"Wir müssen vom Potenzial eines Textes überzeugt
sein."
Interview mit
Natalja Schmidt
Schmidt & Abrahams Literaturagentur,
31.07.2006
Natalja,
Du arbeitest als freie Lektorin, unter anderem für Heyne, C.
Bertelsmann bei Random House, Weltbild und Feder & Schwert. Wie bekommt
man so einen Beruf?
In meinem Fall war es so, dass ich schon seit langer Zeit begeisterte
SF und Fantasy-Leserin war. Deshalb habe ich während meines Studiums der
Medienwissenschaft ein Praktikum beim Heyne-Verlag im Lektorat SF &
Fantasy absolviert. Danach habe ich zunächst Gutachten geschrieben, dann
Bearbeitungen übernommen. Dann wurde ich In-House an Bertelsmann
weiterempfohlen, und das hat sich dann über persönliche Kontakte weiter
fortgesetzt. Dabei kam mir meine Spezialisierung besonders am Anfang
zugute. Inzwischen habe ich zwar auch noch Krimis mit in mein Angebot
aufgenommen, aber die meisten Aufträge bekomme ich wohl wegen meines
Expertenwissens zu SF&F.
Dann hast du zusammen mit Julia Abrahams die
Literaturagentur
Schmidt & Abrahams gegründet. Wann war das und wie kam es dazu?
Das war im Januar 2005. Insbesondere auf dem deutschen Fantasy-Markt
gab es seit einiger Zeit sehr interessante Entwicklungen, die bis heute
fortwirken; das Genre hatte zu boomen begonnen. Aus meiner Erfahrung
heraus konnte ich sehen, dass dennoch in den Lektoraten immer weniger
Zeit blieb, sich um Manuskripte zu kümmern, was ja auch generell der
Grund ist, warum Agenturen auch auf dem deutschen Buchmarkt immer mehr
an Bedeutung gewinnen. Genau an dieser Stelle wollten wir ansetzen: Eine
spezialisierte Agentur mit umfangreichen Serviceleistungen für Autoren
und Verlage.
Ist es schon vorgekommen, dass du Manuskripte an Verlage
vermittelst und sie dann dort selbst lektorierst, dass du dir also
bewusst oder unabsichtlich selbst zuarbeitest?
Nein, das ist bislang noch nicht vorgekommen, und das wird vermutlich
auch in Zukunft nicht passieren. Auch als Agent kennt man einen Text ja
schon sehr gut und ist dann in gewisser Hinsicht betriebsblind – ich
denke, es ist gut, wenn jemand Neues einen Text im Endlektorat
bearbeitet.
Ihr habt euch auf Science Fiction, Fantasy und historische Romane
spezialisiert. Die ersten beiden Genres werden bisher von
angelsächsischen Autoren dominiert. Sicher auch, weil es für Verlage
günstiger ist, im Taschenbuchbereich Lizenzen einzukaufen, als neue
Autoren aufzubauen. Wie siehst du das?
Lizenzen spielen für SF&F natürlich eine große Rolle. Der
angelsächsische Markt ist riesig, und ein Verlag geht mit einem bereits
erfolgreichen Autor ein wesentlich kleineres Risiko ein. Allerdings
haben wir in den letzten Jahren gesehen, dass sich das Bild langsam
wandelt: Deutsche Fantasy-Autoren haben die Bestsellerliste erobert, und
Markus Heitz hat jetzt sogar den Sprung nach Großbritannien geschafft.
Was muss einen deutsche Autoren auszeichnen, um in diesen Genres
einen Fuß in die Tür zu bekommen. Muss man sich nach den Vorbildern
richten? Oder sollte man es gerade nicht tun?
Einen sicheren Tipp kann man dazu gar nicht geben. Beides kann zum
Erfolg führen, beides ist aber beileibe keine Garantie. Die
entsprechenden Programme der großen Verlage sind alle eine Mischung aus
bekannten Erfolgsrezepten, gewürzt mit einer Prise Neuem. Einen ganz
eigenständigen Kosmos zu erschaffen, ist natürlich gut, aber eine
gelungene Hommage an ein großes Vorbild kann ebenfalls überzeugen. Wo
man sich dazwischen einordnet, bleibt immer dem jeweiligen Autor
überlassen.
Bei unverlangt eingesandten Manuskripten ist der Anteil der
unbrauchbaren Einsendungen sehr hoch. Gerade bei Fantasy scheint mir
dies besonders so zu sein, weil Fantasy schon sehr junge Menschen
begeistert, die dies schnell nachahmen möchten. Wie sind deine
Beobachtungen hier?
Tatsächlich ist es so, dass sehr viele Fans der beiden Genres auch
selber schreiben - mehr vielleicht als beispielsweise im
Thriller-Bereich. Zudem gehören die jungen Fans zu einer technikaffinen
Generation, die schon damit aufgewachsen ist, ihre Ideen und Geschichten
im Internet zu publizieren. Viele denken dann: Der Weg von meiner Idee
zu einem Roman ist nicht so weit. Wir haben schon etliche Einsendungen
von Teenagern bekommen, aber ein neuer Christopher Paolini war bislang
noch nicht dabei.
Wächst vielleicht andererseits eine neue Welle deutscher Autoren
heran, eine Art Gegenbewegung?
Ja, das ist ganz sicher so. Bei den jungen Autoren wächst gerade eine
Generation mit frischen Ideen heran, die sich traut, auch ganz eigene
Wege in der Phantastik zu gehen. Und der derzeitige Erfolg der Fantasy
in Deutschland hat dafür gesorgt, dass auch hierzulande mehr Autoren mit
ungewöhnlichen Ideen eine Chance bekommen.
Wenn man sich das Genre der historischen Romane ansieht, fällt
einem die ungeheure Popularität und die Menge an Büchern von deutschen
Autoren auf, die von schlichten Liebesromanen über Krimis bis hin zu
literarischen Sittengemälden und historischen Biografien reichen. Wie
erklärst du dir diese Beliebtheit? Ist das ein Phänomen deutscher Leser?
Oder eine Spezialität deutscher Autoren?
Das würde ich pauschal so nicht sagen. Auch auf der Bestsellerliste
der New York Times finden sich ebenfalls mit schöner Regelmäßigkeit
Historische Romane – man denke an Robert Harris' "Pompeji". Auch die
Briten mögen die Geschichte, setzen aber andere Schwerpunkte, z.B. bei
ihren Seehelden. In Deutschland haben insbesondere weibliche
Hauptfiguren in einem stilisierten Mittelalter ungeheuren Erfolg – aber
warum das so ist, lässt sich nur schwer ausloten.
Gibt es ein besonderes Thema, auf das du noch wartest? Eine
Fantasy-Welt, die du gerne einmal sehen würdest, eine SF-Oper, die du
dir wünscht, oder ein geschichtliches Thema dessen Bearbeitung du dir
wünschen würdest?
Obwohl ich auch Space-Operas gern lese, bin ich in der SF eigentlich
ein Fan von Dystopien und Zukunfsvisionen, die in nicht allzu weiter
Ferne spielen. Ein neuer "Blade Runner" könnte mich da sicher
begeistern. Historisch interessiere ich mich insbesondere für die
Renaissance, mich persönlich spräche also zum Beispiel eine
Raffael-Biographie im Stil von Irvings "Michelangelo" an.
Wie entscheidet ihr euch für ein Manuskript und einen Autor?
Gemeinschaftlich? Was sind die wichtigsten Kriterien?
Bislang hatten wir noch keinen Autor, über den wir uns gar nicht
einigen konnten. Die Entscheidung, jemanden zu vertreten, fällt also
gemeinsam. Aber normalerweise ist eine von uns die Expertin für einen
Text, einzelne Autoren werden jeweils von Julia oder von mir betreut und
vertreten. Das wichtigste Kriterium für einen Text ist, das wir von
seinem Potenzial überzeugt sein müssen: Der Roman hat Marktchancen,
spricht seine Leser wirklich an, bleibt konsequent auf hohem Niveau. Und
stilistisch darf ein MS natürlich auch keine Räuberhöhle sein.
Gibt es etwas, das die Einsender immer wieder falsch machen?
Etwas, bei dem ihr regelmäßig die Hände über dem Kopf zusammenschlagt?
Wir haben auf unserer Website erklärt, wie wir uns die Einsendungen
wünschen: Umfang, Format etc. Das entspricht den Standards, die auch
viele Verlage als Vorgabe haben. Aber wir bekommen immer noch unverlangt
komplette Manuskripte zugeschickt, manchmal ganz ohne Begründung,
manchmal mit Erklärungen wie: "Es ist nicht möglich, mein Werk mit einer
Textprobe und in einem kurzen Exposé darzustellen." Da fragt man sich
immer, wie man so etwas einem Lektorat anbieten sollte, selbst wenn es
etwas taugt: "Ich habe hier einen äußerst schwierigen Autor für euch?"
Was war euer schönster Erfolg im Leben eurer Agentur?
Die Vermittlung von Christoph Hardebuschs Erstling "Die Trolle" an
den Heyne Verlag bei Random House. Einen Roman zu vermitteln, der zum
Bestseller wird, ist natürlich ein wundervoller Start, und wir freuen
uns sehr darüber, dass wir mittlerweile auch den Nachfolger aus
Christophs Feder unter Dach und Fach bringen konnten.
Und gab es auch schon einmal richtigen Ärger mit einem Autor oder
einem Verlag?
Glücklicherweise weder noch. Das Unangenehmste bislang waren
düster-orakelnde Droh-Briefe von Autoren, die wir abgelehnt haben.
Welchen Ratschlag möchtest du aufstrebenden Autoren mit auf den
Weg gaben, die gerne schreiben und von einer Veröffentlichung eines
Tages träumen?
Ganz prosaisch: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wer
wirklich professionell schreiben möchte, sollte das Handwerk nicht
vernachlässigen, immer bereit sein, an sich zu arbeiten, viel Geduld
mitbringen und das Träumen nicht verlernen.
Natalja, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |