"Der Lektor ist ein Geburtshelfer, der mit Rat
und sanfter Unterstützung dem Buch hilft, ans Licht der Welt zu kommen"
Interview mit
Linda Walz
Blanvalet
/ Limes,
18.06.2006
Liebe Frau
Walz,
Sie sind eine Medienfrau: Rundfunkjournalistin, Herausgeberin von
Anthologien und Co-Autorin verschiedener Bücher. Nun arbeiten als
Lektorin für die Verlage Limes und Blanvalet. Können Sie uns ein
bisschen über Ihren Werdegang erzählen?
Ich habe nach meinem Studium zweigleisig als Journalistin und freie
Lektorin gearbeitet, wobei ein Schwerpunkt meiner journalistischen
Arbeit Literatur war. Bei Blanvalet / Limes bin ich mit großer
Begeisterung nun seit fünf Jahren Lektorin für Belletristik und
Sachbuch.
Man stellt sich immer vor, dass Lektoren ständig lesen und
korrigieren. Stattdessen hört man immer wieder, dass sie so überlastet
sind, dass sie zum eigentlichen Lesen der Manuskripte nur nach
Feierabend kommen. Ist das tatsächlich so? Wie muss man sich einen
typischen Arbeitstag von Ihnen vorstellen?
Das Berufsbild des Lektors hat sich in den letzten Jahrzehnten stark
verändert. Das Lesen ist zwar immer noch von zentraler Bedeutung, da das
Suchen nach neuen Talenten ja entscheidend ist für die Gestaltung des
Programms. Heute ist der Verkaufserfolg eines Buches aber nicht mehr
allein von der Qualität des Textes abhängig (ohne die allerdings die
Grundlage jeden möglichen Erfolgs fehlen würde), sondern das Marketing
spielt eine entscheidende Rolle. Also ist auch der Lektor von Anfang an,
nämlich bereits bei der Entscheidung, ob ein Buch eingekauft wird, in
die Fragen der Vermarktung involviert. Das hat das Berufsbild und damit
natürlich auch den Tagesablauf des Lektors verändert. Je nach
Produktionsphase unterscheidet sich der Arbeitsalltag: Im Vorfeld der
Buchmesse steht das Studieren von Agenturlisten und Verlagsprogrammen
auf der Tagesordnung, wenn das neue Programm verabschiedet ist, müssen
die darin zu veröffentlichenden Manuskripte redigiert werden, bzw. bei
ausländischen Büchern müssen diese erst einmal übersetzt werden.
Umschlagdesigner müssen gebrieft, Vorschau- und Klappentexte geschrieben
werden.
Bleibt bei dieser ganzen Arbeit überhaupt Zeit, unverlangt
eingesandte Manuskripte ausführlich in Augenschein zu nehmen? Wie viele
Manuskripte landen pro Woche auf Ihrem Tisch, und wie viel Zeit nehmen
Sie sich für jedes einzelne?
Natürlich prüfen wir auch unverlangt eingesandte Manuskripte. Wie
viele davon wöchentlich bei mir auf dem Schreibtisch landen, kann ich
nicht sagen. Es sind ja nicht die einzigen Projekte, die mir angeboten
werden. Wenn Sie unser Verlagsprogramm durchgucken, werden Sie sehen,
dass wir in der Mehrzahl fremdsprachige Bücher in Übersetzung
veröffentlichen. Diese gilt es ja auch noch zu lesen und zu beurteilen.
Für die Prüfzeit pro Manuskript gibt es keinen Richtwert. Manchmal ist es einem
bereits nach wenigen Seiten klar, ob das Buch etwas für unser Programm
ist, manchmal entscheidet es sich erst nach der vollständigen Lektüre.
Wenn mich ein Manuskript interessiert, lese ich es in der Regel ganz.
Sind die Manuskripte, die bei Ihnen ankommen, bereits von anderer
Stelle aussortiert worden? Wie muss man sich die Prozesse im Verlag
vorstellen?
Nein. Was direkt an unsere Verlage adressiert wurde, landet auch
direkt bei uns.
Bevorzugen Sie Manuskripte, die von Agenten an Sie weitergeleitet
werden?
Agenturen treffen eine gewisse Vorauswahl. Sie kennen unsere
Verlagsprofile und können meist recht gut einschätzen, was zu uns passt
und Erfolgschancen hat. Deshalb arbeiten wir sehr gern mit Agenten.
Wie groß ist der Anteil der Manuskripte, die über Agenten kommen?
Vor ein paar Jahren, heute, und wie wird sich weiter entwickeln?
Das kann ich gar nicht beantworten. Es kommt ja immer darauf an, mit
wie vielen Agenten man Kontakt pflegt. Im In- und Ausland ist aber auf
alle Fälle ein Anstieg der Agententätigkeit zu verzeichnen. Sei es, weil
es Autoren hilft, die ihre Bücher nicht selbst anbieten müssen, sei es,
weil auch Verlag ihre Programme leichter über Agenturen im Ausland
verkaufen können.
Nach welchen Kriterien und wie schnell beurteilen Sie, ob ein
Manuskript geeignet ist? Muss allein schon das Exposé überzeugen, bevor
Sie das Manuskript überhaupt anfassen? Und wenn Sie das Manuskript
lesen: wie viel davon reicht Ihnen, um das Potential abzuschätzen?
Sagen wir es so: Wenn mich das Exposé gar nicht anspricht, ist die
Chance, dass ich dennoch das Manuskript lese, recht gering. Dann prüfe ich das
Buch kurz an, und meist bestätigt sich der erste Eindruck. Bei der
Beurteilung des Manuskripts kommt es, wie oben bereits ausgeführt, ganz
auf das jeweilige Werk an, wie schnell man erkennt, ob es zur
Veröffentlichung bei Blanvalet / Limes taugt.
Was sind die häufigsten Ärgernisse, Fehler oder
Disqualifizierungsgründe bei den Einsendungen, die Sie erreichen? Ist es
wirklich meistens das so oft gehörte "Passt leider nicht in unser
Programm"? Oder kann es auch das Erscheinungsbild des Materials sein,
wenn es nicht nach Standardseiten formatiert ist, zum Beispiel?
In der Regel sind die eingesandten Manuskripte formal tadellos
gehalten. Ich habe auch noch nie von einem Buch gehört, das wegen der
Seitenformatierung abgelehnt wurde. Aber ich empfehle wirklich jedem,
der sein Manuskript einem Verlag anbietet, sich vorher einmal das Programm des
entsprechenden Verlages anzugucken. Denn wer z.B. ein philosophisches
Werk oder einen Gedichtband an den Unterhaltungsverlag Blanvalet
schickt, kann keine andere Antwort als den Hinweis auf eine zu starke
Abweichung von der Programmlinie erhalten.
Wie sieht für Sie die perfekte Einsendung und Materialvorstellung
aus? Welche Funktion sollte das Exposé erfüllen, sollte es eine oder
fünf Seiten lang sein? Was erwarten Sie als Leseprobe? Einen spannenden
Ausschnitt, nur die ersten 20 Seiten oder das ganze Manuskript?
Kein zu ausführliches aber ein aussagekräftiges Exposé und eine
Leseprobe reichen.
Sie betreuen sowohl den Verlag Limes als auch den Verlag Blanvalet.
Kommt es vor, dass Sie ein Manuskript für den einen Verlag bekommen, ihn
aber beim anderen Verlag annehmen? Gibt es solche Synergien?
Blanvalet und Limes arbeiten sehr eng zusammen, deshalb ist es bei
uns gang und gäbe, dass wir die eingekauften Bücher zum Besten von Buch
und Programm entweder bei dem einen oder bei dem anderen Verlag
veröffentlichen.
Wie würden Sie die Unterschiede der Verlage Blanvalet und Limes
aus inhaltlicher Sicht beschreiben?
Beide Verlage veröffentlichen breit verkäufliche
Unterhaltungsliteratur und ein populäres Sachbuchprogramm, wobei wir bei
Blanvalet eher einen amerikanischen, bei Limes einen europäischen
Schwerpunkt haben.
Buchprojekte haben mitunter eine lange Laufzeit im Verlag, und die
Pogrammplanung ist eher mittel- als kurzfristig. Wer entscheidet
darüber, wohin sich das Verlagsprogramm entwickelt, und wie haben Sie
als Lektorin - unter anderem durch Ihre Projektauswahl - darauf
Einfluss?
Die Programmplanung macht in erster Linie die Verlegerin in
Zusammenarbeit mit dem Lektorat. Es sind letztlich die vom Lektorat
eingekauften Titel, die die Programmzusammensetzung bestimmen.
Unter Autoren werden Lektoren oft gleichermaßen verehrt wie
gefürchtet. Sicher geht es Lektoren anders herum ebenso. Gab es schon
einmal richtigen Streit? Was waren bisher Ihre schlimmsten Erfahrungen
mit einem Autor?
Dass eine Autorin ihr Buch, das bereits eingeplant und angekündigt
war, nicht zu Ende brachte.
Und die schönste Form der Zusammenarbeit?
Wenn Lektor und Autor eine Wellenlänge haben und der kreative Funke
bei der Arbeit überspringt. Dann ist der Lektor ein Geburtshelfer, der
mit Rat und sanfter Unterstützung dem Buch hilft, ans Licht der Welt zu
kommen.
Es kursieren Geschichten, dass Autoren große Teile ihrer Bücher
nach den Wünschen der Verlage oder der Lektoren umschreiben mussten. Dem
scheint entgegenzustehen, dass Lektoren einerseits gar nicht so viel
Zeit haben, so viel Mühe in einzelne Projekte zu investieren und sie
andererseits eine unerschöpfliche Auswahl von alternativen Manuskripten
haben, die unproblematischer wären. In welchem Ausmaß und unter welchen
Umständen kommen solche Fälle vor?
Anders als beim Drehbuchschreiben, das sehr strengen
medienspezifischen Vorgaben genügen muss, um danach als Film adaptiert
zu werden, hat der Autor eines Romans mehr Freiheit bei der Gestaltung.
Allerdings gibt es auch gerade bei der Unterhaltungsliteratur
genrespezifische Merkmale. Ein Liebesroman, in dem es gar keine
Liebesszenen gibt, hätte genauso sein Ziel verfehlt, wie ein Thriller
ohne Spannung. Es sind also nicht diffuse Wünsche der Verlage oder
Lektoren, die manchmal Umarbeitung nötig machen. Manchmal hat ein Autor
ja auch eine gute Idee, erreicht es aber nicht auf Anhieb, diese auch
umzusetzen. Da muss dann noch nachgearbeitet werden. Allerdings
würde man das Manuskript eines Autors, mit dem man noch nie zusammengearbeitet
hat, vermutlich gar nicht einkaufen, wenn es zu große Mängel aufweist.
Dafür gibt es in der Tat zu viele gute Manuskripte auf dem Markt.
Wie ist der übliche Ablauf und der Zeitaufwand im Lektorat, bei
einem Manuskript in üblicher Qualität - von der ersten Fassung, über die
Überarbeitung, das Feinlektorat und die Druckfahnen?
Das dauert in der Regel mehrere Monate.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätte an den Buchmarkt, die
Autorenschaft oder an die in Zukunft an Sie herangetragenen Manuskripte,
was würden Sie sich wünschen?
Dass die Lust, interessanten, spannende, humorvolle, ergreifende …
Geschichten zu schreiben, nie versiegt und auch nicht die Freude der
Menschen, solche zu lesen.
Und zuletzt: Welchen Ratschlag oder welche Weisheit möchten Sie
gerne angehenden Autoren mit auf den weg geben?
Ich halte nichts von Weisheiten.
Frau Walz, ich danken Ihnen für das Gespräch!
Das Gespräch führte Andreas Wilhelm |