"Es gab jede Menge Überraschungen"
Interview mit Titus Müller und Guido Dieckmann von Quo Vadis
Interview von
Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im
Tempest, Juni 2004

Der Tempest Mitarbeiter
Titus Müller
ist einer der Herausgeber,
Guido Dieckmann
einer der Autoren von "Die
sieben Häupter". Insgesamt haben zwölf Autoren der
Autorengruppe Quo Vadis
an diesem Roman mitgewirkt. Von der Kritik gelobt verkauft sich das Buch
nicht nur erstaunlich gut, sondern widerlegt auch das Vorurteil: "Viele
Köche verderben den Brei".
Titus, Guido, vielleicht erzählt ihr erst mal, wie es überhaupt zu
diesem Projekt kam? |
TM: Ruben Wickenhäuser und ich sind zum Aufbau-Verlag gegangen, um
eine Anthologie der Quo-Vadis-Autoren anzubieten. Der Lektor schlug vor,
statt der Anthologie einen Roman ins Auge zu fassen. Erst kam uns die
Idee verrückt vor, zu zwölft einen Roman zu schreiben, aber dann haben
wir uns damit angefreundet, und schlussendlich jede Menge Spaß gehabt.
Wie sah eure gemeinsame Arbeit aus? Hat da einer nach dem anderen
geschrieben, oder haben alle gleichzeitig ihre Texte verfasst?
TM: Einer nach dem anderen. Man muss sich das vorstellen wie das
Partyspiel, bei dem jeder eine Zeile schreibt und dann das Blatt an den
Nächsten weiterreicht. Nur, dass wir den Text des Vorgängers lesen
durften. Und natürlich haben wir das nicht zeilenweise gemacht, da wird
eher in Kapiteln gerechnet.
GD: Wir schrieben unsere Texte nacheinander, wobei die nachfolgenden
Autoren geschickt Andeutungen und Ideen des Vorgängers aufgriffen und
nach eigenen Vorstellungen weiterführten. Da ich den Prolog der
Geschichte verfasste, stand ich vor der Herausforderung, die Zeit, zwei
der handelnden Figuren und einen der Schauplätze ins Spiel zu bringen.
Eine historische Persönlichkeit, nämlich Eike von Repgow, den Verfasser
des Sachsenspiegels, führte ich zwischen den Zeilen ein. Ich fand es
sehr gelungen, wie manche dieser frühen Anregungen später aufgegriffen
wurden.
Das Buch hat ja einen sehr komplexen Plot. Lag der in dieser Form
von Anfang an fest oder ist er während des Schreibens entstanden?
TM: Glaub mir, es gab jede Menge Überraschungen für mich. Unsere
Vorgaben am Anfang waren sehr grob, die Winkelzüge stammen von den
einzelnen Autoren.
GD: Ein Gerüst hatten wir schon, auch die meisten handelnden Figuren
kannten wir. Aber der Plot ließ jedem einzelnen Mitwirkenden noch viel
Freiraum, um die Geschichte zu formen, ja teilweise auch in unerwartete
Richtungen zu lenken.
Wie wurde der Roman überarbeitet? Haben alle Autoren an der
Überarbeitung mitgewirkt?
TM: Jeder Autor hat seine zwei Kapitel überarbeitet.
GD: Zunächst haben die Mitwirkenden ihre eigenen Kapitel mehrfach
überarbeitet und auch fleißig diskutiert. Ruben Wickenhäuser und Titus
Müller, die Herausgeber des Romans, übernahmen zusätzlich das Lektorat,
machten auf Ungenauigkeiten und kleinere Unstimmigkeiten aufmerksam.
Selbstverständlich hatten wir beim Aufbau-Verlag auch noch einen Lektor.
Hat sich viel während der Schreibphase an Plot und Personen
geändert?
TM: O ja. Unser Lektor hat versucht, darüber eine Theorie
aufzustellen. Seiner Meinung nach haben die Autorinnen eher die Figuren
weiterentwickelt und die Autoren eher die Handlung vorangetrieben.
GD: Ich denke, einiges hat sich geändert. Manche Personen erleben im
Verlauf der Geschichte eine Wandlung. Und das Ende hätte ich persönlich
so nicht erwartet.
Wie sahen die Vorgaben für die einzelnen Autoren aus? Gab es einen
festen Einstieg und ein Ende, oder war auch der Plot selbst bereits
vorgegeben? Hatten die Autoren auch Vorgaben bezüglich der Länge ihrer
Texte?
TM: Der Einstieg war ja durch den schon bestehenden Text vorgegeben.
Man nimmt natürlich den Faden da auf, wo ihn der letzte Autor verlassen
hat. Für den Zielpunkt des Textabschnitts gab es keine Vorgaben, nur die
letzten drei Autoren hatten sich da genauer abgesprochen, um alles auf
ein großes Finale zulaufen zu lassen.
GD: Wir hatten vereinbart, dass jeder Mitwirkende zwei Kapitel von
jeweils ca. 15 Seiten verfasst und sich, so weit es geht, am
Spannungsbogen orientiert. Mein Prolog war ansonsten vorgabenfrei, da
ich meinen Auftrag zunächst darin sah, in das Thema einzuführen. Später
fiel es mir noch einmal zu, im 17. Kapitel ein zwischenmenschliches
Problem der beiden Hauptfiguren zu lösen. Das hat mir natürlich sehr gut
gefallen.
Was war eurer Meinung nach die größte Überraschung bei diesem
Projekt, womit hattet ihr gar nicht gerechnet?
TM: Mich haben drei Dinge überrascht. Erstens, dass Individualisten,
wie es Autoren nun mal sind, sich so genau an den Terminplan gehalten
haben. Zweitens, dass aus den zwölf Einzelstücken überhaupt ein
geradliniger Roman entstanden ist (ich war da skeptisch). Drittens: Das
Ende des Romans.
GD: Ich hatte auch mit einem anderen Ende gerechnet. Aber ich
tröstete mich mit dem Gedanken, dass das Finale gebündelte Spannung
enthält und alle Fragen, die während der Handlung aufgeworfen werden,
eine Antwort finden. Insgesamt betrachtet, überraschte mich die gute
Zusammenarbeit der einzelnen AutorInnen, die sich ja nicht alle im
Mittelalter heimisch fühlen.
Hattet ihr schon vorher Erfahrungen mit gemeinsamen Schreiben oder
Diskussionen? Wurden in eurer Autorengruppe Quo Vadis schon vor den
sieben Häupter gemeinsam über einzelne Texte oder Projekte diskutiert?
TM: Die "Sieben Häupter" sind das erste gemeinsame Projekt von Quo
Vadis. Diskutiert haben wir vorher schon in unserem Kreis, aber nicht
zusammen etwas geschrieben.
GD: Ich hatte vor dem Projekt "Die sieben Häupter" keine Erfahrungen
mit gemeinsamer Schreibarbeit. Und ich muss gestehen: Ich habe sie auch
nicht gesucht. Das Schreiben bzw. das Entwickeln von Gedanken und
Geschichten ist für mich eine ganz persönliche, beinahe intime
Angelegenheit. Ich gebe Texte höchst ungern aus der Hand, solange sie
noch nicht völlig ausgereift sind und arbeite lieber für mich im
Stillen. Das Gemeinschaftsprojekt war also für mich eine aufregende
Sache, aber auch eine sehr schöne.
Welches Folgeprojekt plant ihr? Werden da wieder die gleichen
Autoren teilnehmen?
TM: Für den nächsten Gemeinschaftsroman haben wir uns einen
Königsmord vorgenommen, über dessen Hintergründe sich die Historiker bis
heute nicht sicher sind. Der ideale Stoff, wie ich finde.
GD: Die Belegschaft wird sich ein wenig ändern, da einige KollegInnen
aus verschiedenen Gründen nicht mehr mitarbeiten können oder wollen. Den
Organisatoren ist es jedoch gelungen, die so entstandenen Lücken mit
einigen kompetenten AutorInnen zu füllen.
Was war für euch die überraschendste Erfahrung? Und was würdet ihr
beim nächsten Mal anders machen wollen?
GD: Die überraschendste Erfahrung war für mich, dass es großen Spaß
machen kann, gemeinsam mit anderen AutorInnen zu schreiben. Toll fand
ich auch, wie viel ich während dieser Zeit von den anderen lernte. Wenn
man das Buch aufmerksam liest, so entdeckt man in den einzelnen Kapiteln
viele Charakteristika der einzelnen Autoren. Auch was die jeweiligen
Wissensgebiete angeht, mit denen der eine oder andere sich bereits
vorher beschäftigt hat. Vieles davon ist in den Roman eingeflossen und
macht damit für mich einen großen Teil seines Zaubers aus.
Eines Nachts steht plötzlich eine wunderschöne Fee neben eurem
Bett und sagt: "Ihr habt so ein schönes Buch geschrieben, das soll euch
belohnt werden. Ihr habt einen Wunsch für Quo Vadis frei." Was wünschen
sich Titus Müller und Guido Dieckmann?
TM: Ein Jahrestreffen in einer Stadt, die durch uns in ein
Historische-Romane-Fieber gerät. Überfüllte Lesungen und Signierstunden,
kostenfreies Essen und Übernachten, und trotzdem – wie immer – Zeit für
Diskussionen mit den Kollegen, die einen noch lange beschäftigen.
GD: Muss ich mit der wunderschönen Fee auch noch über Bücher reden?
Nun gut, Quo Vadis wünsche ich mehr Mitglieder, weitere schöne
Jahrestreffen und gute Ideen für künftige Projekte. Das waren schon drei
Wünsche, aber ich bin sicher, die Fee wird mit sich reden lassen.
Herzlichen Dank für das Interview.
Die Autoren von "Die sieben Häupter" sind: Mani
Beckmann, Horst Bosetzky, Guido Dieckmann, Richard Dübell, Rebecca Gablé,
Helga Glaesener, Malachy Hyde, Tanja Kinkel, Tessa Korber, Titus Müller,
Belinda Rodik, Ruben Wickenhäuser Das Gespräch führte
Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |