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"Man muss sich schon sehr aktiv für alles einsetzen"

Interview mit Petra Sommer
Verlagsgruppe Randomhouse, 02.05.2006

Liebe Frau Sommer,

Sie arbeiten bei der in München ansässigen Verlagsgruppe Randomhouse und betreuen dort den Bereich Autorenlesungen für einen Großteil der Verlage der Gruppe. Können Sie uns ein bisschen über Ihren Werdegang erzählen? Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Nach meinem Studium (Germanistik, Geschichte, Philosophie) und Magister-Abschluss habe ich eine Lehre bei Bertelsmann begonnen, wurde dann aber glücklicherweise bereits nach einem halben Jahr in die Firma übernommen und tue seitdem (seit nunmehr 20 Jahren) das, was mir am meisten Spaß macht: ich organisiere die Autorenveranstaltungen.

Offensichtlich besteht großes Interesse an Autorenlesungen. Nicht nur von Seiten der Autoren, wie man geneigt sein könnte zu vermuten, sondern auch von Seiten der Veranstalter und des Verlages. Welche besondere Bedeutung haben Lesungen aus Ihrer Sicht für die Beteiligten?

Die Autoren, die ja normalerweise im stillen Kämmerchen sitzen, bekommen so Kontakt zu ihren Lesern; die Buchhändler profilieren sich vor Ort gegen die Konkurrenz, indem sie "Autoren zum Anfassen" bieten; die Verlage befördern damit die Bekanntheit der Autoren und nicht zuletzt (für alle Beteiligten) werden ja Bücher verkauft.

Können Sie den Erfolg von Lesungen in irgendeiner Form messen? Wann "lohnt" sich der Aufwand? Oder ist es schlicht ein Service, der erwartet wird und höchstens vermisst werden würde?

Es wäre aus meiner Sicht schade und bedauerlich, wenn man hier Aufwand und Ergebnis gegenrechnen würde. Am Anfang eines "Autorenwerdegangs" ist da möglicherweise kein Verhältnis auszumachen (man muss sich sehr ins Zeug legen um nur einige wenige Veranstaltungen zu akquirieren); aber langfristig ist der Einsatz sicher für alle Beteiligten gut und richtig.

Was genau ist Ihr tägliches Geschäft, wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Telefonieren, telefonieren, telefonieren. Und ganz viel reisen. Man muss ständig mit dem Buchhandel im Gespräch sein, um neue Autoren lancieren zu können und für die bekannteren die passenden Veranstalter zu finden.

Genau genommen organisieren Sie also nicht die Lesungen, sondern versuchen zunächst, Interesse an Ihren Autoren zu wecken und koordinieren dann die Anfragen eher reaktiv?

Ja, so in etwa. Manche bekannten Autoren brauchen diesen Einsatz nicht mehr; die "verkaufen" sich sozusagen fast von selbst, im Gegenteil: manchmal muss auch eine Auswahl bei den vielen Interessenten treffen, die den einen oder anderen Autor haben wollen. Aber "reaktiv" ist bei diesem Job wenig. Man muss sich schon sehr aktiv für alles einsetzen, Partnerschaften pflegen, Programme kennen lernen, den richtigen Riecher haben.

Dann ist es gar nicht so einfach möglich, auch gezielt eine Veranstaltung zu "verkaufen"?

Manchmal kann es ganz schön schwer sein. Wie gesagt: man muss sehr gut mit seinen Buchhandlungspartner bekannt und vernetzt sein, um neue Autoren "unterzubringen".

Ein wichtiger Pfeiler Ihrer Arbeit - neben den intensiven Kontakten zu den Autoren und den Veranstaltern - ist die halbjährlich bei Randomhouse erscheinende Broschüre "Autoren Lesen", die an interessierte Veranstalter verschickt wird, und die Kurzprofile aller bei Ihnen buchbaren Autoren und ihrer aktuellen Bücher enthält. Können Sie etwas dazu erzählen? Seit wann gibt es sie, in welcher Auflage, und wie groß ist die Resonanz?

Die Broschüre gibt es von Anbeginn an - also seit 20 Jahren. Sie geht zweimal jährlich an ca. 2000 Buchhandlungen. Darüber hinaus haben wir noch die Möglichkeit, Spezialangebote zu verschicken, Newsletter und Rundmailings.

Unternehmen auch andere Verlage derart professionelle Anstrengungen (als Service für Autoren und Veranstalter gleichermaßen), oder ist das in dieser Form einzigartig bei Randomhouse?

Sicher gibt es nicht sehr viele Verlage, die diesen Aufwand betreiben können und diesen Service leisten. Aber Randomhouse ist natürlich auch nicht das einzige Verlagshaus, das weiß, wie wichtig Lesungen sind.

Nicht alle Autoren haben das Glück, auf diese Weise unterstützt zu werden. Was können Autoren selbst tun? Ist es sinnvoll, sich in Eigenregie um Lesungstermine zu bemühen?

Ja, das hilft immer - und viele unserer Autoren tun dies auch noch neben unseren Aktivitäten.

Die bei Ihnen "gebuchten" Termine werden von den Veranstaltern bezahlt: nicht nur die Spesen, sondern auch ein Autorenhonorar wird vom Veranstalter übernommen. Was, wenn ein Autor selbstständig Lesungstermine organisieren muss oder möchte. Sollte auch er ein Honorar verlangen? Wie kann er verhindern, draufzuzahlen?

Das bleibt natürlich dem Autor überlassen. Aber es ist prinzipiell nicht ratsam, sich zu "verschleudern". Ein kleines (wenn auch nur Alibi-) Honorar sollte immer gezahlt werden.

Noch einmal zurück zu Ihrer Broschüre. Sie deckt mehr als zwei Dutzend Randomhouse Verlage ab, und damit potentiell mehrere Hundert hochkarätige Autoren und Bestseller pro Halbjahr. In das Heftchen finden aber nur dreißig bis vierzig dieser Autoren Eingang. Woran liegt das?

Es finden alle Autoren Einlass, die für Lesungen zur Verfügung stehen, d.h. alle deutschsprachigen, lebenden und willigen Autoren. Wir treffen keinerlei Vorauswahl.

Von den fremdsprachigen Autoren einmal abgesehen, die oft als eingekaufte Auslandslizenzen gar nicht "greifbar" sind, oder die sich prinzipiell nicht für Lesungen zur Verfügung stellen: Welche anderen Kriterien sollte ein Autor erfüllen, um für Lesungen in Frage zu kommen und damit auch erfolgreich zu sein?

Er sollte nicht stottern. Aber - Spaß beiseite - er sollte Lust auf sein Publikum haben, sollte keine Berührungsängste haben und einigermaßen reisefreudig sein.

Ist der Autor als Teil des Produktes inzwischen ebenso wichtig, wie das Buch selbst? Wenn man sich gelegentlichen Starrummel wie um Rowling, Brown oder Schätzing und die diversen Promi- und Pseudo-Promi-Biografien ansieht, scheint das ja fast so zu sein.

Ja, so ist es wohl.

Ein Autor, dem eine Lesung bevorsteht, fragt sich oft verschüchtert, auf was er sich da eigentlich eingelassen hat, und wie er nun vorgehen sollte. Daher ein paar Fragen zum Handwerk: Wie viele und welche Passagen sollte man am besten auswählen?

Man sollte versuchen, einen Spannungsbogen in die Lesung zu bringen, möglichst vergnügliche und nachdenkliche, ernste und lustige Passagen nebeneinander stellen. Und - ganz wichtig - man sollte immer wieder zwischendurch frei gesprochene Übergänge schaffen, also viel erzählen und nicht nur ablesen.

Sollte man beim Lesen die Dialoge der Charaktere unterschiedlich betonen, wie bei einem Hörbuch? Sollte man überdeutlich und emotional betonen, so deutlich lesen, wie man auch ein Kinderbuch vorliest? Oder stößt es die Zuhörer ab, wenn es überzogen wirkt?

Nein, man sollte ein Lesung ruhig inszenieren, damit es dem Publikum nicht langweilig wird.

Immer wieder heißt es, man solle vor allen Dingen l a n g s a m lesen. Sehr viel langsamer, als üblich, eher vortragen, und dabei Pausen machen und das Publikum ansehen und einbeziehen. Können Sie das bestätigen?

Unbedingt!

Zusammenfassend: Was sind für Sie die wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Lesung?

Ein motivierter und gut vorbereiteter Autor, der Spaß an der Sache hat; ein professioneller Veranstalter, der eine gute Vororganisation geleistet hat (Presse informiert, die Kunden gezielt angesprochen etc.) - und es sollte an dem Abend kein wichtiges Fußballspiel im Fernsehen laufen.

In Anbetracht der Tatsache, dass es mehr Leserinnen als Leser gibt: Sind Männer als Vortragende beliebter als Frauen?

Nein, das kann man nicht sagen - aber im Publikum sitzen in jedem Falle mehr Frauen als Männer.

Gibt es auch Autoren, die geschrieben überzeugen, aber bei einer Lesung überhaupt nicht "wirken" oder einfach viel zu nervös sind, um gut zu lesen? Was kann man da tun? Kann man das lernen?

Diese Autoren gibt es natürlich. Ich fürchte, da kann man nicht viel tun, außer vielleicht mit den besten Freunden "vorüben".

Erstaunlicherweise ist es oft einfacher, in kleineren Städten eine Lesung zu füllen, als in Großstädten. Liegt das daran, dass man in den Metropolen eher gesättigt ist? Oder ist man dort zu anspruchsvoll?

Nein, es liegt oft daran, dass die Buchhändler in den kleinen Städten ihr Publikum besser kennen und es deshalb gezielter ansprechen können - und dort hat eine Lesung oft auch eine wichtige gesellschaftliche Komponente (so, als ginge man ins Theater).

Unter einer klassischen Lesung stellt man sich einen langhaarigen Dichter mit knarzender Lederjacke und einem Glas Wasser vor, der "Krawehl! Krawehl! Taubgrüner Ginst am Musenhain!" vorträgt, wie in Loriots unvergesslichem "Papa Ante Portas". Heutige Lesungen haben zum Teil schon Eventcharakter: Live-Musik, Filmausschnitte, Diashows, Kostüme, Kochstunden oder Weinproben werden angeboten. Ist das die Zukunft? Oder schreckt das Veranstalter sogar wegen des Aufwandes eher ab?

Ich glaube, in unserer Zeit findet beides seinen Platz und sein Publikum. Die "gute alte Lesung" ist mitnichten überholt, aber die modernen Events haben auch ihren Reiz.

Wenn Sie sich den perfekten Autor wünschen könnten, wie wäre er oder sie beschaffen? Oder anders ausgedrückt: Welchen Ratschlag möchten Sie angehenden Autorinnen und Autoren mit auf den Weg geben?

Wer offen und interessiert und auf sein Publikum neugierig ist, wird immer Erfolg haben.

Frau Sommer, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm