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"Jede Möglichkeit, es auf einen Punkt zu bringen, ist gut"

Interview mit Selim Özdoğan
Interview von Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im Tempest

Es war nicht nur einer der längsten, sondern auch einer der einprägsamsten Titel, mit dem Selim Özdogan 1995 seinen Erstling herausbrachte: "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist". Nicht nur der Titel wurde Kult. Jetzt hat er mit "Zwischen zwei Träumen" ein Buch über eine Gesellschaft herausgebracht, in der Träume als Tropfen verkauft werden, Vorträumer um die Erde jetten und prominent sind wie heute Filmschauspieler. Grund genug, ihn einmal zum Schreiben zu befragen.

Ihre Sprache hat einen Rhythmus, der sie wie Musik wirken lässt. Hören Sie beim Schreiben Musik? Oder kommt dieser Rhythmus bei Ihnen automatisch in den Text?

Beim Schreiben läuft oft Musik nebenbei, aber nicht notwendigerweise. Der Rhythmus, den ich zu Papier zu bringen versuche, ist eher in meinem Kopf.

Hören Sie beim Schreiben Ihren Text im Kopf?

Ich habe den Text inklusive Klang im Kopf, ich weiß meistens genau, wo und wie ich beim Lesen die Betonungen setzen würde und wie die Satzmelodie klingen muss. Wenn es mal nicht ganz hinhaut, spreche ich es auch vor mich hin.

Was war von dem Buch als Erstes da? Diese Träume, die man kaufen kann, die Gesellschaft, in der es Traumatheken gibt, Bars, in denen man gemeinsam Träume tropft? Die Person des Nesta, der unbedingt ein Traum-Star werden will, aber es immer nur zum Vorträumen, nie aber zum Vertrag schafft? Nesta und Tedeisha, die gemeinsam träumen können, und ihre Liebe?

Als Allererstes war die Idee da, wie es wäre, wenn man Träume aufzeichnen könnte. Sicherlich ein verbreiteter Gedanke, dem ich versucht habe mehr Raum zu geben, und als genug Raum da war, auch noch eine Richtung. Ich wollte eine Welt haben, in der Träume konsumierbar sind, der Rest hat sich dann Stück für Stück ergeben.

War das bei anderen Büchern auch so? Dass die Welt, der Hintergrund, auf dem sich alles abspielt, als Erstes da war?

Nein, es ist unterschiedlich. Aber grundsätzlich ist da schon ein Keim, eine Grundidee, aus der sich der Rest dann entwickelt. Das kann ein Gefühl sein, eine Idee wie mit den Träumen, eine Figur, das war zum Beispiel bei der Tochter des Schmieds der Fall. Da hatte ich zuerst die Figur und habe sie dann in die passende Welt gesetzt.

Es gibt Autoren, die planen Figuren und Handlung vorab, bevor sie zu schreiben beginnen, andere wissen nur ein ungefähres Ende, auf dass sie hin schreiben. Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

In der Regel, weiß ich, wo ich ungefähr hin will, ich habe mir die Figuren in ihren Grundzügen schon überlegt, ich weiß, wie sich der fertige Text für mich anfühlen soll. Alles weitere ergibt sich dann beim Schreiben und kann auch von der Ausgangsidee abweichen.

Wie oft haben Sie den Texte überarbeitet? Hat sich gegenüber der ersten Bearbeitung viel oder wenig geändert?

Der Text hat einige Überarbeitungen hinter sich, aber keine sonderlich gravierenden. Ich versuche Details herauszuarbeiten, zu kürzen und den Text, so weit es mir möglich ist, subtiler zu gestalten. Charaktere verändern sich noch leicht, aber am Grundgerüst wird nach der ersten Fassung nicht mehr gerüttelt.

Wie lange haben Sie an "Zwischen zwei Träumen" gearbeitet? Was fiel Ihnen am leichtesten, was war am schwierigsten? Gab es Dinge, mit denen Sie kämpfen mussten, oder floss das Schreiben?

Ich habe so ungefähr zwei Jahre an dem Roman geschrieben, mit einer langen Pause dazwischen, in der ich nicht mehr weiterkam. Meistens fällt mir das Schreiben nicht sonderlich schwer, aber es gab eine Phase, in der ich jeden Tag das am Vortrag Geschriebene wieder gestrichen habe, und als ich nach zwei Wochen dann schlechte Laune hatte, gab es diese lange Pause. Dann habe ich irgendwann eines Abends das letzte Kapitel geschrieben, auf einmal war es halt da. Danach war ziemlich klar, wo es hin geht, und ich musste nur noch die Lücke füllen.

Die Geschichte wurde also weitgehend vom Schluss her geschrieben?

Nein, ich hatte über zwei Drittel schon fertig, als ich nicht mehr weiterkam. Nur das letzte Drittel ist vom Schluss her geschrieben.

War es schwierig, für diesen Text einen Verlag zu finden? Früher waren Sie bei Aufbau, jetzt bei Lübbe. Wollte Aufbau den Roman nicht, oder wollten Sie wechseln?

Die bei Aufbau haben das Manuskript nicht gesehen, ich wollte wechseln. Das habe ich mir grundsätzlich aber leichter vorgestellt. Viele Verlage wollten das nicht als Buch herausbringen.

Warum war das schwierig? Haben die Verlage, die es nicht wollten, Ihnen einen Grund genannt? Oder einfach nur: Nein, danke, wollen wir nicht?

Die meisten Verlage habe schon Gründe für ihre Absage genannt, aber die meisten habe ich, ehrlich gesagt, nicht verstanden. Ich vermute, dass es einfach nur wortreiche, höfliche Formulierungen waren für: Hat uns nicht gut genug gefallen.

Nach dem Verlagsvertrag kommt ja das Lektorat. Wie umfangreich war das bei "Zwischen zwei Träumen"? Gab es Unterschiede zu den Lektoraten Ihrer anderen Bücher?

Ja. Jeder Lektor ist anders. Es gibt Lektoren, die haben, glaube ich, schon einen Leser im Kopf, wenn sie das Manuskript überarbeiten, und versuchen das Buch diesem Leser anzupassen. Dann gibt es Lektoren, die mehr innerhalb des Romans arbeiten. Sicher auch, um ihn für den Leser ansprechender zu gestalten, aber halt mit mehr Betonung auf den eigenen Kosmos des Romans. Dann wiederum gibt es Lektoren, die sehr auf eine bestimmte Form bedacht sind, wörtliche Rede nur so und so, Kursivschrift nur dann und dann. Was weiß ich, jeder Mensch ist anders, jeder Schreiber, jeder Lektor, jeder Bäcker, es gibt halt Unterschiede in der Herangehensweise.

Ihren ersten Roman haben Sie mit 25 veröffentlicht. Wissen Sie noch, wie alt Sie waren, als Sie Ihre erste Geschichte geschrieben haben?

24, wenn ich kleinlich sein darf. Ich war nicht wesentlich jünger, als ich erste Geschichten geschrieben habe, und es gab auch nicht sonderlich viele davon. Jung und dumm sein und ein arger Geltungsdrang haben sehr dabei geholfen, dass ich mir gedacht habe: Ich will es gleich ganz groß. Es muss ein Roman sein.

Sie wollten aber schon mit vierzehn Schriftsteller werden, haben Sie im Interview mal erzählt. War das nur ein abstrakter Wunsch, haben Sie auch schon früher geschrieben, haben Sie sich nicht ans Schreiben getraut?

Nein, das war ein konkreter Wunsch. Nein, eigentlich nicht einmal ein Wunsch, sondern die einzige Möglichkeit, die für mich sichtbar war. Es gab keinen anderen Weg. Dass ich damals nicht geschrieben habe, hat sicherlich auch etwas damit zu tun, dass ich mich noch nicht reif dafür fühlte. Getraut habe ich mich vieles, allein schon aus Dummheit.

War das einfach das Gefühl, ich bin nicht so weit, oder hatte das konkrete Gründe, warum Sie glaubten, noch nicht reif dafür zu sein?

Es war eher ein Gefühl, dass es einfach noch nicht so weit war. Oder vielleicht auch nur Faulheit. Wahrscheinlich habe ich auch gedacht, ich müsste noch mehr erleben. Zudem habe ich damals auch keine Vorbilder gesehen; Die Schreiber, die ich toll fand, hatten nicht schon mit siebzehn oder neunzehn ihr erstes Buch veröffentlicht. Dass Romane Personen und einen Plot haben, ist vielen bewusst. Dass sie auch einen Hintergrund haben, auf dem sie spielen, wird gerne übersehen.

Wie wichtig ist für Sie der Hintergrund einer Geschichte, die Gesellschaft, in der er spielt? Was tun Sie, damit dieser Hintergrund "stimmt"?

Schwer zu erklären. Lange darüber nachdenken und dann erst anfangen zu schreiben.

Sie halten auch Workshops zum Schreiben ab. Was kann man Ihrer Meinung in solchen Schreibwerkstätten lernen?

Eine andere Perspektive. Man geht ja den ganzen Tag mit Sprache um, ohne sich gewisse Dinge bewusst zu machen. Jeder kennt zum Beispiel den Unterschied zwischen Eifersucht und Neid, aber wenige können ihn auf Anhieb erklären. Genau so, wie man meistens mittags nicht mehr weiß, was der erste Satz war, den man morgens gesagt hat, oder wie man nicht sagen kann, welchen Schuh man sich zuerst anzieht. Es geht nur um eine gewisse Entschleunigung, die den Blick schärfen kann. Und eine Ahnung davon, welche Fragen man an einen Text stellen kann.

Um mal bei Neid und Eifersucht zu bleiben: Man könnte ja auch eine wissenschaftliche Definition dazu geben: Neid ist, wenn der Puls um mindestens 30 Schläge hochgeht, die befallene Person an nichts anderes mehr denken kann ... Aber Ihnen geht es um etwas anderes. Wie kann man diesen Unterschied in einer Geschichte deutlich machen?

Es geht mir nicht so sehr um die Geschichte, sondern darum, es griffig auf einen Punkt bringen zu können. Zu Neid gehören mindestens zwei Personen, zur Eifersucht drei. Das ist jetzt nicht die einzige Möglichkeit, es zu verdeutlichen, aber wenn man so eine Unterscheidung für sich selbst machen kann, dann ist man der Beschreibung eines Gefühls schon näher gekommen. Selbst wenn man es im Text letztlich ganz anders formuliert.

Das hieße ja, eine herausragende Eigenschaft setzen, um etwas zu erklären. Also pars pro toto, sich etwas aussuchen, mit dem man eine Sache ohne langatmige Definitionen charakterisieren kann?

Es muss nicht pars pro toto sein oder eine andere rhetorische Figur, jede Möglichkeit, es auf einen Punkt zu bringen, ist gut. Und auf einen Punkt bringen ist genau das: langatmige, wasserdichte Definitionen vermeiden. Es geht darum, ein Bild entstehen zu lassen, das möglichst exakt wird, ohne dass man gleich alle Farben auf der Palette gebrauchen muss. Eine reicht wahrscheinlich schon, aber man muss auch genau wissen, wohin damit.

Und was ist das größte Problem der Nachwuchsschriftsteller in Ihren Workshops? Anders gefragt: Was machen Anfänger beim Schreiben am häufigsten falsch?

Ich glaube nicht an das Konzept des Nachwuchsschriftstellers. Entweder man ist es, oder man ist es nicht. Fehler macht jeder, und Schwächen kann man bei überall sehen. Geltungsdrang, Energie, Drive, Geradlinigkeit, Feuer, wie auch immer man es nennen möchte, können in meinen Augen handwerkliche Mängel durchaus aufwiegen. Am Anfang vertraut man seinem Werkzeug vielleicht noch nicht so richtig und macht Dinge, die nicht WIRKLICH nötig sind.

Was kennzeichnet dann dieses "Schriftsteller-Sein"?

Wer es fühlt, der weiß es, und wer es weiß, der fühlt es. Ich kann es nicht erklären, ich glaube, es gibt auch keine allgemeingültigen Kriterien, die man anlegen könnte.

Um noch mal auf den "Drive", das "Feuer" zurückzukommen: Was kann da handwerkliche Mängel überspielen? Dass man eine Geschichte, etwas zu erzählen hat? Dass man schreiben muss?

Ja, dass man etwas zu erzählen hat. Dass es nicht darum geht, gut auszusehen, Ruhm, Anerkennung und Preise zu bekommen, dass das, was man da gerade tut, lebensnotwendig erscheint.

Herzlichen Dank für das Interview.

Das Gespräch führte Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche Genehmigung!