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"Der Trend zu Literaturagenten ist unumkehrbar"

Interview mit Joachim Jessen
Literarische Agentur Schlück, 13.03.2006

Herr Jessen,

Sie sind Literaturagent und einer der Geschäftsführer der Literaturagentur Schlück, die zweifellos zu den größten deutschen Agenturen in Deutschland gehört. Erzählen Sie uns ein bisschen über Ihren Werdegang. Sie waren vor fast zehn Jahren Verlagsleiter des Kabel Verlages, der heute zum Piper Verlag gehört. Wie waren Sie zum Verlagsgeschäft gekommen, und was hat Sie schließlich bewogen, die "Seiten zu wechseln"?

So lange ich zurück denken kann, haben mich Bücher und später dann auch Schriftsteller fasziniert. Ich liebte und liebe es Bücher zu lesen. Als Jugendlicher war ich nicht Fan irgendeiner Band oder irgendwelcher Schauspieler, sondern Fan von Büchern. Ich habe mein Geld ausschließlich in Buchhandlungen getragen. Selbst Modezeugs war mir schnurzpiepe.

Während meines Studiums (VWL, BWL, Soziologie) schrieb ich mit einem Freund einen Krimi, der auch verfilmt wurde. Später gab's dann weitere Bücher, auch unter Pseudonym.

Mit just jenem Freund gründete ich dann den Ernst Kabel Verlag, der relativ schnell reüssierte. Wir verkauften ihn 1996 an den Schwedischen Buchkonzern Bonnier, dem in Deutschland auch Verlage wie Piper, Carlsen oder Ullstein gehören.

Danach wollte ich noch etwas tun, als habe ich mich mit Thomas Schlück zusammen getan, der seine Agentur vor vielen Jahren gegründet hat.

Als Verleger weiß man, was Agenten tun, denn dieses Geschäft ist einem mehr als geläufig. Man bringt das gesamte Handwerkszeug mit.

Ich habe erfahren, dass Sie zuvor selbst ebenfalls veröffentlicht haben, und zwar einige Krimis zusammen mit Detlef Lerch, wobei "Zahltag" sogar zu einer Tatort-Folge wurde. Waren das Ihre einzigen aktiven Ausflüge in die Belletristik?

Nein, es gab noch ein paar - aber unter Pseudonym. Damit ist aber schon länger Schluss, denn schließlich bin ich Agent und nicht Autor.

Später gaben Sie ein Buch über Hans Leip heraus. Wie kam es dazu?

Das war im Rahmen meiner damaligen Arbeit als Verleger. Ich hatte Hans Leip kennen gelernt und wir haben beschlossen, etwas zusammen zu machen.

Inzwischen sind Sie – wenn Sie das Wortspiel verzeihen - ein Schwergewicht unter den Literaturagenten und haben zusammen mit Ihren Kollegen Martin Meyer-Maluck, Bastian Schlück und Thomas Schlück ein Sachbuch für Autoren über die Suche nach dem richtigen Verlag veröffentlicht. Dieses Jahr erscheint im Autorenhaus Verlag ein weiterer solcher Titel von Ihnen. Wie kam es zu diesen Büchern? Ist es der Überdruss an den immer gleichen Fragen und Problemen, die "junge" Autoren an Sie herantragen?

Nein, kein Überdruss. Wie oben schon gesagt, liebe ich Bücher. Bücher sind u. A. auch eine tolle Informationsquelle. Ich habe Büchern unendlich viel zu verdanken.

Ich gehe einfach davon aus, dass Menschen, die Bücher schreiben auch Bücher lieben. Was ist also logischer, als ein Info-Buch für angehende Autoren zu schreiben?

Immer wieder wird kolportiert, dass nur 1 - 2 von 1000 unverlangt eingesandten Manuskripten einen Verlag findet. Ist das tatsächlich so? Wie viele Manuskripte erreichen Ihre Agentur pro Woche, und wie ist der Schnitt dort?

Das ist so, manche behaupten sogar nur 1 unter 1500 Zusendungen. Wir bekommen bestimmt 2 pro Tag zugeschickt, fünf per E-Mail und ebenso viele Anrufe.

In einem Interview in der Zeitschrift TextArt haben Sie auf die Frage, was man machen müsse, um ein erfolgreicher Autor zu werden, gesagt: "Das ist ganz einfach. Schreiben Sie ein gutes, spannendes, unterhaltsames Buch, und fertig ist der Lack." Ist es wirklich so einfach? Wie definieren sich "gut", "spannend" und "unterhaltsam"? Und: Sind das die einzigen Punkte, wo es Ihrer Erfahrung nach stets hapert?

Ja, so einfach ist das. Die Antwort ist flapsig und richtig zugleich. Aber wir müssen hier einmal feststellen, dass viele Menschen, die sich hinsetzten und etwas schreiben, einfach nicht schreiben können. Das ist vielleicht Kunstgewerbe oder ähnliches, aber es ist nicht inspiriert, nicht authentisch etc ...

Damit meine ich nicht das Schreiben als Therapie, das nehme ich sehr erst, das finde ich gut. Aber wenn etwas veröffentlicht werden soll, dann herrschen andere Gesetze.

Mehr Menschen als man denkt, sagen sich "Ooch da schreib' ich mal ein Buch und werde reich". Sie haben sich aber mit dem Handwerk nicht beschäftigt. Meine handwerklichen Fähigkeiten als Tischler liegen weit unter Null, soll ich wirklich anfangen, einen Tisch zu bauen und dann auch noch 'verlangen', dass er mir abgekauft wird?

Woran erkennen oder wonach bemessen Sie, ob ein Manuskript vermittelbar ist? Es gibt die Anekdote aus der Anfangszeit von Stephen King, der heimlich die Seiten seines Manuskriptes zusammenklebte. Als er das Manuskript mit einer Absage zurückbekam, beschwerte er sich, man hätte es ja wohl gar nicht weiter als bis zur Seite 5 gelesen, denn ab dort seien die Seiten noch immer verklebt. Worauf er die prompte Antwort erhielt, man habe nur bis Seite 5 lesen müssen, um zu beurteilen, dass es nichts tauge. Geht Ihnen das auch so?

Manuskripte zu beurteilen ist gar nicht so schwer. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein gut gebildeter, viel lesender Mensch aus den Zusendungen erstmal alle rausschmeißen kann, die indiskutabel sind. Damit ist der größte Teil des Berges schon abgetragen. Übrigens reicht es tatsächlich manchmal, nur fünf Seiten zu lesen, manchmal auch nur eine.

Natürlich steckt in einer jeden Beurteilung eine gehörige Portion 'Subjektives', aber was sagt das aus? Wenn ich den neuen Krimi-Autor finden will, dann muss ich auch etwas über Krimis und ihre Geschichte wissen, um das Neue zu erkennen, wenn es mir in Manuskriptform über den Weg läuft. Das gilt für jedes andere Genre auch, ebenso für die anderen Bereiche.

Immer wieder fragen sich Autoren, ob Sie den ganzen Text oder nur eine kurze Leseprobe einsenden sollten. Ob eine besonders spannende Szene oder den Anfang. Welchen Stellenwert das Exposé hat, und was darin stehen sollte. Wie sieht für Sie die aussagekräftigste Einsendung aus?

Kurze Bio. des Autors, Exposé und die ersten 25 Seiten.

Was ist der häufigste Fehler? Was landet sofort im Papierkorb?

Schlechtgeschriebenes.

Jeder Autor, der sich mit der Branche und ihren Prozessen beschäftigt, fragt sich früher oder später, ob er einen Agent suchen sollte. Viele scheuen dabei vor der Agenturprovision zurück und können den Nutzen nicht einschätzen. Für welche Art von Autor, Literatur oder Genre sind Agenten besonders geeignet, und in welchen Fällen würden auch Sie von einer Agenturabraten?

Wer glaubt, er kann besser verhandeln als ein Agent, der soll das tun. Aber ein Agent verhandelt nicht nur. Er überwacht die Einhaltung der Verträge, überprüft die Abrechnungen. Er schließt ganz andere Verträge. Wenn dem angehenden Autor die Agenturprovision zu hoch ist, dann soll er es eben selbst machen. Aber warum arbeitet eigentlich ein Autor wir Ihr o.g. Stephen King mit einem Agenten? Richtig: Autoren sollen schreiben, agentieren können die Agenten

Die Agentur Schlück vertritt die Rechte vieler internationaler Autoren, aber auch immer mehr deutsche Autoren sind dabei. Ist hier ein Trend zu beobachten? Ist das Interesse der Verlage an deutschen Autoren gewachsen, oder schreiben heute schlicht mehr Deutsche, als noch vor zehn Jahren?

Weder noch. Das Interesse an deutschen Autoren war und ist in den Verlagen sehr hoch. Nur immer mehr Autoren erkennen, dass sie nicht so gut in eigener Sache verhandeln können. Zudem ist das patriarchalische Verlegersystem zerbrochen, zum Glück.

Was sind die wesentlichen Unterschiede für Sie in der Vermarktung ausländischer Rechte und deutscher Autoren?

Bei ausländischen Autoren vertritt man als Sub-Agent eben nur die deutschsprachigen Rechte. Das betrifft aber nur die Vermarktung. Als Agent eines deutschen Autors, müssen sie diesen natürlich intensiver betreuen. Der amerikanische Autor hat ja auch noch seinen amerikanischen Agenten.

Über Cornelia Funke hört man, dass sie ihre Bücher auf eigene Kosten ins Englische übersetzen ließ und sich dann in Eigenregie einen Agent für den amerikanischen Markt suchte. Wie beurteilen Sie dieses – in diesem Fall erfolgreiche - Vorgehen?

Ganz so war es nicht. Grundsätzlich ist der Weg deutscher Autoren in den anglo-amerikanischen Sprachraum fast unüberwindbar, daran ändern auch die vor einiger Zeit veröffentlichten, euphorischen Berichte in Zeitungen nichts, dass es angeblich eine neu entdeckte Liebe der USA zur deutschen Literatur gäbe. Was drüben als Übersetzung aufschlägt, ist minimalst. Frau Funke ist durch vieles beflügelt worden, Harry Potter etc. Sie hat da viel Glück gehabt, es sei ihr gegönnt. Viele Autoren haben schon Übersetzungen fertigen lassen, und es hat nichts gebracht.

Aber Gottes Wege sind verschlungen. Never give up.

Wie weit darf und sollte sich ein Agent überhaupt in die Arbeit des Verlages einmischen, wenn er die Wünsche des Autors vertritt? In Bezug auf Marketing, Presse, Lizenzen, Verträge: Was ist genehm, und was ist zuviel? Vermutlich klärt Ihr neues Buch "Erfolgreiche Zusammenarbeit Autor – Agent –Verlag" über eben diese Fragen auf, aber können Sie hier ein paar zentrale Punkte nennen?

Wir fördern von Anfang an eine enge Zusammenarbeit zwischen Autor und Verlag. Dabei muss folgendes entstehen. Respekt des Verlages vor dem Werk des Autors, und Respekt des Autors vor der Leistung des Verlages. Auch wenn es pathetisch klingt, will das nur sagen, dass der Autor z.B. Vertrauen in die Arbeit des Verlages haben muss. Wenn er glaubt, dass der Verlag alles falsch macht, dann sollte er nicht mit ihm zusammenarbeiten. Das gilt auch für den Agenten. Dem Verlag alles vorzuschreiben, wäre verkehrt, denn dann stellt sich doch konsequenterweise die Frage, warum nicht alles gleich selber machen? Wozu braucht es einen Verlag?

Natürlich müssen viele Dinge abgesprochen werden, und der Autor muss natürlich bei Lizenzen gefragt werden, aber jedes Werbemittel muss er nun wirklich nicht bestimmen. Und schon überhaupt nicht sollte ein Autor versuchen, das miese Aquarell seiner Tante als Titelbild seines Buches unterzubringen.

Wie viel und welche Art von Eigenleistung sollte ein Autor in dieser Zusammenarbeit beisteuern? Reicht es nicht mehr, lediglich ein gutes Manuskript zu schreiben und abzugeben?

So viel wie möglich, aber in Absprache. Wenn er Presseleute gut kennt, soll er seine Kontakte spielen lassen, wenn er gut in Networking ist, nur zu. Engagiertem Helfen und Mitmachen steht jeder Verlag offen gegenüber, nur man sollte nicht zum Nervbold werden.

Literaturagenturen scheinen auf dem Vormarsch. In Amerika ist es schon länger üblich, dass Verlage ausschließlich Einsendungen von Agenten akzeptieren. Ist dieser Trend auch hierzulande abzusehen?

Seit Ende des II. Weltkriegs werden fast alle ausländischen Bücher nach Deutschland hinein durch Agenten vertreten. Richtig ist, dass immer mehr deutsche Autoren sich durch Agenten vertreten lassen. Das hat viele Gründe. Die Verlage werden immer schlanker, die Ansprechpartner wechseln schneller oder Verlage werden verkauft. Für den Autor gibt es wenig Konstanz. Bei einem Agenten hat er sie.

Nein, der Trend ist nicht abzusehen, sondern er hat schon voll eingesetzt und ist absolut unumkehrbar. Zudem, wird es dennoch für viele Autoren schwer sein, einen Agenten zu finden. Denn auch wir - wie andere Agenten auch - nehmen ja nicht jeden Autoren. Können wir nicht, denn unsere Kapazitäten sind nicht unbegrenzt. Und der Ansturm ist groß.

Wenn Sie fünf Jahre in die Zukunft sehen, was denken Sie, wird sich im Literaturbetrieb maßgeblich ändern, worauf müssen sich Autoren einstellen? Andere Abläufe, andere Honorare, andere Modelle?

Das ist so zu komplex. Eine wesentliche Sache wird aber sein: Eine Menge Autoren werden arbeitslos werden, heißt, sie werden nicht mehr veröffentlicht werden.

Wie meinen Sie das?

Die Bücher werden zu erfolglos sein. Durch gfk-Zahlen kann ein Verlag schnell feststellen, was ein Autor eines anderen Verlages tatsächlich verkauft hat. Außerdem werden sich Verlagsprogramme reduzieren: weniger Programmplätze, weniger Bücher, die Midlist bricht weg, usw.

Welchen Ratschlag oder welche Weisheit möchten Sie angehenden Autoren noch unbedingt mit auf den Weg geben?

Ich bin nicht gut in Weisheiten.

Herr Jessen, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm