"Es gibt kaum eine Literaturgattung, die ganz ohne Liebe auskommt"
Interview mit Rebecca Michéle
Autorenvereinigung
DeLiA, 16.03.2006
Rebecca,
du bist nicht nur eine erfolgreiche Autorin, sondern auch
Vorsitzende von DeLiA, einer Autorenvereinigung für
Liebesroman-Autorinnen und -Autoren. Bevor wir uns über Liebesromane
allgemeine, deine Bücher und deine Arbeit in der Vereinigung im
Speziellen unterhalten, erzähl' doch einmal, wie du zum Romanschreiben
gekommen bist.
Schon in jungen Jahren hatte ich zwei Leidenschaften: Lesen und
Geschichte. In dem Alter, wenn andere Mädchen "Hanni und Nanni" lasen,
habe ich Geschichtsbücher und Biografien von englischen Königen und
Königinnen gelesen. Parallel habe ich über eine lebhafte Fantasie
verfügt und bereits als Kind begonnen, mir Geschichten auszudenken und
diese niederzuschreiben. Jahrelang natürlich nur für die Schublade, bis
ich dann mit 18 begonnen habe, einige dieser Kurzgeschichten
einzusenden. Einige wurden gedruckt, andere auch nicht. Erst 1989 hatte
ich die Idee zu einem "richtigen" Roman, für dessen Fertigstellung ich
aber fünf Jahre brauchte, weil ich nie daran gedacht habe, ihn
tatsächlich zu veröffentlichen. Nun, 1995 habe ich das Manuskript dann
tatsächlich eingeschickt, es wurde angenommen und die Entwicklung nahm
seinen Lauf.
2003 ist DeLiA e.V. gegründet worden. Wie kam es dazu?
Im Herbst 2002 nahm meine liebe Kollegin Marte Cormann mit ein paar
Autorinnen per Mail Kontakt auf, um eine Art virtuelle
Interessengemeinschaft zu bilden. Wir alle schreiben im großen Feld des
Liebesromans, und hatten vorher eigentlich kaum Kontakt zu anderen
AutorInnen. Recht schnell wurde die Idee geboren, einen offiziellen
Verein zu gründen, um uns untereinander zu vernetzen und das Ansehen des
Liebesromans im deutschsprachigen Raum zu heben.
Wo genau sieht DeLiA Handlungsbedarf? Geht es in erster Linie um
Erfahrungsaustausch, oder als Interessenvereinigung auch um besondere
Ziele?
Neben dem Erfahrungsaustausch (wir helfen uns z.B. bei
Recherchefragen, Schreibblockaden und teilen Freud und Leid
miteinander), ist es das Ziel von Delia, den Liebesroman aus der
Schublade "Schundliteratur", in der er immer noch gesteckt wird,
herauszuholen. Im angloamerikanischen Sprachraum hat der LiRo einen viel
höheren Stellenwert und ist dort eine anerkenne Literaturgattung. Im
deutschsprachigen Raum gibt es immer noch AutorInnen, die sich vehement
dagegen wehren, Liebesromane zu schreiben, wobei wir der Auffassung sind, alle
Romane, durch deren Geschichte sich auch eine Liebesbeziehung zwischen
zwei Menschen (das muss nicht immer die klassische Mann-Frau-Geschichte
sein), ein Liebesroman ist.
Zudem ist inzwischen der DeLiA Literaturpreis mit immerhin 1000,-
Euro Preisgeld ins Leben gerufen worden. Wer kann sich hierfür bewerben,
und wer sind die Juroren?
Es können alle Verlage und AutorInnen Romane einreichen, die 1. in
dem jeweiligen Jahr, für das der Preis vergeben wird, in Erstausgabe
erschienen ist, 2. der Roman muss in deutscher Sprache verfasst worden
sein (keine Übersetzungen), 3. keine Storysammlungen mehrerer AutorInnen
4. und kein Druckkostenzuschussverlag oder BoD.
Die Jury besteht aus vier DeLiA-Mitgliedern, die jedes Jahr neu
gewählt werden. Für das Jahr 2007 sind das: Heide John
(Jury-Vorsitzende), Marte Cormann, Kerstin Gier (Siegerin der DeLiA
2005) und Rebecca Michéle (also meine Wenigkeit … smile …). Die
Jurymitglieder sind von einer Teilnahme natürlich ausgeschlossen. Bei
Interesse an einer Teilnahme findet man alle notwendigen Informationen
auf der Homepage von DeLiA – www.delia-online.de
Du selbst bist nicht nur Mitlied bei DeLiA, sondern auch bei Quo
Vadis, einer weiteren Autorenvereinigung, die sich auf historische
Romane konzentriert. Gibt es zwischen beiden Vereinigungen eine Art
Zusammenarbeit, oder handelt es sich hier nur um thematische
Schnittmengen?
Eine offizielle Zusammenarbeit gibt es nicht, ich stehe allerdings in
direktem Kontakt zu Eric Walz, dem Sprecher von Quo Vadis. Auch bei QV
gibt es ein Jahrestreffen, und beide Vereinigungen können von einander
lernen, was man anders und evt. besser machen könnte. Leider ist der
Austausch unter den AutorInnen von QV nicht so hoch, wie bei DeLiA, was
vielleicht daran liegt, dass AutorInnen von historischen Romanen laufend
irgendwo zur Recherche unterwegs sind und weniger Zeit für einen
Gedankenaustausch untereinander haben.
Auf welche Ergebnisse, oder Ereignisse, die sich aus der
Zusammenarbeit mit anderen DeLiA-Autoren ergeben haben, bist du
besonders stolz? Was ist erst durch DeLiA möglich geworden?
Bei der Gründung im Mai 2003 waren wir 12 Autorinnen, jetzt sind wir
inzwischen 48! Das ist ein Ergebnis, auf das man in drei Jahren durchaus
stolz sein kann. Durch DeLiA wurde es einigen Mitgliedern ermöglicht,
Verlage und AgentInnen zu finden, weil hier ein Austausch stattfindet,
wo und was gerade gefragt ist. Es kamen auch schon Verlage auf DeLiA zu,
die Manuskripte zu speziellen Themen gesucht haben. So wurde einigen
Mitgliedern der Einstieg in einen neuen Verlag ermöglicht.
Haben DeLiA-Mitglieder besondere Möglichkeiten, einen Verlag zu
finden oder auf ihre Werke und Manuskripte aufmerksam zu machen?
Siehe auch Antwort auf Frage oben ... Wie die Besucherzahlen auf der
DeLiA-Homepage zeigen, wird die Seite sehr frequentiert. Da jedes
Mitglied auch eine eigene DeLiA-Mail-Adresse hat, kommt es häufig vor,
dass über diese Adresse Kontakt von Verlagen aufgenommen wird. Die
Werbung, die jedes Mitglied auf seiner eigenen Seite machen kann, ist
auch nicht zu unterschätzen. Zudem geben wir alle zwei Monate einen
Infobrief heraus (derzeit ca. 150 Abonnenten), in dem auf
Neuerscheinungen der Mitglieder aufmerksam gemacht wird. Der Infobrief
ist kostenlos, unverbindlich und kann über die Homepage bestellt und
jederzeit wieder abbestellt werden.
Wie sehen die Aufnahmekriterien der Autorenvereinigung aus? Kann
jeder mitmachen? Und soll überhaupt jeder mitmachen? Was sollte ein
Autor mitbringen, der bei DeLiA aktiv werden möchte?
Wir freuen uns natürlich über jedes neue Mitglied … smile … Aber es
sind einige Kriterien zu beachten: 1. Mitglied bei DeLiA kann werden,
wer mindestens einen Roman oder drei Heftromane in einem kommerziellen
Verlag veröffentlich hat (kein DKZ, kein BoD). 2. Die Werke müssen in
deutscher Sprache verfasst worden sein.
Neben den Aufnahmekriterien freuen wir uns natürlich über AutorInnen,
die sich in das Vereinsleben einbringen. Das heißt nicht unbedingt, dass
man täglich und über jedes Thema auf unseren virtuellen Marktplatz
mitklönen muss, aber ein Verein lebt von der Einbringung der einzelnen
Mitglieder. Natürlich haben wir auch "stillere" Mitglieder, die sich nur
ab und zu melden, auch das ist in Ordnung. Wie oft man sich beteiligt,
bleibt selbstverständlich jedem selbst überlassen.
AutorInnen die noch nicht veröffentlich haben, VerlegerInnen,
AgentInnen, LeserInnen oder überhaupt alle, die sich für das Genre
interessieren, begrüßen wir gerne als Fördermitglieder. Auch hier gibt
es eine Mailingliste, über die man sich austauschen kann und
F-Mitglieder werden selbstverständlich zu allen Veranstaltungen von
DeLiA eingeladen.
Wie nicht anders zu erwarten, finden sich unter den Mitgliedern
mehr Frauen als Männern. Liegt das lediglich am unterschiedlichen
Kommunikationsbedürfnis, oder ist es so, dass mehr Frauen Liebesromane
schreiben?
Ich habe jetzt keine Statistik vorliegen, wie hoch der prozentuale
Anteil von "liebesromanschreibenden Männern" im deutschsprachigen Raum
ist. Bekannt ist allerdings, dass es viele Männer gibt, die unter
weiblichen Pseudonymen Liebesromane schreiben (das kommt besonders
häufig im Bereich Heftroman vor). Meine persönliche Meinung ist, dass
Männer weniger den Wunsch verspüren, sich gegenseitig auszutauschen. Das
ist ja ein altbekanntes Thema ... lächel ... Männer verschließen sich auch
eher der Tatsache, Liebesromane zu schreiben. Wir sind aber guter
Hoffnung, dass die Emanzipation der Männer auf diesem Gebiet
fortschreiten wird!
Wenn man "Liebesroman" hört, kann man sich zunächst ganz viel
vorstellen. Angefangen von Cora-Heften, über Heimatromane, bis zu
historischen Wälzern, Fantasy oder ganz realen Geschichten. Sowohl
Marion Zimmer Bradley, als auch Diana Gabaldon und Nicolas Sparks
könnten als Liebesroman-Autoren betrachtet werden. Wie ist das
Eigenverständnis von DeLiA?
Ja, der Bereich Liebesroman ist wirklich sehr, sehr vielfältig!
Welterfolge von Werken wie "Vom Winde verweht, "Love Story,
"Rebecca" und ganz besonders "Romeo und Julia" sind alles Liebesromane.
Wie bereits erwähnt, sieht DeLiA alles als Liebesroman an, in dem es in
irgendeiner Form um das vielfältige Thema der Liebe geht. Das kann
Eltern-Kind-Liebe, die Liebe zu Tieren und natürlich auch
gleichgeschlechtliche Liebe sein.
Wie ist es um Liebesromane allgemein bestellt? Gibt es hier
überhaupt ein abgrenzbares Genre, und verändert sich die Akzeptanz? Gibt
es Trends?
Es ist Tatsache, dass der Markt von Liebesromanen nicht nur beständig
ist, sondern stetig ansteigt. In einer Welt, in der es immer hektischer
und unpersönlicher wird, ist der Wunsch vorhanden, sich in der Freizeit
bei einem Buch zu entspannen. Es ist allerdings bei Liebesromanen
ähnlich wie bei McDonalds – keiner geht hin, aber die Restaurants sind
immer voll. Du verstehst, was ich meine?
Eben um dieses Denken zu verändern, hat sich DeLiA zusammengefunden.
Unsere große Hoffnung ist, dass die Leser stolz darauf sind, in ihren
Bücherregalen Liebesromane stehen zu haben, und nicht nur Werke von
Schriftstellern, die zwar von Literaturkritikern anerkannt und hoch
gelobt werden, in die die Leser aber nie einen Blick hineingeworfen
haben. Und wenn, dann nur einmal und nie wieder ...
Nein, ich würde Liebesromane nicht unbedingt in gewisse Genres
einteilen. Wie oben bereits erwähnt, gibt es kaum eine Literaturgattung,
die ganz ohne Liebe auskommt, selbst in vielen Krimis lassen sich
Liebesgeschichten finden.
Kann man Regeln aufstellen, was Leser von Liebesromanen erwarten?
Muss es ein Happy End sein, muss es Sex geben, usw., und andersherum:
Gibt es Dinge, die man keinesfalls einbringen sollte?
Das ist eher seine Sache von Verlagen als von Autoren und Lesern. Es
gibt Verlage, die ganz genau Vorstellungen haben, was in einem
Liebesroman gehört und was nicht. Bei Lesern sind (zum Glück!) die
Geschmäcker verschieden, und wir AutorInnen versuchen, alle Wünsche und
Vorstellungen abzudecken. Oben habe ich ein paar Klassiker der (Liebesroman-)Literatur
erwähnt – alles Werke ohne klassisches Happy-End, aber trotzdem von den
Lesern geliebt. Keinesfalls gewünscht sind natürlich alle
Gewaltverherrlichungen und rechtsradikale Themen. Aber das bezieht sich
nicht nur auf Liebesromane, sondern auf alle Literaturgattungen.
Zurück zu dir: Wie bekommst du die Arbeit als Vorsitzende und das
Schreiben zeitlich unter einen Hut? Kommst du nicht in Terminkonflikte?
Bevor man ein solches "Amt" übernimmt, überlegt man sich schon genau,
ob man seiner Aufgabe auch gerecht werden kann. Nun, ich habe mit Petra
Last (Vizepräsidentin), Hilke Müller (Schatzmeisterin) und Lothar Gräner
(Schriftführer) ein tolles Team zur Seite. Im Hintergrund wirken viele
andere Delias engagiert wird, z.B. in der Pressestelle, die Betreuung
der Homepage oder beim Infobrief. Natürlich muss jeder Verein einen
"offiziellen" Vorstand haben, aber wie Delias sehen uns als Team an, das
Hand-in-Hand arbeitet, denn nur gemeinsam sind wir stark und können
etwas erreichen.
Vor Großveranstaltungen, wie z.B. die Liebesromantage (die jedes Jahr
in einer anderen Stadt stattfinden), kommt es schon vor, dass ich sechs
bis acht Stunden täglich für DeLiA tätig werde. Da man das aber in Regel
vorher weiß, ist es eine Sache der Organisation, um dem Verein und
meiner Arbeit zu gleichen Teilen gerecht zu werden.
Hast du besondere Pläne für DeLiA für das nächste Jahr oder die
nächsten Jahre?
Unser Hauptaugenmerk liegt natürlich auf der Verbreitung der
Tatsache, dass auch deutschsprachige AutorInnen gute Liebesromane
schreiben können und auf der Präsenz in den Medien, die im letzten Jahr
deutlich zugenommen hat. Der wichtigste Punkt sind hier die
"Liebesromanetage", und die Verleihung des Literaturpreises. Jeder Autor
und jede Autorin weiß, dass Werbung das A und O für Verkäufe der Werke
sind. Hier hege ich Pläne, wie man die Mitglieder noch mehr der
Öffentlichkeit präsentieren könnte, möchte darüber aber noch nichts
verraten.
Du bist schon eine ganze Zeit in der Branche und im Genre
unterwegs. Wenn du ein paar Jahre in die Zukunft siehst, was denkst du,
wird sich für Liebesromanautoren ändern, worauf werden sie sich
einstellen müssen?
Ich glaube, die Entwicklung auf dem Buchmarkt ist nicht nur ein
Thema, was Liebesroman-AutorInnen angeht. Ich mache mir schon Gedanken,
ob es in zehn oder zwanzig Jahre überhaupt noch Menschen gibt, die ein
gedrucktes Buch in den Händen halten und es lesen. Hörbücher sind auf
dem Vormarsch. Offenbar hat jeder immer weniger Zeit, so "liest" man
eben neben dem Autofahren, Putzen, Bügeln usw., um ja nicht zuviel von
der kostbaren Freizeit zu verschenken. Für mich persönlich ist das eine
schreckliche Vorstellung, denn es gibt doch nichts Schöneres, als sich
mit einem Buch in einen stillen Winkel zurückzuziehen.
Auch das Internet ist nicht zu unterschätzen. Die Musikbranche kämpft
ja schon mit dem Problem der Downloads, ein Thema, welches auch im
Bereich Buch brisant werden wird. Trotzdem glaube ich fest daran, dass
es auch in der Zukunft genügend Menschen geben wird, die sich durch
wunderbare Geschichten angesprochen fühlen.
Und zuletzt: Hast einen besonderen Ratschlag oder eine Weisheit,
die du neuen Autoren - insbesondere auch Liebesromanautoren - mit auf
den Weg geben möchtest?
Aus eigener Erfahrung gebe ich "Jungautoren" gerne drei Ratschläge:
1. Schreibt, was euch am Herzen liegt! Verbiegt euch nicht, und versucht
nicht krampfhaft, irgendeinem Trend zu folgen, denn bis euer Roman
fertig ist, könnte der Trend wieder vorbei sein. Bleibt euch und euren
Wünschen und Vorstellungen treu. 2. Seht eure Arbeit positiv an, auch
wenn ihr Absagen bekommt. Es gibt zahlreiche Beispiele von
Beststellerautoren, die ihre Wände mit Ablehnungsschreiben von Verlagen
tapezieren könnten. Schreiben und Veröffentlichen bedeutet eine gewisse
Zähigkeit und manchmal auch ganz, ganz viel Geduld. 3. Seid konsequent,
zuverlässig und auch kompromissbereit, wenn ihr veröffentlichen wollt!
Man kann durchaus Kompromisse mit Agenten und/oder Verlegern schließen,
ohne seine eigenen Ziele und Wünsche zu verleugnen. Ich kenne die
Aussagen von einigen Lektoren, die Zuverlässigkeit (neben Talent
natürlich!) als höchstes Gut bei Autoren schätzen, und sich sehr schnell
von welchen trennen, die sich nicht an Termine oder sonstige Absprachen
halten.
Rebecca, danke für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |