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"Vom ersten Satz an will ich neugierig gemacht werden."

Interview mit Rainer Wekwerth
Literarische Agentur Rainer Wekwerth, 31.07.2006

Rainer,

du bist nicht nur seit vielen Jahren erfolgreicher Autor, du bietest auch Schreibkurse an und hast vor einiger Zeit die Literaturagentur Rainer Wekwerth und vor kurzem das Autorenportal Peenae gegründet. Das klingt nach unglaublich viel Arbeit! Fangen wir von vorne an: Wie bist du Autor geworden?

Ich wusste schon mit sieben Jahren, dass ich Schriftsteller werden will. Kaum konnte ich schreiben, habe ich auch schon die erste Geschichte zu Papier gebracht. Ich behaupte immer, dass man sich seine Leidenschaft nicht aussuchen kann, sondern dass die Leidenschaft sich den Menschen aussucht. Wäre es anders, würde heutzutage niemand mehr Kunst, sondern Wirtschaftinformatik studieren.

Und wie kam es dazu, dass du Schreibkurse angeboten hast?

Im Gegensatz zu den USA, wo man an jeder Highschool, jedem College und jeder Universität Kurse im kreativen Schreiben belegen kann, ist Deutschland in dieser Hinsicht Entwicklungsland. Amerikanische Autoren sind schon am Beginn ihrer Karriere wesentlich professioneller und handwerklich besser ausgebildet als ihre deutschen Kollegen, die sich alles mühsam selbst beibringen müssen. Da verwundert es nicht, dass die Bestsellerlisten von amerikanischen Autoren belegt werden.

In Deutschland zählt nur die "hohe" Literatur, und diese Autoren werden in den Augen der Öffentlichkeit bereits als Genies geboren. Dass es ebenso eine Kunst ist, spannende und anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur zu schreiben, hat man hierzulande noch nicht begriffen. Aber bei allem Talent, auch das Handwerk will gelernt sein. Oder würden sich irgend jemand von einem Chirurgen operieren lassen, der zwar talentiert ist, aber keine medizinische Ausbildung hat?

Wie muss man sich den Ablauf eines solchen Kurses vorstellen?

Die Teilnehmer des Schreibkurses lernen wie man eine Figur entwickelt, wie man sie lebendig und überzeugend gestaltet. Dazu dienen verschiedene Aufgaben, die den Schüler immer tiefer in die Psyche seiner Figur führen, bis sich schließlich das Bild eines Menschen ergibt, der sich vom Papier erhebt und genauso unverwechselbar wie der eigene Bruder wird. Danach geht es in die Konzeptarbeit, das eigene Buch wird entwickelt. Hier ist das vorherrschende Thema der Spannungsbogen und die in sich geschlossene Handlung. Am Ende des Kurses haben meine Schüler ein professionelles Konzept erarbeitet, mit dem man den eigenen Roman verwirklichen kann.

Neben den Lehrinhalten will ich die Teilnehmer mit der Arbeit eines professionellen Schriftstellers vertraut machen, die ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Verzicht voraussetzt. Durch die zeitlich knappen Vorgaben können die Schüler nicht trödeln und müssen sich einen Plan machen, wann sie wie viel schreiben. Im Idealfall arbeiten sie jeden Tag zu bestimmten Zeiten an den Aufgaben.

Bedienst du dich in den Kursen nur aus deinen eigenen Erfahrungen oder hast du noch andere Quellen, Schreiblehrbücher zum Beispiel, oder hast du selbst solche Kurse besucht?

Erst gestern habe ich zu einem Schreibschüler am Telefon gesagt, dass ich mich selbst gern als Schreiblehrer gehabt hätte. Klingt das arrogant? So ist es nicht gemeint. Was ich tatsächlich meine ist, dass ich gern von dem Wissen eines professionellen Autors profitiert hätte, aber ich musste mir alles selbst erarbeiten. Und manchmal hätte ein bisschen Anleitung oder ein Tritt in den Hintern auch nicht geschadet. In den Schreibkurses bediene ich mich ausschließlich eigenen Erfahrungen und von mir entwickelten Methoden. Ich habe noch nie einen Schreibkurs besucht und die meisten Bücher, die sich mit dem Schreiben befassen, sind nur bedingt tauglich und helfen allenfalls den Menschen, die gerade erst mit dem Schreiben begonnen haben. Außerdem macht es keinen Sinn sich sklavisch an die Vorgaben eines Schreiblehrers zu halten. Ein guter Schreiblehrer zeichnet sich dadurch aus, dass er dem Schüler hilft seinen eigenen Weg und seinen eigenen Stil zu finden. Bücher geben kein Feedback, analysieren und beurteilen nicht.

2005 hast du eine Literaturagentur gegründet. Wie kam es dazu?

Seit ich als Schriftsteller bekannt wurde und mit meinen Lesern in Kontakt kam, gab es immer wieder die hoffnungsvolle Frage: "Ich schreibe auch, und die Meinung eines professionellen Schriftstellers wäre sehr hilfreich für mich. Könnten Sie mal meinen Text lesen?" Und da ich schlecht "Nein" sagen kann, tat ich das in den meisten Fällen auch. Überraschenderweise waren viele der Texte sehr gut, die Autoren oder Autorinnen hoch begabt. Also habe ich Kontakte zu Verlagen und Agenten hergestellt. Irgendwann kam mir dann der Gedanke, das Potential der an mich herantretenden Autoren und mein eigenes Potential, Talent zu erkennen, zu nutzen.

Einen weiteren Grund lieferten meine Schreibkurse, die ich schon seit Jahren gebe. Auch hier stoße ich immer wieder auf herausragende Talente. Da ich den harten und mühsamen Weg bis zu einer Veröffentlichung kenne, war mir klar, dass es viele der Autoren nicht schaffen würden, selbst bei einem Verlag unterzukommen oder einen Agenten zu finden. Irgendwann, nach unzähligen Absagen, würden sie frustriert aufgeben, und so sollte es nicht sein. Ich kenne die Verlagswelt und die Probleme der Autoren, es lag also nahe, meinen Service für Nachwuchsautoren um die Agenturtätigkeit zu erweitern.

Die Überlegung liegt nahe, dass du als Agent Autoren ablehnst, um ihnen im selben Atemzug deine eigenen Kurse anzubieten. Kannst du dir vorstellen, dass das kritisch betrachtet wird?

Ich habe noch nie einem abgelehnten Autor einen Schreibkurs angeboten, ich weise nicht einmal daraufhin, dass ich Schreibkurse gebe, denn ich halte beides streng getrennt. Ich versuche eindeutig klarzustellen, dass die Agentur nicht dazu da ist, meine Schreibkurse mit Teilnehmern zu versorgen. Autoren, die sich direkt an die Agentur wenden (und das ist der Großteil), werden im Fall einer Absage nicht zu meinem Schreibkurs eingeladen. Autoren, die von mir eine Absage erhalten, können und sollen nicht an meinen Schreibkursen teilnehmen. Andersherum arbeite ich mit Autoren, die von mir einen Agenturvertrag erhalten, intensiv, kostenlos und außerhalb der Schreibkurse weiter, bis sie einen Stand erreicht haben, bei dem ich mit ruhigen Gewissen und Zuversicht an die Verlage herantreten kann.

Immer wieder hört man, dass die durchschnittliche Qualität unverlangt eingesandter Manuskripte sehr schlecht sei. Kannst du das bestätigten? Wie ist die Quote der Anwärter, die du unter Vertrag nimmst?

Das genaue Gegenteil ist der Fall. Zu meiner eigenen Überraschung ist die Qualität der eingesandten Manuskripte sehr hoch. Vielen von mir abgelehnten Autoren fehlte in ihrer Arbeit nicht viel, um einen Stand zu erreichen, der eine Veröffentlichung wahrscheinlich macht. Noch vor 10 Jahren hätten diese Autoren alle Möglichkeiten gehabt, aber bei der heutigen Situation des Buchmarktes sind sie chancenlos. Die Verlage sind dabei die Zahl ihrer Autoren zu reduzieren und Autoren, die schon erfolgreich veröffentlicht wurden und gute Auflagen erzielten, stehen plötzlich ohne Verlag da. Da hat ein Newcomer, in den nicht nur Zeit und Geld investiert werden muss, nur noch Chancen, wenn seine Arbeit auf einem absolut hohen Niveau ist.

Hast du dich auf bestimmte Genres spezialisiert?

Belletristik, Krimi & Thriller. In diesen Genres sehe ich noch Möglichkeiten für neue Autoren.

Was sind für dich die ausschlaggebenden Kriterien, wenn du eine Einsendung beurteilst? Was muss ein Manuskript mitbringen, damit es dich begeistert und du es an Verlage vermitteln möchtest und kannst?

Es muss mich überraschen. Vom ersten Satz an will ich neugierig gemacht werden. Wer es nicht schafft, mich schon auf der ersten Seite zu überzeugen, hat keine Chance dass ich die nächsten 20 Seiten lese. Ein Autor, den ich in meiner Agentur angenommen habe, hat es mit nur einem einzigen Satz geschafft, mich zu begeistern. Dieser 1. Satz war so ungewöhnlich, so neu, so unverbraucht, dass ich spürte, ich war auf einen Megatalent gestoßen.

Und wie muss es aussehen? Erwartest du auch eine besondere Aufbereitung des Materials, ein besonderes Exposé, eine Zusammenfassung, usw.?

Ich erwarte professionelle Arbeit selbst bei der Aufbereitung des Materials. Also eine Leseprobe von ca. 20 Seiten und ein Expose des kompletten Handlungsverlaufs in einem Format, das in der Verlagswelt üblich ist.

Gibt es so etwas wie "typische Fehler"? Etwas, das die Leute immer wieder falsch machen, und was für dich sofort ein Ausschlusskriterium ist?

Ja. Ein typischer Fehler ist der verzweifelte Versuch einem aktuellen Trend auf dem Buchmarkt zu folgen. Derzeit z. B. Stories im Stil von Dan Brown zu schreiben. Gute Autoren folgen keinen Trends, gute Autoren erschaffen Trends.

Arbeitest du noch mit dem Autor an seinem Manuskript, nachdem du es angenommen hast? Oder anders ausgedrückt: wie perfekt muss es sein bevor du dich damit auf Verlagssuche begibst?

Die eigentliche Arbeit beginnt erst mit der Annahme des Manuskriptes, denn bei allem Talent, das der Autor mitbringt, gibt es stets noch viel zu verbessern und 10% fehlende Qualität kann den Unterschied für eine Veröffentlichung oder Absage eines Verlages ausmachen.

Wie lange dauert es, bis du entweder eine Zusage von einem Verlag eingeholt hast oder bis du sagen kannst: tut mir leid, sieht so aus, als würde es nichts werden?

Da sieht es düster aus. Oftmals dauert es 6 Monate bis zu einem Jahr bis ein Manuskript sämtliche Stationen in einem Verlag durchlaufen hat.

Hast du schon einmal einen deiner Verträge wieder aufgelöst?

Nein.

Was war bisher deine schlimmste Erfahrung in einem der Kurse oder mit einem deiner Autoren?

Es gab keine schlimmen Erfahrungen, nur Autoren, die mehr Anleitung als andere benötigen. Aktuell arbeite ich mit einer Schreibschülerin zusammen, die hochtalentiert ist, ihr Talent aber nicht aufs Papier bringt. Da heißt es Lektionen wiederholen und wiederholen und zwar so lange, bis sie und ich wirklich mit dem Ergebnis zufrieden sind.

Und deine beste?

In einem Fortgeschrittenenkurs hatte ich einen Schüler, der schon in der 1. Aufgabe, ein unglaublich hohes Niveau erreichte. Bei jeder folgenden Lektion dachte ich, das hält er nicht durch, jetzt bricht er ein, aber jedes Mal war er in der Lage seine Leistung sogar noch zu steigern. Meine Kurse sind hart, und ich behaupte selbst viele veröffentlichte Autoren hätten Probleme jede Aufgabe zu meiner Zufriedenheit zu erfüllen, aber dieser eine Schreibschüler hat noch mehr geschafft, er hat mich schlichtweg sprachlos gemacht. Als der Schreibkurs endete bekam er mit der Post nicht nur ein Zertifikat, sondern auch gleich einen Agenturvertrag.

Anfang 2006 hast du die Website Peenae ins Leben gerufen. Wie kamst du auf diese Idee, und welche Ziele verfolgt dieses Projekt?

In Zeiten des Internets und der schnellen, gezielten Kommunikation mutet es seltsam an, dass noch immer Unmengen von Papier versandt werden. Verlage und Agenten ersticken in unverlangt eingesandten Manuskripten. Autoren sind frustriert über lange Antwortzeiten und Standardabsagen. Dieses Prinzip war nicht nur ineffektiv, sondern lähmte auch die kreative Energie aller Beteiligten. Welcher Lektor hat noch Zeit sich intensiv mit Manuskripten zu beschäftigen, wenn es gleichzeitig gilt, noch ca. 500 Absagen zu schreiben? Welcher Autor kann sein nächstes Buchprojekt planen, oder einen neuen Roman schreiben, wenn er den Kopf nicht frei hat, weil seit über einem Jahr auf die Antwort eines Verlages oder Agenten wartet. Hier galt es Abhilfe zu schaffen und die Menschen, die sich mit dem professionellen Schreiben beschäftigen zusammenzuführen. Peenae bietet allen Beteiligten die größtmögliche Freiheit. Jeder liest nur das oder schreibt nur das, was er will und durch ein intelligentes Votingsystem und eine Kommentarfunktion geben die Leser nicht nur ihrer Meinung Ausdruck, sie signalisieren auch künftige Trends für den Buchmarkt. Diese Trendvoraussagen sind für alle Beteiligten von enormer Bedeutung, denn kein Autor, Verlag oder Agent will am Markt vorbei produzieren?

Peenae ist ein sehr erfolgreiches Projekt und bedient offensichtlich eine Marktlücke. Die Zugriffszahlen steigen ständig. So verzeichne ich aktuell 10 000 Besucher pro Monat, aber dabei soll es nicht bleiben. Mein Traum ist es, mit Peenae die Standardseite für Autoren, Agenten, Verlage und Leser zu schaffen, an der niemand mehr vorbeikommt.

Wenn du angehenden Autoren einen Ratschlag oder Weisheit mit ein den Weg geben könntest, was würde das sein?

Schreibe und lebe ungewöhnlich.

Rainer, Danke für das Gespräch!

Das Gespräch führte Andreas Wilhelm