"Aber der literarische Rang eines Autors zeigt
sich vor allem darin, wie er einen Erzählzusammenhang konstituiert"
Interview mit
Sibylle Knauss
Interview von
Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im
Tempest

Sibylle Knauss arbeitet als Professorin für Text und Dramaturgie an
der Filmakademie Baden-Württemberg. 1995 erschien ihr Buch "Schule des
Erzählens", das zwei Auflagen bei Fischer erlebte. 2006 hat der
Autorenhausverlag es in einer überarbeiteten Fassung wieder aufgelegt.
Als ihr Buch zum ersten Mal erschien, gab es kaum Bücher über das
Schreiben in Deutschland. Heute gibt es Hunderte. Was hat sich da
geändert? |
Gibt es Hunderte? Das ist ja schrecklich. Alle Welt will schreiben?
Das ist ja irgendwie schön, aber auch unheimlich. Unheimlich wie die
vielen Weblogs im Internet. Das Bedürfnis, (von sich) zu erzählen,
scheint unveränderlich stark und immer da zu sein.
Ihr Buch besticht durch sehr ungewohnte Sicht auf Stoffe und
Themen, Sie verknüpfen biblische Geschichten mit Hollywoodfilmen. Ist
wirklich alles schon mal da gewesen? Oder was ist es sonst, das solche
Vergleiche so spannend macht?
Ich glaube, was sie so spannend macht, ist die Erfahrung, dass
zeitlich und räumlich Fernes einem so nah wie das eigene Erleben ist.
Man kann sich ohne Respekt nähern, weder vor der Bibel als "Heiliger
Schrift", noch vor dem Leinwandspektakel. In der Verknüpfung wird die
Struktur sichtbar. Ob Jonas oder Pinocchio im Walfischbauch sitzen - Wir
begreifen: Wenn sie da jemals wieder herauskommen, werden sie anders,
sie werden wie neu geboren sein.
Warum hat Fischer Ihr Buch, das relativ kurz hintereinander zwei
Auflagen erlebte, dann sang- und klanglos eingestellt?
Da müssen Sie den Verlag fragen. Die Halbwertzeiten für Bücher aller
Art werden immer kürzer, wie man weiß.
Schauspieler und Regisseure können ihr Handwerk schon lange an
Kunstakademien lernen, dass man Schreiben lernen und lehren kann, war
jahrzehntelang zumindest in Westdeutschland unvorstellbar. Mittlerweile
gibt es ein Literaturstudium in Leipzig und Hildesheim, aber auch dessen
Nutzen ist umstritten. Das fördere nur Institutsprosa, keine Kunst, so
der Vorwurf. Kann man ihrer Meinung nach Schreiben lehren?
Ganz schwierige Frage. Ich möchte nicht grundsätzlich darauf
antworten, sondern von meiner Erfahrung als Dozentin sprechen: Wenn ich
die Texte meiner Studenten lese, kann es passieren, dass ich mich
regelrecht aufrege, wenn etwas wirklich gelungen ist. Ich mache dann aus
meiner Begeisterung keinen Hehl, und ich glaube, dass dies das
Wichtigste ist, was ich vermitteln kann: Ermutigung, Bestätigung,
überall da, wo Qualität ist, Intensität, eine Stimme, die etwas zu sagen
hat. Was ist Qualität? Dafür stehe ich mit meiner ganzen Erfahrung als
Autorin, als Leserin, als Kinogängerin, als Lehrende, auch meiner
Bereitschaft, das alles in Frage zu stellen, wenn mich etwas überrascht.
Die Studenten müssen spüren, dass ich mich nicht hinter Lehrmeinungen
und Positionen verschanze, dann können sie schon etwas von meiner
Erfahrung profitieren. Institutsprosa? Was soll das sein? Auch den
Kunstakademien hat man vorgeworfen, dass sie nur Akademismus vermitteln.
Das ist oft genug widerlegt worden.
Sie unterrichten Text- und Dramaturgie an der Filmhochschule
Baden-Württemberg. Was können Studenten bei Ihnen lernen? Und was nützt
Dramaturgie einem Romanautor?
Ich selbst bin durch Lesen Autorin geworden. Das also ist machbar,
habe ich mir gesagt, wenn ich Nabokov, Faulkner, Joyce Carol Oates …
gelesen habe. Große Beispiele schulen den Blick, öffnen kühne
Perspektiven, setzen Maßstäbe. Inspiration nennt man das auch. Es geht
weniger um die "reine Lehre" der Erzählkunst, es geht darum zu
inspirieren. Die Lust darauf, zu wissen, wie etwas technisch umgesetzt
werden kann, kommt dann ganz von selbst. Da geht es nicht um die
Befolgung von Rezepten, sondern sich auf einen spannungsgeladenen
Prozess einzulassen. Beim Schreiben meiner Bücher habe ich das jedes Mal
stark empfunden: einen Spannungszustand wie beim Lesen eines Romans, der
mich bis zum Schluss fesselt. Noch stärker und einen sehr viel längeren
Zeitraum umfassend. Dramaturgie – das bedeutet, mit allen Mitteln der
Kunst die Leser in diesen Prozess hineinzuziehen. Denn nicht vergessen:
Man schreibt aus keinem anderen Grund als mitzuteilen.
Sie betonen immer wieder, wie wichtig das Erzählerische, Narrative
in Büchern und Filmen ist. Warum ist die "Geschichte hinter der
Geschichte" so wichtig?
Weil sie das Verbindliche zwischen Autor und Lesern ist. Die "Fabel"
enthält die Aussage "So ist das Leben", in die Leserin und Leser im Fall
des Gelingens einstimmen. Sie schafft den Konsens, ohne den das Erzählen
ein Monolog bleibt.
Gibt es ein Schema des Erzählens? Manche Schreibratgeber bieten
solche an, im Film gibt es die Theorie des "Monomythos", der
"Heldenreise", auf die sich jede Geschichte zurückführen lasse. Gibt es
einen solchen Mythos? Oder ist das ein Mythos von Vogler, Frey und
anderen?
Die "Heldenreise" ist für mich mehr als ein Schema. Es ist der
Mythos, ohne den ich nicht einmal mehr mein eigenes Leben verstehen
könnte, geschweige denn, was ich lese oder die Filme, die ich sehe. Das
gehört zum Wesen des Mythos, dass man durch ihn nicht irgendeinen
unverbindlichen Zusammenhang begreift, sondern sich selbst. Wie es auch
zum Wesen jeder guten Erzählung gehört. Vogler sollte man lesen, wenn
man schreibt. Und plötzlich erkennt man, was Forest Gump und Odysseus
gemeinsam haben. Auch wenn das bei Vogler gar nicht beschrieben wird.
In Deutschland ist es vornehmlich der Stil, die Wortwahl, die
Suche nach dem richtigen Ausdruck, das einen Autor zum Literaten macht.
Wie wichtig ist Stil für einen Roman, für eine Geschichte?
Das beklage ich schon lange. Die deutsche Literaturkritik hat das
Kleinere im Blick: den Satz, das Wort, die Wahl des Ausdrucks. Ich
bestreite nicht, dass die Qualität eines Textes auch darin sichtbar
wird. Aber der literarische Rang eines Autors zeigt sich vor allem
darin, wie er einen Erzählzusammenhang konstituiert. Hier liegen die
größeren Herausforderungen, der höhere Anspruch, auch das größere Risiko
zu scheitern. Viele in Deutschland hoch gelobte Literaten haben noch
nicht gezeigt, dass sie diesem Anspruch gewachsen sind. In den
angelsächsischen wie auch in den romanischsprachigen ist das anders.
In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es viele
große deutsche Erzähler, Lion Feuchtwanger, Leo Perutz, Oskar Maria Graf
und zahlreiche andere: Sie wurden alle von den Nazis vertrieben. Danach
hatte das Erzählerische es hierzulande schwer in der Literatur, deutsche
Autoren können nicht erzählen, so lautete lange das Vorurteil nicht nur
im Ausland. Hat sich da etwas geändert?
Ja. Daniel Kehlmann. John von Düffel und einige andere. Es gibt sie
bei uns, die Erzähler, die ihre Leser zu fesseln wissen, die spannend,
handlungsreich, mit erzählerischer Ironie und großem sprachlichen Können
auch zu unterhalten wissen – und siehe da: die deutsche Romanliteratur
wird auch wieder übersetzt und kann sogar auch im Ausland erfolgreich
sein. Mein Roman "Evas Cousine" wurde von der New York Times unter die "notable
books of the year" gewählt. Das hat mich gegen manche Ignoranz der
deutschen Feuilletons gewappnet.
Ein Plot wird nicht erfunden, so Ihre These, sondern entwickelt.
Was bedeutet das konkret?
Die weit verbreitete Ansicht: Ein Plot als Handlungszusammenhang wird
konstruiert und zeichnet sich somit durch Künstlichkeit und
Realitätsferne aus. Im Grunde versteckt sich darin sogar ein kunst- und
literaturfeindlicher Lügenverdacht: Ist ein Roman nicht erfunden?
Verschleiert er nicht die Wahrheit, der ein Autor verpflichtet ist?
Nein. Er konstituiert seine eigene Wahrheit, die unter den bloßen
Fakten, wie wir wissen, häufig verborgen bleibt. Ein Roman- oder
Drehbuchautor kann erfinden, so viel er will, auch ein neues Universum,
wenn in seiner Geschichte ein Kern von verpflichtender Wahrheit ist. In
einem anderen Zusammenhang sprachen wir davon als "Fabel". Daraus
entwickelt er einen Handlungszusammenhang, der in sich von hanebüchenen
Erfindungen strotzen kann. Die Phantasie lebe. Doch was mich in einer
Geschichte wirklich berührt und persönlich trifft, das ist ganz einfach.
Nichts Erfundenes, nichts Konstruiertes. Etwas, das einer von mir
gemachten Erfahrung entspricht. Das ihr, vielleicht nicht in einem Satz,
sondern in einer komplexen Handlung auf 600 Seiten, Ausdruck verleiht.
Der Schauplatz einer Geschichte ist wichtig, wird gerne
unterschätzt. Was ist es, das ihn so bedeutsam macht?
Der Schauplatz ist ein Element der Handlung, keine Kulisse.
Bedrohung. Schutz. Gefahr. Rettung. Not. Freiheit. Gefangenschaft …
Alles das ist an Orte gebunden. Man denke nur an das Hotel in "Shining"
oder die Hütte im Wald von Rotkäppchens Großmutter. Schauplätze als
Element erzählerischer Inspiration – mich wundert, dass das noch
niemandem aufgefallen ist.
Wenn ich mal persönlich fragen darf: Sie lehren Dramaturgie. Wo
haben Sie selbst es gelernt?
Durch Bücher. Durch Filme. Wie ich schon gesagt habe: Es gibt so
viele wunderbare große Lehrmeister, Lehrmeisterinnen.
Gibt es etwas, das ihrer Meinung nach jeder Nachwuchsautor
beherzigen sollte?
Niemals sich selbst blockieren, indem man originell sein will. Die
noch nie dagewesene Geschichte, in noch nie gehörtem Sprachstil erzählt
– das sollte man Anfängern überlassen und sich gleich der nächst höheren
Stufe der Meisterschaft zuwenden.
Herzlichen Dank für das Interview.
Das Gespräch führte
Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |