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"Eine hungrige Agentin ist eine gute Agentin"

Interview mit Sandra Uschtrin
Uschtrin Verlag, 17.03.2006

Liebe Frau Uschtrin,

Sie sind - wenn man das mal so sagen darf - inzwischen eine Institution im Literaturbereich. Ihr "Handbuch für Autorinnen und Autoren" existiert nunmehr seit über 20 Jahren, seit zehn Jahren verlegen Sie es selbst, und inzwischen erscheint es in der 6., stets aktualisierten Auflage. Wie sind Sie 1985 auf die Idee gekommen, überhaupt ein solches Kompendium zusammenzustellen?

Nicht ich, Reinhold von Grafenstein kam damals auf diese Idee. Er hatte einen kleinen Theaterverlag, schrieb selbst Theaterstücke und Sketche und fragte sich, ob man die nicht zum Beispiel auch beim Rundfunk unterbringen könnte. Wie kann ich das, was ich schreibe, am besten vermarkten? Das ist noch immer eine der Leitfragen des Handbuchs. Damals gab es kein einziges Buch zu diesem Thema. So kam Reinhold auf die Idee, sich selbst eins zu "stricken" und suchte nach einer Praktikantin, die ihm dabei half. Die Praktikantin war ich.

Die Recherchearbeiten für jede Neuauflage sind immens. In einem Interview haben Sie erzählt, dass Sie gute zwölf Monate an den Inhalten arbeiten. Wie kommen Sie an das Material? Haben sich inzwischen nicht schon viele automatische Informationsflüsse zu Ihnen gebildet?

Und ich bin der See? – Es kommt auf die Informationen an. Manche, zum Beispiel die meisten Ausschreibungen zu neuen literarischen Wettbewerben, erhalte ich in der Tat "automatisch", das heißt die Veranstalter, oft dankenswerterweise auch AutorInnen, die von einem neuen Wettbewerb gehört haben, wenden sich an mich mit der Bitte, auf diesen Wettbewerb hinzuweisen, und ich stelle den Ausschreibungstext dann auf meine Internetseiten. An andere Informationen gelange ich nur, indem ich sie recherchiere. Das neue Handbuch-Kapitel "Geld verdienen mit literarischen Dienstleistungen" ist so entstanden. Beim Thema "Geld" fließen die Informationsflüsse leider ganz und gar nicht automatisch. Wie viel verdient man mit Ghostwriting? Wie viel mit Schreibseminaren? Darauf erhält man nur Antworten, wenn man direkt und penetrant danach fragt. Aber Penetranz kann Spaß machen! Geheimnisse lüften, ich liebe das!

Wie kam es dazu, 1996 den Uschtrin Verlag zu gründen? Was hat sich seitdem für Sie geändert? Abgesehen von der Mehrarbeit haben Sie sicher nun auch mehr Freiheiten und mehr Verantwortung, oder?

Damals hatte es seit mehreren Jahren keine neue Ausgabe des Handbuchs gegeben. Mein Verleger und ich kamen überein, dass es sinnvoll wäre, wenn ich in Zukunft das Handbuch herausgebe und dafür einen eigenen Verlag gründe. Mich Verlegerin zu nennen, erschien mir lange Zeit anmaßend. Inzwischen bin ich wohl wirklich eine geworden und ich lerne täglich dazu. Frei sind wir alle, auch jede Angestellte, und die Verantwortung trägt auch jede für sich selbst. Seit letzten August habe ich einen zweiten Arbeitsplatz eingerichtet und auf dem sitzt nun hin und wieder eine Praktikantin. Ihr gegenüber fühle ich mich verantwortlich. Und natürlich gegenüber allen Autorinnen und Autoren: dass ich sie gut und richtig informiere, damit sie ihre Arbeit gut machen können.

Haben Sie auch mehr Einfluss im Literaturbetrieb gewonnen?

Wenn dem See immer mehr Wasser zufließt, er sich dadurch vergrößert und der See ein Teil des Literaturbetriebs ist ... Jeder Bäcker nimmt Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten und die Lebensqualität der Menschen. Aber wenn es ihn nicht mehr gibt, gibt es einen anderen. Oder die Menschen essen Müsli. Die Menschen ändern sich dadurch nur unwesentlich. So ist es auch mit dem Literaturbetrieb.

Wie hat sich Ihrer Einschätzung nach der Literaturbetrieb in Deutschland in den letzten 20 Jahren gewandelt? Insbesondere hinsichtlich der Prozesse bei Agenten und Verlagen.

Bei den Agenturen: Deren Arbeit ist transparenter geworden. Früher waren Agentinnen und Agenten geheimnisumwitterte Wesen. Das hat sich geändert. Außerdem gibt es immer mehr – Stichwort Outsourcing. Agenturen sind quasi das Vorzimmer der Verlage geworden. Wer von den Autorinnen und Autoren es bis dahin geschafft hat, kann sich schon mal glücklich schätzen. Bei den Verlagen: Mit immer weniger Festangestellten werden immer mehr Bücher gemacht, deren Verweildauer auf dem Markt immer kürzer ist. Für AutorInnen, die von dem, was sie schreiben, leben wollen oder müssen, bedeutet das: Sie müssen immer mehr, das heißt schneller schreiben. Ihre Bücher sind nach einem halben Jahr in der Backlist und werden wenig später verramscht. Dann sollte ihr nächster Superseller auf dem Markt sein, Miete und Brötchen wollen ja bezahlt sein. Eine ziemliche Tretmühle, deren Grundgeschwindigkeit zugenommen hat!

Eines der Herzstücke Ihres Handbuches ist die Liste der Literaturagenten. Autoren haben häufig Angst, an "schwarze Schafe" zu geraten, die ihr Manuskript gegen Gebühr endlos lektorieren, aber viel weniger Energie oder Kontakte haben, um einen Verlag zu finden. Berücksichtigen Sie diese Befürchtungen bei der Erstellung der Liste und wie gehen Sie vor?

Diese Angst ist insofern unbegründet, als man als mündiger Mensch ja selbst entscheiden kann, ob man sich auf ein Lektorat gegen Gebühr einlassen möchte oder nicht. Ich rate davon ab. Lektoratsarbeit ist Sache des Verlags und für die Autorin mithin kostenlos. Nur eine hungrige Agentin, also eine, die auf Prozentbasis arbeitet, ist meiner Ansicht nach eine gute Agentin. "Schwarze Schafe" nehme ich nicht in meine Liste auf. Aber dann gibt es natürlich noch die grauen oder die gescheckten und es wird immer AutorInnen geben, die solche Agenturen ganz prima finden. Wer sich unbedingt gedruckt sehen möchte, weil ihn das glücklich macht, egal bei welchem Verlag, der sollte das tun dürfen. Und es gibt ja so viele Verlage! Verlegerin zu werden ist noch einfacher als Wirtin zu werden. Als Wirtin brauchen Sie eine Bescheinigung des Gesundheitsamtes, eine Schankerlaubnis etc. Als Verlegerin müssen Sie nur einmal zum Gewerbeamt gehen und ein paar Euros einzahlen. Also immer genau hinschauen: Verlag ist nicht gleich Verlag, Agentur nicht gleich Agentur und die Welt ist bunt, nicht schwarz-weiß.

Ein weiterer zentraler Bereich des Handbuches – und auch Ihrer Website – ist die umfangreiche Liste der Literatur-Wettbewerbe und -Stipendien. Auch hier fällt es Autoren oft nicht leicht, gewichtige Ausschreibungen von privaten Initiativen zu unterscheiden, und die Verunsicherung, ob man teilnehmen sollte oder nicht, ist häufig groß. Wie beurteilen Sie den Nutzen von Ausschreibungen und woran sollten sich aufstrebende Autoren Ihrer Meinung nach orientieren?

Ausschreibungen, vor allem themengebundene Ausschreibungen, sind eine wunderbare Möglichkeit, die eigene Schreibfähigkeit zu trainieren und mithin zu verbessern. Man erhält eine Vorgabe – Genre, Umfang, Thema, Abgabetermin –, hat also einen Schreibanlass und kann loslegen. (Auf die Art sind wunderschöne Opern entstanden, zum Beispiel Mascagnis "Cavalleria rusticana"!) Und wenn man Glück hat, also gewinnt, lässt sich damit sogar ein Taschengeld verdienen und der eine oder andere Verlag beeindrucken. Ich kann also nur dazu raten. Und wozu ich immer rate ist, nach den Sternen zu greifen. Ein solcher Stern ist natürlich der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Wer nicht danach greift, kann ihn nie gewinnen. Also mitmachen! Ich habe bei den Bachmann-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern im letzten Jahr eine Umfrage gemacht (veröffentlicht in der "Federwelt" Nr. 54), weil ja immer gemunkelt wird, eingeladen werde nur, wer Beziehungen hat. Herausgestellt hat sich, dass das nicht stimmt. Klar, Beziehungen können nie schaden, aber um dort mitmachen zu können, ist das keine Voraussetzung.

2005 haben Sie die von Titus Müller gegründete Zeitschrift "Federwelt" übernommen und verlegen sie nun in Ihrem Verlag. Wie kam es zu diesem Kontakt und dieser Entscheidung?

Die "Federwelt" ist keine Literaturzeitschrift im eigentlichen Sinne, sondern neben dem Magazin "TextArt" die wohl einzige Zeitschrift im deutschsprachigen Raum, die sich direkt an Autorinnen und Autoren wendet. Zwar werden in ihr immer auch einige Prosatexte und Gedichte veröffentlicht, den Hauptteil machen aber Artikel und Interviews über den Literaturbetrieb aus. Insofern kannte ich die "Federwelt" schon seit langem. Für das aktuelle Handbuch hatte ich mit Titus Müller und seiner Nachfolgerin Kathrin Lange sowie mit den Herausgebern der Literaturzeitschrift "Macondo" im Frühjahr 2004 ein Interview über die Freuden und Leiden des Blattmachens geführt. Vermutlich war ich den beiden daher noch in Erinnerung, als sie mich ein paar Monate später fragten, ob ich Interesse daran hätte, die "Federwelt" zu übernehmen. Denn im Grunde machen beide Publikationen ja dasselbe: Beide informieren über den Literaturbetrieb, die "Federwelt", die alle zwei Monate erscheint, nur in viel kürzerem Abstand als das "Handbuch". Kathrin Lange, meine Vorgängerin, wollte wieder mehr schreiben. Sie ist jetzt als Autorin von historischen Romanen sehr erfolgreich. Und bei mir passte es zeitlich auch, weil meine beiden Jungs mittlerweile fast erwachsen sind und sie mich nicht mehr so brauchen. Die Entscheidung fiel uns also leicht.

Welche Pläne haben Sie, die "Federwelt", die dazugehörige Website und ihre Ausrichtung und Inhalte zu ändern oder zu erweitern?

Mein Plan ist, die Auflage zu erhöhen, und zwar von derzeit 1.500 Exemplaren auf 30.000 Exemplare. Die "Federwelt" soll in den Bahnhofsbuchhandel kommen und natürlich die beste Autorenzeitschrift werden, die es auf dem Markt gibt.

Denken Sie, dass die Zielgruppe derart groß ist? Dass man 30.000 aufstrebende Autoren ansprechen könnte?

Ja, natürlich!

Vor 20 Jahren gab es nahezu keine Informationen für angehende Autoren im deutschsprachigen Raum. Nicht hinsichtlich handwerklicher Weiterentwicklung, und schon gar nicht in Bezug auf die Branche. Inzwischen ist in diesem Bereich immer mehr publiziert worden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Vielfalt ist gut und wichtig für die Autorinnen und Autoren. Konkurrenz ist erfrischend. Wenn allerdings eine Einrichtung wie das Deutsche Literaturarchiv Marbach ein Literaturportal eröffnet, das komplett durch "Zuwendungen des Bundes", also mit unseren Steuergeldern finanziert wird, dann halte ich das für bedenklich.

In wie fern bedenklich? Zeigt das nicht ein verstärktes Bewusstsein des Bundes hinsichtlich Literatur und Literatur-Förderung?

Nein, ich finde das zeugt von Kurzsichtigkeit. Denn ich als freie Unternehmerin hätte auch gerne solche "Zuwendungen", zum Beispiel 5.000 Euro für den Relaunch meiner Website, bekomme sie aber natürlich nicht. Stattdessen zahle ich Steuern und unterstütze mit diesen Steuern nun eine Einrichtung, die meinem Webangebot, das für meinen Verlag essenziell ist, Konkurrenz macht. Eine derartige "Konkurrenz" hat dann aber nichts Erfrischendes mehr. Mir wäre wohler, wenn der Staat in die Leseförderung investieren würde, damit Bücher auch in Zukunft gelesen werden. Das würde AutorInnen und Verlage unterstützen! Autoren- und damit Literaturförderung könnte die Bundesregierung auch betreiben, indem sie dafür sorgen würde, dass WorturheberInnen eine angemessene Kopiervergütung erhalten (über die kostenlose Mitgliedschaft in der VG Wort). Das Justizministerium unterstützt mit der geplanten Neuregelung der Vergütungspflicht für privates Kopieren aber allein die Interessen der Geräteindustrie und will die Urheber und ihre Verleger faktisch enteignen. Das ist das genaue Gegenteil von Literaturförderung: das ist Literaturzerstörung! Und zeugt nicht nur von einem absolut mangelnden Bewusstsein hinsichtlich der Bedeutung von Literatur, sondern auch von einer Ignoranz und Feindseligkeit gegenüber den AutorInnen. Daher hier der Appell an alle Autorinnen und Autoren: Unterstützt euren Berufsverband! Das ist der Verband deutscher Schriftsteller . Denn nur ein starker Berufsverband kann für euch die Kohlen aus dem Feuer holen und sich für eure Interessen einsetzen. Klingt etwas unmodern, ist aber so.

Unter Autoren beobachtet man häufig eine Polarisierung in Bezug auf Schreibratgeber. Für die einen sind solche Bücher undenkbar, die Kreativität beschränkend und die Literatur auf Fast-Food-Regeln reduzierend. Für die Anderen sind sie eine notwendige Orientierung und mithin in Stein gemeißelte Erfolgsrezepte. Wie beurteilen Sie den Nutzen von Schreibratgebern?

Schreibratgeber enthalten Anregungen. Anregungen sind nützlich. Also sind Schreibratgeber nützlich. Die einen mehr, die anderen weniger. Was für manche eine Anregung ist, ist für andere eine Anmaßung und umgekehrt. An dieser Stelle sei mir erlaubt, auf Stephan Waldscheidts "Schreib den verd... Roman! Die simple Kunst, einen Bestseller zu verfassen" hinzuweisen. Hier handelt es sich um einen "Anti-Ratgeber" – ein ganz neues Genre! –, der im Februar in meinem Verlag erschienen ist. Ein witziges, wunderbares Buch! Aber eher ein Buch für Fortgeschrittene mit Liebe zum Wort.

Inzwischen geben Sie auch immer wieder Seminare zur "Professionalisierung für Autorinnen und Autoren". Sehen Sie darin ein besonderes Problemfeld für neue Autoren?

Neue Autoren, egal wie neu sie sind, sollten sich fragen, wohin sie wollen. Möchte ich zu den Wald- und Wiesenautorinnen gehören, die sich hin und wieder ein paar hübsche Sätze notieren, wenn sie die Muse küsst? Schreiben also zum Ausgleich, als schönes Hobby wie Nordic Walking am Sonntagmorgen im Park? Dafür muss man in kein Professionalisierungsseminar gehen! Wer mehr will, wer seine Texte auch veröffentlichen möchte, sollte versuchen, sich schlau zu machen. Hier helfen Autorenratgeber, aber eben auch Seminare. Der Vorteil eines Seminars: Man kann Kontakte zu anderen knüpfen, Fragen direkt stellen. Der Nachteil: Sie kosten meistens mehr als ein Buch und sind an Ort und Zeit gebunden. Seminare zur Professionalisierung von AutorInnen ergänzen also das bestehende Angebot an Ratgeberliteratur.

Wenn Sie Ihre Erfahrung der letzten 20 Jahre in die Zukunft projizieren: Wie stellen Sie sich den Literaturbetrieb in Deutschland in fünf Jahren vor? Was wird sich weiterentwickelt haben, was wird anders sein, und was wird noch genauso sein?

Ich glaube, in fünf Jahren wird sich nicht allzu viel verändert haben. Bis auf die "Federwelt" natürlich, die es dann an jedem Kiosk gibt ...

Und zuletzt: Welchen Rat oder welche Weisheit würden Sie engagierten Neu-Autoren mit auf den Weg geben?

Jeden einzelnen Buchstaben und jedes Satzzeichen lieben lernen! Der Lieblingsbuchstabe meiner Freundin ist das L und die Namen vieler ihrer Protagonistinnen fangen daher mit L an. Ich habe mich zwischen den 26 Buchstaben noch nicht entscheiden können.

Frau Uschtrin, ich danke Ihnen für das Interview.

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm