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"Ganz ehrlich: Mundpropaganda halte ich für effektiver"

Interview mit Christoph Hardebusch
Interview von Hans Peter Roentgen (TeXtkraft), Mai 2008

Christoph Hardebusch gelang mit seinem Erstling "Die Trolle" gleich ein Bestseller – obwohl die SZ es unter die "zehn überflüssigsten Bücher" eingereiht hatte. Auch der Nachfolgeband "Die Schlacht der Trolle" wurde ein Erfolg. Beide Bücher liefen bei Heyne noch in der Reihe der Standardfantasy, in der auch "die Zwerge", "die Orks" und andere Bücher erschienen, die in ähnlichen Szenarien wie der Herr der Ringe spielten, auch wenn es bereits deutliche Unterschiede gab.

Mit "Sturmwelten" verließ er dieses Umfeld, dieses Buch spielt nicht in einem gefühlten Mittelalter, sondern in einer Zeit des Absolutismus und der Revolutionen; Kanonen statt Schwerter, Kolonien, Sklavenbefreiung und Piraterie.

"Sturmwelten" spielt in einer Fantasy-Welt, die an 1800 erinnert. Warum hast du diese Welt gewählt?

Weil mich diese dramatische Zeit schon immer sehr fasziniert hat. Die Welt an der Schwelle zur Moderne, teilweise noch den alten Strukturen verhaftet, aber mit starken Bestrebungen, diese zu ersetzen. Die gesellschaftlichen Risse, die Zeit der Aufklärung, der wir so viel zu verdanken haben – das ist einfach ein unglaublich spannendes Thema. Zudem bin ich ein Fan der großen Segler, die eben in jener Zeit der napoleonischen Kriege die Meere beherrschten. Die Idee, diese Interessen mit dem Fantasygenre zu verbinden, spukt schon länger in meinem Kopf herum, und ich war sehr froh, dass der Verlag dazu grünes Licht gegeben hat.

Warum hast du aus dem Stoff keinen historischen Roman gemacht?

Weil die Geschichte einerseits phantastische Elemente enthält, die das erschwert hätten. Andererseits fand ich gerade die Verquickung Historie-Fantasy interessant. In der Fantasy herrschen ja häufig pseudo-mittelalterliche Strukturen vor, und es hat mich gereizt, einen Roman in einer ganz anderen zeitlichen Ebene anzusiedeln. Das ist ja das eigentlich phantastische an der Fantasy: man kann so viel mit und in ihr machen. Fantasy muss nicht immer aus Elfen und Zwergen – oder Trollen (lacht) – bestehen.

Immer wieder heißt es, dass Verlage am liebsten immer das Gleiche drucken würden. Stimmt das? Wie groß ist das Risiko, bei Büchern die gängigen – und sicheren – Pfade zu verlassen?

Man sagt ja auch, Verlage drucken häufig ähnliche Bücher, weil viele Leser genau dies wollen. Das ist ein wenig die Frage nach Huhn und Ei: Publizieren Verlage die Bücher, die von den Lesern verlangt werden, oder verlangen Leser nach den Büchern, die von Verlagen herausgegeben werden? Ich denke, beides ist richtig. Viele Leser schätzen ihre Gewohnheiten, tauchen gerne in bekannte Welten ab, mögen Stil und Inhalt ihrer Lieblingsautoren. Ich selbst bin davon ja nicht frei: in meinem Regal stehen zum Beispiel alle Bücher von Terry Pratchett, und seine Neuerscheinungen kaufe ich blind. Auf der anderen Seite wächst das Angebot an Büchern auch ständig. Um es mal für Fantasy zu sagen: es gibt heutzutage eine riesige Auswahl an Büchern. Diejenigen Leser, die sich informieren und gezielt kaufen, haben die Wahl aus einer phantastischen Vielfalt. Und diejenigen, die Altbewährtes wünschen, können dies ebenfalls finden.

In den letzten ein, zwei Jahren gab es einige deutsche Fantasyautoren, die nicht die gängigen Welten, die "Herr der Ringe" Geschichten veröffentlicht haben – Kai Mayers "Wolkenvolk" - Trilogie erinnert an China und die Renaissance, Jenny Mai Nuyens "Drachenfeuer" an London um 1900. Ist das ein Trend weg von den Herr der Ringe Epen? Sind die Verlage mutiger geworden, die Leser oder die Autoren?

Das Angebot und auch die Nachfrage nach den High-Fantasy-Zyklen bleiben ungebrochen. Aber der Boom der Fantasy ermöglicht es Verlagen, auch andere Felder zu beackern, und das eine oder andere Experiment zu wagen. Dass ein allgemeiner Trend weg von der klassischen Fantasy besteht, denke ich nicht. Ich glaube eher, dass es auch innerhalb der Fantasy verschiedene Richtungen gibt. Urban Fantasy ist gerade stark, besonders in der Ausprägung "Paranormal Romance". Und zwischendrin findet man immer wieder Perlen wie Oliver Plaschkas "Fairwater", die jede Genregrenze sprengen.

Was hat dein Verlag zur Sturmwelt und dem ganz anderen Hintergrund gesagt? Gab es Bedenken?

Ich habe das Projekt bei einem Treffen vorgeschlagen, und die Reaktion war sofort positiv. Ich hatte mich darauf eingestellt, im Notfall Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, aber das war nicht erforderlich. Ich glaube, dass Verlage weitaus aufgeschlossener sind, als gemeinhin gedacht. Allerdings müssen sie natürlich auch die finanzielle Seite im Blick behalten. Wenn ich mir die Versuchsballons ansehe, die in letzter Zeit gestartet wurden, bleibt mir nur die Hoffnung, dass diese von den Lesern auch angenommen werden. Denn da liegt letztendlich die Crux.

Wie lange hast du an der Erstfassung gearbeitet und wie lange an der Überarbeitung? Wurde viel geändert?

Wie gesagt, die Idee des Projekts existiert schon länger. Mit der Ausformulierung habe schon 2006 begonnen, um es dem Verlag auch inklusive einer Leseprobe präsentieren zu können. Ich schreibe recht schnell, überarbeite dann allerdings auch intensiv. Der Anteil ist schwer abzuschätzen, da ich über Arbeitszeiten kein Buch führe. Das ist vermutlich auch besser so (lacht). Ich habe eine ganze Reihe von Testlesern. Dadurch werden die Texte zeitnah unter die Lupe genommen, und ich erhalte sehr hilfreiche Kommentare, die mir Stärken und Schwächen aufzeigen.

Wie sah das Lektorat bei Heyne aus? Wurde da noch viel geändert, oder war es nur ein Korrektorat?

Ich arbeite sowohl mit den festen Lektoren, als auch mit der freien Mitarbeiterin, die das endgültige Lektorat macht, sehr eng zusammen. Fragen des Plots werden allerdings schon im Vorfeld besprochen, und da gibt es nur selten Änderungsvorschläge. Bei der Arbeit am Text selbst geht es dann letztendlich viel um stilistische Fragen. Als Autor steht natürlich der eigene Name auf dem Cover, und man trägt zu Recht die Verantwortung für das Buch, weshalb ich in diesen Dingen immer das letzte Wort habe. Sprich, ich entscheide, muss dann aber auch für diese Entscheidungen gerade stehen.

Womit hast du dein Buch begonnen, was war als erstes da? Eine Figur, ein Bild oder ein Stück Plot?

Ich denke, es ist eine Mischung aus Welt, Figuren und Plot. Denn natürlich bedingen diese sich gegenseitig. Die Konflikte der Figuren entstehen ja häufig durch Interaktion mit ihrer Umwelt, und daraus entwickelt sich der Plot. Und um, zum Beispiel, gesellschaftliche Zwänge erklären zu können, braucht es zumindest eine Idee von der Welt und den soziologischen Verflechtungen.

Wie arbeitest du? Erstellst du am Anfang erst Personenbeschreibungen, fängst du mit dem Plot an oder schreibst du einfach los?

Ich plane das Buch soweit wie möglich durch, bevor ich schreibe. Dabei entstehen auch die Figuren, die Hintergrundwelt, sowie deren Beziehungen untereinander. Aus einer sehr unscharfen Idee von Figuren, Hintergrund und Geschichte entwickelt sich dann langsam das Buch. Selbstverständlich habe ich auch während des Schreibens Ideen und Einfälle, die dann gegebenenfalls eingebaut werden, und sogar größere Teile verändern können. Aber der grobe rote Faden steht bereits zu Beginn, und an diesem hangele ich mich beim Schreiben entlang.

Wie sieht die Planung bei dir konkret aus? Szenenplan oder Karteikarten oder Exceltabelle?

Zunächst ein ganz klassisches Exposé auf drei oder vier Seiten, mit dem ich das Projekt auch gleich beim Verlag präsentieren kann. Später steige ich auf Excel um; dort erstelle ich eine Kapitelübersicht, in der ich die entscheidenden Fakten eintrage: Handlung, Perspektive, Figuren, später auch Chronologie und Seitenzahl. Dazu habe ich allerdings noch allerlei andere Dokumente, Notiz- und Merkzettel, unleserliche, handschriftliche und kryptische Nachrichten an mich selbst. Ein nicht unwesentlicher Teil der Arbeit besteht darin, diesen Informationstiger zu bändigen und durch die entsprechenden Reifen springen zu lassen (lacht).

Weißt du gleich zu Beginn, wie deine Geschichte ausgehen würde?

Das ergibt sich aus der Planung und dem roten Faden. Auch hier steht eine sehr grobe Version, die sich dann während des kreativen Prozesses noch anpassen kann. Aber im Prinzip steht das Ende bereits fest.

Christoph Lode (Der Gesandte des Papstes) hat gesagt, dass er manchmal den Eindruck hatte, er müsste keine Geschichte erfinden, sondern eine vorhandene aus dem Wust der Fakten und Ideen ausgraben. Ähnliches schrieb auch Stephen King. Hattest du auch dieses Gefühl?

Ich kann diese Sichtweise sehr gut verstehen. Häufig erlebe ich, dass sich Teile der Geschichte scheinbar ungeplant perfekt zusammenfügen. Was zunächst wie ein ungeordneter Haufen bunter Plättchen aussieht, wird am Ende zu einem sinnvollen Mosaik. Einzelne Ideen verbinden sich untereinander und ergeben ein harmonisches Ganzes. Daraus kann durchaus das Gefühl entstehen, dass man nur etwas freilegt, was nur genau darauf wartet. Vielleicht ist es aber weniger das Ausgraben aus einem Faktenwust, sondern vielmehr aus dem eigenen Hirn (lacht).

Sturmwelten arbeitet mit fünf verschiedenen Perspektiven.Ein gestrandeter hiscadischer Edelmann, der auf einem Piratenschiff landet, eine junge Marineoffizierin, die gerade zum Leutnant befördert wurde, ein Eingeborener, der versklavt wurde, ein Dichter an einem absolutistischen Königshof und eine Sklavin, die nie frei war. Welche Figur gab es zuerst?

Ganz am Anfang stand der Dichter Franigo; einfach, weil ich, um das Gefühl für die Geschichte, die Welt und den Stil zu bekommen, ein Kapitel aus seiner Sicht geschrieben habe, das ursprünglich als Prolog geplant war. Es hätte ja sein können, dass ich dem von mir vorgestellten Ideal der Geschichte und auch Sprache, also dem Gefühl des Romans, gar nicht nahe genug komme. Aber Franigo hat mir schreiberisch so viel Spaß gemacht, dass er schließlich sogar eine komplette Perspektive bekommen hat.

Franigo war als erster da, aber als Perspektive kam er erst als letzter dazu, wenn ich das richtig im Kopf habe. Warum?

Die Perspektive bietet sehr viele Möglichkeiten, und die Figur kommt mir sehr entgegen. Deswegen bekam ich immer mehr Lust, den Part auszubauen. Zusätzlich bot sich Franigo an, um dem Leser einen Blick auf den Kontinent Corbane zu ermöglichen, dessen Bewohner ja für die Handlung wichtig sind. Da die anderen Perspektivträger allesamt in der Sturmwelt sind, fehlte dieser Ausblick. In den nächsten Bänden wird Corbane eine zentralere Rolle als Handlungsort einnehmen, und so hat die Leserin schon einmal einen Ausblick bekommen.

Hast du einen persönlichen Liebling unter den fünf?

Das ist immer eine schwierige Frage. Wie gesagt, Franigo gefiel mir außerordentlich gut, aber ich denke nicht, dass ich einen Liebling benennen kann. Jede Perspektive hat ihre Höhepunkte, und es war immer eine Freude, zu einer zurückzukehren. Jede spricht auch andere Facetten und Interessen meiner selbst an, die vielleicht sogar im Widerspruch liegen.

Wie war das beim Schreiben? Hast du erst eine Perspektive fertig geschrieben oder alle gleichzeitig?

Ich schreibe normalerweise chronologisch, also die Kapitel nacheinander. Allerdings kann es sein, dass ich einzelne Handlungsstränge am Stück schreibe. Dann schreibe ich eine oder zwei Perspektiven einige Kapitel weiter, und füge die anderen Perspektiven später in den Text ein.

Auf deiner Homepage gibt’s du den Schreibtipp, "durchaus querbeet zu lesen", ", die ausgetretenen Pfade (zu) verlassen" (hier). Was liest Christoph Hardebusch außer Fantasy?

Ich lese tatsächlich querbeet. Neben Fach- und Sachbüchern, in denen ich gerne schmökere, lese ich SF, Krimis, Thriller, Historische Romane und auch sonstige Belletristik. Das ist eine sehr schwammige und weit gefasste Antwort, aber wenn ich mir unsere Bücherregale ansehe, muss sie so ausfallen. Als Leser – oder auch als Konsument allgemein – achte ich nicht wirklich auf Grenzen. Viel wichtiger als Genres sind mir zum Beispiel Empfehlungen von Freunden und Bekannten, deren Geschmack ich schätze. Die berüchtigte Mundpropaganda, deren Wirksamkeit ich zumindest in meinem Fall bestätigen kann.

Gibt es da einen Titel außerhalb der Fantasy, der dich in letzter Zeit besonders beeindruckt hat?

Als jemand, der einmal Geschichte studiert hat, bin ich bei Historischen Romanen häufig vorsichtig. Deshalb war ich von Christoph Lodes "Der Gesandte des Papstes" positiv überrascht. Eine spannende Geschichte, interessante Charaktere und eine klare Sprache. Ansonsten war ich in letzter Zeit sehr tief in der eigenen Geschichte, und da fällt mir das Lesen anderer Bücher schwer. Ich plane das aber nach Abgabe des aktuellen Manuskripts nachzuholen.

Um auf die Mundpropaganda zurückzukommen: Oft wird ja behauptet, große Verlage machen Bücher allein durch ihr riesiges Werbe-Budget zu Bestsellern? Was hältst du für das entscheidende: Werbebudget oder Mundpropaganda?

Ganz ehrlich: Mundpropaganda halte ich für effektiver. Natürlich hilft Werbung, und sie kann eine bereits in Ansätzen vorhandene Mundpropaganda weiter befeuern. Aber wo sieht man denn Werbung für Bücher? Sie ist eher unauffällig, und geht im Dauerfeuer der sonstigen Werbung eigentlich unter. Natürlich gibt es immer extreme Beispiele, Weltbestseller und ähnliches, bei denen eine intensivere Kampagne gefahren wird. Aber für das Gros der Bücher sieht es anders aus. Manchmal glaube ich fast, dass die Werbung nur für den Buchhandel geschaltet wird. In den Vorschauen wird ja immer angegeben, wo ein Buch beworben werden soll. Das signalisiert dem Buchhandel, dass der Verlag es mit diesem Buch ernst meint und ihm gute Chancen einräumt. Die Zielgruppe der Werbung bestünde in diesem Fall also eher aus den Einkäufern der Buchhandelsketten, und die eigentliche Werbung geschieht lange bevor die Anzeigen geschaltet werden. Es ist ein ketzerischer Gedanke, aber der Buchhandel hat meiner Meinung weitaus mehr Einfluss darauf, ob ein Buch ein Bestseller wird, als Buchwerbung.

Wenn du dir den heutigen Buchmarkt ansiehst und einen Wunsch freihättest: Was würdest du gerne anders sehen?

Es gibt einiges, das bei einem solchen Blick Sorgen bereiten kann. Die immer stärkere Konzentrationsbewegung im Buchhandel, aber auch bei Verlagen zum Beispiel. Es wäre auch gut, wenn die Rechte der tatsächlichen Urheber gestärkt würden. Es gibt im Buchmarkt viele Vorurteile, nicht nur gegen Genres, sondern auch gegen Arten des Publizierens, gegen Inhalte, Autoren, Formen. Weniger Vorurteile würden uns generell gut zu Gesicht stehen. Lesen ist sexy, auch das sollte wieder mehr vermittelt werden.

Herzlichen Dank für das Interview.

Ich bedanke mich.

Leseprobe "Sturmwelten" / Das Buch bei Amazon /
Rezension "Sturmwelten" / Rezension "Die Trolle"

Das Gespräch führte Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche Genehmigung!