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"Weitere Literaturinstitute täten dem Land gut."

Interview mit Hans-Ulrich Treichel
Deutsches Literaturinstitut Leipzig, 5.12.2006

Sehr geehrter Herr Treichel,

Sie haben Germanistik studiert, und nach Ihrer Arbeit an der Universität Salerno, an der Scuola Normale Superiore Pisa sowie an der FU Berlin blicken Sie inzwischen auf zahlreiche Veröffentlichungen in den letzten 30 Jahren zurück, die größtenteils im Suhrkamp Verlag erschienen. Seit über zehn Jahren arbeiten Sie jetzt als Professor für deutsche Literatur am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL) und haben zahlreiche literarische Auszeichnungen erhalten. Verraten Sie uns, wie Sie Ihre Zeit so strukturieren, dass Sie diese Arbeitsfülle bewältigen können?

Ich bin es seit Ende meines Germanistikstudiums gewohnt, zweigleisig zu arbeiten, die Lehre, das germanistische und das literarische Schreiben zu kombinieren, was natürlich nicht immer einfach ist. Gelegentlich erlaube ich mir eine Auszeit, vor allem, wenn es um einen Roman geht.

Wie kam es, dass Sie die Stellung am DLL annahmen, und was ist Ihre persönliche Motivation bei dieser Arbeit?

Die Stelle war nach der Gründung des Instituts ausgeschrieben. Man suchte einen Germanisten mit Lehrerfahrung, der zugleich Schriftsteller ist. Das schien mir geradezu wie maßgeschneidert und ich bewarb mich darauf. Zumal ich auch an der Freien Universität schon gelegentlich Schreibseminare gegeben hatte.

Eine der umfassendsten Fragen gleich vorweg: Was ist für Sie Talent? Wie ist es messbar, wie erkennt man es? Was kann man lehren und lernen, und wo sind die Grenzen? Wie gehen Sie als Unterrichtender mit den unterschiedlich begabten Schülern um?

Die Frage nach dem Talent ist sicher eine der schwierigsten Fragen. Zumal Talent meines Erachtens keine Konstante sein muss, sondern eine dynamische Größe sein kann. Wer heute sein Talent nicht zeigt, zeigt es vielleicht morgen. Wir bemühen uns, das Talent aus den eingereichten Texten herauszulesen, und u. E. zeigt es sich beispielsweise an der Musikalität eines Textes, am Sprachgefühl des Autors, an der stilistischen 'Spannung' eines Textes, dem jeweiligen Einsatz literarischer Mittel. Man kann nicht alles lehren und wohl auch nicht lernen. Am Literaturinstitut lehren wir darum auch nicht in einem mechanisch oder kausal pädagogischen Sinne das Schreiben. Ich würde eher sagen, dass wir Schreibprozesse initiieren, begleiten, unterstützen und betreuen.

Sie haben zahlreiche Opernlibretti geschrieben, und in Ihrem vielleicht bekanntesten Roman "Tristanakkord" ist Musik ebenfalls ein wichtiges Thema. Gibt es für Sie Gemeinsamkeiten zwischen Musik und Literatur - und kann ein Autor von einem Musiker lernen?

Auf jeden Fall. Musikalität und Rhythmusgefühl sind ebenso wichtige Eigenschaften eines Autors wie der Umgang mit Motiven oder dem Bau von Spannungsbögen.

Kann man die Erfahrungen unterrichten, deren Fehlen den Absolventen bisweilen vorgeworfen werden? Oder wie könnte man dies bei der Auswahl bedenken?

Erfahrungen im Sinn von Lebenserfahrungen kann man nicht unterrichten. Seine glückliche oder unglückliche Kindheit muss jeder selbst mitbringen. Auch das Gefühl und der richtige Blick für Stoffe beispielsweise lässt sich schwer vermitteln. Und natürlich muss auch das, was man das jeweilige Selbstverhältnis nennen könnte, diese Mischung aus Distanz und Empathie sich selbst gegenüber, ein jeder Autor mitbringen. Hier hat jede Pädagogik ihre Grenzen. Und ich denke, dass dies auch gut so ist. Am Institut können wir vor allem mit Texten arbeiten - und von den Texten aus auf Defizite oder Gelungenes hinweisen.

Wie gehen Sie und Ihre Studenten mit der hohen Erwartung um, die an die Absolventen aus Leipzig herangetragen werden? Ist dies für Ihre Absolventen vorteilhaft oder vorurteilhaft?

Hohe Erwartungen sind erst einmal natürlich etwas Gutes. Wobei ich glaube, dass die Erwartungen, die ein Schreibender an sich selbst stellt, per se die höchsten sind. Wer schreibt, will gut, will sehr gut schreiben, will gelesen werden und Anerkennung finden. Das gilt für alle ernsthaften Autoren, seien sie nun Anfänger oder etabliert.

Ein paar Fragen zur Arbeit des DLL: Der künstlerische Diplom-Studiengang Literatur wurde nun eingestellt, und statt dessen bietet das DLL zukünftig einen Bachelorstudiengang und einen Masterstudiengang "Literarisches Schreiben" an. Was waren die Gründe für diese Neustrukturierung?

Die Gründe liegen zum einen im so genannten Bologna-Prozess. Der Umstellung und internationalen Anpassung der deutschen Hochschulabschlüsse im Rahmen einer großen Hochschulreform. Darüber hinaus bietet allerdings speziell die Einführung eines Masterstudiums "Literarisches Schreiben" unseren Studierenden und auch externen Bewerbern die Möglichkeit, projekt- und werkorientiert weitere zwei Jahre zu studieren und zugleich einen höherwertigen, auf den Bachelorabschluss aufbauenden Hochschulabschluss zu erwerben.

Würden Sie sich über ein weiteres DLL - in einem anderen Ort freuen? Wenn ja, wie müsste es beschaffen sein?

Wir würden uns sehr freuen. Gerade ist in Biel ein Schweizerisches Literaturinstitut eröffnet worden, und wir haben bereits Kooperation und Erfahrungsaustausch verabredet und auch die Gründungsaktivitäten unterstützt, soweit wir das konnten. Generell ist zu sagen, dass solch ein Institut vor allem literarische Produktivität ermöglichen sollte – und eben das ausbilden, was man literarische Schreibkompetenz nennt.

Wohin geht Ihrer Meinung nach die Entwicklung des DLL in den nächsten Jahren? Inhaltlich sowie organisatorisch.

Wir werden jetzt erst einmal mit der Etablierung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge beschäftigt sein – und uns weiterhin bemühen, ein produktives Schreibklima zu schaffen. Schließlich soll so ein Studium den Arbeits- und Entwicklungsinteressen der einzelnen Studierenden so weit wie möglich entgegenkommen. Und es soll auf keinen Fall vergessen werden, dass Kunst bei allem Ernst ja immer auch Spiel ist – und dass ein künstlerisches Studium vor allem auch Freude machen soll.

Im Vorlesungsverzeichnis finden sich neben der literarischen Theorie und einigen Werkstattseminaren dennoch scheinbar kaum handwerkliche Grundlagen der Prosaerzählung, also beispielsweise die Schaffung authentischer Charaktere, die Ausarbeitung realistischer Dialoge oder die Arbeit mit Konflikten und Spannungskurven. Woran liegt das - oder täuscht das?

Das täuscht. Die handwerklichen Grundlagen sind im Grunde Gegenstand jeder Sitzung eines Werkstattseminars. Allerdings bieten wir selten Seminare an, die sich auf einen einzigen Aspekt konzentrieren – Dialog, Figurengestaltung etc -, wie es manche Creative-Writing-Lehrbücher tun. Wir gehen in der Regel von den vorgelegten und zu diskutierenden Texten aus, und suchen in ihnen die jeweiligen Fragestellungen auf.

Gelegentlich hört man den Vorwurf "Leipziger Einheitston" oder "Institutsprosa". Ihre Studenten nehmen's mit Humor; Sasa Stanisic nennt die Vorstellung, man würde auf einen bestimmten Stil getrimmt, "totaler Quatsch" - dennoch die Frage an Sie: Gibt es einen typischen "Leipziger Stil"?

Die Frage kann man sich am besten selbst beantworten, indem man die inzwischen zahlreichen Publikationen von Studierenden und Absolventen des DLL liest. In unserer Homepage sind die meisten Bücher aufgelistet. Ich denke, es dürfte ziemlich schwer fallen, dort einen einheitlichen oder gar irgendwie genormten ‚Leipziger Stil’ zu finden.

Wie erklären Sie sich die erstaunlichen Erfolge der Leipziger bei Wettbewerben?

Das kann ich mir nur mit der literarischen Begabung der jeweiligen Autoren erklären – zumal bei einigen dieser Wettbewerbe die Vorauswahl ja anonymisiert stattfindet.

Wenn Sie die vergangenen zehn Jahre betrachten: Welche Entwicklungen aus dem DLL gingen in die Literatur, und welche Strömungen aus der Literatur fließen aktuell ins DLL?

Einflussforschung dieser Art habe ich bisher noch nicht betrieben. Und zu glauben, dass das DLL die Literatur beeinflusst, wäre ja wohl etwas anmaßend. Wenn überhaupt, dann beeinflussen wir einzelne Studierende, die dann zu Autoren werden, und vielleicht sogar zu wirkungsmächtigen Autoren. Wir wollen und können im Grunde nicht mehr, als die literarische Produktivität unserer Studierenden anregen, fördern und begleiten - und dafür gute institutionelle Rahmenbedingungen schaffen. "Strömungen" sehe ich im Moment nicht, sondern sehr viel individuelle Stimmen. Sowohl außerhalb wie innerhalb des Instituts.

Deutsche Autoren können keine Geschichten erzählen, wurde immer wieder von den Kritikern bemängelt. Andererseits hängte man (deutschen) Autoren, die eine starke "Story" erzählten (durchaus auch in ansprechender Sprache) gern das Mäntelchen "trivial" um. Wie sieht man das in Leipzig - ist dieser Spagat zwischen Kunst und Unterhaltung ein Thema?

In dieser Allgemeinheit kann darüber sicher einmal gesprochen werden. Es gab bei uns auch schon Seminare über Unerhaltungsliteratur. Aber alle programmatischen Gespräche oder Vorsätze führen nicht allzuweit. Schließlich kommt es immer auf den einzelnen Text an. Und wenn ein Studierender den Wunsch oder Ehrgeiz hätte, einen Krimi oder Spannungsroman zu schreiben, würde ich ihn keinesfalls davon abhalten wollen. Genausowenig wie ich jemandem abraten würde, experimentelle Lyrik zu verfassen. Im Gegenteil. Jeder sollte versuchen, seinen Weg zu finden und seinen Neigungen und Affinitäten nachzugehen.

Wie bewerten Sie die Entwicklung im Bereich "Schreibförderung" in Deutschland seit (Wieder-)Eröffnung des DLL 1994?

Ich finde, dass es nach wie vor ein unterentwickelter Bereich ist. Nehmen wir die kommerziellen oder eher volkspädagogisch beziehungsweise therapeutisch orientierten Bereich einmal aus. Weitere Literaturinstitute täten dem Land gut. Wir bescheiden uns in Deutschland ja auch nicht mit einer einzigen Kunstakademie oder einer einzigen Musikhochschule. Darüber hinaus müssten sich auch die anderen Hochschulfächer dem Schreiben widmen. Die Philologien, die Geisteswissenschaften, die Rechts- und Sozialwissenschaften – überall ist Schreibkompetenz gefragt, wird aber nicht gelehrt. Ich spreche hier natürlich nicht von literarischer Schreibkompetenz, sondern von Kompetenz in dem, was die Amerikaner Non-Ficition-Writing nennen. Obwohl eigene Erfahrungen mit dem literarischen Schreiben auch jedem Literaturwissenschaftler gut tun würden.

Wenn Sie in die Zukunft sehen: Wie sehen Sie die Chancen für deutsche Autoren auf dem Buchmarkt? Findet hier gerade eine Wandlung statt?

Hier bin ich Optimist und würde sagen: Gute Bücher haben gute Chancen. Wobei ich damit nicht spektakuläre Markterfolge meine, denn diese sind unberechenbar. Aber ich glaube, dass ein gutes Manuskript in Deutschland immer auch die Chance hat, einen seriösen Verlag und eine kompetente Leserschaft zu finden.

Und zuletzt: Wenn Sie aufstrebenden Autoren einen elementaren Merksatz, eine Weisheit, mit auf den Weg geben könnten, was würden Sie ihnen raten?

Täglich schreiben.

Herr Treichel, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm