"Schon ein lyrischer Tropfen höhlt den Stein der
Barbarei"
Interview mit Imre Török
7.10.2008
Lieber
Imre,
seit 2005 bist du Bundesvorsitzender des
Verbands deutscher
Schriftsteller (VS), den es nun seit fast vierzig Jahren gibt.
Gleichzeitig bist du selbst Autor und schon seit langem im Kulturbetrieb
tätig. Bevor wir auf die Arbeit eingehen, ein paar persönliche Fragen:
Wie bist du nach Deutschland gekommen, und was hat dich hier
gehalten?
Das war nicht meine freie Entscheidung. Meine Eltern haben aus
politischen Gründen Ungarn verlassen. Als Jugendlicher in der Fremde,
ohne Kenntnisse der Sprache und Mentalität der neuen Heimat war
es zunächst nicht gerade spaßig. Diese Jahre haben mich aber auch
gelehrt, dass schwierige Lebenssituationen zum Engagement herausfordern.
Von daher ...
Fühlst du dich eher als Ungar oder als Deutscher? Persönlich, aber
auch literarisch, was liegt dir näher?
... von daher hat das Wechselbad heimatsuchender Gefühle in jenen
schwierigen Jugendjahren wohl zu dem Ergebnis beigetragen, dass ich
inzwischen Ungarn wie Deutschland mit gleicher Nähe – oder auch mit
Distanz? – erlebe. Ich habe wunderbare Vorlieben, die jeweils nur in dem
einen Kulturkreis lebbar oder literarisch, sprachlich, kulinarisch zu
genießen sind. Vielleicht schlägt mein Herz ein wenig intensiver
ungarisch, während mein Denken etwas eher von Hölderlin, Kant oder Bloch
geprägt ist.
Du hast Germanistik, Geschichte und Philosophie in Tübingen
studiert. Welche Bedeutung haben diese Fächer heute für deine Arbeit?
Ein geisteswissenschaftliches Studium ist keine Voraussetzung für die
literarische Arbeit, kommt ihr aber sicherlich zugute. Philosophie
spielt in meinem Fall eher die Rolle, Pforten der Wahrnehmung zu öffnen,
und ich habe bis heute nicht aufgehört, Philosophie zu "studieren".
Damit sie mich aus dem Takt bringt und gar nie das Gefühl aufkommen
lässt, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.
Naturgemäß hast du sehr guten und weit vernetzten Kontakt zu einer
Vielzahl von Institutionen und Autoren in Deutschland. Mit dabei ist
auch Martin Walser. Wie habt ihr euch kennen gelernt und was verbindet
euch?
Da wir beide Mitglieder im selben Landesverband des VS sind, also in
Baden-Württemberg, haben wir uns bei Literaturveranstaltungen schon in
den 80er Jahren des öfteren getroffen. Der Schriftstellerin Johanna
Walser, seiner Tochter, bin ich auch seit langem kollegial
freundschaftlich verbunden. Mein erster Besuch im Hause Walser galt
eigentlich ihr, und ich weiß noch, wie schüchtern ich am nächsten Tag
dem Meister gegenüber saß. Manche spätere Momente der persönlichen
Begegnung mit Martin, wie z. B. eine Nacht bei sehr viel Rotwein auf
einem Schriftstellerkongress, habe ich auch literarisch festgehalten.
Was mich mit ihm verbindet, ließe sich in der Kürze hier nur in banale
Worte fassen. Etwas Auskunft gibt
mein Geschichte "Umgebracht von Martin Walser". Was Martin mit mir
verbindet, könnte nur er sagen.
Wie ist deine Meinung zu Martin Walsers polarisierender Rede in
der Frankfurter Paulskirche am 11.Oktober 1998?
Ich fand sie nicht polarisierend aber sicherlich zugespitzt und ich
meine, dass wir Martin Walser wesentlich differenzierter sehen müssen,
als es die Diskussion über seine Rede widerzuspiegeln vermocht hat. Ich
war damals Landesvorsitzender des VS in Baden-Württemberg, und nachdem
in manchen Reaktionen auf seine Rede der fatale Vorwurf des
Antisemitismus erhoben worden war, haben wir auf Anregung meines
Freundes Horst Brandstätter im Staatstheater Stuttgart eine solidarische
Lesung veranstaltet. Wir lasen Texte von Walser, in denen er u. A.
Auschwitz thematisiert und die wahrlich keinen Zweifel an seinen
humanistischen Überzeugungen aufkommen lassen.
Erinnerung und Verarbeitung der deutschen Geschichte ist ein
Thema, mit dem auch der VS viel zu tun hat. Ein Beispiel sind die
Aktionen zum Jahrestag der Bücherverbrennungen. In wiefern siehst du
Autoren und den Verband hier in einer besonderen Verantwortung?
Menschenwürdig Künftiges braucht auch die mahnenden Worte der
Erinnerung. Die Ereignisse 1933 ff sind nur ein Beispiel, wenn auch
eines der furchtbarsten, die offenbaren, wie schnell die dünne
Humusschicht der Kultur verweht wird und der blanke Barbar zum Vorschein
kommt.
Als eher Kulturpessimist, der jedoch mit Leib und Seele für eine
kulturoptimistische Weltsicht und Zukunft kämpft, fürchte ich, dass uns
globale Verteilungskämpfe verstärkt drohen, die abermals Menschengruppen
in blutrünstige Horden verwandeln könnten. Ich bin oft traurig und
entsetzt, dass Ereignisse wie in Bosnien, in Ruanda, im Sudan (Dafur) in
einer "zivilisierten" Welt möglich sind. Du kannst sagen, der Mensch sei
nun mal von Natur aus schlecht. Oder du begreifst, dass dir dein
Schicksal eine Erkenntnisfähigkeit mitgegeben hat, mit der du
menschliche Natur auch persönlich ein ganz wenig zum vernünftig Besseren
kultivieren kannst. Und dann hast du die verdammte Verantwortung, deine
intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten entsprechend zu nutzen. Es
geht jedoch nicht um Literatur als Moralpredigt. Schon ein lyrischer
Tropfen höhlt den Stein der Barbarei. Man kann diese
Verantwortungsbewusstheit nicht einer Berufsgruppe oder einem Verband
aufoktroyieren. Man muss aber in den Grenzen eigener Möglichkeiten
verantwortlich denken und handeln.
Allgemein betrachtet: Der VS ist ja keine Autorenvereinigung,
sondern ein Autorenverband. Wie grenzt sich das eine vom anderen ab,
hinsichtlich des Selbstverständnisses und der Aufgaben?
Autorenvereinigungen erfüllen viele sinnvolle Aufgaben für ihre
Mitglieder, die ein Schriftstellerverband allein gar nicht immer leisten
könnte. Als Berufsverband hingegen muss der VS die beruflichen
Interessen aller literarischen Worturheber regional, national und
international schützen, fördern und vertreten. Der Schriftstellerverband
stellt relevante Informationen der gesamten Autorenschaft zur Verfügung,
z. B. im Internet über "mediafon"
oder in Ratgebern und Newslettern, die vom Verband oder von seinen
Mitglieder verbreitet werden.
Es gibt spezielle Leistungen, die der VS nur eigenen Mitgliedern
anbietet, dazu zählt in erster Linie der berufliche Rechtsschutz. Er
wird von jüngeren wie von arrivierten Autoren gleichermaßen in Anspruch
genommen. Bei höheren Streitwerten mit ungewissem Ausgang könnte sich
ein Autor ohne Rechtsschutz individuell gar nicht auf eine juristische
Klärung einlassen.
Konkret: Welche Ziele hat der VS bisher erreicht, von welchen
Errungenschaften profitieren wir heute?
Alle lassen sich hier gar nicht aufzählen. Die Künstlersozialkasse (KSK)
ist eindeutig auf Betreiben des VS zustande gekommen. Und wird bis in
jüngste Zeit gegen politische Angriffe verteidigt. Die VG Wort, der
Deutsche Literaturfonds, herausragendste Fördereinrichtung
zeitgenössischer Literatur, usw. trugen und tragen die Handschrift des
VS. Der Normvertrag oder die Vergütungsregelung zwischen der
Verlegerseite und dem VS hat Mindeststandards geschaffen. Alle
Worturheber profitieren von diesen Ergebnissen, und das ist gut so. Man
muss ja nicht Mitglied im VS sein und kann von seinem Engagement
trotzdem Nutzen haben. Solidarität buchstabiert sich allerdings
anders.
Dass der VS Teil der Gewerkschaft ver.di ist ... freie Künstler,
die sich gewerkschaftlich organisieren; das scheint ein Widerspruch zu
sein. Wie passt das zusammen?
(lacht) Gar nicht. Es ist ein immerwährender Widerspruch,
Einzelkämpfer und höchst individuelle Geister zu einer
Solidargemeinschaft zu vereinigen. Aber die in die Weimarer Republik
zurück reichende Geschichte des heutigen Schriftstellerverbands zeigt
immer wieder die Notwendigkeit, dass die einzelnen Künstler auf eine
starke gewerkschaftliche Organisation angewiesen sind. Das mag zu
manchen Zeiten und individuell anders empfunden werden. Historisch und
im Hinblick auf die Zukunft betrachtet sehe ich kein Modell, das eine
brauchbare Alternative zur gewerkschaftlichen Orientierung aufzeigt. Die
Möglichkeiten des Internets, Autorenforen zum Beispiel, könnten künftig
neuartige Formen der Interessenvertretung von Schriftstellern
hervorbringen. Es ist noch zu früh, konkret darüber zu philosophieren.
Vage Ideen habe ich im Hinterkopf. Auch neue Strukturen würden der
Anbindung an eine Gewerkschaft bedürfen.
Jetzt sind wir bei der Politik. Wie politisch sollte der VS
idealerweise sein, oder auch: wie unpolitisch?
Eine sehr heikle Frage. Lassen sich Schriftsteller schon in rein
berufspolitisch bezogenen sozialen und rechtlichen Fragen nicht leicht
für einen Verband begeistern, gehen ihre Vorstellungen über Werte und
Politik vollends in unzählige Richtungen. Als Vorsitzender setze ich mit
Kooperationen trotzdem politische Wegmarken, die weitgehend akzeptiert
werden. Mit dem P.E.N., mit amnesty international, mit NGOs gibt es
Zusammenarbeit, die neben literarischen auch eindeutig politische Ziele
verfolgt. Da sich unsere Mitgliedschaft aus dem gesamten demokratischen
Parteienspektrum reüssiert, ist der Bewegungsspielraum eingegrenzt. Es
gibt gemeinsame Nenner, dass man als Schriftsteller nämlich eine
Mitverantwortung für die Freiheit des Worts, für Menscherechte, für
humanistische Werte hat.
Gemeinsam mit dem "Bundesverband junger Autorinnen und Autoren" (BVjA),
dem "Ads Autorinnen & Autoren der Schweiz" und der "IG Autorinnen
Autoren" aus Österreich hat der VS 2008 das "Fairlag
- Aktionsbündnis für faire Verlage" gegründet, dem sich inzwischen
über 40 Schriftstellerverbände und literarische Institutionen aus
Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen haben. Was hat es
mit diesem Bündnis auf sich?
Einmalig ist, dass Verbände und literarische Einrichtungen sich aus
dem gesamten deutschsprachigen Raum zu einem Bündnis zusammengefunden
haben. Das allein zeigt schon, dass es um ein brisantes Thema geht, das
alle bewegt. Es gilt, einer höchst gefährlichen Entwicklung energisch
entgegen zu treten. Urheber haben Jahrhunderte gebraucht, um zu
erreichen, dass ihre Wortschöpfungen nicht nur einen ideellen Wert
darstellen, sondern auch in barer Münze honoriert werden. Nun kommen
gewiefte Firmen auf die Idee, mit dem geistigen Eigentum von
Schriftstellern ausschließlich in die eigenen Taschen Geld zu scheffeln.
So sehen Praktiken großer Druckkostenzuschussverlage aus. Darum werden
sie auch als Pseudoverlage bezeichnet, weil sie das Verlagsprinzip auf
den Kopf stellen. Eine skandalöse Entwicklung, gegen die Schriftsteller
und Verbände schon immer gewettert haben. Mit dem Aktionsbündnis
erwächst die Chance, schmarotzerische Krämerseelen aus den Kulturtempeln
zu jagen. Kein Bauer käme auf die Idee, seine mühsam erarbeiteten
Produkte anzubieten, wenn er für seine Leistung nicht bezahlt würde,
sondern statt dessen der Händler von ihm noch eine Stange Geld verlangen
würde. Das wäre hirnrissig. Was für die Agrikultur gilt, muss für die
Kultur ebenso gelten.
Eine letzte Frage zum VS: Wenn du in einem Satz junge Autoren
überzeugen möchtest, Mitglied im Verband zu werden, womit würdest du sie
motivieren?
Puh! Ein Roman in einem Satz? Aber es ist höchst spannend und
effizient, berufliche Zukunftsfelder gemeinsam zu bestellen.
2008 hat der VS eine Zusammenarbeit mit der Pan African Writers'
Association (PAWA) begonnen. Dabei bist du in Ghana gewesen. Wie ist
dein Eindruck der afrikanischen Literatur? Welches dein persönlicher
Zugang zu Afrika?
In den 80er Jahren führte mich meine erste Reise in den Osten des
Kontinents, und ich fand es reizvoll, die "Wiege der Menschheit" kennen zu lernen. Es war eine mehrwöchige, abenteuerliche Reise, allein,
auf eigene Faust. Seither habe ich einige Regionen und Länder besucht.
Ich bewundere die "Andersartigkeit" afrikanischer Literaturen. Ein
Verständnis der Welt, das in seiner Ursprünglichkeit von unseren
europäischen Weltanschauungen stark differiert. Und uns wunderbar
bereichern kann. Auch wenn man die Vielfalt der Literaturen Afrikas (und
anderer Erdteile) nur punktuell kennen lernen kann. Um so wichtiger ist
der Austausch zwischen afrikanischen Schriftstellerverbänden und ihren
Mitgliedern und dem VS.
Du hältst viele Vorlesungen. Insbesondere arbeitest du auch an und
mit Schulen. Was genau tust du, und wie bist du dazu gekommen?
Lesungen in Schulen und kreatives Schreiben mit Schülern sind dabei
meine Hauptbetätigungsfelder. Ich arbeite gern mit Kindern und
Jugendlichen. Manchmal lieber als mit Erwachsenen. Deren Eingebildetheit
und Selbstherrlichkeit hat mir schon als Kind gestunken. An diesem Punkt
hat sich bis heute wenig geändert. Zu meinen Lieblingsbüchern zählen die
von Janusz Korczak "Das Recht des Kindes auf Achtung" und "Wie man ein
Kind lieben soll". Ein herausragender Pädagoge und Schriftsteller. Ich
spreche zwar selten von Idolen. Korczak ist vorbildlich. Ihm versuche
ich nachzueifern.
Wenn man weiß, an wie vielen Fronten du gleichzeitig tätig bist,
wenn man sich die Menge der Arbeit und das Übermaß an ständiger
Koordination vergegenwärtigt, die deine Arbeit verlangt, wie kommst du
noch selbst dabei zum Schreiben? Muss die eigene Kreativität dabei
zwangsläufig zurückstecken? Oder ist deine Arbeit einfach eine
ausreichende alternative Ausdrucksmöglichkeit?
Man kompensiert viel, gewiss. Und es ist ein - schwacher - Trost,
dass das Zurückstellen literarischer Kreativität ein stärkeres
Engagement für andere Werte ermöglicht. Ahnungslose meinen, man würde
sich für Verbandsaufgaben so stark engagieren, weil die literarische
Kreativität versiegt wäre. Es ist ganz anders. Man auferlegt sich
manchmal Aufgaben und nur selber weiß man warum. Seit meiner Jugend
sammele ich, regelmäßig Tagebuch schreibend, Material. Wenn's am Ende
nicht langen sollte, es selber auszuwerten, na ja ... Bin nach fünf
Lebensjahrzehnten noch immer "Un-GAR", wie eines meiner Bücher heißt,
und mag über vielerlei Ehrgeiz des Lebens lachen.
Kannst du dir vorstellen, dich in den nächsten Jahren wieder
vollkommen auf dein eigenes Schreiben zurückzuziehen?
Ich sehne mich danach, viel mehr ungebunden schreiben zu können. Seit
1987 mache ich ununterbrochen Vorstandsarbeit im VS, mit ständig
wachsenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Einerseits ein sinnvoller
Weg, der die Erfahrungen vieler fokussiert und weiter transportiert.
Andererseits halten mir Freunde vor, hätte ich diese Energie
hauptsächlich ins Schreiben investiert ..., nun ja, es gibt "ver-rücktere"
Lebensentwürfe. "Ich frage nicht, was ich werde. Ich werde sein."
Wunderbare Sätze aus Hölderlins Hyperion. Ich bilde mir nicht ein, dass
ich an solcher Genialität auch nur kratzen könnte. Aber ich hoffe, ich
werde mich mit mehr Akribie und Demut als in den letzten Jahren aufs
Schreiben zurückverlegen.
Befreit von allen Zwängen des Marktes, was wäre das Buch, das du
am liebsten schreiben würdest?
Ach, schwärmerisch schwingend zwischen Parallelwelten eine göttliche
Tragikomödie anzusiedeln, die von kindlicher Lust und Frust des Seins in
diesem grandiosen – uns eingebildeten Geschöpfen noch völlig unbekannten
– Universum weinlachend erzählt. Wenn der Zug der Selbstzerstörung mit
uns blinden Passagieren nicht eh schon längst abgefahren sein sollte.
Aber klar, den Apfelbaum pflanzen, den Text seines Herzens zu Papier
bringen muss man trotzdem.
Und zuletzt: Welche Weisheit, welche Richtlinie, welche Empfehlung
würdest du jungen Autoren gerne mit auf den Weg geben.
(lachend) Puh stellst Du schwierige Fragen! Wenn der Herzenstext
nicht schon eine Antwort war, dann vielleicht so: Es ist schön und macht
Sinn, auf diesem einsamen Weg sich mit wenigen gleich gesinnten Wanderern
manchmal respektvoll auszutauschen.
Lieber Imre, danke für das Interview!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |