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"Ein guter Text ist ein Text, der den Leser fesselt."
Interview mit
Hans Peter Roentgen
Interview von Annette Scholonek
Erstveröffentlichung im
Tempest

Was denken Sie, welche Qualifikationen, Fähigkeiten,
Grundhaltungen und sonstigen Eigenschaften sind für eine/n Autorencoach
besonders wichtig?
Die wichtigste Eigenschaft ist sicher die Fähigkeit, sich auf andere
Texte einzulassen. Nicht zu versuchen, daraus einen eigenen zu machen.
Ein guter Trainer macht einen Text besser, ein schlechter macht einen
anderen Text daraus.
Dann muss man einen Blick für Texte haben, also ein
guter Leser sein. Wo hakt der Text? Erkennen, woran das liegen könnte.
Und dem Autor vorschlagen, wie er das Problem beheben könnte.
Man muss
sich wie ein normaler Leser in einen Text fallen lassen und gleichzeitig
quasi mit dem Notizblock daneben stehen und sofort notieren, wenn man
aus dem Text fliegt, also den Tisch anstarrt, überlegt, ob man nicht Tee
kochen soll, kurz: Kein Interesse mehr am Text hat.
Dann muss man Texte
diskutieren können und zwar mit dem Autor, ohne ihn zu irgendwas zu
zwingen, aber so, dass man klarmacht, wo man Probleme sieht.
Was man
nicht sein sollte: Ein klassischer Rezensent. Einen Text, sei er noch so
schlecht, zu zerreißen, bringt gar nichts. Dem Autor schon überhaupt
nichts. Es geht nicht um die Frage: Ist der Text gut oder schlecht,
sondern darum: Was ist gut, was ist schlecht an dem Text und wie kann
man das Schlechte verbessern?
Was natürlich heißt, dass ein Coach viel
lesen muss. Und sich auch in der Fachliteratur auskennen, sprich in
Schreibratgebern, darin, was Autoren über ihr Schreiben geschrieben
haben, etc.
Woran erkennen Sie eine/n kompetente/n und seriöse/n Autorencoach
und bei welchen Angeboten ist Vorsicht geboten?
Bei welchen Angeboten Vorsicht geboten ist, lässt sich leichter
beantworten. Wenn jemand verspricht, das nach dem bezahlten Lektorat das
Buch veröffentlicht wird. Das wäre so, als wenn ein Fußballlehrer
versprechen würde: Nach meinem Training kriegen Sie einen
Bundesligavertrag. Oder ein Klavierlehrer: Nach meinem Unterricht
kriegen Sie einen Plattenvertrag.
Kein seriöser Coach kann so was
garantieren. Was er garantieren kann: Dass nach der Arbeit der Text
besser ist.
Es gibt aber welche, die hohe Lektoratskosten fordern und
mit der Veröffentlichung winken. Das sind meist
Druckkostenzuschussverlage, also solche, bei denen der Autor die
Veröffentlichung bezahlt. Und da kann sich jeder leicht vorstellen, was
das Lektorat taugt.
Ein seriöser Coach hat Beispiele seiner Arbeit.
Damit man sich orientieren kann, wie er arbeitet.
Man muss auch nicht
gleich das ganze Schwein kaufen, sondern kann erst mal ein Probe ordern.
Sprich: Man arbeitet erst mal ein paar Seiten gemeinsam durch, damit
beide sehen, woran man ist, damit der Autor entscheiden kann, ob die Art
des Coaches ihm liegt, ob die Arbeit ihn weiterbringt.
Was ist ein guter Text? Können Sie Eigenschaften benennen? – Und
voran erkennen Sie einen Text, der verbesserungsbedürftig ist?
Ein guter Text ist ein Text, der den Leser fesselt. Sie sehen, dass
ist eine genauso allgemeine Antwort wie die Frage allgemein ist.
Letztendlich lässt sich das schwer konkret beantworten, es gibt so viele
sehr unterschiedliche gute Texte. Thomas Mann, Agathe Christie, Wolfgang
Borchert, Stephen King haben gute Texte geschrieben, aber was haben sie
gemeinsam? Außer, dass sie den Leser fesseln können?
Leichter kann man
das Gegenteil beschreiben. Ein schlechter Text holpert wie ein Fahrrad
mit einem Achter. Das kann verschiedene Gründe haben. Aber erfahrene
Leser erkennen dieses "Holpern". Es klingt einfach nicht rund. Entweder
passt die Sprache nicht, oder der Leser versteht nicht, worum es geht,
oder die Personen bleiben blasse Schemen oder ...
Und da lassen sich
eine ganze Reihe Dinge benennen, die schlechte Texte ausmachen. Von
fortgeschrittener Adjektivis über flache Personen, wirre Plots, also
Geschichten ohne innere Logik bis hin zu fehlenden Konflikten.
Was sind häufige, typische Fehler?
Der häufigste Fehler ist der Infodump. Der Autor will dem Leser alles
erklären, er möchte, dass der Leser die Geschichte genauso erlebt, wie
er sich das gedacht hat. Mit allen Einzelheiten. Und die schüttet er
über den armen Leser aus.
Aber Geschichten haben viel von einem Rätsel.
Leser fesseln sie durch offene Fragen. Natürlich muss er wissen, worum
es geht, ob er sich im Mittelalter auf einer Burg befindet oder im All
in einem Raumschiff. Dennoch sind diese Fragen ganz wichtig, denn
deshalb liest der Leser weiter.
Außerdem muss am Anfang nicht alles
erklärt werden. Sehen sie sich erfolgreiche Romane an, die schmeißen den
Leser oft in die Handlung und marschieren einfach den Ereignissen
entlang.
Ein Beispiel für Infodump:
Fodor ging wie jeden Morgen durchs
Stadttor auf den Markt. Er schaute am Tor hoch, wo die große Statue des
heiligen Nepomuk stand, die blau bemalt war, weil blau die heilige Farbe
der Nepomuk Jünger war, weil diese damit zeigen wollten, dass sie ruhig
geworden waren wie das Wasser und ihre Emotionen im Griff hatten.
Deshalb hatten sie vor 477 Jahren diese Stadt auch am Wasser gegründet,
sie König Dagobert dem Ruhigen geschenkt und seit dem wachte die Statue
über die Stadt und den Markt, auf dem jede Woche 237 Marktstände standen
...
Herr im Himmel, wenn jemand einen Lexikonartikel lesen will, klickt
er Wikipedia an, aber liest keinen Roman. Und der gute Fodor wird sich
kaum den Kopf über Nepomuk zerbrechen, wenn er den täglich sieht.
Viel
eher wird er sich den Kopf über etwas zerbrechen, dass ihn belastet oder
bedroht. Wenn der Vogt ihm zum Beispiel gestern verboten hat, die Stadt
zu betreten und er kommt jetzt in Verkleidung.
"Ängstlich schaute er an
den Wachen vorbei. Würden ihn erkennen? Dann landete er im Kerker und
vermutlich am Galgen ..."
Das gibt dem Leser genug zu rätseln. Was hat
er getan, warum muss er sich verkleiden? Wird er erkannt werden? Warum
betritt er die Stadt dennoch, obwohl es derart gefährlich ist?
Ein
weiterer häufiger Fehler sind flache Figuren. Der Autor hat sich nicht
in seine Figuren verwandelt, ist nicht in sie hineingekrochen. Das
resultiert meist auch in flachen Dialoge und steifem Stil.
Generell soll
man bei der Überarbeitung eines Text immer nur das wichtigste Problem
behandeln. Wenn die Figuren nicht stimmen, muss der Autor eben lernen,
in sie hineinzukriechen. Da hat es noch keinen Sinn am Stil zu feilen.
Werden die Personen lebendig, wird das auch der Stil und die Dialoge.
Mit welchen Fehlern fängt man sich bei Verlagen die größten
Minuspunkte ein?
Die größten Minuspunkte kriegen Sie, wenn Sie ihren Krimi an den
Kochbuchverlag senden und das Kochbuch an den Krimiverlag. Sprich: Wenn
das Manuskript gar nicht ins Verlagsprogramm passt. Das müssen Sie auf
jeden Fall vorab klären. Auch die Art des Manuskriptes. Ein Verlag, der
bisher gängige Mittelalterromane mit starken Frauen veröffentlicht hat,
wird sich für ihren satirischen Roman aus dem alten Rom wohl kaum
interessieren.
Wenn Sie bereits auf den ersten Seiten zeigen, dass Sie
(noch) nicht verlagsreif schreiben können, kommt das auch nicht gut an.
Wer gleich am Anfang den Lektor und die potentiellen Lesern mit
Infodumps, langweiligen Erklärungen und steifen Dialogen erfreut, der
hat schlechte Karten.
Ansonsten hängt viel davon ab, was Lektoren für
verkäuflich halten, das ist natürlich von Verlag zu Verlag und von
Lektor zu Lektor verschieden. Da spielt auch der individuelle Geschmack
eine Rolle.
Wie sieht der typische berufliche Werdegang eine/s Autorencoach/s
aus?
Den gibt es nicht. Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland genau
einen Schreibratgeber im Buchhandel zu kaufen. Dass Schreiben auch
Handwerk ist, dass man da etwas lernen kann, das war absolut
unvorstellbar. Insofern sind Autorencoaches viel zu neu, um einen
typischen beruflichen Werdegang aufzuweisen. Selbst Lektoren für
Verlage, die ja etliches gemeinsam haben und die es schon viel länger
gibt, haben erst jetzt einen Studiengang in Hildesheim bekommen.
Siblewski, der Luchterhandlektor, hat vor vier Jahren ein regelmäßiges
Jahrestreffen eingeführt, vorher gab es auch das nicht.
Vielleicht
sollte man sich auch klarmachen, was einen Autorencoach von einem
normalen Lektor unterscheidet. Lektoren arbeiten auch an Manuskripten,
allerdings in aller Regel an solchen, die veröffentlicht werden sollen,
für die es bereits einen Verlag gibt. Das sind ganz andere
Rahmenbedingungen, da muss ein Text zu einem bestimmten Datum fertig
gestellt werden. Das Grundkonzept von Plot und Figuren steht, sonst
hätte der Verlag den Roman nicht gekauft. Ziel der Lektorats ist das
druckreife Manuskript, nicht die Weiterentwicklung des Autors.
Als Coach
betreuen Sie meist eine Stufe tiefer. Das sind Autoren, die noch nicht
veröffentlicht sind. Da muss man häufig an den Personen feilen, am Plot,
da ist der Text meist noch nicht soweit. Da ist die Arbeit am Text sehr
viel Unterricht; Änderungen, die man vorschlägt, muss man begründen, dem
Autor erklären, welche Wirkung welche Änderung hat. Warum dieses oder
jenes nicht funktioniert, welche Werkzeuge es gibt, um es zu verbessern.
Die Weiterentwicklung des Autors ist da genauso wichtig wie die des
Textes. Oft ist der Text auch erst mal Übungsmaterial.
Aber eigentlich
ist nicht mal der Name klar, geschweige denn das Berufsbild. Sind wir Autorencoaches, Texttrainer oder einfach normale Lektoren, nur eben
nicht für Verlage?
Was ist Ihr persönlicher Werdegang? (Denken Sie hierbei
insbesondere an Ausbildung, Studium, Praktika, Fortbildungen,
Berufsstationen, Engagement in der Freizeit).
Wie so vieles war es keine Planung. Ich hatte immer schon
geschrieben, habe als Student für eine Studentenzeitung gearbeitet und
dort zum ersten Mal erlebt, wie man an gemeinsam an Texten arbeiten
kann. In den Neunzigern schwappte aus den USA die Creativ Writing Welle
nach Deutschland und zwar zuerst in die Fantasy. Die war damals vor
Harry Potter ein absoluter Nischenmarkt und viele der guten Bücher gab
es nur auf Englisch. Von daher kamen die Fantasy Fans als erste mit dem
kreativen Schreiben in Berührung und das erste Magazin dafür war der
Tempest, ebenfalls von Fantasyleuten gegründet. Den gibt es heute immer
noch als kostenlosen Newsletter.
Und wir haben uns den Kopf zerbrochen,
wie man an Texten arbeiten kann, jeder von uns hat erlebt, dass viele
deutsche Fantasy Geschichten immer wieder an den gleichen Problemen
scheiterten.
Dann gab es die ersten Seminare mit veröffentlichten
Autoren und Verlagslektoren. Ich war bei Andreas Eschbach, dem Eichborn
Lektor Bischoff und anderen. Und da wurde immer an den ersten vier
Seiten gearbeitet, das war erstaunlich, wie viel man daraus für sein
ganzes Manuskript lernen kann. Weil sich die Fehler einfach wiederholen.
In amerikanischen Zeitschriften gab es schon lange das Konzept der
Textklinik und das habe ich für den Tempest dann auch gemacht. Die Leute
haben ihre ersten vier Seiten gesandt und wir haben dazu Korrekturen
geschrieben. So bin ich dazu gekommen, Texte und Autoren zu betreuen.
Hauptberuflich war ich Informatiker, habe Computerprogramme geschrieben,
bis sich langsam das Hobby zur hauptsächlichen Tätigkeit gewandelt hat.
Aber es gibt auch viele Autoren, die ursprünglich aus der EDV kommen.
Und auch während meiner Tätigkeit als Informatiker habe ich immer an
Texten gearbeitet. An Bedienungsanleitungen, an Benutzerführung, an
Fachartikeln.
Können Sie einige Gemeinsamkeiten benennen, die viele
Autorencoaches haben?
Außer der Liebe zu den Texten anderer Leute weiß ich da keine.
Würden Sie sagen, dass Autorencoaches hohes Ansehen genießen?
Vermutlich eher nicht, aber darüber habe ich mir nicht den Kopf
zerbrochen.
Welche Menschen, die ebenfalls Leistungen rund um Schreiben und
Text anbieten, werden aus Ihrer Sicht höher geschätzt als Autorencoaches,
welche weniger?
Was es eindeutig gibt, ist die seltsame Vorstellung, dass alle
Rezensenten gescheiterte Autoren sind, die niemand drucken wollte, alle
Lektoren, alle Verleger, alle Coaches, alle Literaturagenten ebenfalls.
So die Vorstellung, nur der Autor zählt. Auf dem Buchmarkt ist der
Begriff "Arbeitsteilung" noch nicht bei jedem angekommen. Niemand
erwartet, dass der Sportreporter die Tore schießt, der Sportmasseur den
Elfmeter halten kann. Das ein Regisseur nicht notwendigerweise ein guter
Schauspieler ist, der beste Schauspieler nicht notwendigerweise ein
guter Drehbuchautor, ist auch nichts neues.
In der Buchbranche gibt es
da aber manchmal schon seltsame Vorstellungen. Niemand kann alles
machen, schon gar nicht gleichzeitig oder alles gleich gut, das ist
einfach so. Aber bei Büchern erwarten das Viele.
Auf der anderen Seite
gibt es schon Autoren, die noch auf die Veröffentlichung warten und in
der Warteschleife als Verlegenheitslösung eben Autorenbetreuung
anbieten, solange, bis sie groß rauskommen. Oder auch nicht. Und die
ihre Textarbeit als sibirische Verbannung empfinden. Das tut weder ihnen
noch den Kunden gut.
Oft wird alles, was nicht veröffentlichter Autor
ist, nicht ernst genommen. Besonders von Anfängern, die selbst nichts
veröffentlicht haben und jetzt ihre Minderwertigkeitskomplexe
abreagieren, sich Autoren nennen und sich deshalb besser dünken als
Lektoren, Rezensenten und alle anderen. Damit muss man leben. Reich
Ranicki muss das schließlich auch.
Welche Entwicklungen und aktuellen Trends beobachten Sie bei
Autorencoaches? Wie hat sich dieser Bereich in den letzten Jahren bzw.
Jahrzehnten Ihrer Meinung nach entwickelt? Haben Sie wichtige
Veränderungen beobachtet? Wenn ja, welche?
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass es wie in den USA immer mehr
selbstverständlich wird, an Texten gemeinsam zu arbeiten. Und dass es
nun mal typische Anfängerfehler gibt, Dinge, die man möglichst nicht
machen sollte und dass Schreiben auch viel Übung ist.
Manchmal läuft das
auch ins gegenteilige Extrem. Früher musste ich immer betonen: Doch, es
gibt Regeln, Texte haben Gemeinsamkeiten, das ist nicht nur alles
Gefühl. Heute ist es oft umgekehrt, da werden die Regeln aus
Schreibratgeber als Dogmen gehandelt. Du darfst nur wenige Adjektive pro
Seite benutzen, das hat Frey in "Wie man einen verdammt guten Roman
schreibt" gesagt. Frey wäre vermutlich entsetzt, wenn er erfahren würde,
dass manche ihn als Dogma verehren.
Dass all die Regeln Hilfsmittel
sind, die vor allem dann wichtig werden, wenn ein Text nicht
funktioniert, das wird heute manchmal vergessen. Für einen
funktionierenden Text braucht man keine Regeln, für einen missglückten
aber schon, das muss ich heute viel öfters betonen. Man muss auch ein
Gespür für Texte entwickeln. Und das braucht Zeit.
Wer sind die Kunden von Autorencoaches? Können Sie Kundengruppen
oder Kundentypen ausmachen (zum Beispiel bezüglich Vorwissen/Erfahrung,
Geschlecht, Alter, Beruf/Sozialstatus etc.)? Welche Kundentypen sind
Ihrer Erfahrung nach häufiger, welche seltener?
Der typische Kunde hat immer schon gerne geschrieben. Dann packt es
ihn irgendwann, er schreibt seinen ersten Roman. Und sendet den
postwendend an alle möglichen Verlage. Wenn die Absagen kommen, flucht
er zunächst über die Borniertheit der Verlage, dann schreibt er weiter
und irgendwann dämmert es, dass da wohl irgendwas im Text nicht stimmt.
Nur kommt er nicht drauf, was nicht stimmt. Das ist dann der Moment, wo
die Texte bei mir und anderen landen. Es gibt einige Varianten, aber bei
den meisten läuft es so.
Was Alter und Beruf angeht, gibt es da alles
von zwanzig bis achtzig, zwar vielleicht mehr Geisteswissenschaftler,
aber auch andere Berufe sind reichlich vertreten. Die allermeisten sind
allerdings Frauen, Schreiben hat sich leider zu einer Frauendomäne
gewandelt. Leider, ich finde das schade, dass nicht mehr Männer
schreiben.
Und es gibt immer mehr, da ist die Textbetreuung ganz normal.
Wenn man nicht weiter weiß, sucht man sich einen Coach. So wie man sich
einen Trainer im Tennis sucht, wenn man auf der Stelle tritt, aber
weiterkommen möchte.
Und was schätzen Sie, sind die wichtigsten Motive für die Kunden,
einen Autorencoach aufzusuchen?
Das wichtigste Motiv ist sicher die fehlende Distanz zum eigenen
Text. Das ist etwas, das sich sehr langsam entwickelt und oft nur in
Diskussionen mit anderen. Irgendwas stimmt an dem Text nicht, aber was?
Wie wirkt mein Text überhaupt? Was sagt ein Profi dazu? Das ist das
Hauptmotiv. Und wenn ich mir Berichte und Interviews aus dem Leipziger
Literaturinstitut ansehe, da ist das auch das Problem: Wie gewinnt ein
Autor Distanz zum eigenen Text, wie lernt er, den eigenen Text kritisch
zu lesen? Wenn einer das erreicht hat, bin ich überflüssig geworden.
Darf man prinzipiell verraten, wer einen engagiert oder ist
höchste Diskretion wichtig?
Früher war das viel wichtiger, da hätte sich jemand eher als pädophil
geoutet denn als Besucher von Creative Writing Kursen oder als Leser von
Schreibratgebern. Heute sehen die meisten das nicht mehr so eng. Aber
natürlich würde ich nie den Namen eines Kunden nennen, außer, er ist
damit einverstanden.
Was denken Sie, worauf legen die Kunden bei der Auswahl eines
Autorencoachs besonderen Wert und worauf weniger? (mögliche Aspekte:
Qualifikationen, Kompetenzen, Referenzen, Art des Website-Auftritts,
Sympathie, Bekanntheit in Netzwerken, Bekanntheit durch Werbung,
Angebotstransparenz, Vertraulichkeit, Gratis-Informationen, niedrige
Preise etc.)
Sicher kommen viele aufgrund von Empfehlungen anderer Autoren. Oder
weil sie einen Artikel von mir im Tempest, Diskussionsbeiträge im
Montségur-Forum oder eines meiner Bücher gelesen haben. Insofern ist es
wichtig, dass die Leute wissen, wie man an Texte rangeht. Ich denke, das
ist das Wichtigste. Das man weiß, wie ein Coach arbeitet.
Wie sollten Autorencoaches sich gegenüber Kunden verhalten? Wie
gegenüber Kollegen und Konkurrenten? Was sollten sie bei Werbung,
Website und dem eigentlichen Autorencoaching beachten und was sollten
sie besser nicht tun?
Natürlich muss man ehrlich über einen Text urteilen. Also keine
falsche Begeisterung, aber auch keine Verachtung, sondern ehrlich sagen,
wo es hakt, was getan werden müsste. Ohne die Kunden gleich vor den Kopf
zu stoßen. Sätze wie "Sie sollten besser Bauchtanzen, sie haben kein
Talent zum Schreiben" sind fehl am Platz. Sie sind auch dumm, weil es
den DNA-Test, der die Autorenbegabung klar offen legt, noch nicht gibt.
Was Leute tun wollen oder nicht, müssen sie selbst entscheiden. Ich kann
ihnen nur sagen: Wenn ihr schreiben wollt, achtet mal darauf, dass ihr
immer wieder folgende problematische Sachen macht: ...
Das mit dem
Talent ist sehr beliebt, jeder glaubt, beim Schreiben kann man sofort
Talent erkennen. Ich bin da sehr vorsichtig geworden, ich habe zu viele
Überraschungen erlebt, gute wie böse.
Welche Regeln und ungeschriebenen Gesetze gibt es?
Von Regeln oder ungeschriebenen Gesetzen wüsste ich nichts, dazu ist
das Gebiet auch viel zu neu in Deutschland.
Was sind – allgemein gesprochen – Ihrer Erfahrung nach die
wichtigsten Typen von Konkurrenten für Autorencoaches? Welche Strategien
gegenüber der Konkurrenz beobachten Sie?
Also dazu kann ich nix sagen. Das ist auch alles noch sehr in Fluss.
In welchem Bereich bewegt sich aus Ihrer Erfahrung das
Stundenhonorar als Autorencoach? Können Sie ungefähre Werte für den
günstigen, den durchschnittlichen und den teuren Bereich benennen?
Das hängt natürlich auch stark davon ab, was man macht und was man
will. Die Kunden interessieren sich weniger für den Stundensatz, die
wollen natürlich den Gesamtpreis wissen. Und das variiert je nach
Aufgabe. Ich korrigiere mittlerweile keine ganzen Manuskripte mehr.
Anfangs die ersten vier Seiten, schon daraus ergibt sich für Autoren oft
aufschlussreiche Informationen, wie sie selbst den ganzen Text
überarbeiten.
Dann Exposé, also Aufbau von Plot und Geschichte und die
ersten 25 Seiten. Danach darf der Autor wieder seine Texte ändern und
anwenden, was er (hoffentlich) gelernt hat. Wie viel der einzelne Autor
dann tatsächlich bucht, ist unterschiedlich. Oft kommen sie auch nach
einem Jahr noch mal und sagen: Jetzt möchte ich mal wieder, denn jetzt
hänge ich an einer anderen Stelle.
Viele arbeiten auch eine Zeitlang in
der Romanwerkstatt in einer Gruppe, nach dem Ende der Gruppe arbeiten
sie wieder alleine weiter, aber die Gruppe hält dennoch noch einen losen
Kontakt.
Wie bei jedem Lehrer ist auch hier das Ziel, sich überflüssig
zu machen.
Sehr wichtig ist auch von vorneherein klarzustellen, was
gemacht werden soll. Nur einen Durchgang durch den Text, der Coach
listet dann die wichtigsten Fehler und macht Vorschläge zur
Verbesserung? Oder soll der Text mehrfach überarbeitet werden?
Hängt
also auch davon ab, was der einzelne Autor haben möchte.
Das Gespräch führte
Annette Scholonek - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |