"Serien sind ein Wagnis, was man sich einzugehen
scheut"
Interview mit
Isolde Wehr
Moments in der
area Verlag Gmbh, 20.03.2006
Liebe Frau Wehr,
Sie sind seit 3 Jahren als Lektorin beim
Moments-Verlag tätig. Wie kamen Sie zu Ihrem interessanten Beruf und was
genau sind Ihre Aufgaben?
Ich betreibe seit 1996 eine private Homepage zum Thema Liebesromane (www.die-buecherecke.de).
1998 bot man mir an als freie Gutachterin für Liebesromane für Cora und
den Bertelsmann Buchclub zu arbeiten. 2001 wurde mir dann die Stelle als
Programmchefin von "Moments", einem Buchspezialclub für Liebesromane
beim Bertelsmann Buchclub, angeboten. 2003 wechselte ich dann zum area
verlag wo ich seitdem das "Moments-Programm", welches mittlerweile über
den Buchhandel vertrieben wird, betreue.
Als Lektorin des Moments-Verlages bekommen Sie viele
Liebesroman-Manuskripte, bzw. Exposés mit Textprobe geschickt. Haben Sie
die Zeit sie alle zu lesen? Sortieren Sie aus, und wenn ja, nach welchen
Kriterien?
Zeit ist eigentlich nie genug da, da ich im Verlag Bücher "mache" und
demzufolge keine Zeit habe, Bücher zu "lesen". Die Prüfung von
Manuskripten erfolgt in meiner Freizeit. Ja, ich lese alle Exposés und
Manuskripte, die eingesandt werden. Bekommt man von mir eine
Rückmeldung, dann kann man sicher sein, ich habe die Unterlagen auch
geprüft. Das kann aber manchmal durchaus länger als 3 Monate dauern.
Keine Chance haben Manuskripte ohne Happy End, ich prüfe grundsätzlich
nur Liebesromane, die dem "Moments-Profil" entsprechen.
Wie wichtig ist das Exposé? Kommt es vor, dass das Exposé wenig
überzeugt, Sie das MS aufgrund der Textprobe aber dann doch anfordern?
Ist das Exposé nicht gut genug, werde ich kein Manuskript anfordern.
Aufgrund meiner begrenzten Zeit hat jeder Autor nur eine Chance. Wird
die beim ersten Mal verspielt, gibt es normalerweise keine zweite
Chance. Ich fordere nur Manuskripte an, wenn mich das Exposé sehr
neugierig gemacht hat.
Sind es immer die selben Gründe, aus denen ein Text nicht
überzeugt? Welche fallen Ihnen immer wieder auf?
Schlechter Umgang mit der deutschen Sprache, kein ausgewogenes
Verhältnis zwischen erzählender Handlung und der Handlungsabfolge, zu
viele Dialoge, meistens stimmen schon die "Grundelemente" nicht.
Wie viel Schwäche verzeihen Sie einem Text, weil das durch das
Lektorat korrigiert werden kann? Bezieht sich diese Korrektur nur auf
das Sprachliche, oder auch schon mal auf den Inhalt der Geschichte?
Konnte mich ein Manuskript auch mit kleinen Fehlern so fesseln, dass
mir diese gar nicht aufgefallen sind, hat ein Autor schon gewonnen.
Manchmal lasse ich aber auch nacharbeiten, bevor ein Manuskript ins
Lektorat geht. Da teste ich aus, inwieweit der Autor kritikfähig ist und
bereit ist, auch Ratschläge des Verlags zu befolgen. Danach geht das
Ganze in die Hände von fähigen freien Lektoren, die für unseren Verlag
arbeiten. Die Lektoren bekommen aber auch an die Hand gegeben, was
besonders wichtig an der Geschichte ist oder wo noch nachgebessert
werden muss.
Besonders unerfahrene Autoren denken oft, wenn sie eines ihrer MS
an den Verlag gebracht haben, nimmt dieser automatisch auch das Nächste
an. Warum ist dem aber oft nicht so?
Ein Verlag arbeitet auf Erfolgsbasis, jedes Buch, das veröffentlicht
wird, soll sich gut verkaufen, nur so kann man dauerhaft weitere Bücher
veröffentlichen. Sollte ein Autor es zur Veröffentlichung geschafft
haben, hat er bereits einmal gute Arbeit abgegeben. Es wird erwartet,
dass das auch beim zweiten Buch so ist. Überzeugt die Arbeit nicht und
stimmen die Verkaufszahlen beim ersten Buch nicht, kann es sein, dass
der Autor keinen weiteren Vertrag bekommt.
Ist Ihnen schon mal "das perfekte Manuskript" begegnet? Oder hat
ein jedes seine Schwächen?
Jedes Buch ist so gut, dass man es noch ein bisschen besser machen
kann ;-)
Wie viel Mitspracherecht hat der Autor in Ihrem Verlag, wenn es um
Cover und Titel geht?
Ein Autor sollte sich mit dem Cover und dem Titel seines Buches wohl
fühlen, jedoch muss der Verlag es vermarkten, daher wird der Autor
Cover- und auch Titelvorschläge vorgelegt bekommen, aber das Endrisiko
trägt der Verlag, und so wird dieser auch die Entscheidung treffen.
Ziehen Sie eingereichte Manuskripte von Agenten zeitlich vor, im
Gegensatz zu vom Autor selbst eingereichten, oder gehen Sie streng nach
Eingangsreihenfolge?
Nein, Manuskripte, die von Agenten kommen, werden nicht bevorzugt
bearbeitet. Meistens gehe ich nach der zeitlichen Reihenfolge des
Eingangs vor.
Würden Sie Autoren raten sich einen Agenten zu suchen?
Das hängt davon ab, was ein Autor erreichen möchte. Zwischen Agent
und Autor kann eine Geschäftsbeziehung entstehen und zwischen Autor und
Verlag auch, der Autor muss selber entscheiden, was für ihn wichtig ist.
Gehen Sie an das Material, das von einem Agenten bereits
vorgeprüft ist, mit einer anderen Erwartungshaltung heran?
Sollte es sich um ein Werk eines Autors handeln, von dem bereits
etwas in unserem Verlag veröffentlicht wurde, dann weiß ich meistens,
was mich erwartet. Ansonsten gilt, nicht immer weiß der Agent, was ich
suche, sondern vermutet nur, mir mit einem angebotenen Manuskript das
richtige vorzulegen.
Welches sind die Kriterien für einen guten Liebesroman?
Eine fesselnde und mitreißende Liebesgeschichte zwischen einem Mann
und einer Frau, eine spannende Handlung mit Überraschungen und ein Happy
End.
In wie weit darf/soll sich der Autor an den amerikanischen Autoren
orientieren? Abgesehen von diversen unterschiedlichen
Moralvorstellungen, liefern die Amerikaner jede Menge spannende "romantic
suspense" Storys, das heißt handlungsgetriebene Geschichten, in der sich
die Liebesgeschichte entfaltet. Ist dieser Stil auch bei uns im Kommen?
Amerikanische Autoren haben ein großes Erzähltalent und viel
Disziplin. Sie wissen einfach, was sie tun. Der deutsche Markt
funktioniert nicht immer wie der amerikanische, was dort gut läuft, muss
nicht automatisch auch bei uns zum Bestseller werden und umgekehrt.
Nichtsdestoweniger werden viele Trends vom amerikanischen Markt, der nun
mal der größte ist, vorgegeben. Ich denke, auch Romantic-Suspense-Romane
werden die Leser in Deutschland dauerhaft begeistern können.
Welche Trends sehen Sie für das Genre? In Amerika wird es jetzt
ziemlich paranormal und geht in den Fantasy-Bereich. Vom Vampir bis zur
sprechenden Katze und dem Hausgeist ist alles möglich. Haben solche
Manuskripte auch bei uns eine Chance?
Ich denke, in eingeschränktem Maße werden auch diese Romane hier gern
gelesen. Die deutsche Mentalität ist einfach eine andere, zwar schaut
man hier auch Buffy, Angel und Charmed, aber ob der deutsche Leser
dauerhaft diese Kost in Buchform serviert bekommen möchte, wird sich
noch zeigen. Bisher funktionieren paranormale Liebesromane ganz gut,
weil sie so selten sind. Spätestens wenn der Markt damit überschwemmt
wird, tritt auch eine Übersättigung ein.
Warum gibt es, um beim Beispiel Amerika zu bleiben, bei uns keine
erfolgreichen Serien in dem Genre? Fans einiger weniger übersetzter
Bücher müssen auf englische Originale ausweichen, wenn sie die ganze
Serie genießen wollen, und deutsche Autoren scheinen erst gar keine
Serien zu beginnen. Besteht hier ein Zögern bei den Autoren oder den
Verlagen?
Wer garantiert dem deutschen Verlag, dass ein Autor gleich bleibend
gute Bücher um eine oder mehrere Hauptpersonen schreiben kann? Ich
denke, bisher ist es einfach ein Wagnis, was man sich einzugehen scheut.
Und nicht jeder Leser möchte unbedingt dem Serienzwang folgen.
Können Sie etwas zur Beliebtheit von Email- und
Internetbeziehungsromanen sagen? Werden Ihnen solche Stoffe angeboten?
Entsteht hier ein neues Genre?
Nein, es gibt nicht viele Romane um Internetbeziehungen, im
Gegenteil, auf Anhieb würden mir nur eine Handvoll Bücher einfallen, auf
die ich im Laufe der Jahre aufmerksam geworden wäre. Bisher ist mir nur
einmal ein Buch in diesem Bereich angeboten worden, und das haben wir
auch veröffentlicht, "Vom Internet ins Ehebett" von Sophie Berg.
Worin unterscheidet sich der Liebesroman vom Frauenroman?
Liebesromane haben eine positive Grundhaltung und vermitteln am Ende,
dass "alles gut wird". Ein Frauenroman dreht sich eher um realistische
Probleme und muss nicht zwingend ein Happy End haben.
Gibt es etwas, das Sie Autoren schon immer mal mit auf den Weg
geben wollten? Einen Tipp, eine Kritik?
An sich selber glauben, sich dauerhaft weiterentwickeln, kritikfähig
sein und schreiben, schreiben und noch mal schreiben ;-)
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Joy Fraser |