"Vielleser lassen sich am besten über das Netz
erreichen"
Interview mit Dominik Huber
Droemer Knaur, 03.02.2009
Lieber
Herr Huber,
Herr Huber, Sie sind Leiter des Bereichs Internet Communication
bei Droemer Knaur. Schon vor vier Jahren waren Sie Leiter des
Online-Marketings in diesem Verlag. Erzählen Sie uns ein bisschen über
sich und Ihren Werdegang.
In der Tat bin ich nun schon seit elf Jahren im Hause Droemer Knaur.
Nach einer Ausbildung zum Druckvorlagenhersteller und dem Studium der
Verlagswirtschaft habe ich dort 1998 im Marketing/Vertrieb begonnen.
Meine Diplomarbeit habe ich 1997 über Online-Marketing in Buchverlagen
geschrieben. 2000 übernahm ich den Aufbau des Internetbereichs und die
Entwicklung des Marketing- und Produktinformationssystems. Zuerst war
das eine One-Man-Show, die viel Überzeugungsarbeit im Haus und teilweise
auch bei den Autoren erforderte, aber die Hartnäckigkeit hat sich
ausgezahlt: Der Bereich ist kontinuierlich gewachsen. Elf Jahre sind
schon eine lange Zeit, aber der Verlag hat es mir immer ermöglicht, mein
kreatives Potenzial auszuschöpfen und zahlreiche innovative Projekte zu
verwirklichen. Und mit einer derartigen Vielzahl an Projekten vergeht
die Zeit ganz schnell.
Sie selbst sind im Internet auch recht aktiv. Man findet Ihr
Profil auf diversen Community- und Netzwerk-Sites, Sie geben Interviews
und halten Vorträge zum Thema Autorenwebsites, Blogs, Podcasts,
Web-Pressearbeit, Portale für Buch-Rezensionen, Buchmarketing mit
Leser-Communitys und neue Wege der Kommunikation.
Communitys sind für mich besonders als soziales Phänomen spannend –
sie spiegeln Zeitgeist, gesellschaftliche Veränderungen und den Wandel
in der Kommunikation unmittelbar wider. Auch der Austausch zwischen
Verlag und Leser hat sich in den vergangenen Jahren entscheidend
verändert. Wir Verlage sind gut beraten, wenn wir diese Entwicklung
nicht ignorieren, sondern alle Chancen nutzen. In diesem Zusammenhang
ist auch die Vortragstätigkeit zu sehen. Da ist an vielen Stellen noch
eine Menge Überzeugungsarbeit zu leisten.
Wie muss man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen, was genau fällt
alles in den Bereich "Internet Communication"?
Die Internet-Kommunikation umfasst bei Droemer Knaur im Wesentlichen
zwei große Bereiche: Erstmal alles, was mit der Vermarktung unserer
Bücher im Internet zu tun hat. Dazu gehören die Konzeption und Umsetzung
von Online-Kampagnen (Trailer, Blogs, Podcasting, Microsites ...), der
Ausbau und Betrieb unserer Verlagswebsites, die
Suchmaschinen-Optimierung (SEO), Aktionen zur Kundenbindung (z.B. virale
Kampagnen oder Testleseraktionen), Web-TV und vieles mehr.
Der andere Bereich umfasst die digitale Prozessoptimierung. Zusammen
mit der Firma Id.on haben wir das Verlagsinformationssystem PONDUS
entwickelt und bauen es kontinuierlich aus. Die veränderten
Marktanforderungen machen es unverzichtbar, dass auch die Prozesse im
Unternehmen digitalisiert werden. Für uns bedeutet das: viele Gespräche
mit Mitarbeitern, Analysen, das Erarbeiten von Use Cases und
konzeptionellen Lösungen.
Werden diese ganzen Dinge im Hause Droemer Knaur umgesetzt, oder
beauftragen Sie in ersten Linie externe Agenturen?
Im Hause laufen "nur" Konzeption, Projektmanagement und Redaktion.
Die Programmierung läuft dann über externe Partner.
Droemer Knaur ist sicher einer der deutschen Vorreiter was die
Nutzung der neuen Medien für die Vermarktung ihrer Produkte angeht.
Warum, glauben Sie, tun sich andere Unternehmen auf diesem Gebiet noch
etwas schwerer?
Inzwischen sind auch andere Verlage sehr aktiv, was Online-Maßnahmen
angeht. Aber Sie haben schon Recht: Viele Verlagskollegen haben
anscheinend noch Berührungsängste. Mit Buchmarkt und Internettechnologie
treffen zwei denkbar unterschiedliche Welten aufeinander, und es gibt
nicht viele Kollegen, die es gelernt haben, beide Sprachen zu verstehen.
Haben Sie das Gefühl, das Ganze ist noch eine Art Sandbox, eine
experimentelle Form des Marketings? Oder lassen sich schon heute
konkrete Erfolge messen?
Die Erfolge lassen sich besser als in allen anderen Bereichen des
Marketings messen. Über unsere Statistik-Software analysieren wir den
Erfolg jeder Online-Kampagne und sehen genau, wie viele potenzielle
Leser sich mit unseren Büchern beschäftigen. Auch die
Multiplikationsprozesse, die ihren Ursprung in diversen Communitys
haben, lassen sich inzwischen nicht mehr ignorieren. Bestseller wie "Die
Therapie" von Sebastian Fitzek sind im Internet entstanden, und die
1-to-1-Kommunikation zwischen Autor und Lesern hat sich hier bezahlt
gemacht. Unsere Aktivitäten im Web-TV-Bereich sollen gerade diese
Prozesse unterstützen. Trotzdem muss man natürlich auch experimentieren.
Nicht jede Kampagne hat Erfolg. Da lernt man niemals aus.
Bekommen Sie viel Rückmeldung von Endkunden? Oder ist es eher der
Vertrieb und der Buchhandel, der sich über die zusätzliche Bewerbung
freut?
In erster Linie sind es die Rückmeldungen von Endkunden, die wir auch
sehr ernst nehmen. Beispielsweise haben sich bei uns inzwischen circa
10.000 Testleser mit einem umfangreichen Fragebogen beworben. Auf diesem
Weg erhalten wir viele Rezensionen und unmittelbares Feedback zu unseren
Büchern.
Buchhandel und Vertrieb fordern bei uns inzwischen
Online-Unterstützung ein. Ohne die geht es nicht mehr. Unsere
Videotrailer produzieren wir mittlerweile vor allen Dingen auch für den
POS. [Anm.: "Point-Of-Sale", Verkaufsstelle, hier Ladengeschäft]
Wie definieren Sie "Virales Marketing" über die tatsächlich sehr
wichtige "Mund-zu-Mund-Propaganda" hinaus? Was können neue Formen wie
Multimedia-Trailer, virtuelle Schnitzeljagden und Mitmach-Foren für ein
Buch tun?
Das ist sicherlich einer der Bereiche, in denen es noch viel zu
lernen gibt. In erster Linie geht es darum, unsere Bücher ins Gespräch
zu bringen. In Einzelfällen schafft man es, einen Autor oder ein Buch
durch kreative und neuartige Konzepte von der Konkurrenz abzusetzen.
Virales Marketing ist für mich aber auch jeder Kontakt zum Kunden und
jede Serviceleistung, die im Internet zu einem Foreneintrag, einem
Blogpost etc. führt. Das muss nicht immer spielerisch und spektakulär
sein.
Haben Sie Erfahrungen, welche Zielgruppe sich besonders gut über
das Internet als Kanal ansprechen lässt? Sicherlich eignet sich nicht
jede Form der Literatur hierfür.
Vielleser lassen sich am besten über das Netz erreichen, da sie sich
inzwischen sehr aktiv in Foren organisiert haben. Das sind übrigens
nicht nur die Jungen mit einer Affinität für Technik, sondern vor allen
Dingen auch Frauen mittleren Alters.
Anfang 2008 startete Droemer Knaur den "Killer Club". Erklären Sie
uns, was es damit auf sich hat, und was der Marketing-Grundgedanke
dieses Ansatzes war?
Der Killer Club ist ein kostenloser Fortsetzungskrimi im
Podcast-Format, zu dem acht deutschsprachige Autoren jeweils ein Kapitel
beigesteuert haben. Ziel ist es, Kunden über das exklusive Angebot an
die Website
www.krimi-podcast.de zu binden und so auch das Interesse auf die
Autoren und ihre Bücher zu lenken. Auch hier geht es darum, potenzielle
Leser ernst zu nehmen. Über Autoreninterviews und Hörproben kann sich
jeder ein objektives Urteil über Themen und Erzählstoffe bilden.
Seite Ende 2008 hat sich die Website
www.van-larven.com
erweitert und möchte die Leser selbst noch stärker einbeziehen. Wie
genau funktioniert das?
Sebastian Fitzek, von dem der Prolog zum Killer Club stammt, hat die
Geschichte so konzipiert, dass sie in einer Abstimmung der Web-Gemeinde
endet. Das wollten wir entsprechend inszenieren und den Lesern die
Möglichkeit eröffnen, sich in einem Wettbewerb selbst einzubringen. Ziel
ist auch hier: Kundenbindung und Aufbau einer exklusiven Krimi-Community.
Über das Internet als wohl progressivstem Kanal hinaus, ist
Droemer Knaur auch bekannt für die zahlreichen sehr professionell
umgesetzten Buchtrailer. Was sind aus Ihrer Sicht die Argumente für die
Bewerbung eines Buches über bewegte Bilder? Liegt hier nicht auch ein
Widerspruch?
"Lesen ist wie Kino im Kopf". Der Slogan trifft es aus meiner Sicht
ganz gut. Über einen Trailer kann man eine sehr gute Emotionswirkung
erzielen und die Stimmung eines Buches einfangen. Im Trailer lässt sich
ein Spannungsbogen aufbauen, der Lust auf mehr weckt. Einen Widerspruch
sehe ich da nicht. Aber nicht jedes Buch eignet sich auch für einen
Trailer.
Droemer Knaur hat mit
www.lesungen.tv
schon Ende 2007 eine eigene Plattform aufgebaut, die ganz auf
Buchtrailer, Autorenportraits und andere filmische Berichterstattungen
rund ums Buch hinausgerichtet ist. Wie ist die Akzeptanz dieser
Plattform?
In erster Linie geht es auf www.lesungen.tv um redaktionelle
Filmbeiträge zu Droemer Knaur Autoren. Die Trailer haben wir dort
eigentlich nur zusätzlich positioniert. In den Web-TV-Beiträgen kann der
Besucher der Website einen Blick hinter die Kulissen werfen und den
Autor als Mensch oder Experten kennen lernen. Das kommt besonders bei
den Fans der Autoren an. Die Online-Filme helfen uns auch wieder, unsere
Bücher und Themen ins Gespräch zu bringen.
Buch-Trailer entsprechen einerseits den eher passiven
Push-Methoden von Film und Fernsehen, sind aber dennoch in erster Linie
über das Internet zu erreichen. Adressieren Sie hier eine andere
Zielgruppe, als mit den interaktiveren Internet-Kampagnen?
Im Internet sind die Trailer in erster Linie für den Einstieg (als
Intro) für eine Sonderpräsentation geeignet. Der Trailer an sich reicht
als Online-Werbung nicht aus, sondern erhöht nur den Involvierungsgrad
des Besuchers einer Website. Wie schon erwähnt, produzieren wir die
Trailer inzwischen aber vor allem auch für den POS. Gerade dort
funktionieren die Bilder sehr gut als Eyecatcher.
Häufig wird Kritik dahingehend geäußert, dass die
Produktionskosten für Buchtrailer in keinem Verhältnis zu den damit
erzielten Mehrverkäufen stünden. Andererseits werden Buchtrailer
vermehrt auf den Websites der Verlage und der Autoren eingesetzt, sie
werden auf den Seiten oder Online-Buchhändler gezeigt, ebenso wie auf
Bildschirmen im stationären Buchhandel. Auch intern, das heißt auf
Vertretertagungen, werden Buchtrailer gezeigt, die Vertreter nutzen sie
zum Teil auf ihren Vertreterreisen, und auch Agenturen verwenden die
Buchtrailer, um Lizenzen zu verkaufen. Vollzieht sich hier ein Wandel,
werden Buchtrailer mehr und mehr zum Muss?
Absolut. Die Frage haben Sie selbst schon beantwortet :-) Die Trailer
werden bei uns eingefordert, und dienen längst nicht nur der
Online-Werbung.
Wohin geht die Reise in den nächsten fünf Jahren? Wie weit wird
sich das Buch von seiner heutigen gedruckten Form lösen? E-Books sind
ein Trend, die multimediale und interaktive (virale) Bewerbung der
Bücher ebenfalls. Wie sieht das Buch und dessen Umfeld in der Zukunft
aus?
Als Buchliebhaber weigere ich mich daran zu denken, dass es keine
gedruckten Bücher mehr geben wird. Ich schätze, dass geht vielen anderen
auch so. Im Bereich der Publikumsverlage sehe ich im eBook eher eine
Ergänzung zum klassischen Buch und die Möglichkeit, zusätzliche
Umsatzpotenziale zu erschließen. Ich für meinen Teil gehöre sicherlich
zu den Käufern, die ihre Bücher sowohl im Regal als auch in ihrer
mobilen Online-Bibliothek haben wollen.
Das Online-Marketing wird sich meiner Meinung nach mehr und mehr in
Richtung 1-to-1-Marketing entwickeln. Individualisierte Angebote für
Leser und der direkte Austausch werden zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Welchen Ratschlag möchten Sie heutigen Autoren mit auf den Weg
geben, die in diese Zeit hineinarbeiten und sie mitgestalten werden?
Worauf sollten wir uns vorbereiten, was bedenken?
Nutzen Sie die Chancen, die das Internet Ihnen bietet. Suchen Sie den
Dialog mit Ihren Lesern, und scheuen sie den Aufwand nicht. Diese
direkte Kommunikation liefert auch Ihnen als Autor spannendes Feedback
für Ihre Arbeit – sie lohnt sich in vielerlei Hinsicht. Die Verlage
können und sollen Ihnen hierzu die nötigen Plattformen anbieten. Doch
ohne Ihr Mitwirken als Autor geht es leider nicht.
Herr Huber, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |