"Beim Schreiben geschieht sehr viel unter der
Oberfläche"
Interview mit
Christoph Lode
Interview von
Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im
Tempest, März 2008

Christoph
Lode hat etwas geschafft, von dem alle Nachwuchsautoren träumen:
Sein Erstling „Der Gesandte des Papstes“ erschien 2008 als Spitzentitel
bei Page & Turner (Goldmann), einem Verlag von Random House. Ein zweites
Buch ist unter Vertrag und in Arbeit. Christoph Lode ist Jahrgang
77 und arbeitet in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg
Dein Buch spielt zu großen Teilen in Trapezunt und Armenien zur
Zeit der Mongolenherrschaft. Warum diese Gegend, diese Zeit? |
Diese Schauplätze ergaben sich zwingend aus der Handlung. Als ich den
Plot ausarbeitete, brauchte ich ein Land, das schon im 4. Jh. das
Christentum als Staatsreligion hatte. Da kam nur Armenien in Frage.
Trapezunt war im Mittelalter der größte Handelsknoten von
Ost-Kleinasien; hier prallten die unterschiedlichsten Kulturen
aufeinander: Byzantiner, Mongolen, Seldschuken, Mameluken und viele
mehr. Das hat mich fasziniert, außerdem war es nur logisch, dass meine
Charaktere diese Stadt auf dem Weg nach Armenien besuchen.
Verlage lieben das Gängige, heißt es immer. Bei historischen
Romanen möglichst Mittelalter, Europa oder die Kreuzzüge. Dein Buch ist
zwar Mittelalter, aber dein Held todkrank, der Ort der Handlung nicht
Europa, sondern völlig unüblich und abgelegen Armenien und die Kreuzzüge
sind auch schon vorbei. Gab es deswegen Probleme?
Überhaupt nicht, weshalb ich diese angeblichen Verlagsvorlieben auch
nicht bestätigen kann. Ich glaube, man darf ohne weiteres mit
Genrekonventionen brechen, so lange man es gut macht.
Wie sah das Lektorat aus, nachdem der Verlag das Buch angenommen
hatte? Was wurde da geändert, wie lange dauerte die Überarbeitung?
Inhaltlich wurde nichts geändert, nur stilistisch. Gedauert hat das
etwa 2-3 Wochen. Als ich das redigierte Manuskript zurückbekam, habe ich
80% der Änderungsvorschläge meiner Lektorin akzeptiert. Die übrigen 20%
haben wir am Telefon besprochen.
Wie bist du zu der Literaturagentur Schlück gekommen? Und wie
gestaltete sich dann die Suche der Agentur nach einem Verlag?
Zur Agentur Schlück kam ich über einen Freund, der schon seit
mehreren Jahren von Bastian Schlück vertreten wird. Er empfahl meinen
Roman, worauf ich das Manuskript per E-Mail an die Agentur schickte. Es
wurde am Wochenende gelesen; am Montag kam dann der Anruf, dass man
gerne mit mir zusammenarbeiten möchte. Die Suche nach einem Verlag ging
dann sehr schnell über die Bühne. Ich hatte kaum den Agenturvertrag
unterschrieben zurückgefaxt, da hatte mein Agent das Manuskript schon
einer Lektorin von Goldmann bzw. Page & Turner angeboten. In den
darauffolgenden Tagen schickte er es an weitere Verlage; neben Goldmann
hatten drei andere Verlage Interesse. Allerdings war das Angebot von
Goldmann so gut, dass wir uns schließlich dafür entschieden.
Womit hast du dein Buch begonnen, was war als erstes da? Eine
Figur, ein Bild oder ein Stück Plot?
Ganz am Anfang stand die Idee eines christlichen Ritters, der sich
auf eine Pilgerfahrt in den Nahen Osten begibt, entstanden aus meinem
Interesse für die Epoche der Kreuzzüge und den mittelalterlichen Islam.
Aber auch das Antoniusszepter oder zumindestens eine christliche
Reliquie war schon früh Bestandteil deiner Geschichte?
Früh, aber nicht von Anfang an. Den Entschluss, diesen Roman zu
schreiben, fasste ich erst, als ich die Idee mit Raouls Krankheit hatte.
Da wusste ich: Diese Geschichte ist etwas Besonderes. Dann brauchte ich
einen MacGuffin, ein plotauslösendes Element, und machte mich in der
christlichen Mythologie auf die Suche. Irgendwann stieß ich auf Antonius
und seinen T-förmigen Gehstock, aus dem das Zepter entstand. Das dürfte
die Geburt des Plots gewesen sein.
Wie entstand dann der Text? Hast du erst Personenbeschreibungen
erstellt, oder geplottet oder hast du einfach losgeschrieben
Ich bereite jeden Roman akribisch vor. Beim Gesandten habe ich für
jede Figur ein ausführliches Dosier angelegt, den Plot genau konstruiert
und gleichzeitig recherchiert. Erst als ich meine Geschichte genau
kannte, fing ich mit dem Schreiben an. Damit war die Arbeit am Plot aber
nicht abgeschlossen. Jede neue Idee, die mir beim Schreiben kam, prüfte
ich auf ihre Auswirkungen auf die Handlung und änderte den Plot
entsprechend.
Wie viel ändert sich bei deinem Plot im Laufe des Schreibens? Wie
stark haben sich zum Beispiel Figuren im „Gesandten des Papstes“ während
des Schreibens verändert?
Der Plot, wie er im Storyboard steht, ändert sich laufend während des
Schreibens. Figuren lassen unerwartet mehr Potential erkennen, werden
aktiver, was sich direkt auf die Handlung auswirkt. Klischees, die man
bei der ersten Ausarbeitung der Charaktere nicht erkannt hat, werden
abgeschliffen und gebrochen, während man die Figuren besser kennenlernt.
Die größte Wandlung hat Kadar al-Munahid, der Gegenspieler,
durchgemacht. Seine Vorgeschichte nahm mit der Zeit immer mehr Raum ein,
was seinem Charakter, so hoffe ich, mehr Tiefe verliehen hat und mir die
Möglichkeit gab, von einer plumpen Schwarz/Weiß-Zeichnung wegzugehen.
Welchen Umfang hatte die Überarbeitung, nachdem du die erste
Textfassung fertig gestellt hast? Hat sich da am Plot, den Personen noch
viel geändert oder am Stil?
Ich habe den Gesandten sehr umfangreich überarbeitet, was schon an
der Seitenzahl ersichtlich wird: Die erste Fassung des Romans hatte 440
Seiten, die zweite über 510. Am Plot hat sich nicht viel geändert, außer
dass ich die ein oder andere Szene hinzugefügt habe, um den
Spannungsbogen in der Mitte aufzupeppen und manche Figur deutlicher zu
beleuchten. Die meisten Änderungen und Ergänzungen betrafen die
Hauptfigur. In der ersten Fassung war sie zu blass, zu konturlos – zu
nett. Also versah ich sie mit mehr Ecken und Kanten und einer
ausführlicheren Vorgeschichte. So entstand das erste Kapitel, das in der
ersten Fassung gar nicht enthalten war. Stilistisch nehme ich die
üblichen Änderungen vor: Schachtelsätze, Modernismen und Wiederholungen
raus, schiefe Bilder geraderücken, Sprachklischees durch frischere
Formulierungen ersetzen usw.
Gab es am Anfang bereits eine Vorstellung, wie die Geschichte
ausgehen würde?
Das Ende stand von Anfang an fest. Allerdings wusste ich noch nicht
genau, wie für meine Hauptfigur die Geschichte enden würde. Das habe ich
erst festgelegt, als schon knapp die Hälfte des Romans geschrieben war.
Die Gestalt des todkranken Ritters ist dir gekommen, als ein naher
Angehöriger an Krebs erkrankt ist. Gibt es mehr solche Dinge, bei denen
Konflikte und Probleme aus deinem Leben in deinen Texten
wiederauftauchen?
Sicherlich gibt es in meinen Texten haufenweise Bezüge zu meinem
Leben, allerdings fällt es mir schwer, diese zu erkennen. Das geschieht
auf einer unbewussten Ebene; ich schaue mir nicht mein Leben an und
denke: Über dieses Erlebnis könntest du eigentlich mal schreiben. Dass
meine Hauptfigur an einer ähnlichen Krankheit leidet wie vor einigen
Jahren ein Verwandter, ist sicher kein Zufall, aber es war auch nicht
geplant. Mir ist dieser Bezug erst hinterher aufgefallen und hat bei mir
für einige Verblüffung gesorgt.
Wie wichtig sind deiner Meinung nach derart unbewusste Bezüge beim
Schreiben?
Schwer zu sagen. „Unbewusst“ heißt ja, dass man derartige Aspekte nur
schwer fassen kann. Ich glaube jedoch, dass sie sehr wichtig sind. Beim
Schreiben geschieht sehr viel unter der Oberfläche, etwa bei der
Entstehung von Ideen. Da verbinden sich persönliche Erfahrungen,
Wünsche, Ängste, Gelesenes, Gesehenes und die berühmten
Was-wäre-wenn-Fragen zu etwas Neuem. Wenn eine Idee kommt, sieht es ja
immer so aus, als wäre sie aus dem Nichts erschienen. Aber vermutlich
ging ihr ein langer unbewusster Prozess voraus.
Auf deiner Homepage sagst du, dass du manchmal den Eindruck hast,
du müsstest keine Geschichte erfinden, sondern eine vorhandene aus dem
Wust der Fakten und Ideen ausgraben. Ähnliches sagt auch Stephen King.
War das ein einmaliger Eindruck bei diesem Buch oder hattest du schon
öfter dieses Gefühl?
Diesen Eindruck hatte ich beim Gesandten und habe ihn wieder bei dem
Roman, an dem ich momentan arbeite. Bei dem Buch zwischen dem Gesandten
und dem aktuellen Projekt hatte ich das Gefühl, ich müsse mir die
Geschichte hart erarbeiten. Ich glaube aber nicht, dass man das dem
Resultat anmerkt. Mein zweiter Roman ist in mehrfacher Hinsicht reifer
als der Gesandte.
Wie lange schreibst du schon? Hast du vor dem „Gesandten des
Papstes“ schon andere geschrieben, die aber nicht veröffentlicht wurden?
Ich schreibe seit knapp zehn Jahren und habe vor dem Gesandten drei
Romane und mehrere Erzählungen und Kurzgeschichten geschrieben –
insgesamt gut 2000 Seiten. Allerdings habe ich gar nicht erst versucht,
etwas davon zu veröffentlichen, von einer Teilnahme an einem Wettbewerb
abgesehen. Nichts davon war gut genug, um es jemandem zuzumuten. Der
Gesandte war der erste Text, von dem ich dachte, er könnte reif für eine
Veröffentlichung sein.
Historische Stoffe erfordern ausführliche Beschreibungen, du
schreibst eher knapp und fügst später Beschreibungen ein. Wie sieht das
konkret aus?
Meine Erstfassungen fallen immer recht knapp aus, aber das liegt
nicht unbedingt an einem Mangel an Beschreibungen. Meine Schauplätze
sind eigentlich von Anfang an plastisch ausgestaltet, weil das etwas
ist, das mir sehr leicht von der Hand geht. Dafür kommt manche
Nebenhandlung zu kurz, Figurenmotivationen sind nur angedeutet und
brauchen mehr Raum in der Geschichte, das Potential des Plots ist nicht
optimal ausgenutzt. Bei der Überarbeitung baue ich daher kaum neue
Beschreibungen ein, sondern zusätzliche Szenen und mehr Innenansicht der
Charaktere.
Was fällt dir persönlich beim Schreiben besonders schwer? Gibt es
dabei etwas, das du gerne besser können wolltest?
Die allererste Seite ist immer die schwierigste. Manchmal überlege
ich tagelang, mit welchem Satz der Roman beginnen könnte. Und wenn ich
dann einen ersten Satz habe, geht der Kampf mit dem ersten Absatz
weiter. Ich hätte nichts dagegen, wenn mir das leichter fallen würde.
Wenn du zurückdenkst an dein erstes Manuskript: Was fällt dir
heute beim Schreiben leichter? Gibt es etwas, das dir jetzt schwerer
fällt?
Was mir heute leichter fällt, ist einfach zu beantworten: alles –
angefangen beim Aufbau einer Geschichte, über Dialogführung, bis hin zur
Charakterisierung der Figuren. Es gibt Autoren, die Prosaschreiben für
eine reine Übungssache halten. Diese Ansicht teile ich zwar nicht, aber
sie stimmt insofern, dass man die handwerklichen Aspekte wie Stil und
Dramaturgie trainieren kann und durch viel Übung leichter Zugang zu
Ideen bekommt. Dafür bin ich perfektionistischer als früher. Die
Unbeschwertheit, mit der ich an meine ersten Texte heranging, ist ein
Stück weit verloren gegangen. Und es gibt Tage, an denen ich diese
Naivität schmerzlich vermisse.
Herzlichen Dank für das Interview.
Das Gespräch führte
Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |