum Mann (oder zur Frau)? Dürenmatt soll
gesagt haben, eine Geschichte wäre erst dann fertig, wenn sie den
schlechtest möglichen Verlauf genommen hat. Hieße das, ein Autor muss
vor allem an den Stellen weitererzählen, die er lieber nicht erzählen
würde, die ihm unangenehm sind, wo er zunächst nicht weiter weiß?
Vor allem sind das die Momente, in denen die Geschichte sich des
Autors bemächtigt, nach ihm greift und ihn zwingt, sich einer Wahrheit
zu stellen. Wobei ich nicht einer Psychologisierung das Wort reden will.
Es geht nur darum, dass man sich eingesteht, hier stocke ich, weil ich
nicht weiter weiß; mein ursprüngliches Konzept funktioniert irgendwie
nicht, und ich weiß nicht, wie es weitergeht. Das ist wichtig: sich
einzugestehen, "ich weiß gerade nicht weiter". Ich glaube, das allein
entsetzt einen Autor ja erst mal. Man hält es nicht aus, nicht sofort
eine Lösung parat zu haben, und ist deshalb leicht bereit, nach dem
nächstliegenden Strohhalm zu greifen, und das ist eben die Vermeidung.
Vielleicht weiß man nicht weiter, weil man vor einer Szene steht, der
man sich von seinen Fähigkeiten nicht gewachsen fühlt. Dann lässt man es
aus, schildert die notwendigen Ereignisse in der Rückschau oder als
Bericht dritter Hand - das macht man ein paar Mal, und das ganze Buch
besteht aus Vermeidungen. Nein, man muss ran an die Sache. Da ist also
diese Szene. Ein erbitterter Streit zwischen einem Mann und einer Frau.
Liebesdrama. Man schreibt die Szene, so gut man kann, und sie wird nicht
gut. Man schreibt sie um, schreibt sie nochmals. Schreibt vielleicht
erst was anderes, um dann zu diesem Punkt zurückzukehren. Dann, beim
siebzehnten Umschreiben, kommen einem plötzlich Erinnerungen an eine
eigene schmerzhafte Trennung hoch, die ganze Verletztheit, die ganze
Enttäuschung, alles wieder da, frisch, als wäre es gestern gewesen, und
aus diesem Zustand heraus schreibt man die Szene - und sie wird gut.
Womöglich großartig. Und man selber ist ein Stück heiler geworden,
vielleicht. Oder vielleicht auch nicht, das weiß man nie vorher.
Oft fragen sich Autoren, wenn sie ein paar Jahre erfolglos einer
Veröffentlichung hinterher gejagt sind: Habe ich überhaupt Talent?
Sollte ich mir nicht ein anderes Hobby suchen, Squaredance zum Beispiel?
Ich zucke immer zusammen, wenn jemand vom Schreiben als "Hobby"
spricht. Für mich ist Schreiben kein Hobby und ist es nie gewesen.
Hobby, das ist etwas, das man ohne allzu großen Anspruch an sich selbst
macht. Wenn ich mit meiner Frau eine Wanderung mache, dann ist das Hobby
- ich bin froh, fünfzehn oder zwanzig Kilometer bis zum Ende zu schaffen
und fühle mich hinterher schön müde, aber ich habe keinerlei Ehrgeiz,
irgendwelche Rekorde aufzustellen oder an irgendwelchen Meisterschaften
teilzunehmen oder was man da so machen könnte. Null. Mir reicht es, wie
es ist. Aber wer mit dieser Einstellung ans Schreiben herangeht, der, so
leid es mir tut, gehört nicht zu denen, zu denen ich spreche, wenn ich
übers Schreiben spreche. Insofern kann ich dazu nichts sagen. Für mich
ist Schreiben eine todernste Sache.
Es gibt auch genügend Kritiker, die aufgrund vorgelegter Texte
entscheiden, ob jemand Talent habe oder nicht. Wie stehst du dazu?
Also, auf Kritiker zu hören würde ich niemandem empfehlen. Ich habe
das Gefühl, dass viele Kritiker werden, weil sie sich nicht trauen,
selber etwas zu schreiben. Da schwingt dann immer entweder Missgunst und
Neid mit in dem, was sie sagen, oder aber völlig überzogene
Heldenverehrung. Das erstere ist verletzend, das letztere darf man
tunlichst nicht ernst nehmen, bloß nützlich ist beides nicht.
Ob man Talent hat...? Na ja, das ist so ein Wort. Talent haben viele.
Die Welt wimmelt von talentierten Leuten - die halt nur nichts daraus
machen. Insofern sollte man sich sein eigenes Durchhaltevermögen
ansehen. Wenn die Ausdauer nicht von Talent unterfüttert ist, wird sie
eines Tages nachgeben.
Ein Autor kommt zu dir, der drei fertige, aber hundertfach
abgelehnte Romanmanuskripte in der Schublade liegen hat. "Soll ich
weiterschreiben, oder mich einer Verhaltenstherapie wegen chronischem
Schreibzwang unterziehen?" fragt er dich. Was antwortest du?
Ich bezweifle, dass es das überhaupt gibt, hundertfach abgelehnte
Romanmanuskripte, und dann gleich drei davon. Die meisten schicken ihr
Ding doch an eine Handvoll Verlage und kapitulieren, wenn sie damit
keine Begeisterungsstürme auslösen. Aber selbst wenn doch: drei Romane,
das ist noch keine Menge, mit der man es ausgereizt hätte. In den guten
alten Zeiten, als in den CompuServe-Foren noch echt was los war, bin ich
mal auf eine Notiz von C.J. Cherry gestoßen, in der sie erzählte, dass
sie zehn Jahre lang jedes Jahr einen Roman fertiggestellt und auf die
Reise geschickt hat - bis schließlich einer angenommen wurde und ihre
Karriere beginnen konnte!
Ich denke, man sollte das Schreiben so ähnlich betrachten wie eine
Sportart. Lass uns doch noch einmal das Beispiel von vorhin aufgreifen,
das mit dem Fußball. Fast jeder spielt irgendwann Fußball - sogar ich
habe mal Fußball gespielt, man höre und staune! -, und man wäre ja kein
menschliches Wesen, wenn man sich dabei nicht vorstellen würde,
Beckenbauer zu sein oder so jemand. Aber die meisten lassen es letztlich
wieder sein. Nur wenige packt es so, dass sie einen Beruf daraus machen.
Man muss dazu ja nicht nur viel Talent mitbringen, sondern vor allem
Bereitschaft, auch die außergewöhnlichen Mühen auf sich zu nehmen, die
eine außergewöhnliche Laufbahn erfordert. Bestimmt ist es toll, im
schweißgetränkten Hemd dazustehen, den Worldcup in die Höhe zu halten
und von Hunderttausenden begeisterter Zuschauer bejubelt zu werden. Aber
der Preis dafür - der Preis allein für die vage Chance, irgendwann dahin
zu kommen - sind eben furchtbar viele Stunden Training, viele
anstrengende Spiele, gefährliche Verletzungen, jede Menge Kampf und
Anstrengung. Da muss jeder für sich entscheiden, ob es ihm das wert ist.
Es geistert dummerweise so eine seltsame Vorstellung in vielen
Köpfen, man MÜSSE ein Buch schreiben im Leben. Ein Haus bauen, einen
Sohn zeugen, ein Buch schreiben, so ungefähr. Da schwingt Angst mit,
ansonsten dereinst an der Himmelspforte abgewiesen zu werden. Was ganz
bestimmt Blödsinn ist. Es gibt keinen Himmel der Schriftsteller, und was
die Welt ganz bestimmt nicht braucht, ist ein weiteres Buch.
Ich denke, das Kriterium muss sein, dass man sich die Frage stellt:
will ich es wirklich - oder tue ich es nur, um mir etwas zu beweisen?
Ich habe mal geglaubt, mir beweisen zu müssen, dass ich ein toller
Geschäftsmann und Unternehmer bin. Verführerischerweise eine Zeitlang
nicht mal unerfolgreich, so dass diese leise Stimme, die mir von Anfang
an zuflüsterte, "das ist aber nicht das, was du wolltest im Leben", fast
kein Gehör gefunden hätte. Zum Glück habe ich dann die Kurve gekriegt
und bin jetzt da, wo ich hingehöre. Ich bin aber überzeugt, dass sich
viele mit dem Schreiben abplagen, die eigentlich woanders hingehören und
eigentlich im Leben etwas ganz anderes machen wollen. Wenn man ihnen nur
nicht eingeredet hätte, sie müssten schreiben. Sie müssen nicht. Sie
dürfen es auch lassen. "Wenn Sie im Leben etwas anderes tun können als
zu schreiben, dann tun Sie das", pflegte Georges Simenon zu sagen.
Deswegen, wenn man sich plagt mit dem Schreiben, wenn einem nicht,
unabhängig von allen Veröffentlichungen und Preisen und dem ganzen
Drumherum, der Akt des Schreibens an sich Freude bereitet, dann ist man
mit ziemlicher Sicherheit auf dem falschen Dampfer. Wobei ich jetzt
nicht behaupten will, dass Schreiben jederzeit besser ist als Sex - das
ist es nur manchmal.
Wie viel, wie lange hast du überhaupt geschrieben, bis dein erster
Roman erschienen ist?
Lass mal rechnen ... Als ich ernsthaft angefangen habe zu schreiben
war ich 12, das dürfte so im Frühjahr 1972 gewesen sein. Ich hatte
gerade die Schreibmaschine entdeckt und war nicht mehr davon
loszukriegen. Mein erster Roman ist im Frühjahr 1995 erschienen - macht
also eine Differenz von reichlich entmutigenden 23 Jahren. Nun habe ich
natürlich nicht all diese Jahre hindurch versucht, veröffentlicht zu
werden, im Gegenteil, ich habe die Existenz von Verlagen praktisch nicht
zur Kenntnis genommen. Mein Schreibaufkommen verteilt sich auch sehr
ungleichmäßig. In meiner Jugend habe ich einige Dutzend kurze und eine
Handvoll längere Romane geschrieben, aber das dünnte aus, als die Schule
vorbei war und ich auf der Uni war - mit 21, 22 habe ich meinen damals
letzten Roman mühsam beendet und dann, wie erwähnt, erst mal lange nur
Tagebuch und seltsames Zeug geschrieben. Den nächsten Roman habe ich
erst 1989 wieder in Angriff genommen, ihn auch beendet - was der
eigentliche Gewinn war, ansonsten ist er ziemlich missraten. Ich dachte
nach dem ersten Lesen wirklich, ich hab's verlernt. Eingerostet. Aber
dann fiel mir diese Story wieder in die Hände, und ich dachte, hmm, wie
wäre es, wenn ich daraus einen Roman mache? Na ja, und das habe ich dann
gemacht.
Wenn du dir ansiehst, wie viel du geschrieben hast: Wurde das
meiste davon veröffentlicht oder quellen deine Schubladen über von nicht
fertiggestellten, nicht veröffentlichten Texten?
Nein, meine Schubladen sind mittlerweile ziemlich leer. Das weitaus
meiste, was ich seit Anfang der Neunziger geschrieben habe, ist auch
veröffentlicht. Allerdings gibt es da auch noch Kisten und Kästen im
Keller, in denen ein Haufen nicht fertiggestelltes und nicht
veröffentlichtes Zeug aus meinen Jugendjahren vor sich hin modert. Das
ist an Menge und Umfang leicht noch mal so viel wie das, was ich
veröffentlicht habe, doch es taugt nur zum Heraufbeschwören
sentimentaler Erinnerungen, nicht dazu, veröffentlicht zu werden.
Stephen King ist ein intuitiver Autor, dessen Handlungen und
Personen sich während des Schreibens entwickeln. Andere Autoren planen
jede Szene genau, bevor sie auch nur ein Wort zu Papier gebracht haben.
Wie machst du es? Würdest du dich eher als "Bauch-" oder als
"Kopfschreiber" bezeichnen?
Weder noch. Oder beides, vielleicht. Wenn ein Text, den ich schreibe,
gut gerät, dann habe ich meistens schon beim Schreiben ein Gefühl von
umfassendem Einklang, von Ganzheit, um mal dieses heutzutage
vielstrapazierte Wort zu gebrauchen. Wenn's was zu überlegen gibt, dann
erledigt der Kopf das, und wenn's was zu erspüren gibt, der Bauch.
Manchmal geschieht es, dass die eigenen Figuren ein Eigenleben
führen, den geplanten Plot durcheinanderwirbeln, sich störrisch den
Plänen ihres Schöpfers widersetzen. Passiert dir das auch? Wie gehst du
damit um?
Das passiert mir auch, zum Glück, denn genau das ist ja eines der
sichersten Zeichen dafür, dass es einem gelungen ist, lebendige Figuren
zu schaffen, nicht wahr? Ein Wesen, das einem vollkommen gehorcht und
kein Eigenleben entwickelt, ist ein Roboter, und Romane, die mit
literarischen Robotern bevölkert sind, gibt es schon genug. Nein, ich
finde es immer höchst spannend, wenn das passiert - ich warte regelrecht
darauf während des Schreibens eines Romans. Und dann gehe ich einfach
mit und schaue, was sich entwickelt. Da verliere ich auch das Gefühl,
den Roman zu "machen" - er macht sich sozusagen von selbst, ich brauche
nur noch mitzuschreiben. Also auch ein höchst ökonomischer Effekt.
Wie habe ich mir das vorzustellen? Du hast eine Idee für einen
Roman, dir fällt auch ein, auf welchen Text der Schluss zusteuert.
Schreibst du dann los, Szene nach Szene? Oder machst du auf Packpapier
ein Konzept wie der Schriftsteller im Jesus Video? Schreibst du jeden
Tag eine bestimmte Textmenge? Legst du es darauf an, dass deine Figuren
die Herrschaft übernehmen und du ganz woanders ankommst, als du gedacht
hast?
Ich entwickle ein Konzept, aber nicht auf Packpapier wie Peter
Eisenhardt, sondern meist in einem kleinen DIN A5-Ringblock. An dem
spiele ich herum und probiere Varianten und male es immer wieder neu
zusammen, bis mir der Roman in seiner Gesamtheit ziemlich klar vor Augen
steht. Daraus leiten sich dann Szenen und Kapitel ab, und wenn ich das
Gefühl habe, ich weiß jetzt, wie's laufen wird, fange ich an. Meistens
am Anfang, eine Szene nach der anderen schreibend - auf diese Weise
entwickelt sich alles in der Regel am besten; wenn man weiter hinten
liegende Szenen im voraus schreibt - was ich trotzdem manchmal mache -,
muss man sie meist wieder ändern, wenn man den Leerraum dazwischen
aufgefüllt hat.
Ich schreibe nicht jeden Tag eine bestimmte Textmenge, sondern ich
verteile die Gesamtaufgabe auf die Zeit, die ich mir einräume. Also wenn
der Roman z.B. 350 Seiten haben soll, ich im Januar anfange und ihn Ende
Dezember fertig haben will, dann muss ich Ende Juni bei Seite 175 sein
und von der Handlung her in der Mitte, und das kann man noch feiner
herunterbrechen, bis man recht genau weiß, wann welches Kapitel fertig
sein muss. Das trage ich in einen Jahreskalender ein, der zu den
sonstigen Begleitunterlagen kommt, und in diesem Kalender führe ich auch
Buch darüber, wann welches Kapitel tatsächlich fertig wird. So sehe ich,
ob ich meinem Plan voraus oder hinterher bin. Wobei man ihm am Anfang
meist etwas hinterher hinkt und ihn am Schluss überholt - in der zweiten
Hälfte eines Romans läuft es meist wesentlich schneller. Wie auch immer,
jedenfalls weiß ich jederzeit, ob ich sagen kann, "ja, klar, lass uns
morgen ins Freibad gehen" oder "nein, du, ich kann leider nicht zu
deiner Party kommen". Das ist das ganze Geheimnis.
Was die Figuren anbelangt, so fließt ein Teil von deren
"Eigeninitiative" bereits in den Entwurf ein. Wenn man sich mit einer
Figur angefreundet und sie klar vor Augen hat und plötzlich merkt, die
würde das, was man ihr zugedacht hat, nicht tun, dann denkt man sich
eben etwas anderes aus.
Und wenn man es dann tatsächlich niederschreibt, wird es meistens
noch mal anders als gedacht ...!
Eines Nachts liegst bist du schon halb eingeschlafen im Bett,
plötzlich steht eine gute Fee neben dir und sagt: "Du hast soviel
geschrieben, das soll dir belohnt werden. Du hast einen Wunsch zur
deutschen Literatur- und Buchszene frei." Was wünscht sich Andreas
Eschbach?
Dass es plötzlich wie eine Seuche um sich greift, Fernsehen doof zu
finden und stattdessen Bücher zu lesen, vielleicht? Obwohl auch schon
viel gewonnen wäre, wenn in Straßenbahnen anstatt dieser entsetzlich
unpraktischen Zeitungen Bücher gelesen würden. Zeitung lesen ist ohnehin
eine der größten Zeitverschwendungen, die es gibt.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte
Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |