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"Die Menschen waren immer wissbegierig ..."
Interview mit
Titus Müller
Interview
von
Hans Peter Roentgen (TeXtkraft),
7.6.2006
Erstveröffentlichung im
Tempest

Titus Müller hat mehrere erfolgreiche historische Romane geschrieben,
zuletzt "Die
Todgeweihte", die im mittelalterlichen Basel spielt, die "Brillenmacherin"
und, zusammen mit anderen Autoren "Sie
sieben Häupter".
Titus, deine Bücher spielen oft im Mittelalter. Was reizt dich
besonders an dieser Epoche?
Man war auf der Suche, in der Kunst, in der Wissenschaft, und vor
allem in den Fragen der Religion. Mir imponiert, mit welcher
Verzweiflung und Hingabe man nach dem Richtigen, Wahren gesucht hat. Wir
tun das heute nicht mehr. Für uns ist interessant, wohin der nächste
Urlaub geht, ob wir uns ein neues Auto kaufen können und was im
Fernsehprogramm läuft. Ich glaube, dass uns der Luxus, in dem wir leben,
wie ein Nebel umgibt. Insofern ist das Mittelalter, in dem viele
Menschen arm waren, eine Epoche, die für mich ein interessantes
Gegengewicht bildet zu unserer heutigen Lebenswelt. |
Dass in Basel 1349 die Pest ausbrach, kann man nachlesen. Was sich
in Basel wo befand, welche Gesetze galten, auch. Aber du beschreibst
auch, was deine Personen fühlen, wie sie denken. Wie schreibt man
Personen mit Gefühlen, Gedanken aus einer anderen Welt?
Die Menschen damals haben ja nicht nur Gesetze aufgeschrieben. Es
gibt Literatur aus dieser Zeit, Streitgespräche über die Beschaffenheit
der Welt, Verhörprotokolle, Briefe. Aus diesen Zeugnissen lernt man viel
über die damalige Art, zu denken.
Viele historische Romane beamen starke Frauen aus der heutigen
Zeit in die Vergangenheit. Oder beschreiben eingeschüchterte, hilflose
Heimchen am Herd. Deine Saphira ist weder das eine noch das andere.
Haben wir, was mittelalterliche Frauenrollen angeht, ein Vorurteil?
Das Problem sind nicht die starken Frauen. Dass es die im Mittelalter
gab, lässt sich anhand von Beispielen ohne weiteres nachweisen. Ich sage
mal frech: Starke Frauen gab es immer, vom Anfang der Menschheit bis
heute. Das Problem sind die Möglichkeiten, die man ihnen im Roman an die
Hand gibt. Da muss man gut aufpassen, nicht die heutigen Gegebenheiten
in die Vergangenheit zu übertragen. Es gab auch damals Schlupflöcher,
und die kann man nutzen. Zum Beispiel durfte unter bestimmten Umständen
die Frau eines Handwerksmeisters seinen Betrieb übernehmen, wenn er
starb, und als Witwe sogar der Zunft beitreten. Wenn ich das so
beschreibe, verfälsche ich nicht die Gegebenheiten, und biete meinen
Lesern eine aktive, handlungsfähige Protagonistin.
Du gehörst zu den Schriftstellern, die für ihre ausführlichen
Recherchen bekannt sind. Wie viele Fachbücher hast du für "die
Todgeweihte" gelesen?
Keine Ahnung. Bei meinem vorletzten Roman, "Die Brillenmacherin",
habe ich darüber Buch geführt, aber für "Die Todgeweihte" nicht. Was
mich diesmal besonders froh gemacht hat in Bezug auf die Recherchen, ist
das Lob der jüdischen Leser. Die Heldin des Romans ist ja Jüdin, und ich
habe die jüdischen Museen in Berlin und Basel besucht und Bücher über
das Alltagsleben der Juden gelesen, um sie glaubwürdig zu beschreiben.
Als im Schweizer Fernsehen ein jüdischer Lehrer den Roman lobte und
sagte, obwohl er orthodoxen Glaubens sei, könne er ihn seinen Söhnen zu
lesen geben, hat mich das glücklich gemacht. Auch ein jüdischer Rabbi
kam zu einer Lesung von mir. Vergangene Woche wurde ich in die
Bibliothek einer jüdischen Gemeinde eingeladen, um aus dem Roman zu
lesen. Das zeigt mir: Die Recherchen haben mir geholfen, den richtigen
Tonfall und die richtigen Details zu finden.
Shakespeares Othello und Macbeth sind eher keine historischen
Figuren und Schillers Don Carlos auch nicht. Auch heute gehen viele
"historische" Romane sehr freizügig mit den Fakten um. Ist historisches
Detailwissen, Recherche für einen Autoren überhaupt notwendig oder
hindert es seine Phantasie? Muss ein Autor historischer Romane ein
historischer Fachmann sein?
Leser historischer Romane schätzen den zusätzlichen "Lerneffekt" –
sie wollen, während sie unterhalten werden, etwas über die Geschichte
der Menschheit lernen. Nach jeder Lesung wird mir die Frage gestellt:
Wie viel von dem ist wahr, was Sie im Roman schildern? Wenn ich dann
sage, dass ich vor Ort war und mit den Nachfahren der Protagonisten
gesprochen habe, leuchten die Augen auf, und die Leute rennen zum
Büchertisch. Ein Autor kann mit seinem Material machen, was er will. Für
die Leser allerdings wird eine Geschichte glaubwürdiger, wenn ein großer
Teil der Elemente aus der realen Welt entnommen ist.
Die Kirche macht den Wissenschaften im Mittelalter Vorschriften,
verbrennt Ketzer; Theologen begründen ihr Wissen einzig mit Bibel- oder
Aristoteleszitaten. Gleichzeitig blühen in den Klöster die Anfänge von
Naturwissenschaften und Technik auf; Mönche kopieren antike Schriften
und machen damit Renaissance und Moderne überhaupt erst möglich. Bei
Mittelalter denken wir an religiöse Vorurteile und Hexenverbrennungen,
aber es sind Theologen, die den Hexenglauben als heidnische
Wahnvorstellungen, eines Christen unwürdig, bezeichnen.
Es fällt uns heute schwer, das Mittelalter objektiv einzuordnen. Zu
tief sitzen die Kampfparolen der Französischen Revolution, von der
unsere Gesellschaftsform ausgegangen ist. So ist es mit neuen
Zeitaltern: Zuerst einmal muss man das vorhergehende niedermachen, um
sich zu legitimieren. In Frankreich wollte man damals die christliche
Religion abschaffen, und als wirksamstes Argument erwies sich die
Parole, das Christentum sei verstaubt und rückständig und behindere die
Wissenschaften. Seitdem glauben Westeuropäer, die Kirche habe im
Mittelalter alles getan, um neues Wissen zu verhindern. Nichts könnte
falscher sein! Mir sind da erst im Studium – ich habe mittelalterliche
Geschichte studiert – die Augen aufgegangen. Klöster waren im
Mittelalter die Zentren von Wissen und Forschung schlechthin. Hier hat
man gelesen, experimentiert, diskutiert, niedergeschrieben. Aber es ist
wie mit einem guten Werbespruch. Ob er wahr ist, spielt keine Rolle. Er
prägt sich ein und sitzt fest.
Die mittelalterlichen Studierstuben kannten noch nicht die
Begriffe moderner Wissenschaft wie Experiment, Verifikation und vielfach
wurde nur mit Bibel- oder Aristoteles-Zitaten gearbeitet. Dennoch wurden
damals viele technische Entdeckungen gemacht. Du beschreibst in der
"Brillenmacherin", dass es bereits eigene Zünfte der Brillenmacher gab.
Lässt sich eigentlich sagen, wann die Brille erfunden wurde?
Wer sagt das, dass man im Mittelalter Experiment und Verifikation
noch nicht kannte, und nur mit Bibelzitaten gearbeitet hat? Das ist doch
Unfug. Gestern Abend war ich bei einer Autorenkollegin zu Besuch, und
wir haben über ihre Romanthemen gesprochen. Kathrin Lange schreibt
Romane über die mittelalterliche Astronomie. Mir klappt die Kinnlade
runter, wenn ich sehe, was die mittelalterlichen Astronomen schon alles
wussten. Für Kathrins neuen Roman wird von einem Profi eine Sternenkarte
gezeichnet nach den Angaben, die im 14. Jahrhundert aufgeschrieben
worden sind: Winkel, Entfernungstabellen, Beobachtungsberichte. Mit
feinsten technischen Geräten wie dem Astrolabium hat man damals
Berechnungen angestellt. Man hat Planetenbahnen vermessen, Karten
gezeichnet. Bedenke: So ein Astrolabium muss dem Standpunkt des
Betrachters angepasst sein! Auf Sizilien funktioniert es anders als in
Nordfrankreich. Warum glauben wir nur, im Mittelalter seien die Leute
dümmer gewesen als wir heute? Manchmal habe ich das Gefühl, wir sind
unserer selbst so unsicher, dass wir uns nur mit Arroganz über die
Runden helfen können.
Entschuldige, du hast etwas ganz anderes gefragt: Ob man weiß, wann
die Brille erfunden wurde. Nein, das weiß man nicht. Immer, wenn man
meint, ein Jahr festlegen zu können, findet man in einer alten Kirche
unter dem Boden eine Brille, die im Mittelalter jemandem zwischen den
Planken durchgerutscht ist und muss feststellen, huch, damals gab es die
also auch schon!
Auch in "Die sieben Häupter" spielt eine technische Formel eine
Rolle: Das Schwarzpulver, das lange als Erfindung eines Mönches im
vierzehnten Jahrhundert galt, aber offenbar schon viel früher bekannt
war. Wie hat man sich die Arbeit eines mittelalterlichen Gelehrten
vorzustellen? Kopieren alter Manuskripte? Verfassen von Schriften anhand
von Bibel- oder Aristoteles- Zitaten?
In der Zeit vor dem Buchdruck war es tatsächlich wichtig, an
Schriften heranzukommen und sich eine Kopie machen zu lassen. Man hat
sich gegenseitig Bücher geliehen und sie für teures Geld abschreiben
lassen. Wer es weit brachte, ging nach Paris, Bologna, Cambridge oder
Oxford an die Universität – im 13. Jahrhundert gab es schon ein Dutzend
Universitäten! – und schloss sich dem collegium doctorum an, das die
Studenten unterrichtete. Es gab Fakultäten für Medizin, Jura, Theologie,
Grammatik, Rhetorik, Philosophie. Bibliotheken galt es zu durchstöbern.
Die Studenten hatten Vorlesungszeiten und Ferien, die Magister nahmen
ihnen Examen ab und überreichten Grade. Zur letzten Frage, ob es
Experimente gab: Nun, ohne Experimente hätte es wohl kein Schwarzpulver
gegeben, keine Brillen, keine wasserkraftbetriebene Hammerwerke, keine
Räderuhr, keine Fußbodenheizung und keine Medizin (man durfte sich beim
Obduzieren der Leichen allerdings nicht erwischen lassen).
Warum machten sich Mönche eigentlich die unendliche Mühe, alte
Schriften zu kopieren? Bei der Bibel ist das noch erklärlich, das war
das Wort Gottes. Aber was waren die Motive, alle diese antiken
Schriftsteller abzuschreiben? Warum legten sich Klöster umfangreiche
Bibliotheken an mit Büchern, die mit Theologie zunächst nichts zu tun
hatten?
Warum legen wir heute Bibliotheken an? Die Menschen waren immer
wissbegierig, ob nun in der Antike, im Mittelalter oder heute. Und
Mönche waren besonders stark auf der Suche. Sie hatten viel Zeit zum
Nachdenken und ein großes Bedürfnis danach, Gott zu verstehen. Da nach
ihrem Verständnis Gott die Welt geschaffen hatte, hieß, die Welt zu
erforschen, Gott zu erforschen. Man war der Meinung, dass sich Gott in
seiner Schöpfung offenbart hat.
Umberto Eco erzählt, dass oft die Zitate, die in seiner "Name der
Rose" echt waren, von Lesern für erfunden gehalten wurden und umgekehrt.
Ist dir das auch schon passiert?
(Lacht.) Allerdings. Wenn ich eine Stelle sehr offiziell klingen
lasse, gehen die Leser davon aus, dass ich ein mittelalterliches
Dokument zitiere. An anderer Stelle, wo ich wortwörtlich Aussagen
übernommen habe, ahnt es niemand.
In deinem neuesten Buch "Die Todgeweihte" sind Juden die
Geldverleiher, weil gläubige Christen keinen Zins nehmen durften. Aber
gleichzeitig treten in Basel erstmals italienische "Banchieri" auf, die
Mittel und Wege gefunden hatten, das Zinsverbot zu umgehen, die Vorboten
der Globalisierung sozusagen.
Im wahrsten Sinne des Wortes! Das "virtuelle Geld" der Bancheri hat
schon weit in die Moderne vorgegriffen. Sie stellten Wechsel aus, zuerst
nur, wenn auch Geld hinterlegt wurde, später aber als echte Kredite. So
konnten Kaufleute ihre Schiffe für ausgedehnte Handelsreisen ausrüsten
und erst bei der Heimkehr mit dem Gewinn den Kredit zurückzahlen. Den
Wechselschein konnte man aber auch einem anderen Kaufmann übertragen.
Der Weg zu Versicherungen und Optionsscheinen war da nicht mehr weit.
Herzlichen Dank für das Interview.
Das Gespräch führte
Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |