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"Echte Kritik ist immer konstruktiv"

Interview mit Dr. Thomas Köster
Südpol Redaktion, 15.06.2006

Herr Dr. Köster,

Sie sind studierter Literaturwissenschaftler und seit einigen Jahren "publikativ umtriebig", wenn ich das mal so nennen darf. Knapp 600 Rezensionen und Artikel in "Die Zeit", "Süddeutsche Zeitung", "Spiegel special", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Merkur – Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken" und "Neue Zürcher Zeitung" sowie auf amazon.de und wissen.de und etwa 250 enzyklopädische Artikel und Essays zu Literatur, Kunst, Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaft für die Multimedia-Enzyklopädie "Encarta" (Microsoft) sowie Produkte des Bertelsmann Lexikon Verlags - alles geht auf Ihre Kappe. Wie wird man zu einem derartigen Vielschreiber?

Zum Publizieren braucht man am Anfang vor allem Glück. Meine erste Rezension, die ich als junger Germanistikstudent naiv und unaufgefordert an die "Zeit"-Redaktion schickte, lag ein halbes Jahr auf Halde – und wurde vielleicht nur deshalb gedruckt, weil eine Woche zuvor eine Besprechung desselben Buchs in der FAZ erschienen war. Diese erste "Zeit"-Rezension hat dann fast alle Türen geöffnet. Allerdings würde ich mich nicht als Vielschreiber bezeichnen. 600 Rezensionen in 20 Jahren bedeuten ja nur 30 Besprechungen im Jahr. Da hat man pro Buch weit über eine Woche Zeit. Und ein Buch pro Woche sollte eigentlich jeder lesen.

Seit 2001 leiten Sie als einer der beiden Geschäftsführer das SÜDPOL-Redaktionsbüro Köster & Vierecke. Was genau ist das Aufgabengebiet dieses Büros, und wie kommen Sie zu Ihren Aufträgen?

Spezialisiert haben wir uns auf enzyklopädische Großprojekte und monatliche Rezensionspakete für große Buchhandlungen vor allem auf dem Online-Markt. In diesem Geschäft führen Zähigkeit, eine hübsche Referenzliste, überzeugende Konzepte, gute Kontakte – und natürlich das günstigste Angebot – hin und wieder zum Erfolg.

Neben der Kulturgeschichte des Lexikon gehörte während Ihrer Zeit als Buchwissenschaftler an der Universität Mainz auch die Geschichte der Buchkritik zu Ihren Schwerpunkten. Was genau lehrt uns die Geschichte der Buchkritik?

Die Geschichte der Buchkritik lehrt uns, dass die Kriterien, unter denen Bücher beurteilt werden, sehr stark vom jeweiligen Zeitgeist und den gesellschaftlichen Umständen abhängig sind. Heute würde niemand mehr einen Roman wie Goethes "Leiden des jungen Werther" in Bausch und Bogen verreißen, nur weil die Hauptfigur als Selbstmörder der Jugend ein schlechtes Vorbild ist. Umgekehrt wäre im 18. Jahrhundert wohl niemand auf die Idee verfallen, Romane generell als schlecht zu bezeichnen, weil sie mehr als 300 Seiten haben.

Neben der traditionellen literarischen Buchkritik in den großen Feuilletons und in TV-Sendungen wie dem inzwischen ausgestorbenen "Literarischen Quartett" gibt es auch die oft kurzen Rezensionen der Unterhaltungsliteratur. Welchen Stellenwert haben diese Rezensionen für Leser - aber auch für den Handel und die Verlage?

Es kommt darauf an, was Sie als Kurzrezensionen bezeichnen wollen. "Kurzrezensionen" in den Verkaufskatalogen großer Buchhändler sind ja oftmals vom Verlag gesponsorte, kommerzielle Buchtipps. Das gleiche gilt für die Kurztexte zu Büchern in manchem Unterhaltungsjournal, bei denen echte Kritik oft nicht nur durch Mangel an Platz, sondern auch durch das fehlende Talent des Verfassers verhindert wird. Da werden oftmals, auch aus Zeitnot, Klappen- und Pressetexte abgeschrieben. Das sollte man als Leser wissen. Solche Besprechungen taugen allenfalls als Maßstab dafür, ob einem Inhalt, Genre etc. pp. eines Buchs zusagen könnten. Für die Verlage allerdings sind sie ein gutes Werbeinstrument.

Heute kommen Rezensionen nicht mehr nur von auserwählten Kritikern: Leser rezensieren selber auf unzähligen Plattformen und sogar direkt "im Laden", wie bei Amazon und BOL. Welche Bedeutung messen Sie diesen privaten Rezensionen bei? Und wie sollten Autoren sie beurteilen?

Prinzipiell kann in jedem Leser das Potenzial zu einem guter Kritiker stecken – genauso, wie so mancher Kritiker ein unheimlich schlechter Leser ist. Ich denke, dass gerade Autoren von Spannungsliteratur diese Leserrezensionen gut studieren sollten. Die Meinung der Kundschaft ist immer wichtig.

Es heißt, Käufer fänden durch Rezensionen eine Entscheidungshilfe. Aber "User-Generated Content", also von Nutzern erzeugter Inhalt, ist immer zwiespältig und leicht manipulierbar. Denken Sie, Menschen können konstruktive von destruktiver Kritik unterscheiden, können beispielsweise unsachliche Kritiken korrekterweise ignorieren?

Nein, das glaube ich nicht. Es ist alles eine Frage der Raffinesse des Manipulators. Allerdings ist echte Kritik immer konstruktiv.

Bei Büchern, die zum Teil 50 und mehr Rezensionen bei Amazon vorweisen, wird wohl niemand mehr einzelne Stimmen lesen. Und man kann hoffen, dass sich die Bewertungen insgesamt ausgleichen und bei einer großen Anzahl einen repräsentativen Durchschnitt ergeben. Was soll man aber davon halten, wenn bei nur wenigen Rezension schon eine einzige destruktive den Schnitt kaputt machen kann?

Ich halte nichts vom repräsentativen Durchschnitt. Ob ein Leser drei oder fünf Sterne für ein Buch vergibt, ist nicht selten von Kriterien abhängig, die mit dem eigentlichen Text nichts zu tun haben. Der eine gibt Punktabzug, weil ihm das Cover nicht zusagt, ein anderer urteilt allzu gnädig, weil ihn die Biografie der Autorin zu Tränen rührt. Das werden Sie aus dem "repräsentativen Durchschnitt" nie erfahren. Es hilft alles nichts: Wenn Sie Leser-Feedback interessiert, müssen Sie sich durch alle 50 Rezensionen kämpfen. Auf diesem Wege können sie auch noch die Spreu vom Weizen trennen.

Gerade Autoren vermuten immer wieder "Trolle" bei Amazon, also Nutzer, die in der Absicht, anderen schaden zu wollen, besonders schlechte Rezensionen verfassen, oft, ohne das Buch genau gelesen zu haben. Können Sie sich vorstellen, dass dem tatsächlich so ist?

Die Internetbranche ist ein relativ freies Land. Auszuschließen ist da nichts, obwohl Autoren nicht hinter jedem Verriss einen "Troll" vermuten sollten. Ich kann mir andererseits aber auch vorstellen, dass Autoren in der Online-Buchkritik versteckte Freunde haben. Ich denke da an Wesen, die man "Wichtel" nennen könnte: eine überaus scheue Spezies, die mitten in den Verlagen beheimatet ist, die die besprochenen Autoren publizieren. Im weiten Feld der "Leserrezensionen" könnten diese Verlagswichtel ihre Existenz hinter unverfänglich klingenden Usernamen verbergen. Wenn ich meine Phantasie weiter spielen lasse und genauer hinschaue, kann ich in den Augen dieser Verlagswichtel sogar Dollarzeichen blitzen sehen. Aber das ist natürlich nur eine Phantasie.

Amazon scheint das Problem unsachlicher oder persönlicher Rezensionen erkannt zu haben und bietet seit einiger Zeit die Möglichkeit, "unzumutbare" Rezensionen zu melden. Halten Sie das für sinnvoll?

Das halte ich für äußerst sinnvoll. Wenn sich ein unsachgemäßer Umgang mit Büchern und Autoren nachweisen lässt, müssen Rezensionen auch wieder entfernt werden können. Das hat nichts mit Zensur, sondern nur mit Fairness zu tun. Literaturkritik sollte sich klarer, nachvollziehbarer Kriterien bedienen. Allerdings muss sich ein Autor persönlich gefärbter Kritik stellen. Ein Buch packt oder langweilt, gefällt oder wird als Zeitverschwendung empfunden. Auch das sind Kriterien, an denen sich Bücher messen lassen müssen. Nehmen wir einfach ein unverfängliches Beispiel, aus der Literaturgeschichte: die Leserrezension zu Goethes "Leiden des jungen Werther" in Ullrich Plenzdorfs "Neue Leiden des jungen W." (1973): "Der Kerl in dem Buch, dieser Werther, wie er hieß, macht am Schluss Selbstmord. Gibt einfach die Löffel ab, ... weil er die Frau nicht kriegen kann, die er haben will, und tut sich auch noch ungeheuer leid dabei ... Ich meine, wenn ich mit einer Frau allein im Zimmer bin und wenn ich weiß, vor einer halbe Stunde oder so kommt keiner da rein, Leute, dann versuche ich doch ALLES... Außerdem dieser Stil. Das wimmelt nur so von Herz und Seele und Glück und Tränen. " Genau so könnte eine gute, sehr persönlich gefärbte und im besten Sinne "unsachliche" Leserrezension funktionieren. Wenn ich wie Goethes Kritiker etwas gegen Emotionalität und fehlende Glaubwürdigkeit in Romanen habe, ist diese Kritik für mich auch unbedingt wertvoll.

Um die Bedeutung einer Beurteilung - letztlich einer Meinung – einschätzen zu können, müsste man mehr über den Rezensenten wissen, über sein Vorwissen, seine Interessen und seinen Anspruch, nur dann ließe sich seine Aussage einordnen. Wäre es demnach konsequent, wenn Amazon überhaupt keine anonymen Rezensionen mehr erlaubte?

Ich erwarte von jeder Rezension, dass sie mir als Leser die Gründe für ein Urteil nennt. Im übrigen erfährt man in jeder Besprechung ohnehin sehr viel über Vorwissen und Interessen des Rezensenten – und nicht zuletzt auch über den Rezensenten selbst.

Nun hat der Online-Buchhandel - trotz zunehmender Tendenz - nur einen geringen Anteil am gesamten Buchumsatz. Im Jahr 2005 waren es in Deutschland gerade einmal 5,6%. Der Verkauf findet nach wie vor hauptsächlich im stationären Handel statt. Ist also nicht die Positionierung im Handel viel wichtiger als eine Handvoll guter oder schlechter Rezensionen?

Ich denke, man muss es genau anders herum sehen: Die "Positionierung im Handel" ist nicht zuletzt abhängig von der Buchkritik. Bücher mit Aufklebern auf dem Cover, auf denen plakative Pressezitate stehen, liegen besonders gern in den Auslagen der Buchhandlungen. Zudem kursieren nicht selten selbstgebastelte Verkaufsdisplays, auf denen früher "Besprochen im 'Literarischen Quartet'!" und heute "Bald bei Elke Heidenreich!!!" steht. Dabei ist es übrigens ganz egal, wie das Buch im Urteil des jeweiligen Großkritikers letztlich abschneidet (wenn ich Frau Heidenreich, die alles andere als ein Großkritiker ist, einmal so nennen darf). Vom Online-Buchhandel kann man lernen, dass sich ein Buch besser verkauft, wenn es überhaupt besprochen wird, also die Aufmerksamkeit der Leseprofis erhält. Im Übrigen können Besprechungen für kleine Verlage lebensrettend sein. Ich habe einmal eine Rezension in der "Zeit" zum Roman eines unbekannten Expressionisten geschrieben, der wie Blei in den Regalen lag. Zwei Wochen nach der Besprechung war die erste Auflage ausverkauft und bereits 500 Vorbestellungen zur Zweitauflage da. Da merkt man dann plötzlich, wie viel Macht die Literaturkritik besitzt.

Hat sich das öffentliche Verhältnis zu Büchern verändert? Ist der Autor heute "banaler", weniger "genial" angesehen, als früher? Ist das Buch entmystifiziert, zum schlichten Produkt geworden, das wie ein Pfund Aufschnitt beworben, verkauft und von Laien beurteilt - und ggf. für schlecht befunden werden kann?

Heute ist das Buch natürlich nicht mehr erste Unterhaltungsquelle. Da sind andere, "visuellere" Medien emotional am Konsumenten näher dran. Andererseits war das Buch immer ein Produkt. Unser Blick auf die "Literaturgeschichte" übersieht ja gern, dass es seit jeher Verleger, Buchhändler und Autoren gab, die vom Verkauf von Büchern leben mussten – und dass schon immer "Trivialliteratur" existierte, deren Werke bald in Vergessenheit gerieten. Im Übrigen waren Autoren auch zur Zeit des Sturm und Drang oder der Romantik nicht genial. Schreiben war und ist, wie Sie als Autor ja wissen, vor allem harte Arbeit.

Nach welchen Kriterien werden heute Bücher beurteilt?

Neben klassischen Kriterien wie inhaltlicher Stringenz, stilistischer Brillanz oder erzählerischer Innovation spielt heute mehr den je der persönliche Geschmack des Rezensenten eine Rolle. Für den Leser bedeutet das, dass er "seine" Rezensentin oder "seinen" Rezensenten finden muss. Und das ist eine Suche, die sich, wie ich finde, lohnt.

Wenn Sie Rezensionen schreiben, beurteilen Sie dann nach verschiedenen Kriterien, abhängig von der Zielgruppe? Sprich: Schreiben Sie für die "Zeit" und für Amazon unterschiedliche Rezensionen über ein und das selbe Buch? Oder unterscheiden Sie hier schon im Vorwege bei der Auswahl der Bücher?

Ich schreibe grundsätzlich nie zwei Rezensionen zum selben Buch. Das würde gar nicht gehen. Aber Rezensionen zu Büchern für Erwachsene schreibe ich in der Regel anders als solche zu Kinderbüchern: nicht, weil hier Kinder die Adressaten wären (was sie ja definitiv nicht sind), sondern weil Kinderbücher einfach andere Kriterien verlangen. Auch der neue Stephen King erfordert eine andere Herangehensweise als der neue Günter Grass, weil er von einem anderen Publikum mit anderen Erwartungen an ein "gutes Buch" gelesen wird. Das gilt natürlich nur für Kritiker, die sich als Dienstleister des Lesers verstehen. Ansonsten ist die Tiefe der Rezension natürlich immer abhängig vom Platz, der dafür vorgesehen ist. Und den hat man halt bei einem Publikationsorgan mehr, bei einem anderen weniger.

Was muss ein Autor von Unterhaltungsliteratur tun, um dennoch auch von "Die Zeit", "Süddeutsche Zeitung", der" FAZ" und anderen großen Feuilletons oder Fernsehformaten zur Kenntnis genommen zu werden? Ist das nur über den Stempel "Literatur" oder auffallende Verkaufsahlen möglich, oder gibt es besondere Hinweise, die Sie Autoren geben können?

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht bis heute nicht so recht, was Unterhaltungsliteratur eigentlich ist. Die Trennung von U- und E-Literatur kam mir schon immer Spanisch vor. Jeder will doch unterhalten werden, nur auf unterschiedlichen Niveaus. Und Leser des Feuilletons erwarten zumeist andere Dinge von einem Buch als einen fesselnden Thriller-Plot. Hier sind bemerkenswerte Verkaufszahlen wohl eher schädlich: Der Stempel "Geheimtipp" zählt mehr. Damit sollte man sich abfinden, was sicher umso leichter ist, je höher die eigenen Verkaufszahlen sind. Und dann rutscht man ja als "Phänomen des Buchmarkts" ohnehin wieder in die Feuilletons.

Und zu guter Letzt: Wenn Sie angehenden Autoren einen Rat geben könnten, um möglichst erfolgreich wahrgenommen und positiv rezensiert zu werden, wie würde er lauten?

Studieren Sie Germanistik, lesen Sie sich durch die Feuilletons, entwickeln Sie ein Gespür für das, was "ankommt" und kompilieren Sie daraus und aus Ihrem Wissen aus der Literaturgeschichte Ihr Buch. Nichts freut einen Rezensenten mehr, als wenn man ihm Motive, Bilder und Zitate an die Hand gibt, die er, möglichst aus der Weltliteratur, wieder erkennen kann. Wenn Sie Glück haben, werden Sie dann mit Kafka, Plath oder Hemingway verglichen. Oder aber: Sie bleiben einfach Sie selbst und entwickeln Ihren eignen Stil. Wenn Sie wirklich gut sind, wird man Sie entdecken. Das kann ich versprechen, da vertraue ich voll und ganz auf die Qualität guter Literaturkritik. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass Sie Ihren Erfolg noch erleben werden.

Herr Dr. Köster, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm