
Christoph
Hardebusch gelang mit seinem Erstling "Die Trolle" gleich ein
Bestseller – obwohl die SZ es unter die "zehn überflüssigsten Bücher"
eingereiht hatte. Auch der Nachfolgeband "Die Schlacht der Trolle" wurde
ein Erfolg. Beide Bücher liefen bei Heyne noch in der Reihe der Standardfantasy, in der auch
"die Zwerge", "die Orks" und andere Bücher
erschienen, die in ähnlichen Szenarien wie der Herr der Ringe spielten,
auch wenn es bereits deutliche Unterschiede gab.
Mit "Sturmwelten" verließ er dieses Umfeld, dieses Buch spielt nicht
in einem gefühlten Mittelalter, sondern in einer Zeit des Absolutismus
und der Revolutionen; Kanonen statt Schwerter, Kolonien,
Sklavenbefreiung und Piraterie.
"Sturmwelten" spielt in einer Fantasy-Welt, die
an 1800 erinnert. Warum hast du diese Welt gewählt? Weil mich diese dramatische Zeit schon immer sehr fasziniert hat. Die
Welt an der Schwelle zur Moderne, teilweise noch den alten Strukturen
verhaftet, aber mit starken Bestrebungen, diese zu ersetzen. Die
gesellschaftlichen Risse, die Zeit der Aufklärung, der wir so viel zu
verdanken haben – das ist einfach ein unglaublich spannendes Thema.
Zudem bin ich ein Fan der großen Segler, die eben in jener Zeit der
napoleonischen Kriege die Meere beherrschten. Die Idee, diese Interessen
mit dem Fantasygenre zu verbinden, spukt schon länger in meinem Kopf
herum, und ich war sehr froh, dass der Verlag dazu grünes Licht gegeben
hat.
Warum hast du aus dem Stoff keinen historischen
Roman gemacht? Weil die Geschichte einerseits
phantastische Elemente enthält, die das erschwert hätten. Andererseits
fand ich gerade die Verquickung Historie-Fantasy interessant. In der
Fantasy herrschen ja häufig pseudo-mittelalterliche Strukturen vor, und
es hat mich gereizt, einen Roman in einer ganz anderen zeitlichen Ebene
anzusiedeln. Das ist ja das eigentlich phantastische an der Fantasy: man
kann so viel mit und in ihr machen. Fantasy muss nicht immer aus Elfen
und Zwergen – oder Trollen (lacht) – bestehen.
Immer wieder heißt es, dass Verlage am liebsten
immer das Gleiche drucken würden. Stimmt das? Wie groß ist das Risiko,
bei Büchern die gängigen – und sicheren – Pfade zu verlassen?
Man sagt ja auch, Verlage drucken häufig ähnliche Bücher,
weil viele Leser genau dies wollen. Das ist ein wenig die Frage nach
Huhn und Ei: Publizieren Verlage die Bücher, die von den Lesern verlangt
werden, oder verlangen Leser nach den Büchern, die von Verlagen
herausgegeben werden? Ich denke, beides ist richtig. Viele Leser
schätzen ihre Gewohnheiten, tauchen gerne in bekannte Welten ab, mögen
Stil und Inhalt ihrer Lieblingsautoren. Ich selbst bin davon ja nicht
frei: in meinem Regal stehen zum Beispiel alle Bücher von Terry Pratchett, und seine Neuerscheinungen kaufe ich blind. Auf der anderen
Seite wächst das Angebot an Büchern auch ständig. Um es mal für Fantasy
zu sagen: es gibt heutzutage eine riesige Auswahl an Büchern. Diejenigen
Leser, die sich informieren und gezielt kaufen, haben die Wahl aus einer
phantastischen Vielfalt. Und diejenigen, die Altbewährtes wünschen,
können dies ebenfalls finden.
In den letzten ein, zwei Jahren gab es einige
deutsche Fantasyautoren, die nicht die gängigen Welten, die "Herr der
Ringe" Geschichten veröffentlicht haben – Kai Mayers "Wolkenvolk" -
Trilogie erinnert an China und die Renaissance, Jenny Mai Nuyens "Drachenfeuer" an London um 1900. Ist das ein Trend weg von den Herr der
Ringe Epen? Sind die Verlage mutiger geworden, die Leser oder die
Autoren? Das Angebot und auch die Nachfrage nach
den High-Fantasy-Zyklen bleiben ungebrochen. Aber der Boom der Fantasy
ermöglicht es Verlagen, auch andere Felder zu beackern, und das eine
oder andere Experiment zu wagen. Dass ein allgemeiner Trend weg von der
klassischen Fantasy besteht, denke ich nicht. Ich glaube eher, dass es
auch innerhalb der Fantasy verschiedene Richtungen gibt. Urban Fantasy
ist gerade stark, besonders in der Ausprägung "Paranormal Romance". Und
zwischendrin findet man immer wieder Perlen wie Oliver Plaschkas "Fairwater", die jede Genregrenze sprengen.
Was hat dein Verlag zur Sturmwelt und dem ganz
anderen Hintergrund gesagt? Gab es Bedenken? Ich
habe das Projekt bei einem Treffen vorgeschlagen, und die Reaktion war
sofort positiv. Ich hatte mich darauf eingestellt, im Notfall
Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, aber das war nicht erforderlich.
Ich glaube, dass Verlage weitaus aufgeschlossener sind, als gemeinhin
gedacht. Allerdings müssen sie natürlich auch die finanzielle Seite im
Blick behalten. Wenn ich mir die Versuchsballons ansehe, die in letzter
Zeit gestartet wurden, bleibt mir nur die Hoffnung, dass diese von den
Lesern auch angenommen werden. Denn da liegt letztendlich die Crux.
Wie lange hast du an der Erstfassung gearbeitet
und wie lange an der Überarbeitung? Wurde viel geändert?
Wie gesagt, die Idee des Projekts existiert schon länger.
Mit der Ausformulierung habe schon 2006 begonnen, um es dem Verlag auch
inklusive einer Leseprobe präsentieren zu können. Ich schreibe recht
schnell, überarbeite dann allerdings auch intensiv. Der Anteil ist
schwer abzuschätzen, da ich über Arbeitszeiten kein Buch führe. Das ist
vermutlich auch besser so (lacht). Ich habe eine ganze Reihe von
Testlesern. Dadurch werden die Texte zeitnah unter die Lupe genommen,
und ich erhalte sehr hilfreiche Kommentare, die mir Stärken und
Schwächen aufzeigen.
Wie sah das Lektorat bei Heyne aus? Wurde da
noch viel geändert, oder war es nur ein Korrektorat?
Ich arbeite sowohl mit den festen Lektoren, als auch mit der
freien Mitarbeiterin, die das endgültige Lektorat macht, sehr eng
zusammen. Fragen des Plots werden allerdings schon im Vorfeld
besprochen, und da gibt es nur selten Änderungsvorschläge. Bei der
Arbeit am Text selbst geht es dann letztendlich viel um stilistische
Fragen. Als Autor steht natürlich der eigene Name auf dem Cover, und man
trägt zu Recht die Verantwortung für das Buch, weshalb ich in diesen
Dingen immer das letzte Wort habe. Sprich, ich entscheide, muss dann
aber auch für diese Entscheidungen gerade stehen.
Womit hast du dein Buch begonnen, was war als
erstes da? Eine Figur, ein Bild oder ein Stück Plot?
Ich denke, es ist eine Mischung aus Welt, Figuren und Plot.
Denn natürlich bedingen diese sich gegenseitig. Die Konflikte der
Figuren entstehen ja häufig durch Interaktion mit ihrer Umwelt, und
daraus entwickelt sich der Plot. Und um, zum Beispiel, gesellschaftliche
Zwänge erklären zu können, braucht es zumindest eine Idee von der Welt
und den soziologischen Verflechtungen.
Wie arbeitest du? Erstellst du am Anfang erst
Personenbeschreibungen, fängst du mit dem Plot an oder schreibst du
einfach los? Ich plane das Buch soweit wie möglich
durch, bevor ich schreibe. Dabei entstehen auch die Figuren, die
Hintergrundwelt, sowie deren Beziehungen untereinander. Aus einer sehr
unscharfen Idee von Figuren, Hintergrund und Geschichte entwickelt sich
dann langsam das Buch. Selbstverständlich habe ich auch während des
Schreibens Ideen und Einfälle, die dann gegebenenfalls eingebaut werden,
und sogar größere Teile verändern können. Aber der grobe rote Faden
steht bereits zu Beginn, und an diesem hangele ich mich beim Schreiben
entlang.
Wie sieht die Planung bei dir konkret aus?
Szenenplan oder Karteikarten oder Exceltabelle? Zunächst ein ganz klassisches Exposé auf drei oder vier Seiten, mit dem
ich das Projekt auch gleich beim Verlag präsentieren kann. Später steige
ich auf Excel um; dort erstelle ich eine Kapitelübersicht, in der ich
die entscheidenden Fakten eintrage: Handlung, Perspektive, Figuren,
später auch Chronologie und Seitenzahl. Dazu habe ich allerdings noch
allerlei andere Dokumente, Notiz- und Merkzettel, unleserliche,
handschriftliche und kryptische Nachrichten an mich selbst. Ein nicht
unwesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, diesen Informationstiger
zu bändigen und durch die entsprechenden Reifen springen zu lassen
(lacht).
Weißt du gleich zu Beginn, wie deine Geschichte
ausgehen würde? Das ergibt sich aus der Planung
und dem roten Faden. Auch hier steht eine sehr grobe Version, die sich
dann während des kreativen Prozesses noch anpassen kann. Aber im Prinzip
steht das Ende bereits fest.
Christoph Lode (Der Gesandte des Papstes) hat
gesagt, dass er manchmal den Eindruck hatte, er müsste keine Geschichte
erfinden, sondern eine vorhandene aus dem Wust der Fakten und Ideen
ausgraben. Ähnliches schrieb auch Stephen King. Hattest du auch dieses
Gefühl? Ich kann diese Sichtweise sehr gut
verstehen. Häufig erlebe ich, dass sich Teile der Geschichte scheinbar
ungeplant perfekt zusammenfügen. Was zunächst wie ein ungeordneter
Haufen bunter Plättchen aussieht, wird am Ende zu einem sinnvollen
Mosaik. Einzelne Ideen verbinden sich untereinander und ergeben ein
harmonisches Ganzes. Daraus kann durchaus das Gefühl entstehen, dass man
nur etwas freilegt, was nur genau darauf wartet. Vielleicht ist es aber
weniger das Ausgraben aus einem Faktenwust, sondern vielmehr aus dem
eigenen Hirn (lacht).
Sturmwelten arbeitet mit fünf verschiedenen Perspektiven.Ein gestrandeter hiscadischer Edelmann, der auf einem
Piratenschiff landet, eine junge Marineoffizierin, die gerade zum
Leutnant befördert wurde, ein Eingeborener, der versklavt wurde, ein
Dichter an einem absolutistischen Königshof und eine Sklavin, die nie
frei war. Welche Figur gab es zuerst? Ganz am
Anfang stand der Dichter Franigo; einfach, weil ich, um das Gefühl für
die Geschichte, die Welt und den Stil zu bekommen, ein Kapitel aus
seiner Sicht geschrieben habe, das ursprünglich als Prolog geplant war.
Es hätte ja sein können, dass ich dem von mir vorgestellten Ideal der
Geschichte und auch Sprache, also dem Gefühl des Romans, gar nicht nahe
genug komme. Aber Franigo hat mir schreiberisch so viel Spaß gemacht,
dass er schließlich sogar eine komplette Perspektive bekommen hat.
Franigo war als erster da, aber als Perspektive
kam er erst als letzter dazu, wenn ich das richtig im Kopf habe. Warum?
Die Perspektive bietet sehr viele Möglichkeiten,
und die Figur kommt mir sehr entgegen. Deswegen bekam ich immer mehr
Lust, den Part auszubauen. Zusätzlich bot sich Franigo an, um dem Leser
einen Blick auf den Kontinent Corbane zu ermöglichen, dessen Bewohner ja
für die Handlung wichtig sind. Da die anderen Perspektivträger allesamt
in der Sturmwelt sind, fehlte dieser Ausblick. In den nächsten Bänden
wird Corbane eine zentralere Rolle als Handlungsort einnehmen, und so
hat die Leserin schon einmal einen Ausblick bekommen.
Hast du einen persönlichen Liebling unter den
fünf? Das ist immer eine schwierige Frage. Wie
gesagt, Franigo gefiel mir außerordentlich gut, aber ich denke nicht,
dass ich einen Liebling benennen kann. Jede Perspektive hat ihre
Höhepunkte, und es war immer eine Freude, zu einer zurückzukehren. Jede
spricht auch andere Facetten und Interessen meiner selbst an, die
vielleicht sogar im Widerspruch liegen.
Wie war das beim Schreiben? Hast du erst eine
Perspektive fertig geschrieben oder alle gleichzeitig?
Ich schreibe normalerweise chronologisch, also die Kapitel
nacheinander. Allerdings kann es sein, dass ich einzelne
Handlungsstränge am Stück schreibe. Dann schreibe ich eine oder zwei
Perspektiven einige Kapitel weiter, und füge die anderen Perspektiven
später in den Text ein.
Auf deiner Homepage gibt’s du den Schreibtipp,
"durchaus querbeet zu lesen", ", die ausgetretenen Pfade (zu) verlassen"
(hier). Was liest Christoph Hardebusch
außer Fantasy? Ich lese tatsächlich querbeet.
Neben Fach- und Sachbüchern, in denen ich gerne schmökere, lese ich SF,
Krimis, Thriller, Historische Romane und auch sonstige Belletristik. Das
ist eine sehr schwammige und weit gefasste Antwort, aber wenn ich mir
unsere Bücherregale ansehe, muss sie so ausfallen. Als Leser – oder auch
als Konsument allgemein – achte ich nicht wirklich auf Grenzen. Viel
wichtiger als Genres sind mir zum Beispiel Empfehlungen von Freunden und
Bekannten, deren Geschmack ich schätze. Die berüchtigte Mundpropaganda,
deren Wirksamkeit ich zumindest in meinem Fall bestätigen kann.
Gibt es da einen Titel außerhalb der Fantasy,
der dich in letzter Zeit besonders beeindruckt hat? Als jemand, der einmal Geschichte studiert hat, bin ich bei Historischen
Romanen häufig vorsichtig. Deshalb war ich von Christoph Lodes "Der
Gesandte des Papstes" positiv überrascht. Eine spannende Geschichte,
interessante Charaktere und eine klare Sprache. Ansonsten war ich in
letzter Zeit sehr tief in der eigenen Geschichte, und da fällt mir das
Lesen anderer Bücher schwer. Ich plane das aber nach Abgabe des
aktuellen Manuskripts nachzuholen.
Um auf die Mundpropaganda zurückzukommen: Oft
wird ja behauptet, große Verlage machen Bücher allein durch ihr riesiges
Werbe-Budget zu Bestsellern? Was hältst du für das entscheidende:
Werbebudget oder Mundpropaganda? Ganz ehrlich:
Mundpropaganda halte ich für effektiver. Natürlich hilft Werbung, und
sie kann eine bereits in Ansätzen vorhandene Mundpropaganda weiter
befeuern. Aber wo sieht man denn Werbung für Bücher? Sie ist eher
unauffällig, und geht im Dauerfeuer der sonstigen Werbung eigentlich
unter. Natürlich gibt es immer extreme Beispiele, Weltbestseller und
ähnliches, bei denen eine intensivere Kampagne gefahren wird. Aber für
das Gros der Bücher sieht es anders aus. Manchmal glaube ich fast, dass
die Werbung nur für den Buchhandel geschaltet wird. In den Vorschauen
wird ja immer angegeben, wo ein Buch beworben werden soll. Das
signalisiert dem Buchhandel, dass der Verlag es mit diesem Buch ernst
meint und ihm gute Chancen einräumt. Die Zielgruppe der Werbung bestünde
in diesem Fall also eher aus den Einkäufern der Buchhandelsketten, und
die eigentliche Werbung geschieht lange bevor die Anzeigen geschaltet
werden. Es ist ein ketzerischer Gedanke, aber der Buchhandel hat meiner
Meinung weitaus mehr Einfluss darauf, ob ein Buch ein Bestseller wird,
als Buchwerbung.
Wenn du dir den heutigen Buchmarkt ansiehst und
einen Wunsch freihättest: Was würdest du gerne anders sehen?
Es gibt einiges, das bei einem solchen Blick Sorgen bereiten
kann. Die immer stärkere Konzentrationsbewegung im Buchhandel, aber auch
bei Verlagen zum Beispiel. Es wäre auch gut, wenn die Rechte der
tatsächlichen Urheber gestärkt würden. Es gibt im Buchmarkt viele
Vorurteile, nicht nur gegen Genres, sondern auch gegen Arten des
Publizierens, gegen Inhalte, Autoren, Formen. Weniger Vorurteile würden
uns generell gut zu Gesicht stehen. Lesen ist sexy, auch das sollte
wieder mehr vermittelt werden.
Herzlichen Dank für das Interview.
Ich bedanke mich.
Leseprobe "Sturmwelten" /
Das Buch bei Amazon
/
Rezension
"Sturmwelten" /
Rezension "Die Trolle" |