"Medienarbeit wird insgesamt noch wichtiger werden"
Interview mit
Alexandra Klusmann
Buch-PR.de,
24.07.2007
Liebe Frau
Klusmann,
Sie sind Redaktionsleiterin des Online-Portals
Buch-PR.de sowie
Leiterin der
Akademie
für Verlags-PR. Verraten Sie uns, wie Sie zu diesem Job gekommen
sind? Was hat Sie bewogen, in dem interessanten Spannungsfeld zwischen
Public Relations und Verlagen zu arbeiten?
Seit meiner Kindheit lese ich viel und gerne, gerne auch bis tief in
die Nacht. Nach dem Studium der Politikwissenschaft habe ich die
Weiterbildung zur PR-Beraterin absolviert und bekam direkt im Anschluss
die Möglichkeit bei Mediakontakt Laumer anzufangen und das Online-Portal
aufzubauen. Kontakte zu knüpfen, Vernetzen und Themen zu finden, die
auch für andere relevant sind, finde ich am spannendsten dabei.
Ist das zum Teil nicht auch ein Spagat zwischen Kunst und Kommerz?
Sehen Sie hier Konfliktpotential?
Nein. Ob es uns nun gefällt oder nicht: Auch das Buch ist ein
Produkt, ein Wirtschaftsgut, und muss entsprechend behandelt werden.
Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die Gewinne erwirtschaften,
Angestellte bezahlen, Autorinnen und Autoren honorieren müssen. Diese
Tatsache darf man nicht ignorieren. Und dennoch ist das Buch ein
wichtiges Kulturgut, welches in vielfältiger Hinsicht besonders
behandelt werden muss. Konfliktpotential sehe ich vor allem an den
Punkten, wo wir gerne mehr für einen Autor oder ein Buch tun würden,
dies aber aufgrund des knappen Budgets nicht tun können.
Die beiden Projekte, also das Onlineportal Buch-PR.de, sowie die
Akademie für Verlags-PR, sind Gründungen der PR-Agentur Medienkontakt
Laumer, die selbst aktiv im PR-Bereich für Verlage arbeitet und auf
diese Weise Netzwerkmöglichkeiten, Nachrichten und Fortbildungen
anbietet. Wo genau liegt der Bedarf der Verlage an diesen ganzen
Angeboten? Was können Verlage von Ihnen lernen?
Natürlich besteht auch in Verlagen ein kontinuierlicher
Fortbildungsbedarf. Denken Sie nur an die Entwicklungen in der Online-PR.
Da sind andere Branchen oft schneller als die Verlags- und Buch-Branche.
Hier greifen sowohl die Seminare der Akademie für Verlags-PR als auch
die Fachbeiträge auf www.buch-pr.de. Zudem kommt ständig Nachwuchs in
die Branche, der sich dann ja auch immer wieder die Basics erarbeiten
muss. Besonders wichtig ist aber für viele Verlage die Möglichkeit des
fachlichen Austausches. Viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten allein
in Verlags-Pressestellen, haben von daher wenig Möglichkeiten, ihre
Fragestellungen und Probleme mit Fachkollegen zu diskutieren. Auch dafür
sind unsere Seminare gut geeignet.
Da große Verlageshäuser ihre eigenen PR-Abteilungen unterhalten,
ist es nur natürlich, dass es in erster Linie kleine und mittlere
Verlage sind, die ihre PR-Arbeit auslagern. Auf Ihrer Website liest man
aber auch, dass Sie Einzelprojekte für Großverlage betreuen. Was muss
man sich darunter vorstellen?
Auch große Häuser haben – unabhängig davon, dass sie in der PR oft
sehr gut augestellt sind – manchmal Kapazitätsprobleme und buchen für
ein aufwändiges Projekt externe Unterstützung dazu. Dasselbe gilt für
Spitzenautoren, die besonders betreut werden wollen und sollen, oder
Themen, die etwas jenseits des Programmschwerpunktes eines Verlages
liegen. Da ist es ggf. billiger, externe Unterstützung zu suchen. Ein
weiteres Beispiel sind Lesereisen, die Mediakontakt Laumer z.B. für
Thomas Brezina, Klaus Kordon oder Julia Donaldson und Axel Scheffler
organisiert hat bzw. zurzeit organisiert.
Wie wichtig ist PR heutzutage für ein Buch? Was kann PR maximal
bewirken, und wo sehen Sie die Grenzen von PR?
PR ist für die meisten Verlagshäuser heute so selbstverständlich wie
der Vertrieb. Sie ist also sehr wichtig. Dies haben auch Umfragen unter
Verlagspressesprecherinnen und –pressesprechern ergeben, die ihre Arbeit
mit sehr großer Mehrheit in ihren Häusern sehr geschätzt sehen. Wer im
Kontext von über 80.000 Neuerscheinungen im Jahr nicht untergehen will,
wer als Autorin oder Autor bestehen möchte, kommt an initiativer
Kommunikationsarbeit nicht vorbei. Das belegen ja auch und gerade die
Kampagnen, die etablierte Autoren wie Grass oder Walser für ihre neuen
Bücher fahren.
Sie richten sich in Ihrer Arbeit in erster Linie an Verlage. Aber
sollten auch Autoren etwas über PR wissen? Was können Autoren selbst
tun, entweder in Eigenregie oder als Unterstützung für ihren Verlag?
Autorinnen und Autoren sollten sich das Handwerkszeug in Sachen
Kommunikationsarbeit aneignen, damit sie wissen und einschätzen können,
was die Kolleginnen und Kollegen in den Kommunikationsabteilungen der
Verlage eigentlich leisten. Und damit sie bei ihren Verlagen auch
dezidiert PR-Aktivitäten einfordern und unterstützen können. Autorinnen
und Autoren können die PR-Leute vielfältig unterstützen. In erster Linie
dadurch, dass sie den Profis vertrauen. Dann natürlich dadurch, dass sie
vermittelbare Informationen liefern, die journalistischen Bedürfnissen
entsprechen, also gute Pressefotos, interessante Informationen zur
Person, punktgenaue Informationen über die Alleinstellungsmerkmale eines
Buches. Verfügbarkeit für Journalisten usw. Und vor allem: Abstraktion
von der eigenen Bedeutung. Sowohl in den Verlagen als auch im
Medienkonzert ist man in der Regel nicht der einzige, der sich
Aufmerksamkeit wünscht.
Halten Sie es für möglich, PR-Seminare für Autoren anzubieten?
Wenn ja, in welchem Bereich sehen Sie den größten Aufklärungsbedarf und
das größte Potential von Autoren?
Ja, Seminare für Autorinnen und Autoren halten wir für sinnvoll. Zum
einen, um zu erklären, wie Medien ticken. Wie man welche Informationen
aufbereitet, wenn man sich selber um die PR kümmern muss. Das reicht vom
Pressefoto über optimale Texte bis hin zur Organisierung von Lesungen.
Zum anderen um darzustellen, wie man eine Presseabteilung optimal
unterstützen kann. Und ggf. eben auch, wie man gegenüber seinem Verlag
aktive PR einfordern könnte.
Inzwischen ist es selbstverständlich, dass Autoren eine eigene
Autorenhomepage betreiben. Halten Sie das für gewinnbringend, und welche
Inhalte sollten aus Ihrer Sicht dort auf keinen Fall fehlen?
Eine Autorenhomepage sollte heute Standard sein. Biographische Infos
und Fotos, eine Bibliographie, aktuelle Informationen über
Neuerscheinungen und Termine, Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, ggf.
Leserforen sollte eine solche Internetpräsenz auf jeden Fall enthalten.
Was halten Sie von den immer häufiger anzutreffenden Autoren-Blogs,
die ja über ein monatliches Update im Bereich "Neuigkeiten" oder einen
konkreten Werkstattbereich hinaus und zum Teil weit ins Private reichen?
Ist das sinnvoll oder eher kontraproduktiv? Wie steht es um den Verlust
der "Aura des Unnahbaren", die einen angesehenen Künstler bis vor
einigen Jahren häufig noch umgeben hat? Ist das "Anfassbare" heute
notwendig? Wird das erwartet, eingefordert?
Persönlich halte ich die Autoren-Blogs für sehr wichtig. Allerdings
finde ich eine gesunde Mischung der Themen für wichtig. Ich lese gerne
auch mal private Themen, was die Autorin oder den Autor persönlich
bewegt, aber nicht nur. Was die „Aura des Unnahbaren“ anbelangt, befinde
ich mich in einem Dilemma. Auf der einen Seite beklage ich den Verlust,
sehe aber auf der anderen die Notwendigkeit, da die Menschen
SchriftstellerInnen zum Anfassen wollen und bekommen. Heute ist es
möglich, dass alleinerziehende Sozialhilfeempfängerinnen Weltbestseller
schreiben, Journalisten ihre Wandererlebnisse erfolgreich vermarkten
oder Jugenderlebnisse schildern und damit den Nerv einer Generation
treffen. Das ist nett und schön, aber mit den SchriftstellerInnen, die
aus einem inneren Bedürfnis heraus, existenzielle Fragen des Seins
thematisieren, kann ich mehr anfangen und die haben für mich die „Aura
des Unnahbaren“.
Ich habe gesehen, dass die Agentur Laumer auch Medien- und
Kultur-Events betreut - in erster Linie in Marburg - sowie
Autorenlesungen und Lesereisen. Richtet sich Ihr Angebot dabei
hauptsächlich an die Organisation der vor Ort notwendigen Dinge, oder
werden Sie auch für bundesweite Touren tätig? Konkreter gefragt: Könnte
ein Autor Sie bitten, eine Lesung in Marburg zu organisieren, oder auch
eine zweiwöchige Lesereise durch Deutschland?
Wir sind immer gern Ansprechpartner für Veranstaltungen hier vor Ort
in Marburg, organisieren aber auch bundesweite Lesereisen – aktuell z.B.
für Klaus Kordon oder die Autorinnen und Autoren der Türkischen
Bibliothek.
Was kosten solche Dienstleistungen?
Die Honorare für die Organisation von Lesungen werden individuell
verhandelt. Im Grundsatz gilt, dass es einen fest vereinbarten
Honorarsockel, der dann durch einen erfolgsabhängigen Anteil ergänzt
wird.
Da wir gerade beim Thema Lesungen sind, halten Sie diese Form der
PR, also die direkte Vernetzung zwischen Autor/Buch und Lesern für
wirksamer als PR über externe Multiplikatoren, also Pressearbeit?
Hier geht es meiner Meinung nach nicht um entweder oder, sondern um
eine sinnvolle Ergänzung. Autorinnen und Autoren sollten diese beiden
Möglichkeiten der Kommunikation nutzen.
Pressearbeit ist ein schwieriges Thema. Je größer die Stadt und je
größer das Medium, umso schwieriger scheint es, den oft vorherrschenden
Nimbus der elitären Arroganz zu durchbrechen. Es wird längst nicht alles
gedruckt, bloß weil eine Pressemeldung durch den Ticker läuft, und je
mehr man Journalisten bedrängt, umso größer ist die Chance, dass die es
gerade deswegen unterlassen. Ein Journalist möchte vermeintlich selbst
entdecken, und gerade, wenn es um Kultur geht, möchte jeder eine eigene
Meinung haben und schon aus Trotz oder Wichtigtuerei einer Pressemeldung
widersprechen. Ist das auch Ihre Erfahrung? Wie gehen Sie mit der Presse
um?
Die Sichtung und Selektion von Informationen ist der Job eines jeden
Journalisten. Das gehört zu seinem Handwerkszeug. Mit wenigen Ausnahmen in
den großen Feuilletons kann ich den Nimbus der elitären Arroganz nicht
erkennen. Da gibt es in der Regel den Wunsch und die Bereitschaft zu
professioneller Zusammenarbeit. Selbst in Marburg ist es nicht immer einfach,
und längst nicht alle Lesungen, die wir organisieren, werden erwähnt oder im
Nachhinein besprochen. Darüber war ich lange wütend und traurig und habe
mich natürlich gefragt, warum wird auf diese oder jene Lesung nicht
hingewiesen. Bis ich festgestellt habe, dass Journalisten auch nicht alle
Autoren kennen und es häufig an der mangelnden Kenntnis lag. Ich hätte im
Vorfeld die Relevanz der Autorin, des Autoren für die Gegend, das Thema oder
die Zeit klarer herausstellen müssen. Einfach nur eine Pressemitteilung
reicht heute nicht mehr, außer man kündigt eine Lesung mit Günther Grass an.
Wenn Sie aus Ihrer Erfahrung auf die letzten fünf Ihres
Tätigkeitsfeldes zurückblicken, stellen Sie dann Veränderungen fest? In
der Branche, in den Abläufen?
Ich habe den Eindruck, dass man sich insgesamt mehr anstrengen muss,
um dasselbe zu erreichen. Und die Arbeit ist nicht zuletzt aufgrund der
neuen Medien vielfältiger geworden.
Sehen Sie Tendenzen? Wie wird sich die Branche, der Verkauf von
Büchern, die PR und die Sichtweise darauf in den nächsten Jahren
entwickeln?
Medienarbeit wird insgesamt noch wichtiger werden, weil der Wunsch
und das Bedürfnis nach Orientierung und nach Information vor allem bei
den Endkunden wichtiger werden. Auch bei den journalistischen
Kolleginnen und Kollegen wird unser Urteil, was wichtig ist und was
nicht, in Zukunft noch wichtiger werden.
Frau Klusmann, ich danke Ihnen für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |