"Man trifft zufällig einen Nerv bei den Lesern"
Interview mit
Juli Zeh
Interview von
Hans Peter Roentgen (TeXtkraft)
Erstveröffentlichung im
Tempest

Juli Zeh studierte am deutschen Literaturinstitut und bekam für Ihren
Erstling "Adler und Engel" 2001 den Deutschen Bücherpreis für das
"erfolgreichste Debüt". Das Buch ist im April 2003 auch als Taschenbuch
bei btb erschienen.
"Adler und Engel" ist ein Roman wie ein Thriller: Ständig wird der
Leser überrascht, und doch gibt es einen roten Faden, scheint die
Autorin die Handlung genau geplant zu haben. War das so? Haben Sie mit
einem Plotentwurf angefangen oder erst einmal drauflos geschrieben? |
Ich wurde inzwischen schon so oft nach dem Planentwurf für Adler und
Engel gefragt, dass ich weiß, wie unglaubwürdig meine Antwort darauf
klingen muss: Es hat nie einen Plan gegeben. Der Roman ist aus einer
Ursuppe entstanden, aus dem Chaos, aus einer Textmenge von zweitausend
Seiten. Zu einem sehr späten Zeitpunkt der Bearbeitung, nämlich im
letzten halben Jahr, habe ich angefangen, mir Gedanken um die Handlung
zu machen. Davor folgte alles nur der Intuition, und ich wusste nicht
mal, ob ein Roman daraus wird oder - gar nichts.
Damit befinden Sie sich ja in guter Gesellschaft; es gibt
zahlreiche so genannte Bauch-Autoren, die erst mal schreiben und sich
erst bei der Überarbeitung Gedanken um die Handlung machen. Wie haben
Sie das gemacht? Haben Sie die Szenen ausgeschnitten und auf dem Tisch
hin- und hergeschoben, bis es passte? Sich überlegt, mit welchen
weiteren Szenen Sie den vorhandenen zu einem roten Faden verhelfen
können?
Es gab kein einheitliches Verfahren - ich glaube, ich habe die Szenen
gedanklich ausgeschnitten und im Kopf hin und her geschoben. Jedenfalls
ähnelte die Arbeit schon sehr einem Puzzlespiel oder dem Anfertigen
eines Mosaiks. Natürlich habe ich große Teile des Romans auch erst in
dieser letzten Bearbeitungsphase geschrieben - "Übergänge" nannte ich
das damals für mich. In Wahrheit liegt in diesen "Übergängen" ein
Großteil der Substanz der Geschichte.
Haben Sie die Personen geplant, ihnen eigene Lebensläufe gegeben,
oder sind die durch das Schreiben entstanden?
Die Personen sind beim Schreiben entstanden. Die Figur "Jessie" gibt
es aber schon seit langer Zeit, sie taucht bereits als Hauptfigur in
einem früheren, unveröffentlichten Roman von mir auf.
Wie ist eigentlich die Spannung in den Text gekommen?
Schwer zu sagen, das könnten andere besser beurteilen als ich. Ich
denke, dass ein Großteil der Spannung auf sprachlicher Ebene erzeugt
wird - ich versuche einen Stil, in dem der Leser immer wieder durch
"schräge" Wahrnehmungen, Beschreibungen und Bilder überrascht wird, als
ginge er durch ein Labyrinth und wisse nie, was hinter der nächsten Ecke
auf ihn wartet. Zum anderen Teil wird im Lauf der Geschichte ein
Geheimnis aufgedeckt - Max' Vergangenheit und die Hintergründe von
Jessies Tod -, und das ist eine klassische Spannungs-Struktur.
Oft findet der Leser in Adler und Engel kurze Stellen, die
unwichtig erscheinen, aber später wieder aufgegriffen werden und so
einen Sinn bekommen. Für mich war das ein Element, das Spannung erzeugt
hat. Waren diese Verweise von Anfang an drin, oder sind sie erst bei der
Überarbeitung hereingekommen, als sie sich Gedanken um die Handlung
machten?
Tut mir leid, das weiß ich wirklich nicht mehr. Vieles ist intuitiv
passiert. Aber das Wiederaufgreifen von Motiven gehört zu einer meiner
höchsten Arbeits-Regeln: Es darf kein loses Ende aus dem Roman hängen.
Wenn irgendwo ein Kranich am Himmel vorbeifliegt, dann muss der Kranich
noch einmal auftauchen - und sei es in Gestalt einer Möwe oder einer
Taube.
Wie viel Zeit hat es gekostet, die Erstfassung zu schreiben, und
wie viel Zeit haben Sie für die Überarbeitung benötigt? Wie umfangreich
war dann das Lektorat im Verlag?
Ich habe etwa drei Jahre an dem Roman geschrieben, allerdings nicht
kontinuierlich, sondern "immer mal wieder". Das letzte halbe Jahr war
der eigentlich intensive Zeitraum der Fertigstellung. Das Lektorat war
sehr intensiv. Ein befreundeter Schriftsteller war mein Lektor. Er
besuchte mich in Leipzig, und wir saßen vier Tage lang von morgens bis
abends nebeneinander auf der Couch und lasen uns gegenseitig das Buch
vor, Wort für Wort, und sprachen über Änderungen.
Die meisten Texte müssen gekürzt werden, sagen Lektoren immer
wieder. Wie war das bei Adler und Engel im Lektorat? Wurde da auch
gekürzt? Wie viel?
Es wurde gar nicht gekürzt. Zwar flogen ein paar Textstellen raus,
dafür kamen neue hinzu. Der Endumfang entsprach fast genau dem Umfang
meiner Rohfassung, war sogar ein bisschen länger geworden.
Sie haben am deutschen Literaturinstitut studiert. Hätte Adler und
Engel ohne dieses Studium anders ausgesehen?
Weiß ich nicht. Wahrscheinlich. Am Literaturinstitut habe ich in
rasantem Tempo zu etwas gefunden, das man den "eigenen Stil" nennen
könnte. Zudem hätte ich vermutlich ohne das Literaturinstitut gar nicht
so viel Zeit in ein literarisches Projekt investiert. Ich hätte mich
allein auf mein Jurastudium konzentriert und das Schreiben weiterhin
allein als Freizeitbeschäftigung betrieben, so wie ich es seit meiner
Kindheit tue.
Was ist das Wichtigste, das Sie im Studium für Ihr Schreiben
gelernt haben?
Distanz zum eigenen Text zu entwickeln. Es ist wichtig, zu einem
möglichst frühen Zeitpunkt der Bearbeitung den Text ein Stück weit als
Werk einer anderen Person zu betrachten. Sonst ist es unmöglich, eine
Haltung dazu zu finden.
Wie lange schreiben Sie schon Geschichten? Hatten Sie vor Adler
und Engel schon einmal einen Roman begonnen, oder war es der erste
Versuch?
Ich habe vor Adler und Engel schon drei Romane geschrieben. Ich
schreibe seit meinem siebten Lebensjahr.
Wie war das mit Ihren Mitstudenten? Hatten die auch schon etliche
Romane in der Schublade, als sie in Leipzig anfingen?
Die wenigsten hatten schon lange Texte verfertigt. Für die meisten
Jungautoren bedeutet "der erste Roman" eine Hürde, die man nimmt wie bei
einer Gipfelbesteigung, und wenn man oben ist, steckt man die Fahne
rein. Ich bin sehr froh, dass ich angefangen habe, "Romane" zu
schreiben, bevor es mir überhaupt richtig bewusst geworden ist, was ich
da tue - so konnte ich viel entspannter damit umgehen. Aber ein
Mitstudent behauptet zum Beispiel, bereits sieben Romane in der
Schublade zu haben. Er ist sogar noch ein bisschen jünger als ich.
Andreas Eschbach hat "Spannung" mal “den Unterleib der Literatur"
genannt. Jeder weiß, dass es ihn gibt, aber Literaten sprechen ungern
darüber. Für viele anspruchsvolle Schreiber ist "Spannung" suspekt, auch
wenn sie es ungern zugeben. Welche Rolle spielten "Spannung" und "Plot"
in Ihrem Studium?
In meinem Studium spielte das eigentlich keine Rolle. Am
Literaturinstitut konzentrieren wir uns vor allem auf stilistische
Fragen, da man hier mit einer gewissen Objektivität über Vorhandenes und
Nichtvorhandenes sprechen kann, während der "Plot" eine sehr persönliche
Sache des Autors ist und Spannung in Literatur, anders als in
Drehbüchern oder Trivialromanen, nicht durch feststehende Plotkonstrukte
erzeugt wird, sondern durch ein diffiziles Zusammenwirken von Form und
Inhalt - darüber lässt sich kaum sprechen, weil es keine Worte dafür
gibt. Man muss es fühlen können, als Autor und als Leser. Ein Buch ohne
Spannung ist für mich langweilig und nicht lesenswert. Ich quäle mich
ungern durch Bücher. Allerdings ist Spannung, wie gesagt, keine
Plot-Frage. Es gibt Bücher, in denen fast nichts passiert, und trotzdem
sind sie unendlich spannend.
Was nahm bei der Diskussion der Studententexte den größten Raum
ein?
Wie gesagt, Stilfragen. Der Versuch besteht darin, die Intention des
Textes (nicht die des Autors) herauszufinden und zu überlegen, wie man
dem Text bei der Verwirklichung dieser Intention hilft.
Also quasi das Ziel des Textes freizulegen und dem Autor zu
helfen, damit er dorthin kommt?
Ich glaube, der Autor empfindet das nicht immer als Hilfe. Manchmal
auch als Vergewaltigung. Mein Gefühl bei den Textbesprechungen war
immer: Ich helfe nicht dem Autor, sondern dem Text. Von vielen Arbeiten
erfährt man auch nicht, ob der Autor die Hinweise der anderen Studenten
und Dozenten jemals umgesetzt hat. Das Ziel dieser Art von Textarbeit
besteht (für mich) darin, den Text als ein Wesen mit eigenem Willen zu
begreifen. Das Verfahren kann man dann später auch auf eigene Texte
anwenden.
In Deutschland gibt es, wenn man den Zeitungen glauben darf, ein
"Fräuleinwunder". In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von jungen
Autorinnen erfolgreich veröffentlicht worden. Woran, glauben Sie, liegt
das?
Weil mit der Entstehung von "Popliteratur" die Literatur plötzlich
medientauglich geworden ist. Dazu braucht man hübsche, junge, am besten
weibliche Gesichter (und Körper). Was medientauglich ist, lässt sich gut
verkaufen. Endlich konnte der staubige Goethe vom Sockel geholt und die
Literatur als etwas Appetitliches vermarktet werden.
Nach "Adler und Engel" erschien "Die Stille ist ein Geräusch", ein
Reisebericht aus einem Bosnien, das so ganz anders aussah, als sich der
Leser das vorstellt. Sie haben dort das Wort von "Balkanhelden" geprägt,
Journalisten, die berichten, was man zu Hause hören will. Auch in der
Literatur gibt es Klischees und immer mehr Autoren, die schreiben, was
der Leser (angeblich) lesen hören möchte. Die Verlage sagen, dass sich
nur solche Bücher verkaufen würden. Stimmt das? Gehen wir einem
Zeitalter der Klischeeliteratur entgegen, sind die Leser immer weniger
bereit, sich auf Neues einzulassen?
Das ist alles Unsinn. Es gibt vielleicht Autoren, die schreiben, was
der Leser angeblich hören will, aber das sind schlechte Autoren, die
keine lange Karriere vor sich haben - und "Karriere" meine ich nicht im
Sinne von "Erfolg", sondern im Sinne eines kontinuierlichen Arbeitens an
literarischen Zielen. Der Wunsch, gefallen zu wollen und Erfolg zu
haben, ist nicht ausreichend als Motivation für die Quälerei, die es
bedeutet, einen ernsthaften Roman zu schreiben. Das ist mehr als
anstrengend, und jeder wirft die Flinte ins Korn, der nicht obsessiv
ist. Und der "Leser" ist keineswegs dumm. In Deutschland neigt man
ständig zu der Ansicht, das so genannte Volk, die so genannte Masse sei
oberflächlich, leicht zu unterhalten und ziemlich verblödet - solche
Ansichten spiegeln sich in politischen und kulturellen Diskursen
permanent wieder. In Wahrheit gibt es einfach Interessengruppen. Eine
Interessengruppe liest gern - und die ist nicht dumm. Sie will gute
Bücher mit einer ernst gemeinten Aussage. Natürlich hat auch schnelle
Unterhaltungsliteratur Platz auf dem Markt. Aber sie wird die ernsthafte
Literatur niemals verdrängen. Warum sollte sie? Menschen schreiben und
lesen seit Tausenden von Jahren.
Demnach stimmt nicht, was Verlagsleute immer wieder behaupten: Ein
Roman müsse bestimmte Elemente enthalten, damit er sich verkauft?
Sollten Autoren Ratschläge wie: "Ihre Heldin muss ein Single sein, die
Leserinnen wollen das so" besser vergessen? Ich weiß von Autorinnen,
denen Lektoren mit solchen Argumenten Änderungen ans Herz legen.
Ich würde jedem Lektor und jedem Agenten mit der flachen Hand ins
Gesicht schlagen, wenn er mir so etwas nahe legt. Allerdings ist meine
Meinung zu diesen Fragen auch besonders streng, man könnte fast sagen:
konservativ. Sicher kann man es auch entspannter sehen und denken: Ein
Roman ist ein Produkt, das sich vermarkten lassen muss. Für mich aber
ist ein Roman ein Stück Kunst. Ob es sich verkauft, ist völlig ungewiss.
Man trifft zufällig einen Nerv bei den Lesern - und sie mögen das Buch.
Niemand kann das vorhersagen. Es ist Unsinn, dass eine
"Single-Gesellschaft" nur Single-Bücher lesen will - zum Beispiel.
Vielleicht will sie lieber Familiensagas lesen - was in diesem konkreten
Beispiel übrigens zutrifft, wenn man sich den Erfolg südamerikanischer
Literatur auf dem deutschen Markt anguckt. Hätte man auch dem Autor von
"Hundert Jahre Einsamkeit" sagen müssen: Da kommen ja gar keine Singles
vor in dem Buch? Bei dieser Vorstellung merkt man sofort, wie absurd und
vermessen es ist, den Inhalt eines Romans marktgerecht zuschneiden zu
wollen.
Ich kann allen Autoren nur wärmstens empfehlen: Sie müssen
Selbstbewusstsein entwickeln bezüglich ihrer Arbeit. Man darf die
Literatur nicht mit der Bürde belasten, gleichzeitig finanzielle
Existenzgrundlage sein zu müssen - sonst wird man erpressbar. Niemand
stirbt daran, mit ein paar Stunden Arbeit am Tag seinen Lebensunterhalt
zu verdienen. Dann bleibt genug Zeit zum Schreiben, und man kann tun und
lassen, was man für richtig hält. Das gilt zumindest für alle, die
ernsthafte Literatur schreiben wollen.
Mittlerweile gibt es auch in Deutschland eine Menge Schreibbücher,
Zweitausendeins hat eine eigene Buchreihe zum Creative Writing. Haben
Sie solche Bücher gelesen? Was halten Sie davon?
Nein, hab ich nicht gelesen, deshalb weiß ich nicht, was ich davon
halte. Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, Bücher übers Schreiben zu
lesen. Anders ist das mit Büchern übers Drehbuchschreiben. Die Arbeit an
Drehbüchern folgt ganz strikten Regeln, und diese muss man erlernen.
Was kann ein Autor überhaupt in Kursen, in Büchern, am
Literaturinstitut oder sonst wo lernen? Was muss er mitbringen, kann ihm
niemand beibringen?
Der Autor kann lernen, was er will und wie wichtig es ihm ist. Er
kann sein Gefühl für Sprache weiterentwickeln und verstehen lernen, was
ein "durchgehaltener" Stil ohne unangenehme Schwankungen ist. Mitbringen
muss er Obsession und natürlich ein Talent für das Erzeugen von Sprache.
Welchen Rat würden Sie Nachwuchsautoren geben? Was sollte man
unbedingt beachten, wenn man schreiben möchte, eine Veröffentlichung
anstrebt?
Man soll gar nichts beachten. Wer schreiben will und muss, der
schreibt. Wenn es gut ist, was er macht, wird er eines Tages jemanden
finden, der ihn veröffentlicht. Der Markt sucht händeringend nach
talentierten Autoren, egal ob jung oder alt. Aber man kann nicht zum
Autor "werden", wenn es einen nicht dazu drängt. Kunst ist nun mal kein
Beruf - so sehr sich das manch einer auch wünschen mag.
Also wie Georges Simenon, der Vater des Kommissars Maigret, mal
sagte: "Wenn Sie nicht schreiben müssen, lassen Sie’s!"?
Ganz genau so ist es. Schreiben macht keinen Spaß - fast nie. Warum
sollte man es tun, wenn kein innerer Zwang dazu antreibt? Wer Popstar
werden will, kann auch Gitarrespielen lernen.
Eines Nachts wachen Sie auf, und ein gut aussehender Zauberer
steht neben Ihrem Bett und sagt: "Juli Zeh, Sie haben gezeigt, dass gute
Unterhaltung und Literatur kein Gegensatz ist. Das soll Ihnen belohnt
werden, Sie haben einen Wunsch für Ihre weiteren Texte frei." Was
wünscht sich Juli Zeh?
Oh, sehr schön, auf diesen Zauberer warte ich schon lange. Ich
wünsche mir, dass es mir endlich gelingt, eine neue Erzählperspektive zu
entwickeln: Ich bin sehr auf der Suche nach einer Möglichkeit für
modernes auktoriales Erzählen (Tod der Ich-Erzählung!), dessen Tonfall
nicht altbacken, sondern im Gegenteil flott und anregend wirkt. Bei
jedem neuen Versuch renne ich mit dem Kopf gegen eine andere Wand. Da
könnte mir der Zauberer ruhig ein bisschen helfen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte
Hans Peter Roentgen - Montségur dankt für die freundliche
Genehmigung! |