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"Darum geht's in der Fiktion – die
dunkelsten Seiten der Menschen anzusprechen"
Interview mit Karin Slaughter
13.02.2009
Read original version in English -
Foto © Alison Rosa

Liebe Karin,
Sie schreiben schon seit Ihrer Schulzeit. War das eher ein Drang,
sich auszudrücken, oder das ausdrückliche Ziel, eines Tages
veröffentlicht zu werden?
Ich kenne nicht viele erfolgreiche Autoren, die sich bei ihrem ersten
Buch mit der Absicht hinsetzten, einen Bestseller zu schreiben.
Natürlich hoffen wir das alle, aber es liegt in der Natur von
Schriftstellern, sich auf dem Papier ausdrücken zu wollen und sich
weniger Gedanken über die späteren Schritte zu machen. Ich denke, wenn
man sich vornimmt, einen Bestseller zu schreiben, wird man mit dem
Ergebnis immer unzufrieden sein. Wenn man sich hingegen vornimmt, ein
Buch zu schreiben wie man es selbst gerne lesen würde, dann wird man
nach den eigenen Maßstäben erfolgreich, was viel wichtiger ist, als die
Bestsellerliste (wenn nicht sogar lukrativer!).
Während es hierzulande schon schwierig genug ist, einen
Literaturagenten zu finden, erzählt man sich, dass es in den USA nahezu
unmöglich sei – Agenten veranstalten Speed Castings und akzeptieren
keine unverlangten Einsendungen. Wie haben Sie Ihren ersten Agent
gefunden, und wie lange hat es gedauert, um Ihr erstes Buch zu
vermitteln?
Es gibt ein tolles Buch, "Writer's Market", das alle amerikanischen
Literaturagenten enthält und aufführt, was sie suchen, und wie ihre
Richtlinien für das Einsenden von Material aussehen. Sie akzeptieren
zwar unverlangte Einsendungen, sind aber sehr penibel darin, wie man
sein seine Anfragen einreichen sollte. Wenn man diesen einfachen
Instruktionen nicht folgen kann, lehnen sie einen meist ab. Mein Agent
hat beispielsweise eine Ablehnrate von 98%, und das meiste sind Autoren,
die sich weigern, den Richtlinien zu entsprechen. Schriftsteller müssen
das Veröffentlichen als ein Geschäft ansehen. Man schickt ja auch an
Siemens keinen Lebenslauf in sechs verschiedenen Schriftarten und Farben
und erzählt denen, dass man gerne am Strand spazieren geht und sich mit
der Natur verbindet. Warum sollte man das einem Agent erzählen? Man
sucht einen Job und versucht den Agent zu überzeugen, dass man sowohl
ein Profi als auch ein talentierter Autos ist. Gerade, wo es der
Wirtschaft immer schlechter geht, ist es wichtig, dass Autoren ihr Prima
Donna-Gehabe ablegen und einsehen, dass Verlage Geld verdienen wollen,
und dass man sie überzeugen muss, dass man das Risiko wert ist. Ein
Profi zu sein hat viel mit dieser Einsicht zu tun.
Als Ihr erster Roman, "Blindsighted" (dt. "Belladonna"), 2001
herauskam, wurde er augenblicklich zu einem Erfolg. Nicht nur in den
USA, sondern auch international. Was, denken Sie, waren die
bedeutendsten Faktoren für diesen Überraschungserfolg?
Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass es an meinem überragenden
Talent gelegen hätte. Aber tatsächlich hatte ich Glück und einen guten
Verleger gefunden, der sich leidenschaftlich für mein Buch einsetzte.
Außerdem war ich bereit, auf Tour zu gehen, wogegen sich viele Autoren
sperren, und im Prinzip habe ich die letzten acht Jahre damit verbracht,
überall dorthin zu fahren, wo ich gebraucht wurde, um den Verlagen zu
helfen, meine Arbeit zu bewerben.
Kam es für Sie überhaupt überraschend? Wie haben Sie reagiert?
Ich war sehr überrascht! Wenn man als Kind davon träumt, dass die
eigenen Bücher eines Tages veröffentlicht werden, dann denkt man nicht
über den Buchladen im Ort hinaus. Als "Belladonna" sich plötzlich in so
viele Länder verkaufte, wo es so erfolgreich wurde, war das ein bisschen
schockierend. Ich fühlte mich unglaublich glücklich, obwohl natürlich
das Problem mit großem Anfangserfolg ist, dass man sofort anfängt, sich
Sorgen über das nächste zu machen, und fürchtet, wieder bei Null
anzufangen und den Rest seines Lebens im Verborgenen zu fristen. Ich
dachte anfangs, dass ich irgendwie merkwürdig drauf wäre, aber dann las
ich ein Interview mit Stephen King, der erzählte, dass er, wenn mal
nicht mindestens einen Monat auf Platz Eins der Bestsellerliste steht,
sich anfängt Sorgen zu machen, ob er seine Nebenkostenabrechnungen noch
bezahlen kann und überlegt, welche Lebensmittel er vielleicht
runterschrauben könnte. Hey, wenn wir geistig stabile, rationale
Menschen wären, dann wären wir keine Schriftsteller!
Inzwischen sind Sie eine der am meisten beachteten internationalen
Thrillerautorinnen. Wissen Sie, wie groß Ihre Gesamtauflage ist – in den
USA und weltweit? Ist das einschüchternd? Ist es schwierig mit dem
Erfolg und der Aufmerksamkeit zurecht zu kommen?
Ich glaube zuletzt waren es 15 Millionen, was eine schreckliche Menge
ist. Das ist eine Größenordnung, die ich nicht so richtig fassen kann,
daher fühlt es sich auch irgendwie nicht real an. Ich bin nur froh, dass
ich auf diese Weise meinen Unterhalt verdienen kann, denn das geht nicht
vielen so. Glücklicherweise sind Autoren ja keine "richtigen"
Berühmtheiten, es ist also nicht so, dass ich im Supermarkt erkannt
werden würde (was auch gut so ist, dann meistens mache ich mir nicht mal
die Mühe meine Haare zu kämmen, wenn ich raus gehe!).
Ihre Bücher wurden bisher in 23 Sprachen übersetzt. Sicher
bekommen Sie Rückmeldung per Post oder während Ihrer Lesereisen. Konnten
Sie beobachten, ob es Unterschiede gibt, wie die Leser in verschiedenen
Ländern Ihre Bücher aufnehmen?
Inzwischen sind es 30 Sprachen, was einfach nur unglaublich ist. Ich
bekomme eine Menge E-Mails über meine Website, was sehr schön ist, auch
wenn es schon mal ein ganzes Jahr dauert, bis ich auf einige davon
antworte. Das Lustige ist, dass Leser überall gleich sind. Das ist
etwas, das wir alle gemeinsam haben, was auch immer wir für sonstige
Unterschiede haben. Also reden wir über die Bücher, die wir lieben,
schlechte Filmumsetzungen und solche Sachen.
Eine Frage, der sich jeder Autor grausamer Morde stellen muss: Wie
können Sie sich mit den Mördern und ihrer Motivation identifizieren?
Wenn in jeder Figur auch ein bisschen vom Autor stecken muss, wie viel
Gewalt, Zorn, Angst, Verletzung oder Brutalität steckt dann in Ihnen?
Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, ich hätte diese Art von
Brutalität in mir. Thomas Harris hat niemand gefressen, als er für
Hannibal Lecter recherchiert hat. Jedenfalls hoffe ich das! Autoren
können sich sehr gut in das Denken und Fühlen anderer Menschen
hineinversetzen und den Leser in diese Haut schlüpfen lassen. Ich habe
nicht so sehr das Gefühl, dass ich mich mit den Schurken meiner
Geschichten identifizieren würde, sondern dass ich sie
verstehe. Ich bin niemand, der an das Konzept des Bösen als solches
glaubt. Ich denke, Menschen handeln aus logischen Gründen. Das mögen
dumme Gründe sein, oder niederträchtige, aber es gibt immer diese
gewisse Logik darin, so dass man überlegt: "Ja, ich kann nachvollziehen,
warum du so schrecklich bist." Dieser Gedankengang bringt mich zum
Schreiben. Ich will verstehen, warum Menschen Dinge tun.
Sie bedanken sich bei Ihrem Agent und Ihrer Lektorin für die
großartige Zusammenarbeit und betonen, wie viel Hilfe und Unterstützung
Sie für die Bücher bekommen haben. Was genau war das für Hilfe?
Mein Agent hat mir soliden unternehmerischen Rat gegeben, und wir
haben beide die selbe Einstellung dazu, wie man sich in der Verlagswelt
benehmen sollte. Ich möchte nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die
Andere nicht respektieren. Ich bin nicht einer dieser Schriftsteller,
die glauben, sie müssten jedem ein Messer in die Brust rammen und es
drehen, bis sie um Gnade winseln. Es ist so wichtig, eine für beide
Seiten vorteilhafte Beziehungen in solchen Dingen zu haben, und ich habe
das Gefühl, ich habe so eine Partnerschaft mit allen meinen Verlegern.
Was meine Lektorin angeht; wir sind im Grunde in den letzten Jahren
gemeinsam gewachsen. Ich vertraue ihr blind, dass sie mir die Wahrheit
über meine Arbeit sagt. Wir haben das selbe Verständnis darüber, was ich
gerne erreichen möchte, und ich bin dankbar, dass sie ehrlich zu mir
ist. Der größte Fehler, den erfolgreiche Autoren begehen können, ist,
ihren Lektoren nicht mehr zuzuhören. Man kann beobachten, wann das
passiert: Sie hören auf als Schriftsteller zu wachsen.
Ein wichtiger Punkt, den Sie gerne betonten, ist, dass das
Autorensein, das Veröffentlichtwerden, in erster Linie ein Geschäft ist.
Wie kann diese Erkenntnis jungen Autoren weiterhelfen, ihnen das Leben
erleichtern?
Nun, es erleichtert einem am ehesten das Leben, wenn man einen
Absagebriefe von einem Verlag oder einem Agent bekommt. Man muss sich
nur vergegenwärtigen, dass es nicht unbedingt darum geht, dass ihnen
deine Arbeit nicht gefällt. Es geht darum, dass sie nicht glauben, dass
es sich so gut verkaufen lässt, dass sie damit ihre Rechnung zahlen
können. Meine erste Geschichte wurde gründlich abgelehnt. Aber man sagte
mir, es läge an der Story, nicht daran, dass meine Schreibe nicht
funktionieren würde. Also habe ich mich zurück an den Laptop gesetzt und
eine andere Geschichte geschrieben, und das war die, die funktioniert
hat. Man darf sich in diesem Metier niemals entmutigen lassen, weil es
so subjektiv ist. Ich kenne eine Menge Autoren, die extrem erfolgreich
sind, und sie alle – und ich meine wirklich alle – haben
unglaubliche Ablehnung erfahren, als sie anfingen.
Denken Sie darüber nach, was "der Markt" verlangt, was bei den
Verlagen gerade im Trend ist? In wiefern hören Sie auf Ratschläge oder
ändern Sie Ihre Geschichte, wenn es um kommerzielle oder
Marketing-Erwägungen geht, die Ihr Agent oder Ihr Verleger an Sie
herantragen?
Ich denke niemals über den Markt nach, aber ich schreibe nun mal auch
in einem Genre, das gerade sehr populär ist, also muss ich mir auch
keine Gedanken machen. Ich habe noch nie eine Geschichte aus
kommerziellen oder Marketing-Gesichtsgründen geändert. Ich bin auch noch
nie darum gebeten worden. Meine Verleger und mein Agent versuchen nicht,
mich in irgendeine Richtung zu steuern außer, dass ich das beste Buch
schreiben soll, das ich kann.
Selbstverständlich weckt jedes erfolgreiche Buch die Erwartung,
dass der nächste Roman des Autor mindestens genauso gut, wenn nicht
besser wird. Fühlen Sie diese Art von Druck?
Ich fühle mich nur von mir selbst unter Druck gesetzt, wenn ich
allein mit meinem Computer bin. Ich versuche, mit jeder Geschichte
besser zu werden, und Tatsache ist, dass mir schon keine neuen Arten
mehr einfallen, Leute umzubringen. Dinge im realen Leben sind viel
grauenvoller als das, was in der fiktiven Welt passiert. Was ich kann
ist, über Charaktere zu schreiben und wie Verbrechen und Gewalt sie und
ihr Umfeld verändern. Das ist es, was mich immer interessiert hat.
Die meisten Ihrer Bücher gehören zur so genannten "Grant
County"-Reihe. Können Sie kurz zusammenfassen, um was es in diese Reihe
geht und was sie charakterisiert?
Ich schreibe über eine Kleinstadt im Süden Georgias, aber ich denke
dass das Prinzip einer Kleinstadt universell ist, gleichgültig, ob in
den Niederlande, in Bayern oder in Christchurch, Neuseeland. Wir
idealisieren das Leben in einer Kleinstadt, und selbst, wenn wir in
einer Großstadt leben, versuchen wir uns mit einem bestimmten Teil der
Stadt zu identifizieren. Die New Yorker sind ein klassisches Beispiel
dafür. Sie sind niemals einfach nur New Yorker – sie sagen sie leben im
Village oder in SoHo oder auf der Upper West Side. Dieses Bedürfnis, zu
einer Gemeinschaft zu gehören, ist in unseren Gehirnen verdrahtet, egal,
wo wir leben, daher verschaffe ich mir einen großen Vorteil, indem ich
über eine Kleinstadt schreibe. Es ist auch eine Hommage an die
ehrwürdige Tradition des Geschichtenerzählen in den Südstaaten, wenn ich
über gebrochene Charaktere schreibe, die danach streben sich und die
Welt um sich herum zu verbessern.
Wie behalten Sie den Überblick über Ihr Personal und jede kleinste
Information, die Sie im Laufe der Serie fallen lassen? Haben Sie
irgendein Archiv oder eine Datenbank?
Ha, ich wünschte es wäre so! Wenn jemand sowas hat, hätte ich's gern.
Ich habe eine "Bibel" aus "Belladonna", die ein Redakteur
zusammengestellt hat, aber den Rest habe ich mir irgendwie
zusammengeschummelt, während ich geschrieben habe. Ich bin sicher, dass
jemand, der genau aufpasst, eine ganze Menge Probleme im zeitlichen
Ablauf findet. Ich versuche, das hinzubekommen, aber manchmal ist es
schwer. Was die Charaktere angeht, ist mir das so sehr in Fleisch und
Blut übergegangen, dass ich mich sehr sicher in ihren Köpfen fühle, wenn
ich über sie schreibe. Es gibt aber auch ein paar lose Enden in einigen
meiner Bücher. Mein drittes Buch, "Dreh dich nicht um", beispielsweise,
hat einen heftigen Cliffhanger, der erst in "Broken" wieder aufgenommen
wird, und das kommt erst 2010, nach "Genesis", heraus.
Das umfangreiche Personal, das Ihnen im Roman zur Verfügung steht,
ermöglicht es Ihnen, die Charaktere wiederzuverwenden, sie in schier
endlosen Kombinationen neu zu arrangieren und damit zahllose Konflikte
heraufzubeschwören, ganz ähnlich, wie Soap Operas funktionieren.
Jedenfalls theoretisch, denn tatsächlich sind Ihre Romane weit davon
entfernt. Wie vermeiden Sie die Gefahr, in Standard-Situation und
Klischees abzurutschen?
Ich bemühe mich sehr, Klischees zu vermeiden, aber manchmal passiert
es einfach. Da ist selbst ein Vielleser bin, sind mir die Fallen glaube
ich bewusst. Wenn ich schreibe, führt mich mein Hirn oft zum
offensichtlichsten nächsten Schritt, und dann stoppe ich mich und
überlege, wie ich es stattdessen auf eine neue Art tun könnte. Ich
glaube nicht, dass es falsch ist, eine bestimmte Formel beizubehalten,
aber in meinen Büchern versuche ich immer wieder etwas Neues.
Da wir bei Konflikten und dem Neuarrangieren sind: Planen Sie Ihre
Bücher von Anfang bis Ende, oder fangen Sie mir einer Grundidee an und
folgen Sie ihr einfach, wo sie Sie hinführt? Oder konfrontieren Sie Ihre
Charaktere mit einer Situation und beobachten Sie, wie sie darauf
reagieren, wie in einer Petrischale?
Ich weiß immer, wie das Buch anfangen wird, bevor ich mich hinsetzte
und schreibe. Üblicherweise habe diese erste "Szene" im Kopf – diesen
Teil, wo man die Charaktere erst in einer sehr normalen Umgebung sieht,
und dann WUMM, passiert etwas Schlimmes. Ich denke, das ist die beste
Art, sicherzugehen, dass man die Aufmerksamkeit der Leser hat. Was die
restliche Planung angeht: Abgesehen davon, dass ich weiß, wer der
Schurke ist, weiß ich eigentlich nie, wie das Buch enden wird. Da sind
vage Vorstellungen in meinem Kopf, die sich weiter
herauskristallisieren, je näher ich der Auflösung komme. Diese Details
herauszufinden und die Motivationen zu entwickeln, ist meine
Leidenschaft beim Geschichtenerzählen.
Sind Sie mit Ihren Charakteren vollkommen vertraut, bevor Sie
anfangen zu schreiben? Einige Autoren verfassen vollständige Biographien
und führen Interviews mit ihren Charakteren, bevor sie anfangen. Andere
Autoren beginnen nur mit einer groben Skizze und entdecken den Charakter
während des Schreibens und füllen so die weißen Flecken nach und nach.
Was ist Ihre Herangehensweise?
Ach, solche interessanten Sachen mache ich nicht. Im Grunde verbringe
ich einfach nur viel Zeit damit, über Menschen nachzudenken. Faith
Mitchell aus "Fractured", dem aktuellsten Roman aus der Will Trent
Reihe, ist eine weibliche Figur, die sich mir aufgedrängt hat, als ich
darüber nachdachte, was wohl aus den ganzen Mädchen geworden ist, die
ich aus der High School kannte, die schwanger wurden und dann plötzlich
spurlos verschwanden. Heutzutage können schwangere Teenager natürlich
einfach weiter zur Schule gehen und ein halbwegs normales Leben führen,
aber als ich selbst Teenager war, wurden sie der Schule verwiesen und
danach nie wieder gesehen. So ist also Faith aus dieser Überlegung
entstanden: Was ist aus dieser schwangeren Vierzehnjährigen geworden,
die mit fünfzehn ein Kind bekommen hat und die Schule verlassen müsste?
Und so bin ich zu der 33-jährigen Polizistin gekommen, deren 18 Jahre
alter Sohn nun gerade aufs College kommt.
Was ist Ihrer Ansicht nach der wichtigste Aspekt, wenn man über
Charaktere schreibt? Was macht sie lebendig, was lässt die Leser an
ihrem Schicksal Anteil haben?
Für mich sind meine Charaktere reale Menschen. Ich führe keine
Gespräche mit ihnen, aber wenn ich einen Song höre oder einen Film
sehen, denke ich: "Oh, Sara und Jeffrey würde das gefallen." Oder ich
höre Shelby Lynne und erinnere mich, dass sie zu einem ihrer Songs auf
ihrer Hochzeit getanzt hatten. Solche Sachen halten sie real für mich,
und wenn ich über sie schreibe, fühle ich mich eher wie ein Voyeur in
ihrem Leben, als dass sie eindimensionale Gedanken in meinem Kopf wären.
Einige Autoren sind der Ansicht, dass fiktionale Charaktere stets
mit ihrer maximalen Kompetenz agieren sollten, oder sogar jenseits
davon. Dass Helden stärker, schneller und schlauer sein müssen, dass sie
besser lieben, tiefer leiden und schwieriger zu töten sein sollen.
Andere Autoren behaupten, dass gute fiktionale Charaktere Fehler und
Defizite haben müssen, vielleicht sogar ein Geheimnis, das heißt eine
andere Seite an ihrem Charakter, die niemals ganz aufgedeckt wird. Was
denken Sie?
Ich mag Bücher nicht, in denen der Autor Seite um Seite darauf
verwendet, einen zu überzeugen, dass ihr Protagonist der brillanteste
Mensch der Welt ist. Zeig es mir. Lass den Detektiv ein Rätsel lösen
oder eine Spur finden. Lass ihn schlau SEIN statt es nur zu behaupten
und darauf zu vertrauen, dass ich das glaube. Vielleicht liegt es an
meinen Südstaatler-Wurzeln, aber ich habe keine Zeit für perfekte
Menschen. Ich mag Mängel, schockierende Geheimnisse und verdrehte
Hoffnungen und Träume. Darum geht's in der Fiktion – die dunkelsten
Seiten der Menschen anzusprechen. Das heißt natürlich, wenn man das Dunkle
haben möchte, braucht man auch das Helle, und diese Helligkeit erreiche
ich dadurch, dass ich meine Charaktere menschlich mache. Sie machen
Fehler. Sie fühlen sich schuldig, wenn sie ihren Job versauen. Man wird
nie erleben, dass Sara an einen Tatort kommt, wo eine Leiche auf dem
Boden des Sees liegt, und sich einen Taucheranzug anzieht, um sich den
Körper in situ anzusehen. Sie ist einfach nicht diese Art von
Superfrau.
Da wir gerade dabei sind: In einem anderen Interview haben Sie
gesagt, dass in einer guten Geschichte Charaktere und Plot gleichermaßen
wichtig sein müssen. Können Sie das erläutern?
Ich glaube, wie alle haben diese so genannten Literarischen Romane
gelesen, wo die Charaktere nur rumstehen, sechshundert Seiten lang auf
ihren Bauchnaben starren, um schließlich in solchen Erkenntnissen wie
"Mein Vater liebte mich nie", zu gipfeln. So was langweilt mich einfach.
Lass sie etwas tun, statt dass sie einfach nur mit sich selbst
beschäftigt sind. Schick sie auf eine Suche, ob es nun darum geht, einen
Mörder zu finden, oder in einem Familiengeheimnis zu wühlen.
"Sturmhöhe", "Der große Gatsby", "Die Geschichte der Dienerin". Das sind
alles Geschichten, in denen die Figuren lebendig sind, weil sie in
Situationen gesteckt wurden, in denen ihr innerstes Wesen auf die Probe
gestellt wird. Ich möchte, dass die Figuren wachsen und sich entwickeln,
oder in ihrer Bösartigkeit schwelgen. Warum sonst sollte ich etwas über
sie lesen wollen?
Sie nennen sich selbst eine faule Person. Andererseits fahren Sie
immer wieder in die Berge, schließen sich ein und schreiben zehn bis
zwölf Stunden am Tag. Außerdem schreiben Sie einen Roman pro Jahr. Was
hat das mit Faulheit zu tun, und wie könnte es anders sein?
Ich schätze, ich könnte auch zwei Romane im Jahr schreiben!
Vielleicht ist mein Vater schuld, dass ich mich für faul halte, denn als
ich klein war, hat er immer dafür gesorgt, dass ich etwas zu tun hatte.
Wenn wir gesagt haben, dass uns langweilig ist, hat er uns etwas zu tun
gesucht, egal, ob es darum ging, dem Lehrer nach dem Unterricht zu
helfen, oder (das denke ich mir nicht aus!) einen Haufen Steine von der
einen Seite des Gartens zur anderen zu tragen. Daher habe ich vermutlich
auch so viel gelesen, damit mir mein Vater keine Arbeit suchen würden. So
kommt es, dass ich das Gefühl habe, eine faule Person zu sein, wenn ich
mal nicht jede Minute mit etwas beschäftigt bin.
Wie lange brauchen Sie, um ein Buch zu schreiben? Nur die Zeit am
tatsächlichen Manuskript gemessen.
Junge, das ist schwer zu beantworten. Ich verbringe viel Zeit damit,
mir zu überlegen, was als nächstes im Roman passieren würde. Wenn ich
mich dann irgendwann hinsetze, schreibe ich quasi nach Diktat aus dem
Gedächtnis. Wenn ich eine Zahl nennen müsste, wieviel Zeit ich vor dem
Computer tippend verbringe, würde ich sagen ein paar Monate, aber das
klingt dann viel einfacher als es ist. Ich habe den Ansporn, meine
Geschichten perfekt hinzubekommen, und wenn ich im Kopf noch nicht so
weit bin, schreibe ich noch nicht. Außerdem bin ich ein langfristiger
Planer. Beispielsweise habe ich einige der Ereignisse, die in
"Zerstört", dem aktuellsten Band der "Grant County"-Reihe, der dieses
Jahr in Deutschland erscheint, bereits vor drei oder vier Büchern
geplant.
Überarbeiten Sie Ihre Bücher häufig, oder schicken Sie das
Manuskript los, sobald Sie den letzten Satz geschrieben haben?
Üblicherweise warte ich noch eine Woche, nachdem ich das Buch
geschrieben habe, bevor ich es abgebe, weil mir immer noch Kleinigkeiten
einfallen, die ich ändern will. Aber grundsätzlich, wenn ich beim
letzten Satz angekommen bin, stehen die grundlegende Geschichte und die
Struktur fest und sind fertig. Ich halte nichts davon, Dinge nur zur
Hälfte fertig zu stellen und dann abzugeben, andererseits habe ich auch
nicht das Gefühl, sterben zu müssen, wenn etwas nicht absolut perfekt
ist. Diese Woche dazwischen hilft mir, das Gefühl zu haben, das Beste
getan zu haben. Und natürlich geht es dann ja noch ins Lektorat und ich
muss mir die Sachen aus einer ganz neuen Perspektive ansehen.
Glücklicherweise habe ich das nun schon oft genug gemacht, so dass ich
mich sicher fühle, zu wissen, wie man eine Geschichte erzählt. Oh nein,
jetzt habe ich es vielleicht gerade beschrieen!
Sie selbst sind eine begeisterte Vielleserin. Was interessiert Sie
an anderen Büchern? Was hält Sie gefangen, und was stößt Sie ab?
Mich reizen immer zuerst die Charaktere und erst an zweiter Stelle
die Story. So kommt es, dass ich einige ziemlich verrückte Bücher lese.
Ich hasse es, wenn ein Autor nicht weiß, wo die Geschichte hinführen
soll, denn als Leser spürt man, wenn das passiert. Meistens ist das am
Ende, man hat Stunden in ein Buch investiert, kommt zu den letzten
zwanzig Seiten und möchte einfach nur schreien.
Und zuguterletzt: Was ist Ihr Tipp an junge Autoren, die eines
Tages veröffentlicht und erfolgreich werden wollen?
Veröffentlicht werden und erfolgreich sein sind zwei sehr
verschiedene Dinge! Mein Rat wäre, das Buch zu schreiben, das man
schreiben will und sich nicht um den Markt zu kümmern. Außerdem, soviel
wie möglich zu lesen. Ich bin immer erschüttert, wenn ich Autoren sagen
höre, sie hätten keine Zeit zum Lesen. Wozu soll das gut sein?
Liebe Karin, vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |