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"Darum geht's in der Fiktion – die dunkelsten Seiten der Menschen anzusprechen"

Interview mit Karin Slaughter
13.02.2009
Read original version in English - Foto © Alison Rosa

Liebe Karin,

Sie schreiben schon seit Ihrer Schulzeit. War das eher ein Drang, sich auszudrücken, oder das ausdrückliche Ziel, eines Tages veröffentlicht zu werden?

Ich kenne nicht viele erfolgreiche Autoren, die sich bei ihrem ersten Buch mit der Absicht hinsetzten, einen Bestseller zu schreiben. Natürlich hoffen wir das alle, aber es liegt in der Natur von Schriftstellern, sich auf dem Papier ausdrücken zu wollen und sich weniger Gedanken über die späteren Schritte zu machen. Ich denke, wenn man sich vornimmt, einen Bestseller zu schreiben, wird man mit dem Ergebnis immer unzufrieden sein. Wenn man sich hingegen vornimmt, ein Buch zu schreiben wie man es selbst gerne lesen würde, dann wird man nach den eigenen Maßstäben erfolgreich, was viel wichtiger ist, als die Bestsellerliste (wenn nicht sogar lukrativer!).

Während es hierzulande schon schwierig genug ist, einen Literaturagenten zu finden, erzählt man sich, dass es in den USA nahezu unmöglich sei – Agenten veranstalten Speed Castings und akzeptieren keine unverlangten Einsendungen. Wie haben Sie Ihren ersten Agent gefunden, und wie lange hat es gedauert, um Ihr erstes Buch zu vermitteln?

Es gibt ein tolles Buch, "Writer's Market", das alle amerikanischen Literaturagenten enthält und aufführt, was sie suchen, und wie ihre Richtlinien für das Einsenden von Material aussehen. Sie akzeptieren zwar unverlangte Einsendungen, sind aber sehr penibel darin, wie man sein seine Anfragen einreichen sollte. Wenn man diesen einfachen Instruktionen nicht folgen kann, lehnen sie einen meist ab. Mein Agent hat beispielsweise eine Ablehnrate von 98%, und das meiste sind Autoren, die sich weigern, den Richtlinien zu entsprechen. Schriftsteller müssen das Veröffentlichen als ein Geschäft ansehen. Man schickt ja auch an Siemens keinen Lebenslauf in sechs verschiedenen Schriftarten und Farben und erzählt denen, dass man gerne am Strand spazieren geht und sich mit der Natur verbindet. Warum sollte man das einem Agent erzählen? Man sucht einen Job und versucht den Agent zu überzeugen, dass man sowohl ein Profi als auch ein talentierter Autos ist. Gerade, wo es der Wirtschaft immer schlechter geht, ist es wichtig, dass Autoren ihr Prima Donna-Gehabe ablegen und einsehen, dass Verlage Geld verdienen wollen, und dass man sie überzeugen muss, dass man das Risiko wert ist. Ein Profi zu sein hat viel mit dieser Einsicht zu tun.

Als Ihr erster Roman, "Blindsighted" (dt. "Belladonna"), 2001 herauskam, wurde er augenblicklich zu einem Erfolg. Nicht nur in den USA, sondern auch international. Was, denken Sie, waren die bedeutendsten Faktoren für diesen Überraschungserfolg?

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass es an meinem überragenden Talent gelegen hätte. Aber tatsächlich hatte ich Glück und einen guten Verleger gefunden, der sich leidenschaftlich für mein Buch einsetzte. Außerdem war ich bereit, auf Tour zu gehen, wogegen sich viele Autoren sperren, und im Prinzip habe ich die letzten acht Jahre damit verbracht, überall dorthin zu fahren, wo ich gebraucht wurde, um den Verlagen zu helfen, meine Arbeit zu bewerben.

Kam es für Sie überhaupt überraschend? Wie haben Sie reagiert?

Ich war sehr überrascht! Wenn man als Kind davon träumt, dass die eigenen Bücher eines Tages veröffentlicht werden, dann denkt man nicht über den Buchladen im Ort hinaus. Als "Belladonna" sich plötzlich in so viele Länder verkaufte, wo es so erfolgreich wurde, war das ein bisschen schockierend. Ich fühlte mich unglaublich glücklich, obwohl natürlich das Problem mit großem Anfangserfolg ist, dass man sofort anfängt, sich Sorgen über das nächste zu machen, und fürchtet, wieder bei Null anzufangen und den Rest seines Lebens im Verborgenen zu fristen. Ich dachte anfangs, dass ich irgendwie merkwürdig drauf wäre, aber dann las ich ein Interview mit Stephen King, der erzählte, dass er, wenn mal nicht mindestens einen Monat auf Platz Eins der Bestsellerliste steht, sich anfängt Sorgen zu machen, ob er seine Nebenkostenabrechnungen noch bezahlen kann und überlegt, welche Lebensmittel er vielleicht runterschrauben könnte. Hey, wenn wir geistig stabile, rationale Menschen wären, dann wären wir keine Schriftsteller!

Inzwischen sind Sie eine der am meisten beachteten internationalen Thrillerautorinnen. Wissen Sie, wie groß Ihre Gesamtauflage ist – in den USA und weltweit? Ist das einschüchternd? Ist es schwierig mit dem Erfolg und der Aufmerksamkeit zurecht zu kommen?

Ich glaube zuletzt waren es 15 Millionen, was eine schreckliche Menge ist. Das ist eine Größenordnung, die ich nicht so richtig fassen kann, daher fühlt es sich auch irgendwie nicht real an. Ich bin nur froh, dass ich auf diese Weise meinen Unterhalt verdienen kann, denn das geht nicht vielen so. Glücklicherweise sind Autoren ja keine "richtigen" Berühmtheiten, es ist also nicht so, dass ich im Supermarkt erkannt werden würde (was auch gut so ist, dann meistens mache ich mir nicht mal die Mühe meine Haare zu kämmen, wenn ich raus gehe!).

Ihre Bücher wurden bisher in 23 Sprachen übersetzt. Sicher bekommen Sie Rückmeldung per Post oder während Ihrer Lesereisen. Konnten Sie beobachten, ob es Unterschiede gibt, wie die Leser in verschiedenen Ländern Ihre Bücher aufnehmen?

Inzwischen sind es 30 Sprachen, was einfach nur unglaublich ist. Ich bekomme eine Menge E-Mails über meine Website, was sehr schön ist, auch wenn es schon mal ein ganzes Jahr dauert, bis ich auf einige davon antworte. Das Lustige ist, dass Leser überall gleich sind. Das ist etwas, das wir alle gemeinsam haben, was auch immer wir für sonstige Unterschiede haben. Also reden wir über die Bücher, die wir lieben, schlechte Filmumsetzungen und solche Sachen.

Eine Frage, der sich jeder Autor grausamer Morde stellen muss: Wie können Sie sich mit den Mördern und ihrer Motivation identifizieren? Wenn in jeder Figur auch ein bisschen vom Autor stecken muss, wie viel Gewalt, Zorn, Angst, Verletzung oder Brutalität steckt dann in Ihnen?

Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, ich hätte diese Art von Brutalität in mir. Thomas Harris hat niemand gefressen, als er für Hannibal Lecter recherchiert hat. Jedenfalls hoffe ich das! Autoren können sich sehr gut in das Denken und Fühlen anderer Menschen hineinversetzen und den Leser in diese Haut schlüpfen lassen. Ich habe nicht so sehr das Gefühl, dass ich mich mit den Schurken meiner Geschichten identifizieren würde, sondern dass ich sie verstehe. Ich bin niemand, der an das Konzept des Bösen als solches glaubt. Ich denke, Menschen handeln aus logischen Gründen. Das mögen dumme Gründe sein, oder niederträchtige, aber es gibt immer diese gewisse Logik darin, so dass man überlegt: "Ja, ich kann nachvollziehen, warum du so schrecklich bist." Dieser Gedankengang bringt mich zum Schreiben. Ich will verstehen, warum Menschen Dinge tun.

Sie bedanken sich bei Ihrem Agent und Ihrer Lektorin für die großartige Zusammenarbeit und betonen, wie viel Hilfe und Unterstützung Sie für die Bücher bekommen haben. Was genau war das für Hilfe?

Mein Agent hat mir soliden unternehmerischen Rat gegeben, und wir haben beide die selbe Einstellung dazu, wie man sich in der Verlagswelt benehmen sollte. Ich möchte nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die Andere nicht respektieren. Ich bin nicht einer dieser Schriftsteller, die glauben, sie müssten jedem ein Messer in die Brust rammen und es drehen, bis sie um Gnade winseln. Es ist so wichtig, eine für beide Seiten vorteilhafte Beziehungen in solchen Dingen zu haben, und ich habe das Gefühl, ich habe so eine Partnerschaft mit allen meinen Verlegern. Was meine Lektorin angeht; wir sind im Grunde in den letzten Jahren gemeinsam gewachsen. Ich vertraue ihr blind, dass sie mir die Wahrheit über meine Arbeit sagt. Wir haben das selbe Verständnis darüber, was ich gerne erreichen möchte, und ich bin dankbar, dass sie ehrlich zu mir ist. Der größte Fehler, den erfolgreiche Autoren begehen können, ist, ihren Lektoren nicht mehr zuzuhören. Man kann beobachten, wann das passiert: Sie hören auf als Schriftsteller zu wachsen.

Ein wichtiger Punkt, den Sie gerne betonten, ist, dass das Autorensein, das Veröffentlichtwerden, in erster Linie ein Geschäft ist. Wie kann diese Erkenntnis jungen Autoren weiterhelfen, ihnen das Leben erleichtern?

Nun, es erleichtert einem am ehesten das Leben, wenn man einen Absagebriefe von einem Verlag oder einem Agent bekommt. Man muss sich nur vergegenwärtigen, dass es nicht unbedingt darum geht, dass ihnen deine Arbeit nicht gefällt. Es geht darum, dass sie nicht glauben, dass es sich so gut verkaufen lässt, dass sie damit ihre Rechnung zahlen können. Meine erste Geschichte wurde gründlich abgelehnt. Aber man sagte mir, es läge an der Story, nicht daran, dass meine Schreibe nicht funktionieren würde. Also habe ich mich zurück an den Laptop gesetzt und eine andere Geschichte geschrieben, und das war die, die funktioniert hat. Man darf sich in diesem Metier niemals entmutigen lassen, weil es so subjektiv ist. Ich kenne eine Menge Autoren, die extrem erfolgreich sind, und sie alle – und ich meine wirklich alle – haben unglaubliche Ablehnung erfahren, als sie anfingen.

Denken Sie darüber nach, was "der Markt" verlangt, was bei den Verlagen gerade im Trend ist? In wiefern hören Sie auf Ratschläge oder ändern Sie Ihre Geschichte, wenn es um kommerzielle oder Marketing-Erwägungen geht, die Ihr Agent oder Ihr Verleger an Sie herantragen?

Ich denke niemals über den Markt nach, aber ich schreibe nun mal auch in einem Genre, das gerade sehr populär ist, also muss ich mir auch keine Gedanken machen. Ich habe noch nie eine Geschichte aus kommerziellen oder Marketing-Gesichtsgründen geändert. Ich bin auch noch nie darum gebeten worden. Meine Verleger und mein Agent versuchen nicht, mich in irgendeine Richtung zu steuern außer, dass ich das beste Buch schreiben soll, das ich kann.

Selbstverständlich weckt jedes erfolgreiche Buch die Erwartung, dass der nächste Roman des Autor mindestens genauso gut, wenn nicht besser wird. Fühlen Sie diese Art von Druck?

Ich fühle mich nur von mir selbst unter Druck gesetzt, wenn ich allein mit meinem Computer bin. Ich versuche, mit jeder Geschichte besser zu werden, und Tatsache ist, dass mir schon keine neuen Arten mehr einfallen, Leute umzubringen. Dinge im realen Leben sind viel grauenvoller als das, was in der fiktiven Welt passiert. Was ich kann ist, über Charaktere zu schreiben und wie Verbrechen und Gewalt sie und ihr Umfeld verändern. Das ist es, was mich immer interessiert hat.

Die meisten Ihrer Bücher gehören zur so genannten "Grant County"-Reihe. Können Sie kurz zusammenfassen, um was es in diese Reihe geht und was sie charakterisiert?

Ich schreibe über eine Kleinstadt im Süden Georgias, aber ich denke dass das Prinzip einer Kleinstadt universell ist, gleichgültig, ob in den Niederlande, in Bayern oder in Christchurch, Neuseeland. Wir idealisieren das Leben in einer Kleinstadt, und selbst, wenn wir in einer Großstadt leben, versuchen wir uns mit einem bestimmten Teil der Stadt zu identifizieren. Die New Yorker sind ein klassisches Beispiel dafür. Sie sind niemals einfach nur New Yorker – sie sagen sie leben im Village oder in SoHo oder auf der Upper West Side. Dieses Bedürfnis, zu einer Gemeinschaft zu gehören, ist in unseren Gehirnen verdrahtet, egal, wo wir leben, daher verschaffe ich mir einen großen Vorteil, indem ich über eine Kleinstadt schreibe. Es ist auch eine Hommage an die ehrwürdige Tradition des Geschichtenerzählen in den Südstaaten, wenn ich über gebrochene Charaktere schreibe, die danach streben sich und die Welt um sich herum zu verbessern.

Wie behalten Sie den Überblick über Ihr Personal und jede kleinste Information, die Sie im Laufe der Serie fallen lassen? Haben Sie irgendein Archiv oder eine Datenbank?

Ha, ich wünschte es wäre so! Wenn jemand sowas hat, hätte ich's gern. Ich habe eine "Bibel" aus "Belladonna", die ein Redakteur zusammengestellt hat, aber den Rest habe ich mir irgendwie zusammengeschummelt, während ich geschrieben habe. Ich bin sicher, dass jemand, der genau aufpasst, eine ganze Menge Probleme im zeitlichen Ablauf findet. Ich versuche, das hinzubekommen, aber manchmal ist es schwer. Was die Charaktere angeht, ist mir das so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mich sehr sicher in ihren Köpfen fühle, wenn ich über sie schreibe. Es gibt aber auch ein paar lose Enden in einigen meiner Bücher. Mein drittes Buch, "Dreh dich nicht um", beispielsweise, hat einen heftigen Cliffhanger, der erst in "Broken" wieder aufgenommen wird, und das kommt erst 2010, nach "Genesis", heraus.

Das umfangreiche Personal, das Ihnen im Roman zur Verfügung steht, ermöglicht es Ihnen, die Charaktere wiederzuverwenden, sie in schier endlosen Kombinationen neu zu arrangieren und damit zahllose Konflikte heraufzubeschwören, ganz ähnlich, wie Soap Operas funktionieren. Jedenfalls theoretisch, denn tatsächlich sind Ihre Romane weit davon entfernt. Wie vermeiden Sie die Gefahr, in Standard-Situation und Klischees abzurutschen?

Ich bemühe mich sehr, Klischees zu vermeiden, aber manchmal passiert es einfach. Da ist selbst ein Vielleser bin, sind mir die Fallen glaube ich bewusst. Wenn ich schreibe, führt mich mein Hirn oft zum offensichtlichsten nächsten Schritt, und dann stoppe ich mich und überlege, wie ich es stattdessen auf eine neue Art tun könnte. Ich glaube nicht, dass es falsch ist, eine bestimmte Formel beizubehalten, aber in meinen Büchern versuche ich immer wieder etwas Neues.

Da wir bei Konflikten und dem Neuarrangieren sind: Planen Sie Ihre Bücher von Anfang bis Ende, oder fangen Sie mir einer Grundidee an und folgen Sie ihr einfach, wo sie Sie hinführt? Oder konfrontieren Sie Ihre Charaktere mit einer Situation und beobachten Sie, wie sie darauf reagieren, wie in einer Petrischale?

Ich weiß immer, wie das Buch anfangen wird, bevor ich mich hinsetzte und schreibe. Üblicherweise habe diese erste "Szene" im Kopf – diesen Teil, wo man die Charaktere erst in einer sehr normalen Umgebung sieht, und dann WUMM, passiert etwas Schlimmes. Ich denke, das ist die beste Art, sicherzugehen, dass man die Aufmerksamkeit der Leser hat. Was die restliche Planung angeht: Abgesehen davon, dass ich weiß, wer der Schurke ist, weiß ich eigentlich nie, wie das Buch enden wird. Da sind vage Vorstellungen in meinem Kopf, die sich weiter herauskristallisieren, je näher ich der Auflösung komme. Diese Details herauszufinden und die Motivationen zu entwickeln, ist meine Leidenschaft beim Geschichtenerzählen.

Sind Sie mit Ihren Charakteren vollkommen vertraut, bevor Sie anfangen zu schreiben? Einige Autoren verfassen vollständige Biographien und führen Interviews mit ihren Charakteren, bevor sie anfangen. Andere Autoren beginnen nur mit einer groben Skizze und entdecken den Charakter während des Schreibens und füllen so die weißen Flecken nach und nach. Was ist Ihre Herangehensweise?

Ach, solche interessanten Sachen mache ich nicht. Im Grunde verbringe ich einfach nur viel Zeit damit, über Menschen nachzudenken. Faith Mitchell aus "Fractured", dem aktuellsten Roman aus der Will Trent Reihe, ist eine weibliche Figur, die sich mir aufgedrängt hat, als ich darüber nachdachte, was wohl aus den ganzen Mädchen geworden ist, die ich aus der High School kannte, die schwanger wurden und dann plötzlich spurlos verschwanden. Heutzutage können schwangere Teenager natürlich einfach weiter zur Schule gehen und ein halbwegs normales Leben führen, aber als ich selbst Teenager war, wurden sie der Schule verwiesen und danach nie wieder gesehen. So ist also Faith aus dieser Überlegung entstanden: Was ist aus dieser schwangeren Vierzehnjährigen geworden, die mit fünfzehn ein Kind bekommen hat und die Schule verlassen müsste? Und so bin ich zu der 33-jährigen Polizistin gekommen, deren 18 Jahre alter Sohn nun gerade aufs College kommt.

Was ist Ihrer Ansicht nach der wichtigste Aspekt, wenn man über Charaktere schreibt? Was macht sie lebendig, was lässt die Leser an ihrem Schicksal Anteil haben?

Für mich sind meine Charaktere reale Menschen. Ich führe keine Gespräche mit ihnen, aber wenn ich einen Song höre oder einen Film sehen, denke ich: "Oh, Sara und Jeffrey würde das gefallen." Oder ich höre Shelby Lynne und erinnere mich, dass sie zu einem ihrer Songs auf ihrer Hochzeit getanzt hatten. Solche Sachen halten sie real für mich, und wenn ich über sie schreibe, fühle ich mich eher wie ein Voyeur in ihrem Leben, als dass sie eindimensionale Gedanken in meinem Kopf wären.

Einige Autoren sind der Ansicht, dass fiktionale Charaktere stets mit ihrer maximalen Kompetenz agieren sollten, oder sogar jenseits davon. Dass Helden stärker, schneller und schlauer sein müssen, dass sie besser lieben, tiefer leiden und schwieriger zu töten sein sollen. Andere Autoren behaupten, dass gute fiktionale Charaktere Fehler und Defizite haben müssen, vielleicht sogar ein Geheimnis, das heißt eine andere Seite an ihrem Charakter, die niemals ganz aufgedeckt wird. Was denken Sie?

Ich mag Bücher nicht, in denen der Autor Seite um Seite darauf verwendet, einen zu überzeugen, dass ihr Protagonist der brillanteste Mensch der Welt ist. Zeig es mir. Lass den Detektiv ein Rätsel lösen oder eine Spur finden. Lass ihn schlau SEIN statt es nur zu behaupten und darauf zu vertrauen, dass ich das glaube. Vielleicht liegt es an meinen Südstaatler-Wurzeln, aber ich habe keine Zeit für perfekte Menschen. Ich mag Mängel, schockierende Geheimnisse und verdrehte Hoffnungen und Träume. Darum geht's in der Fiktion – die dunkelsten Seiten der Menschen anzusprechen. Das heißt natürlich, wenn man das Dunkle haben möchte, braucht man auch das Helle, und diese Helligkeit erreiche ich dadurch, dass ich meine Charaktere menschlich mache. Sie machen Fehler. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie ihren Job versauen. Man wird nie erleben, dass Sara an einen Tatort kommt, wo eine Leiche auf dem Boden des Sees liegt, und sich einen Taucheranzug anzieht, um sich den Körper in situ anzusehen. Sie ist einfach nicht diese Art von Superfrau.

Da wir gerade dabei sind: In einem anderen Interview haben Sie gesagt, dass in einer guten Geschichte Charaktere und Plot gleichermaßen wichtig sein müssen. Können Sie das erläutern?

Ich glaube, wie alle haben diese so genannten Literarischen Romane gelesen, wo die Charaktere nur rumstehen, sechshundert Seiten lang auf ihren Bauchnaben starren, um schließlich in solchen Erkenntnissen wie "Mein Vater liebte mich nie", zu gipfeln. So was langweilt mich einfach. Lass sie etwas tun, statt dass sie einfach nur mit sich selbst beschäftigt sind. Schick sie auf eine Suche, ob es nun darum geht, einen Mörder zu finden, oder in einem Familiengeheimnis zu wühlen. "Sturmhöhe", "Der große Gatsby", "Die Geschichte der Dienerin". Das sind alles Geschichten, in denen die Figuren lebendig sind, weil sie in Situationen gesteckt wurden, in denen ihr innerstes Wesen auf die Probe gestellt wird. Ich möchte, dass die Figuren wachsen und sich entwickeln, oder in ihrer Bösartigkeit schwelgen. Warum sonst sollte ich etwas über sie lesen wollen?

Sie nennen sich selbst eine faule Person. Andererseits fahren Sie immer wieder in die Berge, schließen sich ein und schreiben zehn bis zwölf Stunden am Tag. Außerdem schreiben Sie einen Roman pro Jahr. Was hat das mit Faulheit zu tun, und wie könnte es anders sein?

Ich schätze, ich könnte auch zwei Romane im Jahr schreiben! Vielleicht ist mein Vater schuld, dass ich mich für faul halte, denn als ich klein war, hat er immer dafür gesorgt, dass ich etwas zu tun hatte. Wenn wir gesagt haben, dass uns langweilig ist, hat er uns etwas zu tun gesucht, egal, ob es darum ging, dem Lehrer nach dem Unterricht zu helfen, oder (das denke ich mir nicht aus!) einen Haufen Steine von der einen Seite des Gartens zur anderen zu tragen. Daher habe ich vermutlich auch so viel gelesen, damit mir mein Vater keine Arbeit suchen würden. So kommt es, dass ich das Gefühl habe, eine faule Person zu sein, wenn ich mal nicht jede Minute mit etwas beschäftigt bin.

Wie lange brauchen Sie, um ein Buch zu schreiben? Nur die Zeit am tatsächlichen Manuskript gemessen.

Junge, das ist schwer zu beantworten. Ich verbringe viel Zeit damit, mir zu überlegen, was als nächstes im Roman passieren würde. Wenn ich mich dann irgendwann hinsetze, schreibe ich quasi nach Diktat aus dem Gedächtnis. Wenn ich eine Zahl nennen müsste, wieviel Zeit ich vor dem Computer tippend verbringe, würde ich sagen ein paar Monate, aber das klingt dann viel einfacher als es ist. Ich habe den Ansporn, meine Geschichten perfekt hinzubekommen, und wenn ich im Kopf noch nicht so weit bin, schreibe ich noch nicht. Außerdem bin ich ein langfristiger Planer. Beispielsweise habe ich einige der Ereignisse, die in "Zerstört", dem aktuellsten Band der "Grant County"-Reihe, der dieses Jahr in Deutschland erscheint, bereits vor drei oder vier Büchern geplant.

Überarbeiten Sie Ihre Bücher häufig, oder schicken Sie das Manuskript los, sobald Sie den letzten Satz geschrieben haben?

Üblicherweise warte ich noch eine Woche, nachdem ich das Buch geschrieben habe, bevor ich es abgebe, weil mir immer noch Kleinigkeiten einfallen, die ich ändern will. Aber grundsätzlich, wenn ich beim letzten Satz angekommen bin, stehen die grundlegende Geschichte und die Struktur fest und sind fertig. Ich halte nichts davon, Dinge nur zur Hälfte fertig zu stellen und dann abzugeben, andererseits habe ich auch nicht das Gefühl, sterben zu müssen, wenn etwas nicht absolut perfekt ist. Diese Woche dazwischen hilft mir, das Gefühl zu haben, das Beste getan zu haben. Und natürlich geht es dann ja noch ins Lektorat und ich muss mir die Sachen aus einer ganz neuen Perspektive ansehen. Glücklicherweise habe ich das nun schon oft genug gemacht, so dass ich mich sicher fühle, zu wissen, wie man eine Geschichte erzählt. Oh nein, jetzt habe ich es vielleicht gerade beschrieen!

Sie selbst sind eine begeisterte Vielleserin. Was interessiert Sie an anderen Büchern? Was hält Sie gefangen, und was stößt Sie ab?

Mich reizen immer zuerst die Charaktere und erst an zweiter Stelle die Story. So kommt es, dass ich einige ziemlich verrückte Bücher lese. Ich hasse es, wenn ein Autor nicht weiß, wo die Geschichte hinführen soll, denn als Leser spürt man, wenn das passiert. Meistens ist das am Ende, man hat Stunden in ein Buch investiert, kommt zu den letzten zwanzig Seiten und möchte einfach nur schreien.

Und zuguterletzt: Was ist Ihr Tipp an junge Autoren, die eines Tages veröffentlicht und erfolgreich werden wollen?

Veröffentlicht werden und erfolgreich sein sind zwei sehr verschiedene Dinge! Mein Rat wäre, das Buch zu schreiben, das man schreiben will und sich nicht um den Markt zu kümmern. Außerdem, soviel wie möglich zu lesen. Ich bin immer erschüttert, wenn ich Autoren sagen höre, sie hätten keine Zeit zum Lesen. Wozu soll das gut sein?

Liebe Karin, vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm