Montségur Autorenforum
                       


Thematisch

Agentur
  Agentur Schlück
  Rainer Wekwerth
  Schmidt & Abrahams
Akademie
  DLL (Treichel)
  DLL (Haslinger)
  Sibylle Knauss 
Autoren
  Alessandra Bernardi
  Guido Dieckmann
  Andreas Eschbach
  Rebecca Gablé
  Christoph Hardebusch
  Kathrin Lange
  Tom Liehr
  Christoph Lode
  Kai Meyer
  Titus Müller 1 / 2
  Selim Özdoğan
  Karin Slaughter
  Andreas Wilhelm
  Heike Wolf
  Juli Zeh
Lektorat
  Blanvalet / Limes
  LYX
  Piper
Lesungen
  Randomhouse
Presse / PR
  Blanvalet / Limes
  Buch-PR.de
Rezensionen
  Südpol-Redaktion
Schreibcoaches/Schreibkurse
  Hans Peter Roentgen
Verlage
  Autorenhaus
  Droemer Knaur
  Moments / area
  Uschtrin
  Wunderlich
Vereinigungen
  DeLiA
  HHAV
  VG Wort
  VS

Alphabetisch

Anja Arendt
Alessandra Bernardi
Kathrin Blum
Dr. Berit Böhm
Guido Dieckmann
Andreas Eschbach
Rebecca Gablé
Christoph Hardebusch
Josef Haslinger
Dominik Huber
Joachim Jessen
Rainer Just
Alexandra Klusmann
Sibylle Knauss
Dr. Thomas Köster
Kathrin Lange
Gino Leineweber
Tom Liehr
Christoph Lode
Rebecca Michéle
Kai Meyer
Titus Müller 1 / 2
Selim Özdoğan
Manfred Plinke
Hans Peter Roentgen
Natalja Schmidt
Karin Slaughter
Petra Sommer
Imre Török
Hans-Ulrich Treichel
Sandra Uschtrin
Friedel Wahren
Linda Walz
Isolde Wehr
Rainer Wekwerth
Andreas Wilhelm
Heike Wolf
Juli Zeh
 


"Ein guter Text ist ein Text, der den Leser fesselt."

Interview mit Hans Peter Roentgen
Interview von Annette Scholonek
Erstveröffentlichung im Tempest

Was denken Sie, welche Qualifikationen, Fähigkeiten, Grundhaltungen und sonstigen Eigenschaften sind für eine/n Autorencoach besonders wichtig?

Die wichtigste Eigenschaft ist sicher die Fähigkeit, sich auf andere Texte einzulassen. Nicht zu versuchen, daraus einen eigenen zu machen. Ein guter Trainer macht einen Text besser, ein schlechter macht einen anderen Text daraus.
Dann muss man einen Blick für Texte haben, also ein guter Leser sein. Wo hakt der Text? Erkennen, woran das liegen könnte. Und dem Autor vorschlagen, wie er das Problem beheben könnte.
Man muss sich wie ein normaler Leser in einen Text fallen lassen und gleichzeitig quasi mit dem Notizblock daneben stehen und sofort notieren, wenn man aus dem Text fliegt, also den Tisch anstarrt, überlegt, ob man nicht Tee kochen soll, kurz: Kein Interesse mehr am Text hat.
Dann muss man Texte diskutieren können und zwar mit dem Autor, ohne ihn zu irgendwas zu zwingen, aber so, dass man klarmacht, wo man Probleme sieht.
Was man nicht sein sollte: Ein klassischer Rezensent. Einen Text, sei er noch so schlecht, zu zerreißen, bringt gar nichts. Dem Autor schon überhaupt nichts. Es geht nicht um die Frage: Ist der Text gut oder schlecht, sondern darum: Was ist gut, was ist schlecht an dem Text und wie kann man das Schlechte verbessern?
Was natürlich heißt, dass ein Coach viel lesen muss. Und sich auch in der Fachliteratur auskennen, sprich in Schreibratgebern, darin, was Autoren über ihr Schreiben geschrieben haben, etc.

Woran erkennen Sie eine/n kompetente/n und seriöse/n Autorencoach und bei welchen Angeboten ist Vorsicht geboten?

Bei welchen Angeboten Vorsicht geboten ist, lässt sich leichter beantworten. Wenn jemand verspricht, das nach dem bezahlten Lektorat das Buch veröffentlicht wird. Das wäre so, als wenn ein Fußballlehrer versprechen würde: Nach meinem Training kriegen Sie einen Bundesligavertrag. Oder ein Klavierlehrer: Nach meinem Unterricht kriegen Sie einen Plattenvertrag.
Kein seriöser Coach kann so was garantieren. Was er garantieren kann: Dass nach der Arbeit der Text besser ist.
Es gibt aber welche, die hohe Lektoratskosten fordern und mit der Veröffentlichung winken. Das sind meist Druckkostenzuschussverlage, also solche, bei denen der Autor die Veröffentlichung bezahlt. Und da kann sich jeder leicht vorstellen, was das Lektorat taugt.
Ein seriöser Coach hat Beispiele seiner Arbeit. Damit man sich orientieren kann, wie er arbeitet.
Man muss auch nicht gleich das ganze Schwein kaufen, sondern kann erst mal ein Probe ordern. Sprich: Man arbeitet erst mal ein paar Seiten gemeinsam durch, damit beide sehen, woran man ist, damit der Autor entscheiden kann, ob die Art des Coaches ihm liegt, ob die Arbeit ihn weiterbringt.

Was ist ein guter Text? Können Sie Eigenschaften benennen? – Und voran erkennen Sie einen Text, der verbesserungsbedürftig ist?

Ein guter Text ist ein Text, der den Leser fesselt. Sie sehen, dass ist eine genauso allgemeine Antwort wie die Frage allgemein ist. Letztendlich lässt sich das schwer konkret beantworten, es gibt so viele sehr unterschiedliche gute Texte. Thomas Mann, Agathe Christie, Wolfgang Borchert, Stephen King haben gute Texte geschrieben, aber was haben sie gemeinsam? Außer, dass sie den Leser fesseln können?
Leichter kann man das Gegenteil beschreiben. Ein schlechter Text holpert wie ein Fahrrad mit einem Achter. Das kann verschiedene Gründe haben. Aber erfahrene Leser erkennen dieses "Holpern". Es klingt einfach nicht rund. Entweder passt die Sprache nicht, oder der Leser versteht nicht, worum es geht, oder die Personen bleiben blasse Schemen oder ...
Und da lassen sich eine ganze Reihe Dinge benennen, die schlechte Texte ausmachen. Von fortgeschrittener Adjektivis über flache Personen, wirre Plots, also Geschichten ohne innere Logik bis hin zu fehlenden Konflikten.

Was sind häufige, typische Fehler?

Der häufigste Fehler ist der Infodump. Der Autor will dem Leser alles erklären, er möchte, dass der Leser die Geschichte genauso erlebt, wie er sich das gedacht hat. Mit allen Einzelheiten. Und die schüttet er über den armen Leser aus.
Aber Geschichten haben viel von einem Rätsel. Leser fesseln sie durch offene Fragen. Natürlich muss er wissen, worum es geht, ob er sich im Mittelalter auf einer Burg befindet oder im All in einem Raumschiff. Dennoch sind diese Fragen ganz wichtig, denn deshalb liest der Leser weiter.
Außerdem muss am Anfang nicht alles erklärt werden. Sehen sie sich erfolgreiche Romane an, die schmeißen den Leser oft in die Handlung und marschieren einfach den Ereignissen entlang.
Ein Beispiel für Infodump:
Fodor ging wie jeden Morgen durchs Stadttor auf den Markt. Er schaute am Tor hoch, wo die große Statue des heiligen Nepomuk stand, die blau bemalt war, weil blau die heilige Farbe der Nepomuk Jünger war, weil diese damit zeigen wollten, dass sie ruhig geworden waren wie das Wasser und ihre Emotionen im Griff hatten. Deshalb hatten sie vor 477 Jahren diese Stadt auch am Wasser gegründet, sie König Dagobert dem Ruhigen geschenkt und seit dem wachte die Statue über die Stadt und den Markt, auf dem jede Woche 237 Marktstände standen ...
Herr im Himmel, wenn jemand einen Lexikonartikel lesen will, klickt er Wikipedia an, aber liest keinen Roman. Und der gute Fodor wird sich kaum den Kopf über Nepomuk zerbrechen, wenn er den täglich sieht.
Viel eher wird er sich den Kopf über etwas zerbrechen, dass ihn belastet oder bedroht. Wenn der Vogt ihm zum Beispiel gestern verboten hat, die Stadt zu betreten und er kommt jetzt in Verkleidung.
"Ängstlich schaute er an den Wachen vorbei. Würden ihn erkennen? Dann landete er im Kerker und vermutlich am Galgen ..."
Das gibt dem Leser genug zu rätseln. Was hat er getan, warum muss er sich verkleiden? Wird er erkannt werden? Warum betritt er die Stadt dennoch, obwohl es derart gefährlich ist?
Ein weiterer häufiger Fehler sind flache Figuren. Der Autor hat sich nicht in seine Figuren verwandelt, ist nicht in sie hineingekrochen. Das resultiert meist auch in flachen Dialoge und steifem Stil.
Generell soll man bei der Überarbeitung eines Text immer nur das wichtigste Problem behandeln. Wenn die Figuren nicht stimmen, muss der Autor eben lernen, in sie hineinzukriechen. Da hat es noch keinen Sinn am Stil zu feilen. Werden die Personen lebendig, wird das auch der Stil und die Dialoge.

Mit welchen Fehlern fängt man sich bei Verlagen die größten Minuspunkte ein?

Die größten Minuspunkte kriegen Sie, wenn Sie ihren Krimi an den Kochbuchverlag senden und das Kochbuch an den Krimiverlag. Sprich: Wenn das Manuskript gar nicht ins Verlagsprogramm passt. Das müssen Sie auf jeden Fall vorab klären. Auch die Art des Manuskriptes. Ein Verlag, der bisher gängige Mittelalterromane mit starken Frauen veröffentlicht hat, wird sich für ihren satirischen Roman aus dem alten Rom wohl kaum interessieren.
Wenn Sie bereits auf den ersten Seiten zeigen, dass Sie (noch) nicht verlagsreif schreiben können, kommt das auch nicht gut an. Wer gleich am Anfang den Lektor und die potentiellen Lesern mit Infodumps, langweiligen Erklärungen und steifen Dialogen erfreut, der hat schlechte Karten.
Ansonsten hängt viel davon ab, was Lektoren für verkäuflich halten, das ist natürlich von Verlag zu Verlag und von Lektor zu Lektor verschieden. Da spielt auch der individuelle Geschmack eine Rolle.

Wie sieht der typische berufliche Werdegang eine/s Autorencoach/s aus?

Den gibt es nicht. Vor zwanzig Jahren gab es in Deutschland genau einen Schreibratgeber im Buchhandel zu kaufen. Dass Schreiben auch Handwerk ist, dass man da etwas lernen kann, das war absolut unvorstellbar. Insofern sind Autorencoaches viel zu neu, um einen typischen beruflichen Werdegang aufzuweisen. Selbst Lektoren für Verlage, die ja etliches gemeinsam haben und die es schon viel länger gibt, haben erst jetzt einen Studiengang in Hildesheim bekommen. Siblewski, der Luchterhandlektor, hat vor vier Jahren ein regelmäßiges Jahrestreffen eingeführt, vorher gab es auch das nicht.
Vielleicht sollte man sich auch klarmachen, was einen Autorencoach von einem normalen Lektor unterscheidet. Lektoren arbeiten auch an Manuskripten, allerdings in aller Regel an solchen, die veröffentlicht werden sollen, für die es bereits einen Verlag gibt. Das sind ganz andere Rahmenbedingungen, da muss ein Text zu einem bestimmten Datum fertig gestellt werden. Das Grundkonzept von Plot und Figuren steht, sonst hätte der Verlag den Roman nicht gekauft. Ziel der Lektorats ist das druckreife Manuskript, nicht die Weiterentwicklung des Autors.
Als Coach betreuen Sie meist eine Stufe tiefer. Das sind Autoren, die noch nicht veröffentlicht sind. Da muss man häufig an den Personen feilen, am Plot, da ist der Text meist noch nicht soweit. Da ist die Arbeit am Text sehr viel Unterricht; Änderungen, die man vorschlägt, muss man begründen, dem Autor erklären, welche Wirkung welche Änderung hat. Warum dieses oder jenes nicht funktioniert, welche Werkzeuge es gibt, um es zu verbessern. Die Weiterentwicklung des Autors ist da genauso wichtig wie die des Textes. Oft ist der Text auch erst mal Übungsmaterial.
Aber eigentlich ist nicht mal der Name klar, geschweige denn das Berufsbild. Sind wir Autorencoaches, Texttrainer oder einfach normale Lektoren, nur eben nicht für Verlage?

Was ist Ihr persönlicher Werdegang? (Denken Sie hierbei insbesondere an Ausbildung, Studium, Praktika, Fortbildungen, Berufsstationen, Engagement in der Freizeit).

Wie so vieles war es keine Planung. Ich hatte immer schon geschrieben, habe als Student für eine Studentenzeitung gearbeitet und dort zum ersten Mal erlebt, wie man an gemeinsam an Texten arbeiten kann. In den Neunzigern schwappte aus den USA die Creativ Writing Welle nach Deutschland und zwar zuerst in die Fantasy. Die war damals vor Harry Potter ein absoluter Nischenmarkt und viele der guten Bücher gab es nur auf Englisch. Von daher kamen die Fantasy Fans als erste mit dem kreativen Schreiben in Berührung und das erste Magazin dafür war der Tempest, ebenfalls von Fantasyleuten gegründet. Den gibt es heute immer noch als kostenlosen Newsletter.
Und wir haben uns den Kopf zerbrochen, wie man an Texten arbeiten kann, jeder von uns hat erlebt, dass viele deutsche Fantasy Geschichten immer wieder an den gleichen Problemen scheiterten.
Dann gab es die ersten Seminare mit veröffentlichten Autoren und Verlagslektoren. Ich war bei Andreas Eschbach, dem Eichborn Lektor Bischoff und anderen. Und da wurde immer an den ersten vier Seiten gearbeitet, das war erstaunlich, wie viel man daraus für sein ganzes Manuskript lernen kann. Weil sich die Fehler einfach wiederholen.
In amerikanischen Zeitschriften gab es schon lange das Konzept der Textklinik und das habe ich für den Tempest dann auch gemacht. Die Leute haben ihre ersten vier Seiten gesandt und wir haben dazu Korrekturen geschrieben. So bin ich dazu gekommen, Texte und Autoren zu betreuen.
Hauptberuflich war ich Informatiker, habe Computerprogramme geschrieben, bis sich langsam das Hobby zur hauptsächlichen Tätigkeit gewandelt hat. Aber es gibt auch viele Autoren, die ursprünglich aus der EDV kommen. Und auch während meiner Tätigkeit als Informatiker habe ich immer an Texten gearbeitet. An Bedienungsanleitungen, an Benutzerführung, an Fachartikeln.

Können Sie einige Gemeinsamkeiten benennen, die viele Autorencoaches haben?

Außer der Liebe zu den Texten anderer Leute weiß ich da keine.

Würden Sie sagen, dass Autorencoaches hohes Ansehen genießen?

Vermutlich eher nicht, aber darüber habe ich mir nicht den Kopf zerbrochen.

Welche Menschen, die ebenfalls Leistungen rund um Schreiben und Text anbieten, werden aus Ihrer Sicht höher geschätzt als Autorencoaches, welche weniger?

Was es eindeutig gibt, ist die seltsame Vorstellung, dass alle Rezensenten gescheiterte Autoren sind, die niemand drucken wollte, alle Lektoren, alle Verleger, alle Coaches, alle Literaturagenten ebenfalls. So die Vorstellung, nur der Autor zählt. Auf dem Buchmarkt ist der Begriff "Arbeitsteilung" noch nicht bei jedem angekommen. Niemand erwartet, dass der Sportreporter die Tore schießt, der Sportmasseur den Elfmeter halten kann. Das ein Regisseur nicht notwendigerweise ein guter Schauspieler ist, der beste Schauspieler nicht notwendigerweise ein guter Drehbuchautor, ist auch nichts neues.
In der Buchbranche gibt es da aber manchmal schon seltsame Vorstellungen. Niemand kann alles machen, schon gar nicht gleichzeitig oder alles gleich gut, das ist einfach so. Aber bei Büchern erwarten das Viele.
Auf der anderen Seite gibt es schon Autoren, die noch auf die Veröffentlichung warten und in der Warteschleife als Verlegenheitslösung eben Autorenbetreuung anbieten, solange, bis sie groß rauskommen. Oder auch nicht. Und die ihre Textarbeit als sibirische Verbannung empfinden. Das tut weder ihnen noch den Kunden gut.
Oft wird alles, was nicht veröffentlichter Autor ist, nicht ernst genommen. Besonders von Anfängern, die selbst nichts veröffentlicht haben und jetzt ihre Minderwertigkeitskomplexe abreagieren, sich Autoren nennen und sich deshalb besser dünken als Lektoren, Rezensenten und alle anderen. Damit muss man leben. Reich Ranicki muss das schließlich auch.

Welche Entwicklungen und aktuellen Trends beobachten Sie bei Autorencoaches? Wie hat sich dieser Bereich in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten Ihrer Meinung nach entwickelt? Haben Sie wichtige Veränderungen beobachtet? Wenn ja, welche?

Ich glaube, das Wichtigste ist, dass es wie in den USA immer mehr selbstverständlich wird, an Texten gemeinsam zu arbeiten. Und dass es nun mal typische Anfängerfehler gibt, Dinge, die man möglichst nicht machen sollte und dass Schreiben auch viel Übung ist.
Manchmal läuft das auch ins gegenteilige Extrem. Früher musste ich immer betonen: Doch, es gibt Regeln, Texte haben Gemeinsamkeiten, das ist nicht nur alles Gefühl. Heute ist es oft umgekehrt, da werden die Regeln aus Schreibratgeber als Dogmen gehandelt. Du darfst nur wenige Adjektive pro Seite benutzen, das hat Frey in "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" gesagt. Frey wäre vermutlich entsetzt, wenn er erfahren würde, dass manche ihn als Dogma verehren.
Dass all die Regeln Hilfsmittel sind, die vor allem dann wichtig werden, wenn ein Text nicht funktioniert, das wird heute manchmal vergessen. Für einen funktionierenden Text braucht man keine Regeln, für einen missglückten aber schon, das muss ich heute viel öfters betonen. Man muss auch ein Gespür für Texte entwickeln. Und das braucht Zeit.

Wer sind die Kunden von Autorencoaches? Können Sie Kundengruppen oder Kundentypen ausmachen (zum Beispiel bezüglich Vorwissen/Erfahrung, Geschlecht, Alter, Beruf/Sozialstatus etc.)? Welche Kundentypen sind Ihrer Erfahrung nach häufiger, welche seltener?

Der typische Kunde hat immer schon gerne geschrieben. Dann packt es ihn irgendwann, er schreibt seinen ersten Roman. Und sendet den postwendend an alle möglichen Verlage. Wenn die Absagen kommen, flucht er zunächst über die Borniertheit der Verlage, dann schreibt er weiter und irgendwann dämmert es, dass da wohl irgendwas im Text nicht stimmt. Nur kommt er nicht drauf, was nicht stimmt. Das ist dann der Moment, wo die Texte bei mir und anderen landen. Es gibt einige Varianten, aber bei den meisten läuft es so.
Was Alter und Beruf angeht, gibt es da alles von zwanzig bis achtzig, zwar vielleicht mehr Geisteswissenschaftler, aber auch andere Berufe sind reichlich vertreten. Die allermeisten sind allerdings Frauen, Schreiben hat sich leider zu einer Frauendomäne gewandelt. Leider, ich finde das schade, dass nicht mehr Männer schreiben.
Und es gibt immer mehr, da ist die Textbetreuung ganz normal. Wenn man nicht weiter weiß, sucht man sich einen Coach. So wie man sich einen Trainer im Tennis sucht, wenn man auf der Stelle tritt, aber weiterkommen möchte.

Und was schätzen Sie, sind die wichtigsten Motive für die Kunden, einen Autorencoach aufzusuchen?

Das wichtigste Motiv ist sicher die fehlende Distanz zum eigenen Text. Das ist etwas, das sich sehr langsam entwickelt und oft nur in Diskussionen mit anderen. Irgendwas stimmt an dem Text nicht, aber was? Wie wirkt mein Text überhaupt? Was sagt ein Profi dazu? Das ist das Hauptmotiv. Und wenn ich mir Berichte und Interviews aus dem Leipziger Literaturinstitut ansehe, da ist das auch das Problem: Wie gewinnt ein Autor Distanz zum eigenen Text, wie lernt er, den eigenen Text kritisch zu lesen? Wenn einer das erreicht hat, bin ich überflüssig geworden.

Darf man prinzipiell verraten, wer einen engagiert oder ist höchste Diskretion wichtig?

Früher war das viel wichtiger, da hätte sich jemand eher als pädophil geoutet denn als Besucher von Creative Writing Kursen oder als Leser von Schreibratgebern. Heute sehen die meisten das nicht mehr so eng. Aber natürlich würde ich nie den Namen eines Kunden nennen, außer, er ist damit einverstanden.

Was denken Sie, worauf legen die Kunden bei der Auswahl eines Autorencoachs besonderen Wert und worauf weniger? (mögliche Aspekte: Qualifikationen, Kompetenzen, Referenzen, Art des Website-Auftritts, Sympathie, Bekanntheit in Netzwerken, Bekanntheit durch Werbung, Angebotstransparenz, Vertraulichkeit, Gratis-Informationen, niedrige Preise etc.)

Sicher kommen viele aufgrund von Empfehlungen anderer Autoren. Oder weil sie einen Artikel von mir im Tempest, Diskussionsbeiträge im Montségur-Forum oder eines meiner Bücher gelesen haben. Insofern ist es wichtig, dass die Leute wissen, wie man an Texte rangeht. Ich denke, das ist das Wichtigste. Das man weiß, wie ein Coach arbeitet.

Wie sollten Autorencoaches sich gegenüber Kunden verhalten? Wie gegenüber Kollegen und Konkurrenten? Was sollten sie bei Werbung, Website und dem eigentlichen Autorencoaching beachten und was sollten sie besser nicht tun?

Natürlich muss man ehrlich über einen Text urteilen. Also keine falsche Begeisterung, aber auch keine Verachtung, sondern ehrlich sagen, wo es hakt, was getan werden müsste. Ohne die Kunden gleich vor den Kopf zu stoßen. Sätze wie "Sie sollten besser Bauchtanzen, sie haben kein Talent zum Schreiben" sind fehl am Platz. Sie sind auch dumm, weil es den DNA-Test, der die Autorenbegabung klar offen legt, noch nicht gibt. Was Leute tun wollen oder nicht, müssen sie selbst entscheiden. Ich kann ihnen nur sagen: Wenn ihr schreiben wollt, achtet mal darauf, dass ihr immer wieder folgende problematische Sachen macht: ...
Das mit dem Talent ist sehr beliebt, jeder glaubt, beim Schreiben kann man sofort Talent erkennen. Ich bin da sehr vorsichtig geworden, ich habe zu viele Überraschungen erlebt, gute wie böse.

Welche Regeln und ungeschriebenen Gesetze gibt es?

Von Regeln oder ungeschriebenen Gesetzen wüsste ich nichts, dazu ist das Gebiet auch viel zu neu in Deutschland.

Was sind – allgemein gesprochen – Ihrer Erfahrung nach die wichtigsten Typen von Konkurrenten für Autorencoaches? Welche Strategien gegenüber der Konkurrenz beobachten Sie?

Also dazu kann ich nix sagen. Das ist auch alles noch sehr in Fluss.

In welchem Bereich bewegt sich aus Ihrer Erfahrung das Stundenhonorar als Autorencoach? Können Sie ungefähre Werte für den günstigen, den durchschnittlichen und den teuren Bereich benennen?

Das hängt natürlich auch stark davon ab, was man macht und was man will. Die Kunden interessieren sich weniger für den Stundensatz, die wollen natürlich den Gesamtpreis wissen. Und das variiert je nach Aufgabe. Ich korrigiere mittlerweile keine ganzen Manuskripte mehr.
Anfangs die ersten vier Seiten, schon daraus ergibt sich für Autoren oft aufschlussreiche Informationen, wie sie selbst den ganzen Text überarbeiten.
Dann Exposé, also Aufbau von Plot und Geschichte und die ersten 25 Seiten. Danach darf der Autor wieder seine Texte ändern und anwenden, was er (hoffentlich) gelernt hat. Wie viel der einzelne Autor dann tatsächlich bucht, ist unterschiedlich. Oft kommen sie auch nach einem Jahr noch mal und sagen: Jetzt möchte ich mal wieder, denn jetzt hänge ich an einer anderen Stelle.
Viele arbeiten auch eine Zeitlang in der Romanwerkstatt in einer Gruppe, nach dem Ende der Gruppe arbeiten sie wieder alleine weiter, aber die Gruppe hält dennoch noch einen losen Kontakt.
Wie bei jedem Lehrer ist auch hier das Ziel, sich überflüssig zu machen.
Sehr wichtig ist auch von vorneherein klarzustellen, was gemacht werden soll. Nur einen Durchgang durch den Text, der Coach listet dann die wichtigsten Fehler und macht Vorschläge zur Verbesserung? Oder soll der Text mehrfach überarbeitet werden?
Hängt also auch davon ab, was der einzelne Autor haben möchte.

Das Gespräch führte Annette Scholonek - Montségur dankt für die freundliche Genehmigung!