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"Wir suchen nach Erfahrungen des Wunderbaren, die uns zugleich ein wenig die Augen über uns und unsere Umgebung öffnen."

Interview mit Kai Meyer
Interview von Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im Tempest

Kai Meyer vorstellen hieße Dschinne nach Bagdad tragen. Seine Fantasy-Romane sind genauso bekannt und international erfolgreich wie seine historischen Romanen. Mit "Die Sturmkönige" legte er jetzt eine Fantasy-Triologie im Ambiente von 1001 Nacht vor.

Herr Meyer, Ihre neueste Triologie "Die Sturmkönige" spielt in der Zeit Harun al Raschids in Bagdad und Samarkand, mit fliegenden Teppichen, Ifriten, die Wünsche erfüllen, Dschinns und Magier. Die Wolkenvolk-Triologie verbindet die Renaissance mit dem alten China. Was war eigentlich zuerst da, der Hintergrund, den Sie dann mit einer Geschichte verwoben haben oder die Geschichte, für die Sie einen Hintergrund ausgewählt haben?

Ich wollte schon lange über die Welt von 1001 Nacht schreiben, schon vor der Wolkenvolk-Trilogie musste ich mich entscheiden, ob ich die nächsten anderthalb Jahre - zumindest im Kopf - in China oder im Orient verbringe. Auch die Sturmkönige selbst, also Menschen, die auf Tornados reiten, waren im Anfangsstadium einmal Bestandteil des Wolkenvolk-Konzepts. Dort gab es aber schon zu viele unterschiedliche Elemente, und so habe ich die Sturmkönige ins alte Arabien verpflanzt. Um also konkret auf Ihre Frage zu antworten: Zuerst waren da der Ort und ganz bestimmte Bilder, dann entstand die Geschichte.

Was für eine Bedeutung hat der Hintergrund in Fantasy? Oft heißt es ja, dass Fantasy-Leser ein gefühltes Mittelalter a la Tolkien erwarten, viele raten Fantasy-Autoren ab, davon abzuweichen, wollen sie veröffentlicht werden?

Man könnte tatsächlich annehmen, dass es derzeit recht einfach sei, Fantasy zu veröffentlichen, so lange sie nur den Erwartungen und Normen entspricht: ein pseudo-mittelalterlicher, tolkienesker Hintergrund ist das, was das breite Publikum offenbar haben will. Allerdings habe ich den Eindruck, dass manch einer das eher als Sprungbrett benutzt. Einige jener Autoren, die sich mit Figuren aus dem Tolkien-Kosmos etabliert haben, gehen jetzt dazu über, eigene Welten zu bauen. Ob sich diese Bücher genauso gut verkaufen, weiß ich nicht.

Sie kennen viele Orte Ihrer Fantasy Romane, Rom, Venedig. Waren Sie auch in Bagdad und Samarkand?

Nein, weder noch. Ich war mal ein paar Tage in Kairo, aber ich glaube nicht, dass das die Bücher geprägt hat. Mir ging es ja eher um das mythische oder märchenhafte Bagdad, mit einer hauchfeinen Schicht Wirklichkeit darüber - die Geographie der Stadt entspricht dem tatsächlichen Grundriss jener Zeit. Ausgangspunkt waren eher verklärte Erinnerungen an Filme wie "Der Dieb von Bagdad" und natürlich an die Geschichten aus 1001 Nacht selbst. Dazu kam dann noch eine gehörige Portion klassische Sword & Sorcery: Viele Autoren, die sich früher in diesem Subgenre der Fantasy getummelt haben, hatten ein Faible für die Beschreibung prachtvoller Metropolen, oft mit orientalischem Einschlag. Samarkand etwa verdankt einiges den Stadtbeschreibungen von Leigh Brackett aus den 40er und 50er Jahren - nur dass ihre Städte auf dem Mars lagen ...

Wie wichtig ist für Sie Recherche bei Fantasy-Romanen? Und welche Recherchen machen Sie?

Der überwiegende Teil besteht aus Literaturrecherche. Dazu kommen in manchen Fällen Reisen vor Ort. Für mein neues Buch ARKADIEN ERWACHT bin ich zweitausend Kilometer kreuz und quer durch Sizilien gefahren. Aber das allermeiste kommt tatsächlich aus Sachbüchern aller Art - und ich habe auch keine Skrupel, Details zu erfinden, so lange sie glaubwürdig klingen. Die Welt des Romans muss innerhalb der Geschichte real wirken und eine möglichst einzigartige Atmosphäre besitzen, das ist mir am Wichtigsten.

Mit der "Herrin der Lüge" haben Sie einen historischen Roman vorgelegt über einen Kreuzzug der Jungfrauen, den es nie gab und einen Lügengeist, der, nehme ich an, auch nicht historisch ist. Manche haben Ihnen deshalb vorgeworfen, dass das Täuschung sei, weil nicht historisch und in historischen Romanen erwarte der Leser eben keine Phantastik. War es schwierig so etwas im Verlag durchzusetzen? Wurde schon einmal mit Blick auf die Leser von Ihnen verlangt, Genre-Vorgaben einzuhalten?

Fast alle meine sogenannten "historischen" Romane haben phantastische Elemente. Das war von Anfang an Teil meiner persönlichen Spielwiese. Reine faktengetreue Historie interessiert mich nicht - jedenfalls nicht für die Dauer, die das Schreiben eines Romans erfordert. Wer das nicht mag, hat ja genug Auswahl, um etwas zu finden, das mit Lehranspruch daherkommt.

In Deutschland heißt Jugendschutz keine Gewalt in Jugendbüchern, in den USA kein Sex. Hatten Sie schon mal Probleme wegen Jugendschutz?

In den USA gab es eine kurze Diskussion mit dem Lektorat über ein Kapitelende der WELLENLÄUFER-Trilogie, das andeutet, dass die Protagonisten im Anschluss (und im Off) Sex haben könnten. Ich hab mich geweigert, das zu ändern, was letztlich auch akzeptiert wurde. Soweit ich weiß, hat sich kein Leser je darüber aufgeregt.

Irgendwer in Amerika hat auch einmal eine andere Stelle angemerkt, ebenfalls aus DIE WELLENLÄUFER, in der eine Figur erzählt, wie jemandem in der Vergangenheit die Worte "Bitte eintreten" aufs Hinterteil tätowiert wurden. Das war arg albern, zugegeben, und bezog sich im Deutschen natürlich aufs "Treten". Die Übersetzerin hat das aber lustiger Weise mit "Please enter" übertragen - was ja wörtlich genommen nicht falsch ist, aber von einer empörten Leserin als Aufforderung zum Analverkehr missverstanden wurde ...

Mir hat bei den Sturmkönigen der zweite Band besser gefallen – was nicht heißt, dass der erste schlecht war - und offenbar war ich nicht der Einzige. Gab es das öfters?

Ich persönlich mag den ersten am liebsten, weil er einen geradlinigen Actionplot erzählt - ein bisschen ist das ein Buch aus einer anderen Zeit und wurzelt in Filmen, mit denen ich aufgewachsen bin. Die Struktur verdankt sehr viel "Mad Max" und auch "Die Klapperschlange" - im Kern ist DSCHINNLAND tatsächlich eine klassische Endzeitgeschichte, nur dass die Charaktere nicht mit Autos, sondern auf Teppichen durch die Wüste jagen. Im zweiten Band, den tatsächlich viele Leser vorziehen, kommt dann der komplexe und sehr fantastische Überbau ins Spiel. Dort ähnelt DIE STURMKÖNIGE dann wieder ein bisschen mehr den WOLKENVOLK- oder WELLENLÄUFER-Trilogien.

Sie haben in der Wolkenvolk Trilogie viele chinesische Mythen benutzt, aber auch Da Vincis Bilder. Und die Sturmkönige verwenden 1001 Nacht, die deutsche Vorstellung des alten Orients. 1001 Nacht, das ist für die meisten eine farbenprächtige, geheimnisvolle Welt; dabei sind auch diese Geschichten oft ziemlich brutal. Was glauben Sie, ist an Mythen so faszinierend, dass Menschen immer wieder Geschichten darüber hören wollen – obwohl heute die meisten wissen, dass es Mythen und keine Wahrheiten sind?

Ich habe mich lange mit Mythenforschung beschäftigt, zig Bücher darüber gelesen, die besten meines Erachtens von Mircea Eliade. Sehr vereinfacht sagt er, dass sich Mythen weitestgehend aus Symbolen zusammensetzen - und diese Symbole es erlauben, den Menschen seiner Historie zu entkleiden und auf das zu reduzieren, was sein eigentliches Menschsein ausmacht. Das ist die grundsätzliche Suche nach Zielen und Bestimmungen, nach dem, wie Eliade es nennt, "Heiligen in der Welt". Und das meint er nicht im Sinne einer einzelnen Religion, sondern rein spirituell. Wir suchen nach Erfahrungen des Wunderbaren, die uns zugleich ein wenig die Augen über uns und unsere Umgebung öffnen. Phantastische Literatur leistet im besten Fall etwas sehr Ähnliches.

Wenn Ihre erste Fassung geschrieben ist, wie oft wird sie im Schnitt überarbeitet?

Permanent während des Schreibens und dann, nach Abschluss der ersten vollständigen Fassung, noch drei bis vier Mal.

Wenn Sie einmal an ihr erstes Exposé für einen Verlag zurückdenken, wie lang war dieses Exposé? Gab es etwas, das Sie heute anders schreiben würden? Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste bei einem Exposé?

Meine Exposés haben sich vom Aufbau und Stil her über fast fünfzig Bücher hinweg kaum verändert. Ich erarbeite sie sehr detailliert, bevor ich mit dem Schreiben des Romans beginne, Szene für Szene. Ich würde sagen, dass sie zu 70 oder 80 Prozent mit dem fertigen Buch übereinstimmen. Sie sind sehr erzählend, mit erklärenden Einschüben. Wichtig sind mir, abgesehen vom reinen Plot, vor allem, dass ich jederzeit ersehen kann, auf welchem Wissenstand die Helden und die Leser sind. Gerade bei komplexen Geschichten wie meinen ist es tödlich, wenn man das durcheinander bringt. Der einzige große Unterschied in meinen neueren Exposés ist der, dass ich mittlerweile auch in diesem Stadium bereits sehr auf die Entwicklung der Charaktere und ihre Gefühlslagen lege. Früher habe ich mir das oft bis zum eigentlichen Schreiben aufgehoben.

Wenn Sie heute ein neues Projekt haben, wie stellen Sie es dem Verlag vor? Immer noch mit klassischem Exposé?

Mittlerweile schließen wir die Verträge, bevor es ein Exposé gibt. Manchmal erzähle ich zuvor grob, was ich vorhabe, oder ich schreibe mal eine halbe Seite auf. In den meisten Fällen gibt es aber gar nichts, nur meine Zusage, bis zu einem bestimmten Termin ein Buch abzuliefern. Die Arbeit an so ausführlichen Exposés wie den meinen ist sehr zeit- und arbeitsaufwendig, das mache ich nicht ohne Vertrag. Das ist einer von mehreren Gründen, weshalb ich keine Drehbücher mehr schreibe: Auch dort werden ein Exposé und ein Treatment verlangt, beide sehr exakt, und beim Film ist das die Arbeit, die am schlechtesten bezahlt wird. Für ein Treatment, also einen Szenenaufriss ohne Dialoge, brauche ich aber die meiste Zeit. Ein 90-Minuten-Drehbuch schreibe ich in zwei Wochen, aber Exposé und Treatment dauern bei mir deutlich länger, wenn beides wirklich solide sein soll - und die Arbeit mache ich mir nicht für das, was die Produzenten und Sender einem in diesem Stadium des Projekts dafür bezahlen. Das klingt schrecklich, ich weiß, aber ich schenke denen keine Ideen, zumal in den allermeisten Fällen ja eh nichts aus den geplanten Filmen wird - auch das ist eines der traurigen Gesetze der Filmbranche.

Herzlichen Dank für das Interview.

Das Gespräch führte Hans Peter Roentgen