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"Mir ist die Konstruktion der Geschichte extrem
wichtig"
Interview mit
Andreas Wilhelm
Interview von
Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im
Tempest, Februar 2006

Andreas Wilhelm hat zwei Sachbücher für Kinder und Jugendliche und
einen Jugendroman geschrieben. Jetzt legt er seinen ersten Thriller vor,
den der Limes Verlag zu seinem Spitzentitel im Februar machte:
Projekt
Babylon.
Du hast Sachbücher vor deinem Thriller geschrieben. Wie bist du zu
einem Thriller gekommen? War es einfach ein Einfall von dir, oder hat
dich jemand darauf angesprochen? |
Dazu muss man wissen, dass meine Beschäftigung mit geschichtlichen
Themen, Mysterien vergangener Kulturen und den Geheimnissen fremder
Länder und vergangener Zeiten schon wesentlich weiter zurück reicht. Die
Kinder- und Jugendbücher ergaben sich alle drei "von allein", ohne dass
ich es darauf abgesehen gehabt hätte, mich in diesem Bereich zu
etablieren. Bereits seit meiner Schulzeit hatte ich den Drang, Bücher zu
schreiben, aber immer in dem Bewusstsein, dass es ein hartes Brot und
selbst mäßiger Erfolg alles andere als selbstverständlich wäre. Erst
nachdem ich meine ersten drei Titel veröffentlich hatte, reifte der
Entschluss, nun das "eigentliche" Ziel anzugehen, nämlich Bücher über
die Themen, die mich selbst beschäftigen.
Wenn du deine Sachbücher mit dem Triller vergleichst: Was sind die
Unterschiede zwischen Sachbuch- und Thrillerschreiben? War der Umstieg
schwierig?
Ich hatte schon immer eine ausgeprägte narrative Ader; in der Schule
bin ich mit meinen Aufsätzen nie fertig geworden, habe früh angefangen,
Geschichten zu schreiben, habe oft lange Briefe geschrieben, und wer
mich kennt, der kennt auch meinen Hang zur epischen E-Mail. Beruflich
habe ich stets viel erklärt und dokumentiert, analysiert, konzipiert und
Wissen vermittelt. Für mich ist der Einsatz von narrativen und
dramaturgischen Techniken in Sachtexten notwendig, und die besten und
erfolgreichsten Sachbücher stehen Thrillern in nichts nach. Natürlich
ist das Schreiben eines Romans eine gänzlich andere Welt und stellt
völlig andere Anforderungen, aber dabei hat mir meine strukturierte
Herangehensweise eher geholfen, als dass sie mich behindert hätte.
Limes hat zahlreiche weltbekannte Autoren unter Vertrag. Wie kam
es, dass sie dich als Newcomer direkt zum Spitzentitel machten?
"Direkt" ist hierbei der Schlüssel. Denn tatsächlich hat mein
Manuskript beim Verlag einige Zeit auf den richtigen Augenblick und den
richtigen Programmplatz gewartet. Und diese Zeit war auch keine
verlorene Zeit, denn hier konnten Ideen reifen und auch das Manuskript
und seine Inhalte eine gewisse Strahlung entwickeln. Es ist wahr, dass
mein Agent mich bereits wenige Tage nach meiner ersten Anfrage und 200
gelesenen Seiten unter Vertrag genommen hat und dass bereits wenige
Wochen später die Verträge mit Random House geschlossen wurden. Aber
erst zwei Jahre später diffundierten die Inhalte, Ideen und geplanten
Aktivitäten nach und nach durch alle Abteilungen des Verlags, immer mehr
Menschen trugen begeistert Teile dazu bei, und so kam schließlich etwas
dabei heraus, das alle meine kühnsten Vorstellungen übertraf. Ich fühle
mich geehrt, dass ich nicht nur bei meinem Agent und im Verlag in der
Reihe so vieler prominenter Namen stehen darf, sondern immer wieder auch
verlegen, dass man so viel Erwartung und Vertrauen in mich setzt.
Gab es im Verlag dann noch mal ein Lektorat? Wie lange dauerte
das? Was war da der Schwerpunkt?
Ja, natürlich. Ein dreistufiges, um genau zu sein. Beim ersten
Durchlauf, recht kurz nach der Abgabe, machte mich meine Lektorin auf
Lücken und Unstimmigkeiten aufmerksam, wies darauf hin, an welchen
Stellen bestimmte Beschreibungen zu dünn oder zu weitschweifig waren
oder wo die Motivation bestimmter Protagonisten nicht deutlich genug
wurde.
Größere inhaltliche Mängel oder umfangreiche Änderungswünsche gab es
keine, aber sonst hätte man vielleicht auch nicht so beherzt
zugegriffen.
Der zweite Lektorats-Durchlauf betraf Stil, Ausdruck und
Rechtschreibung. Alle Änderungsvorschläge und Korrekturen erhielt ich
handschriftlich und habe sie einzeln angenommen oder im Zweifelsfall mit
meiner Lektorin besprochen. Und im dritten Durchlauf haben wir mit vier
Personen das fertig gesetzte Manuskript ein letztes Mal geprüft und die
Ergebnisse zusammengeführt.
Welche Regeln muss man beachten, wenn man Thriller schreibt? Gibt
es welche, die du dir selbst setzt? Hatte der Verlag Vorgaben?
Zunächst einmal: Vorgaben vom Verlag gab es keine, da das Manuskript
bereits fertig war. Was nicht heißen soll, dass es keine gäbe, nur sind
keine an mich herangetragen worden, so dass ich das nicht mit Sicherheit
beantworten kann.
Zum Thema ob und welche Regeln es gibt, findet man unzählige
Lehrbücher und eine ebenso große Zahl anderer Quellen, die das Gegenteil
behaupten. Ich bin inzwischen der Ansicht, dass es viel zu sehr mit dem
persönlichen Stil, den eigenen Fähigkeiten, dem eigenen Anspruch und dem
speziellen Buch, das man schreibt, zu tun hat, als dass man solche
Regeln in Stein meißeln könnte.
Ich denke, Anfänger sollten das Handwerk wenigstens einmal
theoretisch lernen und dann selbst ausprobieren und entscheiden, welche
Regeln für sie funktionieren und welche nicht. Vieles befolgt man
intuitiv, wenn man ein Gespür für Sprache und Geschichten hat.
Persönlich ist mir wichtig, den Leser nicht zu langweilen, dass also
die Geschehnisse in sich interessant sind, die Personen, die Dialoge,
die kausalen Zusammenhänge. Ich mag Geschichten, die Kreise beschreiben,
ich mag eine gute Auflösung, ich mag klassische Strukturen, Konflikte,
scheinbare Ruhepausen, plötzliche Wendungen und Zuspitzungen. Ich
versuche dabei klischeehafte oder vorhersehbare Konstruktionen
weitestgehend zu vermeiden. Darin liegt für mich die Herausforderung bei
der Entwicklung einer Geschichte.
Wie nützlich sind Schreibregeln, wie man sie in vielen
Schreibratgebern findet, wirklich?
Ja, die viel zitierten Schreibregeln ... Ich habe, wie gesagt, viele
davon gelesen und studiere diese Bücher auch gerne. Man sollte sie
kennen, wenn man nicht in jedes einzelne Schlagloch selbst hinein
rauschen will, aber man muss sie auch verstehen und wissen, wann und
warum man davon abweichen sollte. Dazu gehört ein natürliches Gespür für
Sprache und fürs Geschichtenerzählen, Individualität und
Schreiberfahrung.
Einerseits folgt "Babylon" gängigen aktuellen Thrillermotiven. Da
taucht ein Geheimnis auf (eine Höhle mit einem unerklärlichen blauen
Licht, durch das man nicht gehen kann), da findet sich der Verweis auf
alte Geschichte (Katharer und Templer) und Mythen, die sich darum
ranken. Auch die schöne junge Wissenschaftlerin fehlt nicht.
Andererseits spielst du mit diesen Thrillerelementen, manches geht nicht
den gewohnten Gang, obendrein gibt es ein intellektuelles Verwirrspiel,
ein Puzzle, das wesentlich die Spannung des Buches ausmacht. War dieses
Puzzle von vorneherein dein Plan?
Ja, das ganze Buch war von Anfang an exakt so geplant, wie es
geworden ist. Ich bin nicht spontan genug, um einfach drauflos zu
schreiben. Mir ist die Konstruktion der Geschichte, die Abfolge der
Ereignisse, wann verrate ich was, wie wird es langsam spannender, wann
kommt welcher Handlungsstrang usw., extrem wichtig. Daher erarbeite ich
den gesamten Roman wie ein Architekt, bevor ich die erste Zeile
schreibe, und dann fange ich vorne an und höre hinten auf, schreibe
streng sequentiell, genau so, wie man es später liest. Umgestellt wird
hinterher nichts mehr.
Ergab es sich im Laufe des Schreibens, oder wurde es schon vorher
geplant?
Durch meine Detailplanung weiß ich genau vorher, welche Szene als
Nächstes zu schreiben ist. Natürlich ist auch meine beste Planung eher
eine gut gemeinte Wettervorhersage, denn je weiter das Konzept in die
Zukunft blickt, umso unsicherer werden die einzelnen Punkte. Während ich
schreibe, passe ich also öfter mal die künftigen Punkte im Konzept an.
Aber es sind nur Kleinigkeiten. Zum Beispiel plane ich die Abfolge der
inhaltsvermittelnden oder dialoglastigen Kapitel mit denen, in denen es
eher spannend oder actionlastig zugeht, sehr genau, um den Leser nicht
einschlafen zu lassen und sinnvolle Cliffhanger bieten zu können. Wenn
mir nun eines dieser Kapitel länger oder kürzer gerät als vermutet, kann
es sein, dass ich in der weiteren Abfolge eine Umstellung vornehme, um
die Geschwindigkeit anzupassen.
Gibt es Genreregeln, die jeder Thrillerautor auf jeden Fall
beherzigen sollte?
Das weiß ich nicht. Ganz ehrlich. Ich hatte mir nicht ausdrücklich
vorgenommen, einen "Thriller" zu schreiben, oder mich informiert, wie
man das am besten anstellt. Ich hatte mir nur vorgenommen, einen
spannenden, intelligenten Roman zu schreiben, wie ich ihn selbst gerne
lesen würde. Und so etwas in der Art ist dann auch dabei herausgekommen.
Die Genrefrage ist wichtig, da die Kommunikation und der Vertrieb des
Verlags darauf ausgerichtet sind, ebenso wie Buchhändler und Leser.
Daher sollte man, wenn man ein bestimmtes Genre ausdrücklich anstrebt,
sicher sein, was in dem Genre machbar ist und was nicht. Und wenn man
explizit und selbstbewusst davon abweichen möchte, sollte man erklären
können, warum dies den Verkauf und die Akzeptanz des Buches erhöht. –
Glücklicherweise musste ich mich mit solchen Fragen nicht herumschlagen.
Noch vor wenigen Jahren legten sich deutsche Autoren in den Genres
Thriller und Fantasy amerikanische Pseudonyme zu, weil niemand Deutschen
zutraute, spannende Bücher zu schreiben. Mittlerweile scheint das anders
zu sein. Du, Eschbach, Funke und viele anderen schreiben unter ihrem
Namen. Schreiben deutsche Autoren mittlerweile spannender? Hat sich der
Markt für deutsche Bücher bei Thrillern und Fantasy gewandelt? Oder sind
es die steigenden Vorauszahlungen für amerikanische Lizenzausgaben, die
Verlage vermehrt auch deutsche Autoren berücksichtigen lässt?
Es ist gut möglich, dass deutsche Autoren sich in den letzten Jahren
weiterentwickelt haben. Inhaltlich hat eine gewisse Abkehr von der
innerdeutschen – meist historischen – Bauchnabelschau stattgefunden,
verbrämt und immer irgendwie bedeutungsvoll und gewichtig,
sozialkritisch, moralisierend. Wer als Leser Unterhaltung suchte, der
wusste, dass er mit einem angelsächsischen Autor das umgehen konnte und
wahrscheinlich eher einen fesselnden und unterhaltenden Roman erwischen
würde. Ein englisches Pseudonym war für den Autor also gewissermaßen
eine Flucht aus einer verstaubten Schublade.
Inzwischen gibt es offenbar ein neues Selbstverständnis deutscher
Autoren. Publikum und Themen haben sich geändert. Die Verlage haben ihre
Qualitäten entdeckt und die Chancen, die sich nur bieten, wenn man statt
auf eingekaufte Lizenzen auf einen "eigenen" Autor zugreifen kann, den
man aufbauen und vermarkten kann.
Vor einem Jahr hast du das Autorenforum Montségur gegründet. Was
hast du damit bezweckt? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Schon Jahre vor meiner ersten Veröffentlichung las ich haufenweise
Bücher über das Schreiben und bewunderte die amerikanische
Herangehensweise, wo Schreiben ebenso wie hierzulande Malen als Handwerk
an Schulen und Akademien, in Kursen und Camps gelehrt wird. Ich habe "Writer's
Digest" verschlungen und suchte nach einem Pendant in Deutschland. Der
nächste nahe liegende Gedanke war: Dann schreibst du das eben selbst.
Tatsächlich maße ich mir aber nicht an, hier mehr zu wissen als andere,
ich könnte nur meine eigene Meinung weitergeben. Das Vorbild einiger
Foren im Internet brachte mich darauf, dass der beste Weg, eine solche
Quelle des Wissens für Autoren zu schaffen, der wäre, die Autoren selbst
erzählen zu lassen. Wer weiß mehr über das Schreiben als ein Autor? Nun,
einhundert Autoren oder dreihundert natürlich. Inzwischen tummeln sich
hier Bestsellerautoren, Preisträger, Lektoren, Übersetzer, Profis und
ambitionierte Einsteiger aller Genres.
Das Forum zeigt mir täglich, dass der Bedarf an Informationen, Rat
und Empfehlungen ungebrochen groß ist, dass es viele zentrale Fragen
gibt, die immer wieder gestellt werden, und dass andererseits im Detail
jeder Autor eine andere Antwort gibt und jeder Einsteiger seinen eigenen
Weg finden muss.
Das Forum ist nicht für Hobbyschreiber und die ersten
Schreib-Schritte gedacht. Aber für ernsthaft ambitionierte Einsteiger
ist das Forum ein erstes Schnuppern und Betasten dessen, was als
Nächstes auf einen zukommt, wenn man professionell schreiben und
veröffentlichen möchte. Und für die Profis ist das Forum ein loses
Netzwerk und schafft viele großartige Kontakte und Möglichkeiten.
Welche Autoren liest du selbst im Moment am liebsten?
Ich muss ehrlich sagen, dass ich keinen Autor grundsätzlich lese. Es
gibt einige, deren Stil mir gefällt und von denen ich viel gelesen habe,
aber auch diese haben mitunter Bücher herausgebracht, die mich kalt
gelassen haben. Daher achte ich inzwischen eher darauf, ob mich das
Thema des Buches interessiert. Wenn es dann noch von einem Autor ist,
den ich mag, umso besser. Stephen King mag ich sehr, ich schätze seinen
trockenen Humor und seine Beobachtungsgabe, allerdings habe ich lange
nichts mehr von ihm gelesen. Ich mag die Sprache von T. C. Boyle (wobei
mich “Drop City” neulich inhaltlich etwas unberührt zurückgelassen hat),
und das Gespann Preston / Child ist etwas Lockeres für den Urlaub, für
meinen Geschmack aber insgesamt etwas zu klischeehaft. Die Autoren, die
mir in den letzten Jahren besonders gefallen haben, sind Umberto Eco,
Michael Crichton, Neil Stephenson, Tad Williams, Chuck Palahniuk,
Richard Morgan und Akif Pirinçci.
Eines Nachts wachst du auf, eine wunderschöne Fee steht neben
deinem Bett und sagt: "Lieber Andreas, du hast so einen spannenden
Thriller geschrieben, dafür hast du einen Wunsch für den Thrillermarkt
frei." Was wünscht sich Andreas Wilhelm?
An dieser Frage kommt wohl hier niemand vorbei. Einen speziellen
Wunsch für den Thrillermarkt habe ich gar nicht. Wohl aber einen etwas
allgemeineren, nämlich den, dass mehr Jugendliche die Lust am Lesen
entdecken sollten. Das geht an die Verantwortung aller Eltern, aber auch
an die Lehrer und Lehrpläne, die fest definierten Stoff vorsehen, der
Jugendliche bestenfalls tödlich langweilt. Ich bin passionierter Leser
und Schreiber nicht wegen, sondern trotz des Deutschunterrichts. Es darf
nicht cool, witzig oder betonenswert sein, noch nie ein Buch gelesen zu
haben. Denn Bücher sind die Quelle unseres Wissens, sie machen unsere
Kultur aus, sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft.
Herzlichen Dank für das Interview.
Das Gespräch führte
Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |