"Wir erleben eine unglaubliche Beschleunigung des
Konzentrationsprozesses im Buchhandel "
Interview mit Manfred Plinke
Autorenhaus Verlag, 06.08.2007
Lieber
Herr Plinke,
Sie haben 1995 gemeinsam mit Gerhild Tieger die Idee zum
Jahrbuch für Autoren und Autorinnen entwickelt, und ein Jahr später
erschien die erste Ausgabe. Erzählen Sie uns ein bisschen darüber, wie
es dazu kam. Wie sind Sie an Ihre Inhalte gekommen? Waren Sie bereits so
gut in der Branche vernetzt und informiert? Wie lief der Vertrieb? Gab
es damals Ihren Autorenhaus-Verlag bereits?
Wir haben beide veröffentlicht, teils in namhaften Verlagen wie C. H.
Beck oder Herder. Andere Autoren hatten uns aber von ihren
Schwierigkeiten berichtet, einen Verlag zu finden. Da ist uns klar
geworden, dass wir offenbar Glück gehabt haben und geradewegs bei die
"richtigen" Verlage angefragt hatten. Das war vor zwölf Jahren, es gab
kein brauchbares und aktuelles Autorenhandbuch zu der Zeit, so ist
Anfang 1996 ist das erste Jahrbuch für Autoren erschienen und wir haben
dazu den Verlag gegründet. Es war als hätten viele Autoren nur darauf
gewartet. Das Buch war sofort ein Erfolg, obwohl wir damals keinen Namen
im Buchhandel hatten, auch nicht im Buchgroßhandel vertreten waren. Aber
wir haben begeistert Büchersendungen stapelweise zur Post gebracht, denn
jede Bestellung war für uns wie eine Bestätigung.
Inzwischen ist das Jahrbuch eine Institution, die mit stolzen rund
1000 Seiten, vielen Adressen und interessanten Artikeln eine wertvolle
Hilfe für Autoren darstellt. Sie haben sich dabei zum Ziel gesetzt,
unabhängig - also auch werbefrei - und kritisch zu bleiben. Wie bewerten
Sie heute die Vor- und Nachteile dieser Entscheidung?
Wir haben sicherlich nicht wenige Fehler gemacht und durch die Praxis
gelernt. Aber die Entscheidung, das Jahrbuch für Autoren von
Fremdwerbung freizuhalten, ist zwar finanziell kein geringer Verzicht,
aber es hat uns alle redaktionelle Freiheiten und die Glaubwürdigkeit
erhalten. Das wissen unsere Leser offenbar zu schätzen.
Der durch Ihre Berichterstattung im Jahrbuch 2005/2006 entbrannte
Konflikt ist inzwischen in der Branche legendär, und hat Ihnen viele
Pluspunkt für Zivilcourage und Bewunderung bei Autoren eingebracht. Noch
heute finden sich diffamierende "Glossen" oder "Meinungen" über Sie im
Netz, denen auf rechtlichem Wege vermutlich nicht beizukommen ist.
Nachdem der Autorenhaus-Verlag den Prozess gegen die Unterlassungsklage
gewonnen hat; ist die Sache nun erledigt?
Ich wünschte die Sache wäre erledigt. Aber wenn man innerhalb von 2
Jahren, nach dem Erscheinen des vorherigen Jahrbuchs für Autoren
2005/2006, mit 73 Abmahnungen, 56 Einstweiligen Verfügungen und Klagen,
Bestrafungsanträgen, Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft, illegalen
Abnehmerverwarnungen im Buchhandel, übelsten Verleumdungen und
Psychoterror überzogen wird, da ist die Meinung nahe liegend, dass
jemand vor zwei Jahren beschlossen hat, uns persönlich zu vernichten,
den Autorenhaus Verlag zu ruinieren, um einen unbequemen Kritiker
loszuwerden. Man fragt sich natürlich, wer es nötig hat, so viel zu
prozessieren. Niemand sonst verklagt uns.
Ist das vor dem Gericht bisher noch nicht aufgefallen?
Wir werden an allen möglichen Orten zwischen Hamburg und München -
teils mit rechtsmissbräuchlichen Methoden - verklagt. Das ist möglich,
weil unsere Bücher in ganz Deutschland erhältlich sind oder
redaktionelle Texte im Internet überall abrufbar sind. Dabei habe ich
zuvor noch nicht einmal ein Landgericht von innen gesehen. Da wird mit
verschieden Firmen, Organisationen und Personen geklagt, hat ein Kläger
verloren, tritt ein anderer an einem anderen Gerichtsort auf.
Wie können Sie dagegen vorgehen?
Ich hatte vor einem Jahr eine Petition an den Bundestag gerichtet,
die 1131 Mit-Petenten unterzeichnet haben - was bei einem solchen
speziellen Thema viel ist. Nun hat gerade der Bundestag entschieden, die
Petition an die Bundesregierung zu überweisen, weil der
Petitionsausschuss eine sehr große Anzahl von Petitionen zu dieser
Thematik erhalten hat und eine Überprüfung der gegenwärtigen Rechtslage
für dringend geboten hält. Eilverfahren laden geradezu zum Missbrauch
ein, davon sind Buchverlage, ihre Autoren und der Buchhandel betroffen,
weil die Landgerichte nur oberflächlich prüfen und auf Grund einseitigen
Vortrags entscheiden. Der Betroffene wird meist nicht einmal angehört.
Ein Skandal - wo bleibt da die Presse- und Meinungsfreiheit?!
Das ist das Grundsätzliche, aber wie geht es bei Ihnen weiter?
Nun, wir sind noch da, wir haben bereits viele Prozesse gewonnen,
aber es ist mühsam, kostet Zeit und Geld, und das ist natürlich die
Absicht. Wir verdanken unseren Lesern viel Unterstützung, Ermutigung und
ganz praktische Solidarität durch Bestellungen.
Wie beurteilen Sie heute den Nutzwert Ihrer Aufklärungsarbeit im
Verhältnis zu dem damit entstandenen Ärger, dem Staub, der aufgewirbelt
wurde?
Unabhängige Aufklärung ist notwendig, besonders wenn es um
Verflechtungen von angeblich unabhängigen Autorenvereinen mit
vertrauenerweckenden Namen und handfesten Interessen geht, das kann ja
kaum einer durchschauen. Wir haben vor zwei Jahren nicht einen Bruchteil
von dem gewusst, was uns inzwischen bekannt ist. Jeder neue Angriff hat
zwangsläufig dazu geführt, dass man unglaubwürdige Behauptungen,
fragwürdige Namen, teils abenteuerliche Aussagen nachprüfen musste - und
so immer wieder zu neuen Erkenntnissen kam, über die man sich heute
informieren kann, zumindest über die meisten.
Abgesehen davon, finden sich immer mehr Anbieter im Netz, die mit
"Verlag sucht Autor" und schließlich einem "Kostenvoranschlag" für den
Autor auf Bauernfang gehen. Aber die Druckkostenzuschussverlage (DKZ)
haben dazu gelernt. Immer häufiger wird ganz offensiv auf Kosten für den
Autor hingewiesen, man stellt sich als Freund und Dienstleister dar, der
natürlich entlohnt werden will, und wirbt damit, dass auch Goethe seine
Publikationen selbst bezahlt hätte. Bisweilen handelt es sich dabei aber
auch um durchaus seriöse Firmen, die Lektorat, Design, Layout und Druck
aus einer Hand anbieten und sich daher für einen Verlag halten oder sich
als solchen ausgeben. Was halten Sie von diesen Tendenzen?
Das sind zwei Entwicklungen, es gibt die Zuschussunternehmen und die
echten Dienstleister, das muss man unterscheiden. Ja, angeblich soll
Goethe den Götz von Berlichingen selbst herausgebracht haben, aber
dazwischen liegen zwei Jahrhunderte und die Entwicklung des
Urheberrechts, des Verlagsrechts und die Errungenschaften der
Autorenverbände, die dafür gesorgt haben, dass Autoren angemessen
honoriert werden - und nicht umgekehrt. Wenn heute einer mit Götz von
Berlichingen kommt, fällt den meisten wohl nur das bekannte Zitat dazu
ein. Es wäre doch so, als ob man Arbeitnehmern vorschlagen würde, sie
sollten Geld zur Arbeit mitbringen.
Die andere Sache sind die Dienstleister, die echten, gottseidank gibt
es die! Viele Verlage arbeiten ständig mit professionellen
Dienstleistern, wie Lektoren oder Buchdesignern zusammen, und diese
Profis stehen auch Autoren zur Seite. Aber wie im Geschäftsleben üblich,
sollten Autoren immer mehrere Angebote einholen und vergleichen, bevor
sie einen Auftrag erteilen. Autoren selbst können auch Dienstleister
sein, zum Beispiel wenn sie für andere schreiben - wie man damit Geld
verdienen kann, beschreibt Andrew Crofts in seinem Buch "Ghostwriter",
da sind auch Vertragsmuster enthalten.
Der Begriff "Dienstleisterverlag" ist natürlich Unsinn, ein Oxymoron,
eine in sich widersprüchliche Wortkombination, denn ein Dienstleister
wird bezahlt, während der Wortursprung von Verlag „vorlegen“ ist, dazu
gehört alles, auch das Autorenhonorar.
Dieses Autorenforum weist jeden angehenden Autor immer wieder
darauf hin, dass in keinem Fall Geld vom Autor zum Verlag fließt. Und
dass es hiervon auch keine Ausnahmen gibt. Jegliches andere Vorgehen mag
eine Dienstleistung sein, aber es ist kein "verlegen" und der Anbieter
kein "Verlag". Trotzdem wird mancher Autor nach der zehnten
Verlagsabsage schwach, wenn er für nur wenige Tausend Euro sein Buch
selbst drucken lassen kann. Sollte man vielleicht froh darüber sein,
dass diese Inhalte die ohnehin mit Manuskripten überschwemmten Verlage
nun nicht mehr belasten?
Warum sollte ein Autor nicht drucken lassen, wo und was er möchte?
Zumal der Digitaldruck das heute so günstig ermöglicht. Ob der Autor
seine Erwartungen erfüllt sieht, also Leser findet, das ist eine andere
Frage. Oft ist das in solchen Fällen eben nicht so, deshalb stellen wir
Informationen bereit, die es Autoren, auch unerfahrenen, erlaubt,
auszuwählen und die für ihn richtige Entscheidung selbst zu treffen. Die
meisten Buchverlage, die wir vor jedem Erscheinen des Jahrbuchs für
Autoren anschreiben, stellen uns ihre Programminformationen und ihre
Wünsche, wie sie sich die Manuskriptangebote von Autoren wünschen, gerne
zur Verfügung, weil ihnen dadurch viele Manuskriptangebote erspart
bleiben, die von vornherein gar nicht in ihr Verlagsprogramm passen und
etliche machen auch konkrete Angaben, welche Art von Manuskripten sie
aktuell suchen.
Wie gestaltet sich heute die Arbeit, um das Jahrbuch zu füllen und
insbesondere die Adressen und Kontaktinformationen ständig aktuell zu
halten? Und wie kommen Sie an die interessanten Artikel in Ihrem
Jahrbuch? Haben Sie thematische Vorstellungen? Fragen Sie Autoren und
Spezialisten an?
Ja, die Recherchen sind jedes Mal sehr aufwändig, aber auch
notwendig, denn es ändert sich gerade bei den Verlagsadressen und
Programmangaben immer sehr viel von einer Ausgabe zur nächsten. Wir
stellen ja die Grundinformationen für Erstautoren, also das elementare
Wissen, in dem „Handbuch für Erstautoren“ bereit, so dass das Jahrbuch
für Autoren inhaltlich abwechslungsreich und aktuell ist. In dieser
Ausgabe sind zum Beispiel mehrere Beiträge von Verlagslektoren
enthalten, weil wir finden, dass es wichtig ist, wenn Autoren mehr über
die Arbeit ihrer Partner in den Verlagen wissen.
Sie geben nicht nur das Jahrbuch heraus. Tatsächlich hat sich mit
dem Autorenhaus Verlag ein erfolgreicher Fachverlag etabliert. Das
Börsenblatt des Deutschen Buchhandels bezeichnet ihn als "bekannt für
profunde Sachinformation von hohem Gebrauchswert". Ihre Autoren sind
Schriftsteller, Lektoren, Verleger und Literaturagenten, und Ihre
Publikationen beschäftigen sich mit dem Handwerk des Schreibens und der
Funktionsweise der Branche. Haben Sie mit diesem Programm eine Lücke
gefüllt?
Ja, das stimmt, der Bedarf an solchen Informationen ist vorhanden. In
der Vergangenheit war oft von der mangelnden Professionalisierung der
Autoren die Rede, das hat sich geändert. Da leistet der Autorenhaus
Verlag vielleicht seinen Beitrag, auch wenn die Auflagen klein sind.
Das Fachgebiet so einzugrenzen macht Ihren Verlag zu einem
hochwertigen Spezialisten. Aber ist der Aufklärungsbedarf nicht
irgendwann einmal gedeckt? Wie wird es weitergehen, was fehlt noch?
An Ideen fehlt es nicht, aber es ist schon richtig, dass der Markt
nicht einfach so weiter wächst. Die Auflagen werden kleiner, es ist
insgesamt schwieriger geworden, besonders für Kleinverlage. Die
Creative-Writing-Thematik ist eben doch etwas anderes als Töpfern oder
Bastelthemen.
Außerdem betreuen Sie zudem noch ein redaktionelles
Online-Magazin, das "Autoren-Magazin".
Wie sind Sie auf diese Idee gekommen? Wie finanzieren Sie diese ganze
Arbeit, und woher beziehen Sie Ihre Informationen?
Das ist Teil des kostenlosen Service, den ich Autoren bieten möchte.
Ich habe diesen Informationen eine separate Internetplattform gegeben,
weil es einfach zuviel wurde, das Verlagsprogramm und alles andere
übersichtlich unterzubringen. Gerhild Tieger hat vor kurzem ihren
Tieger-Blog
eingerichtet, sehr persönliche Anmerkungen für Kolleginnen und Kollegen
und sehr lesenswert. Finanzieren? Daran denkt man weniger, wenn man das
beginnt, und ich will auch nicht die Selbstausbeuterklage anstimmen. Es
macht uns Spaß und das Thema ist ja auch unser Lebensinhalt.
Sie beschäftigen sich nun schon seit zwölf Jahren intensiv mit der
Branche und haben zwangsläufig viele ihrer Veränderungen miterlebt, zum
Teil dokumentiert. Was fällt Ihnen auf, was hat sich in den letzten
zwölf Jahren geändert? Und sehen Sie besondere Trends?
Die ganze Buchbranche ist im Umbruch: Bisher war vor allem die Rede
vom Konzentrationsprozess bei den Verlagen, jetzt erleben wir eine
unglaubliche Beschleunigung des Konzentrationsprozesses im Buchhandel
durch die beiden Groß-Filialisten Thalia (Douglas-Kette) und Weltbild/Hugenbdubel.
Erstmals erscheint es möglich, was in den USA längst Wirklichkeit ist,
wo Barnes&Noble und Borders den gesamten Buchmarkt beherrschen und
selbst den Verlagen in die Programme hineinregieren. Wie sich das für
Autoren auswirkt, hat John Updike in seinem Artikel, der im neuen
Jahrbuch für Autoren 2007/2008 erschienen ist, beschrieben.
Und zuletzt: Welche besondere Empfehlung möchten Sie neuen Autoren
mit auf den Weg geben, die sich auf das Abenteuer einlassen, ein Buch zu
schreiben und eine Veröffentlichung anstreben?
Viel schreiben, mehr schreiben, immer besser werden und dabei nicht
ans Veröffentlichen denken! Andrea Maria Schenkel hat mit 45 Jahren
gleich als Debüt einen Bestseller gelandet ("Tannöd" und jetzt "Kalteis").
Sie betrachtet ihr Schreiben als "Fingerübungen" und sagt: "Die
Geschichte muss mir Spaß machen. Die erste Leserin, der der Roman
gefällt, bin ich." Der Erfolg stellt sich ein, manchmal später, man darf
nicht aufgeben!
Herr Plinke, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |